Übersetzungsfehler: Die Pointe in Mk 9,9
- martinzoebeley
- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen

Einer der in der Fachliteratur am meisten zitierten Sätze des Mk steht in 9,9. Er wird häufig als Beleg herangezogen für die Theorie des sog. Messiasgeheimnisses, die auf William Wrede zurückgeht, hier aber nicht noch einmal zur Diskussion steht (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-verborgener-messias).
Die inzwischen vielfach modifizierte Interpretation Wredes hatte ein Zirkel-Problem zur Folge. Die ungenaue Übersetzung stützte seine Deutung – und die daraus abgeleitete Theorie bewirkte wiederum, dass der Satz weiterhin ungenau zitiert wurde. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt in der Dominanz der entsprechenden Matthäus-Parallele (vgl. Mt 17,9) und der ihr folgenden Übersetzungs-Tradition.
Im Rahmen dieses Blog-Beitrags sollen die beiden Sätze 9,9.10 dadurch interpretiert werden, dass der Wortlaut des Mk dem des Matthäus gegenüber gestellt wird. Die wesentlichen Unterschiede, auch die jeweiligen Eigenheiten und Übersetzungsfragen können im synoptischen Vergleich am besten geklärt werden.
Hier die beiden Stellen in der Textfassung von NA 28:
Mk 9,9f
9 Καὶ καταβαινόντων αὐτῶν ἐκ τοῦ ὄρους διεστείλατο αὐτοῖς ἵνα μηδενὶ ἃ εἶδον διηγήσωνται, εἰ μὴ ὅταν ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ἐκ νεκρῶν ἀναστῇ. 10 καὶ τὸν λόγον ἐκράτησαν πρὸς ἑαυτοὺς συζητοῦντες τί ἐστιν τὸ ἐκ νεκρῶν ἀναστῆναι.
Mt 17,9
9 Καὶ καταβαινόντων αὐτῶν ἐκ τοῦ ὄρους ἐνετείλατο αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς λέγων·
μηδενὶ εἴπητε τὸ ὅραμα ἕως οὗ ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ἐκ νεκρῶν ἐγερθῇ.
Und hier je eine Übersetzung; ausführlichere Angaben dazu am Ende des Beitrags.
Mk 9,9ff:
Und als sie herabstiegen vom Berg her,
setzte er ihnen auseinander,
dass sie niemandem, was sie gesehen hatten,
erzählen sollten, es sei denn,
wenn der Menschensohn von Toten her aufgestanden sei.
Und das Wort hielten sie fest,
gegeneinander untersuchend:
Was ist das Von Toten her aufstehen?
Und sie fragten ihn und sprachen [...]
Mt 17,9f
Und als sie herabstiegen vom Berg her,
gebot ihnen Jesus und sprach:
Sagt niemandem die Vision,
bis der Menschensohn von Toten her aufgeweckt sei.
Und es fragten ihn die Schüler und sprachen [...]
Worum geht es in Mk 9,9?
Auf den ersten Blick fällt auf, dass Matthäus die indirekte Rede Jesu als eine direkte wiedergibt, dass er die kuriose Reaktion des Führungstrios weglässt, und dass die anschließende Frage nicht von ihnen, von Petros, Jakobos und Johannes, gestellt wird, sondern allgemein von den Schülern, wie nach einem Szenenwechsel (Mt 17,10a).
Hier eine Gegenüberstellung der wesentlichen Änderungen in der Wortwahl:
Mk 9,9 Mt 17,9
1. διεστείλατο ἐνετείλατο
2. ἃ εἶδον τὸ ὅραμα
3. διηγήσωνται εἴπητε
4. εἰ μὴ ὅταν ἕως οὗ
5. ἀναστῇ ἐγερθῇ
Angesichts dieser erheblichen Änderungen kann die Matthäus-Fassung nicht einfach als eine gekürzte Straffung bezeichnet werden. Matthäus deutet bewusst immer dann um, wenn Mk die Schüler in Frage stellt, und insbesondere hier, wo er mit hintergründiger Ironie die nachösterliche Legitimation und den Gehorsam des Führungstrios aufs Korn nimmt.
Was Matthäus beibehält, ist der äußere Rahmen des Satzes, der schon bei Mk mit einer komplementären Bewegungsrichtung verbunden ist. Dem Herabsteigen vom Berg her entspricht bei ihm das reziproke Aufstehen von Toten her – bzw. bei Matthäus die entsprechende Auferweckung (s.o., 5.).
