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Aus dem kleinen ABC zum Markus-Evangelium: C - Christus

Aktualisiert: 6. März



Nach alter biblischer Überlieferung ist Jesus der Christus, der Sohn Gottes (2 Kor 1,19; vgl. Joh 20,31). Sohn Gottes ist er bei Mk qua Adoption (vgl. 1,11); dem Christustitel gibt Mk besonderes Gewicht dadurch, dass er ihn ins Zentrum seiner Erzählung (8,29) sowie ins Zentrum der Passionsgeschichte rückt.


Allerdings ist der Begriff des Christus und damit des gesalbten Königs Israels, wie Petros ihn formuliert (8,29), das eigentliche Problem. Er führt Jesus in den Tod und die verbliebenen Frauen danach nur in ein Grabdenkmal (14,64; 16,5), das in einen Felsen gehauen war (15,46).


Noch vor der Entstehung fester kirchlicher Christologien stellt Mk den Christus-Begriff als Titel und als Name Jesu in Frage. Mithilfe narrativer Mittel lehnt er die Tradition ab, dass Jesus ein jüdischer Provinzkönig gewesen sei, ein Messias der Juden bzw. Judäochristen, wie die Briefe des Paulus ihn bezeugt hatten.


Diese Ablehnung wurde mit einigem Aufwand korrigiert schon durch die Stammbäume und Geburtsgeschichten bei Matthäus und Lukas. Mit der Christologie der späteren Kirche war sie ohnehin unvereinbar, und in der theologischen Forschung wurde sie ignoriert oder falsch interpretiert (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-7-4-war-jesus-doch-kein-christus).


Einige Rätsel des Mk lassen sich freilich nur aus der Perspektive dieser Ablehnung deuten. Bekanntlich gibt Mk der Frage Wer ist Jesus? besonderes Gewicht. Sie wird nur von Unreinen Geistern und auch von denen nur teilweise richtig beantwortet (Sohn Gottes, 3,11; vgl. 1,34).


Sämtliche Akteure können Jesus nicht oder nicht adäquat erkennen, wie auch immer sie ihn titulieren. Nicht die Vielzahl der sog. Hoheitstitel trägt die Bedeutung, sondern deren unreine Verwendung. (Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-die-sog-hoheitstitel-jesu-7-7.)


Mk stellt die Frage bewusst ins Zentrum des Textes. Sein Jesus spielt erkennbar auf die Menschenfischer an, wenn er die Schüler fragt, für wen die Menschen ihn halten (8,27). Ihre Antworten zeigen, wie falsch die üblichen Deutungen noch immer sind, die Titel, die man ihm landläufig zuschreibt (8,28 vgl. 6,14f).


Eine eigene Antwort auf die Frage geben die Schüler nicht. Nur Petros stellt als ihr Klassenprimus fest: Du bist der Christus! (8,29). Im Bild oben ist die Behauptung in der umdeutenden Fassung des Codex Sinaiticus zu sehen: Du bist der Christus, der Sohn Gottes. (ϲυ) ει ο χϲ ο υϲ του θυ (6. Zeile, unterhalb der Bildmitte; vgl. den Einschub in 1,1, übernommen aus Mt 16,16).


Diese als Messiasbekenntnis bezeichnete Behauptung löst im Nachgang einen Konflikt mit Jesus aus, der im Gegen-Titel Satan seine äußerste Zuspitzung erfährt und in den scheinbar harmlosen Vorwurf mündet, Petros sinne auf das, was der Menschen ist (8,33).


Was Gottes ist, zeigt Jesus zuvor selbst mit der Prophezeiung seines Leidensweges (8,31). Dieser Einspruch hat in der Theologie zum verbreiteten Narrativ geführt, das sog. Messiasbekenntnis sei zwar sachlich richtig, aber unzureichend.


Tatsächlich ist die Messiasbehauptung weder ein Bekenntnis, noch ist sie zutreffend; die fatalen Folgen des falschen Titels erweisen sich erst nach und nach. Typisch für die Erzählkunst des Mk ist es, Aussagen bewusst in der Schwebe zu halten. Und typisch für die neuzeitliche Theologie ist, das nicht ausreichend zu berücksichtigen.


