top of page

Notizen zu den Latinismen des Mk

Aktualisiert: vor 5 Tagen


Nicht nur in der Fachliteratur gelten die sog. Latinismen des Mk als Hinweis auf den Entstehungsort, als Beleg für jene altkirchliche Tradition, derzufolge der Text in Rom entstanden sei. Als Gegenargument dient die Tatsache, dass die lateinischen Begriffe vor allem aus den Bereichen des Militär- und des Münzwesens stammten und daher von reichsweiter Bedeutung seien.


Beides hat mit der Erzählung des Mk, mit dem Text als solchem nichts zu tun. Tatsächlich können die lateinischen Fremdwörter und  Phrasen schon deshalb kein Indiz für Rom sein, da in vielen größeren Städten des römischen Reichs griechisch und lateinisch nebeneinander gesprochen wurde. Lateinische Redewendungen sind nicht immer eindeutig als solche zu identifizieren.


Der folgende Überblick belegt einmal mehr die virtuose Sprachkompetenz des Mk, die auch bei den ebenso häufigen Einsprengseln aus dem semitischen Sprachraum zu beobachten ist. Im Unterschied zu ihnen ist anzunehmen, dass die Latinismen in der Rezeption des Mk verstanden werden konnten.


Einige Akteure werden durch sie gezielt als Römer dargestellt. Das gilt vor allem für den römischen Präfekten Pilatus, der nur mit seinem Beinamen genannt wird (15,1ff), nicht aber mit seinem Familiennamen (Pontius). Der ihm entsprechende Amtssitz, das praetorium (15,16), ist bei Mk vor allem wegen seines Hofs (aula) von Bedeutung.


Über Pilatus hinaus werden auch namenlose Nebenfiguren als Römer dargestellt. Der speculator (6,27) und der centurio (15,39ff) haben über ihre militärische Position hinaus eines gemeinsam: sie sind an den jeweiligen Tötungen beteiligt. Der Speculator soll im Auftrag des Herodes das Haupt des Johannes bringen, der Centurio soll den Tod Jesu bezeugen; er tut dies aus dezidiert römischer Perspektive mit seiner Beurteilung Sohn eines Gottes (divi filius).


Der Name des Rufus dient dazu, auf den zweiten Sohn des Simon Kyrenaios und damit allegorisch auf dessen römische Nachkommenschaft hinzuweisen (15,21). Der Name des erstgenannten Sohnes ist der griechische des Alexander.


Aus dem sog. Besessenen von Gerasa sprechen die vielen Unreinen Geister, die sich selbst mit dem Namen legio vorstellen (5,9.15). Damit wird sowohl deren enorme Anzahl angedeutet, als auch der unmittelbare, für Juden eigentlich unmögliche Kontakt zu den in Judäa stationierten römischen Streitmächten.


Ob die Menge der Menschen, die mit Judas nach Gethsemani kommen, schon anhand ihrer Schwerter als eine römische zu identifizieren sein soll (15,43), steht dahin. In jedem Fall sind die Soldaten, die Jesus geißeln (flagellare), eindeutig als Römer zu erkennen (15,15).


Sprachlich fallen aus dem von der Septuaginta beeinflussten Koine-Griechisch auch einige römische Maß- und Münz-Einheiten heraus. Dazu zählen etwa der modius (4,21), der denarius  (6,37; 12,15; 14,5) und der quadrans (12,42).


Mk wählt diese lateinischen Wortformen wohl in der Absicht, seine Akteure in einem negativ konnotierten Zusammenhang zur römischen Kultur darzustellen. Um den Konflikt zwischen der römischen Geldwirtschaft einerseits und dem jüdischen Bilderverbot andererseits geht es bei der Frage nach der Tributpflicht, bei der Fangfrage, ob es erlaubt bzw. geboten sei, den census dem caesar zu geben oder nicht (12,14ff).


Umstritten und philologisch fragwürdig ist, ob das lateinische Wort sextarius hinter jenem Gefäß steht, das als ξέστης inmitten einer eigentümlichen Dreierkette genannt wird (7,4). Deren Besonderheit besteht in der anwachsenden Größe der drei Behältnisse.


Unklar ist auch, ob der grabatus überhaupt als römisches Fremdwort bezeichnet werden kann (2,11f; die erste Erwähnung in 2,9 ist eine spätere Hinzufügung). Klar ist jedenfalls, dass das entsprechende Möbelstück in Rom als einfache Ruheliege galt.


Die zynische Formulierung in 14,65 (Sie empfingen ihn mit Schlägen) wird verschiedentlich als lateinische Prägung beurteilt (verberibus eum acceperunt). Dem steht allerdings die Deutung entgegen, dass es sich bei diesen Schlägen um gezielte Ohrfeigen handeln könnte.