Gleichwohl ist gegen die übliche Auslegungstradition von 9,9 zu beachten, dass Mk mit seinem Anastasis-Begriff sich nicht auf die österliche Auferstehung Jesu von den Toten bezieht, sondern auf das Aufstehen des Menschensohns zum Gericht (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-sog-auferstehung).
Matthäus ersetzt deshalb, wie schon zuvor bei der ersten Leidens-Weissagung (Mt 16,21), das Aufstehen durch das in der jüdischen Tradition beheimatete Aufgeweckt-werden, also durch die eindeutig auf das Oster-Ereignis zu beziehende Auferweckung Jesu.
Damit ist auch die zeitliche Perspektive eine andere. Bei Markus steht der Menschensohn (irgendwann) nach drei Tagen auf (vgl. 8,31), um über die Menschen zu richten. Dabei verfügt er auch über die Vollmacht, Sünden auf der Erde zu vergeben (vgl. 2,10).
Bei Matthäus wird Jesus (!) am dritten Tag auferweckt (Mt 16,21), bevor er die Schüler auf einem Berg zur weltweiten Mission entsendet. Das kryptische Aufstehen des Menschensohns, das Gericht also, das Mk zu einem unbekannten Termin androht (vgl. 13,32), ersetzt er durch die groß angelegte Schwarz-Weiß-Darstellung eines endzeitlichen Weltgerichts (Mt 25).
Der hintergründigen Drehung des Anastasis-Begriffs dient bei Mk der zweite Satz (9,10), den Matthäus freilich weglässt, mit der auffallenden Wiederholung des Syntagmas Aufstehen von Toten her. Er stellt die gespielte Ahnungslosigkeit der Fragenden bloß; kurios erscheinen zudem ihre gegenseitigen Recherchen, die den Eindruck polizeilicher Ermittlungen machen.
Wer die Erzählung des Mk bis dahin aufmerksam verfolgt, weiß, dass Jesus Kranke und Totgesagte aufrichten kann. Das wissen insbesondere auch die Drei, da sie jeweils exklusiv dabei waren (vgl. 1,29f; 5,37ff). Aus der Lehre Jesu könnten sie darüber hinaus wissen, dass er als Menschensohn leiden, sterben, aufstehen – sowie mit seinen heiligen Engeln kommen werde (8,31f; 8,38).
Auf der Handlungsebene ignorieren sie, was der Jesus des Mk ihnen mit dem Gerichts-Bild des Aufstehens von Toten her zu sagen hat. Sie ignorieren es, indem sie unvermittelt die kontextuell unmotivierte Frage nach dem wiederkehrenden Elias aufwerfen, anstatt Jesus nach dem wiederkehrenden Menschensohn zu befragen. Welch feine Ironie!
Also ist ihre Frage tatsächlich nicht so ahnungslos, wie sie zunächst erscheinen mag. Bemerkenswert ist außerdem, dass ihnen das Gericht noch vor dem Weltende bevorsteht, auf das sie – als wollten sie davon ablenken – mit ihrer Elias-Frage anspielen (9,11), und das sie später explizit ansprechen (13,4). –
Die Pointe von 9,9 in deutschen Übersetzungen
Hier nun endlich einige Bemerkungen zur Übersetzung, dem eigentlichen Thema dieses Blog-Beitrags. Schon Matthäus ersetzt die sperrige Wendung des Mk εἰ μὴ ὅταν (es sei denn, wenn) durch das einfachere ἕως οὗ (bis nicht bzw. bis, s.o., 4.). So wird sie üblicherweise auch in deutschen Editionen übersetzt.
Das ist eine Tradition, die nicht auf die lateinischen Übersetzungen zurückgeht. In der Vulgata sind die oben genannten Konjunktionen angemessen mit nisi cum wiedergegeben, gegenüber dem ebenso passenden donec bei Matthäus. Luther hingegen übersetzt 1522 beide gleich: bis des menschenson... (vgl. Bild oben).
Matthäus vereinfacht die Konjunktion nicht nur, er passt sie seinem Sprachgebrauch an. Der Sinn dürfte bei ihm jedenfalls eindeutig sein: Matthäus zufolge dürfen die Drei erst nach der Auferweckung Jesu über ihre Vision reden. Bei Mk ist der Sinn einiges komplexer.