Jedenfalls wird Jesus mit diesem auf Israel begrenzten Königs-Titel nicht in die Stadt des Römischen Kaisers gehen (8,27; Caesarea Philippi), sondern die entscheidende Kehrtwende machen. Der Christusbehauptung wird zum Ausgangspunkt für seinen Weg ans Kreuz – und zum Grund seines Todes.


Im Zentrum der Passionserzählung wird diese Frage: Wer ist Jesus? wieder aufgenommen. Sie wird in den Gerichtsverfahren verhandelt, in deren Zentrum die Verleugnung des Petros steht. Im Kontext der Verurteilungen, erst nach dem Schuldspruch durch einen namenlosen Tempelvorsteher (Oberpriester, 14,63.64), dann durch Pilatus (15,15, ohne Schuldspruch und ohne Urteil), wird die Frage entscheidend, ob Jesus ein König sei. Sie allein wird ironischerweise der Grund seines Todes.


Im ersten Prozess gegen Jesus steht das sog. Petrusbekenntnis an entscheidender Stelle. Wortgleich fragt der Tempelvorsteher: Du bist der Christus? (14,61), und Jesus antwortet darauf mit der deutungsoffenen Formel Ich bin. Das ist bei Mk keine Zustimmung (Ich bin es), das ist der größtmögliche Anspruch, indem Jesus sich als Gott offenbart (vgl. 6,50; Ex 3,14; Jes 43,10). Auch in jüdischen Schriften gilt Gott als König, freilich ohne gesalbt zu sein (vgl. Ex 2,18; Ps 24,10; 145,1; Jes 52,7; Sach 14,9 u.ö.).


Die Selbstoffenbarung Jesu als Gott – nicht die vermeintliche Bestätigung des Christustitels – hält der Tempelvorsteher für todwürdige Blasphemie (14,64), aus seiner Perspektive zu Recht, da er Jesus doch nur als machtlosen Menschen sehen kann.


Im zweiten, dem römischen Prozess gegen Jesus bleibt der einzige Anklagepunkt offen, ob Jesus ein König der Judäer sei (15,2ff). Dabei ist die Frage des Pilatus falsch gestellt; richtig müsste der Titel König Israels lauten, wie er später im Spott jüdischer Autoritäten am Kreuz begegnet (15,32). Der Titel König der Judäer ist eine ironische Spitze des Mk, real hat er nie existiert.


Dementsprechend antwortet Jesus erneut ausweichend Das sagst du! (Nicht: Du sagst es). In der Folge spießen Soldaten den Königstitel auf, indem sie Jesus einen königlichen Purpur(-mantel) umhängen, ihm eine Dornenkrone aufsetzen und ihn sarkastisch mit dem falschen Titel grüßen (Freue dich, König der Judäer, 15,16ff), bevor sie ihn schlagen und bespucken.


So ist auch der Kreuzes-Titel, der mit abgründiger Ironie den Grund seines Todes angibt (15,26), eine typische Pointe des Mk. In den späteren Evangelien wurde er zur christologischen Bezeugung umgedeutet und zur offiziellen Bestätigung des Christus-Titels.


Zwischen den beiden Prozessen, durch die Jesus zu Tod gebracht wird, schwört Petros ihm ab - und bringt ihn auf seine Weise zu Tode. Den Christus-Titel hat Petros anscheinend vergessen, oder aber er verschweigt ihn opportunistisch am Ende seiner letzten Worte (…den ihr [den Christos] nennt!, 14,71), in Entsprechung zum falschen Titel des Pilatus: den ihr den König der Judäer nennt! (15,12; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-2-ultima-verba-petri-mk-14-71).


Damit tritt der Menschenfischer in Opposition auch zu den Menschen, die ihn vermeintlich [Christos] nennen. Als wollte er denen die Schuld am falschen Titel und damit am Tod Jesu in die Schuhe schieben, die dabeistehen; im Klartext, die zu Jesus stehen.