Der Wehe-Ruf, den Mk seinem Jesus zweimal in den Mund legt (13,17; 14,21), ist kein Latinismus (vgl. lat. vae), sondern eine in der prophetischen Literatur häufige, bei Mk rätselhafte Form der Klage bzw. Anklage.


Seine Akteure, auch seinen Protagonisten, lässt Mk griechisch sprechen, nicht lateinisch. Das schließt Redewendungen nicht aus, die möglicherweise ein lateinisches Vorbild haben. Nur Jesus spricht an besonderen Stellen aramäisch, vor allem im Gebet. Die entsprechenden Ausdrücke sind offensichtliche Fremdkörper, die mal übersetzt werden, mal nicht.


Zu ihnen sei hier nur angemerkt, dass sie nicht die Funktion eines O-Tons oder einer couleur locale haben dürften. Weder sollen sie die Muttersprache Jesu anklingen lassen, noch sind sie Relikte mündlicher Überlieferungen, wie in einem separaten Beitrag zu zeigen sein wird.


Ein wichtiger Aspekt der römischen Kultur scheinen bei Mk die Mahlfeiern zu sein, die ausschließlich im Liegen erfolgen. Doch entsprechen derartige Symposien nicht einem spezifisch römischen, sondern dem auch im Orient verbreiteten Brauch der Gastmähler. Nicht die Mahlpraxis als solche wird bei Mk zum kulturellen Distinktionsmerkmal, sondern die unterschiedliche Herkunft der Teilnehmenden.


Mit den Latinismen bearbeitet Mk bis zur Passionsgeschichte den Kontrast zwischen der jüdischen Herkunft Jesu und dessen kulturell vielfältiger Umwelt, die aus jüdischer Perspektive als unrein gelten musste. Damit stellt Mk sich gegen die Ablehnung des gemeinsamen Mahls durch Judäochristen, ohne sich dadurch zum Parteigänger eines römischen Antisemitismus zu machen.


In jedem Fall lohnt es sich, die Latinismen des Mk genauer unter die Lupe zu nehmen, auch wenn sie für den Entstehungsort des Textes irrelevant sind. Konkret stellen sich dabei mehrere Fragen:

-       Welcher Begriff, welche Phrase kann überhaupt als lateinisch gelten? Der philologische Befund ist bei weitem nicht so eindeutig, wie es vielfach dargestellt wird.

-       Welcher Latinismus entspricht welcher spezifischen Aussage-Absicht des Mk? Was sollte, was konnte als lateinischer Fremdkörper rezipiert werden? Manches, was heute danach aussieht, dürfte schlicht der polyglotten Umwelt des Mk entsprochen haben.


Über die erste Frage kann allein die Philologie Auskunft geben. Die zweite Frage wird in Abhängigkeit von der jeweiligen Deutung und vorwiegend hypothetisch zu beantworten sein, zumindest in diesem Blog-Beitrag.


Da beides dessen Rahmen sprengen würde, folgt hier nur eine knappe Zusammenstellung solcher lateinisch geprägter Begriffe und Formulierungen, die im Rahmen des Blogs bereits genannt sind, in der Reihenfolge ihres Vorkommens bei Mk. Es versteht sich, dass auch dieser zweite Überblick keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

 

1,1       Anfang der guten Nachricht Jesu, des guten [Knechts].

Konjektur: Mk verwendet statt des Christus-Titels den in Rom verbreiteten Sklaven-Namen eines Chrestus (gut, brauchbar, tüchtig), vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-c-christus).

 

2,14     Der hier erstmals genannte Alphaios (vgl. 3,18) hat offenbar zwei Söhne. Der eine (Levi) kann als der ideale Nachfolger Jesu gelten, der andere (Jakobos) ist einer der Zwölf (3,18). Alphaios lässt sich wegen seines Namens als ein Schreiber identifizieren, der in Opposition steht zum Vater des anderen Jakobos, zu Zebedaios. Denn deren beider Namen sind ein Hinweis auf das lateinische Alphabet (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-der-levi-des-mk).

 

2,23     Die vielfach als Latinismus bezeichnete Wendung Weg machen (vgl. iter facere) verweist auf die Schüler, die, anstatt Jesus zu folgen, sich ihren Weg durch das Kornfeld bahnen (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-2-23-jesus-ging-durch-kornfelder). Das mag auf ihren späteren (Missions-)Weg ins römische Reich anspielen, sofern es sich denn um einen Latinismus handelt.

 

3,6       Die Wendungen Beschluss fassen oder Ratsversammlung machen  (consilium facere, 3,6; 15,1) werden allgemein als Latinismen angesehen. Im griechischen Text sind sie unterschiedlich angegeben, ungewöhnlich formuliert und uneinheitlich überliefert. Die Absicht dahinter ist unklar; evtl. sollte schon die Formulierung als solche im Vorfeld der Kreuzigung besondere Aufmerksamkeit wecken (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-sind-die-pharisäer-bei-mk).