Auch hier kommt der temporale Aspekt zur Sprache – durch das ὅταν (wenn, mit Aorist i. S. v. sobald), er wird aber eingeschränkt durch die voranstehende verneinte Konjunktion (εἰ μὴ, wenn nicht, i.S.v. außer, es sei denn). Diese ironisch zu deutende Einschränkung fehlt auch in den meisten Kommentaren, ungeachtet der Pointe des Mk.
Um zu verstehen, inwiefern Mk seinem Jesus ein ironisches Schweigegebot in den Mund legt, ist der Blick auf den Kontext nötig. Entscheidend bei der sog. Verklärung ist nicht etwa, was die Drei vom erhöhten Jesus gesehen haben, sondern, was sie von ihm hören konnten, nämlich nichts, trotz der ignoranten Bemühungen des Petros.
Entscheidend war danach die Stimme [Gottes] aus der Wolke mit dem Imperativ, seinen geliebten Sohn zu hören (9,7; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-verklärung). Luther übersetzt sinngemäß gehorchet yhm (s.o.).
Das ist offensichtlich ein neues Gebot Gottes, wenn auch nicht als solches eingeleitet: Und [es kam] eine Stimme aus den Wolken und sprach [...]. Aus textkritischen Gründen erweist dieses zweite kam (ἐγένετο) sich als ein überflüssiger Einschub.
Das Jesuswort in 9,9 ist schon deshalb ein Witz, als Jesus ihnen danach in indirekter Rede auseinandersetzt, nicht zu erzählen (sic!), was sie gesehen hätten (9,9). Wozu auch? Matthäus ersetzt das ironische Erzählen des Mk durch ein gewöhnliches Sprechen (vgl. 3.).
Mk treibt die Ironie noch weiter. Sie sollen niemandem erzählen, was sie gesehen hätten, es sei denn, wenn der Menschensohn von Toten her aufgestanden sei (9,9). Das ist kein weiteres Gebot im Anschluss an die Tora – wie bei Matthäus (vgl. 1.). Der für Mk typische Begriff (διαστέλλω) meint weniger ein autoritatives Gebieten, als vielmehr ein belehrendes Auseinandersetzen (vgl. lat. pracepit), das Mk mehrfach für seine sog. Schweigegebote verwendet.
Dieses Kompositum (δια-στέλλω) ist ein Textsignal, mit dem Mk auf das Entsenden (ἀπο-στέλλω) anspielt. Matthäus übernimmt es mit dem Text des Mk grundsätzlich nicht; er verwendet es trotzdem einmal, bezeichnenderweise dort, wo er seinem Jesus ein Schweigegebot zum Christus-Titel in den Mund legt (Mt 16,20).
Noch eine kurze Notiz zur Übersetzung von 9,10: In deutschen Editionen ist es üblich, das ebenfalls für Mk typische Verbum (συζητεῖν) als streiten wiederzugeben (vgl. Vulgata: conquirere). Hier meint es allerdings eher ein Untersuchen, eine Recherche, die gegenseitig erfolgt – als wollten sie gerichtstaugliches Material zu Tage fördern, um es gegeneinander verwenden zu können.
Da die Ironie des Mk kaum angemessen zu beschreiben, geschweige denn wissenschaftlich nachzuweisen ist, folgt hier noch eine frei paraphrasierende Erklärung von 9,9, freilich ohne den pointierten Witz des Mk.
Dem Herabsteigen vom Berg steht die Erhöhung des Menschensohns von Toten gegenüber, der nach drei Tagen zum Gericht aufstehen wird. Wenn es so weit ist, können die Drei erzählen, was sie gesehen haben, entscheidend aber wird sein, ob sie das Wort Gottes – bzw. seinen geliebten Sohn – gehört haben. Das aber ist offensichtlich nicht der Fall.
Oder auf einer anderen Deutungsebene und mit anderen Worten:
Die Drei mögen den Auferstandenen gesehen haben, einen apostolischen Auftrag hat er ihnen dabei aber nicht erteilt. Damit fehlt ihnen die apostolische Legitimation, die sie selbst in Frage stellen durch ihen Ungehorsam gegenüber den Anweisungen Jesu – und damit gegenüber dem neuen Gebot Gottes.
Weil sie das ignorieren, können sie sich auch nicht auf die Gebote der Tora berufen.
Aus demselben Grund kündigt Jesus den Zwölf am Ölberg das Gericht an: Nach meinem (am Kreuz) Aufgerichtet-Werden werde ich euch (zum Gericht) vorladen in Galiläa (14,28), ihnen aber den kurzen Prozess, der nahe vor Türen ist (13,29; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-t-tür).
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