 

3,15ff  Die Namen der Zwölf zeigen einen hebräischen, griechischen und, zumindest andeutungsweise, einen ägyptischen Hintergrund. Auch sonst tragen die Akteure des Mk bis zur Passionsgeschichte keine lateinischen Namen (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-n-namen).


3,18     vgl. 2,14

 

5,9.15  Der aus dem römischen Militärwesen stammende Ausdruck Legio bezeichnet die große militärische Einheit einer Legion von ca. 5.500 ausgerüsteten Soldaten. Bei Mk steht er als Selbstbezeichnung der massenhaft auftretenden Unreinen Geister jenes Besessenen, der als Karikatur des Paulus gedeutet werden kann (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-sog-besessenen-von-gerasa-mk-5).

 

6,27     Speculator ist ein militärischer Rang, hier mit der Bedeutung einer Wache oder eines Spions, da der in Übersetzungen genannte Beruf des Henkers ein Anachronismus ist. Der sog. König Herodes sendet einen römischen (!) Wachmann, der das Haupt des Johannes bringen soll (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-johannes-der-täufer). Das spielt auf den Leib Jesu bei der Mahlfeier sowie auf den aramäischen Namen des Petros (Kefas) an.

 

7,3       Das lateinische Sprichwort Eine Hand wäscht die andere könnte im Hintergund stehen für die Pointe, dass die Pharisäer und alle Judäer erst dann essen, wenn sie mit der Faust (πυγμή, vgl. lat. pugnus) die Hände gewaschen haben. Mit einer Faust lassen sich Hände nicht waschen, noch lässt sich etwas festhalten – außer der besagten Tradition (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/glosse-vorsicht-witz).

 

8,27     Ins Zentrum seiner Erzählung stellt Mk die Messias-Behauptung des Petros (8,29, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-c-christus). Das aber kommt nicht etwa im römischen Kaisarea (dem des Philippus) zur Sprache, sondern in den Dörfern von Cäsarea. Der Jesus des Mk meidet Städte, insbesondere die römischen.

 

12,15   An drei Stellen ist von der römischen Silbermünze des Denar die Rede, zweimal im Plural als Bezugsgröße für den Kauf von Brot (6,37) bzw. den Verkauf von echtem Nardenöl (14.5). Um eine einzelne Münze geht es bei der Frage, ob dem Kaiser Tribut (census) zu entrichten sei. Jesus beantwortet sie mit einem Denar, der sie auf das Bild des Kaisers aufmerksam macht (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-sind-die-pharisäer-bei-mk).

 

15,1     vgl. 3,6

 

15,15   Hier sind einige Spuren römischer Politik erkennbar. Zunächst will Pilatus die aufgestachelte Menschenmenge befriedigen. Die griechische Wendung  (τὸ ἱκανὸν ποιῆσαι), die dem lateinischen Begriff satisfacere entspricht, ist von machtstrategischer Bedeutung. – Daraufhin lässt er Jesus nach römischem Brauch von seinen Soldaten geißeln (φραγελλόω, von lat. flagello). Wenn sie vor ihm die Knie beugen, könnte auch darin ein lateinisches Vorbild mitgehört werden (ponere genua, 15,10). Zu Pilatus folgt ein separater Beitrag demnächst.

 

15,16   Das Prätorium ist bei Mk mehr als der Amtssitz des römischen Präfekten; sein Hof ist der Ort, an dem die Soldaten vor dem König der Judäer salutieren. Dabei steht dieser Hof (aula) in betonter Entsprechung zu jenem erstgenannten, aber nicht näher bezeichneten Hof, in dem Petros sich am Licht gewärmt, dann aber von Jesus bzw. vom Christus losgesagt hatte (14,54.66ff vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-2-ultima-verba-petri-mk-14-71).

 

15,21   Den lateinischen Namen Rufus (wörtlich: der Rote) trägt einer der beiden Söhne des Simon Kyrenaios (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-ist-simon-von-kyrene-der-dritte-der-drei-simons-mk-15-21).

 

15,39   Der Centurio steht als Zeuge des Todes Jesu nicht bei dem Kreuz, sondern ihm gegenüber. Das ist nur einer der Hinweise darauf, dass er trotz seiner Divi filius-Erklärung nichts von der Heilsbedeutung des Kreuzestodes weiß (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/der-hauptmann-und-sein-angebliches-bekenntnis-mk-15-39).          

 
 
 

Kommentare


©2022 Skandaljünger. Erstellt mit Wix.com

bottom of page