Die Liebe zu einem gesalbten Jesus prägt auch den Rahmen, der um die Passion herum gelegt ist, mit den Frauen als Akteuren. Die Salbungsgeschichten zeigen mit subtiler Ironie, dass eine Salbung nur zum Begräbnis (14,8) und die entsprechende Salbungs-Absicht nur in ein Grabdenkmal führen kann (16,1; Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ist-die-maria-in-der-vaterstadt-auch-die-mutter-jesu).


Die Salbungsgeschichte ist eine Ätiologie, eine Erklärung, warum Jesus überhaupt als Gesalbter gilt: durch die störende wie liebevolle Pseudosalbung während der Mahlfeier im Haus eines unreinen Juden, der bezeichnenderweise Simon heißt (14,3). Skurriler und zugleich kunstvoller kann eine (Königs-)Salbung nicht in Frage gestellt werden.


Als Ort einer Königsinthronisation käme nur der Tempel in Jerusalem in Frage. Doch als Jesus das Heiligtum betritt, geschieht – nichts. Da blickt er sich [zu seinen Nachfolgern] um und geht (11,11). Mit dieser kümmerlichen Inszenierung lässt Mk eine für seinen Erzählstil typische Leerstelle entstehen.


Auf dem Weg dorthin zeigen die messianischen Traditionen ein von Mk ironisch verzeichnetes Bild. Die vor Jesus Vorausgehenden und die ihm Nachfolgenden bilden die traditionelle jüdische Messias-Erwartung ab (11,9), die mit Jesus sich nicht ändert. Vorher wie nachher huldigen sie mit ihrem Psalmzitat dem kommenden Sohn Davis, ohne von Jesus überhaupt Notiz zu nehmen.


Er selbst kommt zwar über Bethphage und Bethanien (11,1), nicht aber von Bethlehem. Der Name der sog. Stadt Davids wird bewusst vermieden (vgl. Lk 2,4; Mi 5,1). Aus demselben Grund kommt er gleich zu Beginn ausdrücklich von Nazareth in Galiläa (1,9), nicht aus Bethlehem in Judäa (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-wo-hat-jesus-gewirkt-7-3).


Am Ende seiner Lehr- und Streitgespräche im Tempel geht Jesus von sich aus explizit auf den Christus-Titel ein. Er distanziert sich davon ebenfalls mit einem Psalmzitat (12,36; vgl. Ps 110,1).


Seine eigene Auslegung macht deutlich, warum er kein Christus sein kann. Da er Davids Herr ist, kann er nicht zugleich sein Sohn – und damit Erbe auf dem Königsthron – sein. Das hört sie gern, die große Menge, die den Erfolg der Menschenfischer abbildet, mit demselben Opportunismus wie Petros (12,37).


Bei seinem ersten Auftreten stellt Jesus dem Christus-Titel eine programmatische Botschaft entgegen, wenn er das nahe Königtum Gottes verheißt (1,15; vgl. Jes 52,7). Dieser Botschaft entspricht sein erstes Gebot zum Umdenken; dem wiederum folgt, gleichsam als ein erster Anwendungsfall, der scharfe Befehl an Simon (Petros) und seinen Bruder Andreas (1,17: Hierher! Hinter mich!).


Eine Spitze gegen den Christus-Titel zeigt sich da, wo Jesus dessen Bekennern garantiert, sie würden ihren Lohn nicht verlieren (9,41). Als Lohn bleibt ihnen freilich nur ein Becher Wasser, dem der Becher Wein der endzeitlichen Mahlfeier im Königtum Gottes gegenüber steht. Seiner kümmerlichen Lohnverheißung lässt Jesus einen drastischen Strafenkatalog folgen, der sich auf die Apostasie bezieht, auf die Lossagung von Jesus (9,42ff).


Als einziges Argument für den Christus-Titel wäre hier noch die Überschrift zu nennen (1,1). In einem separaten Blog-Beitrag wird gezeigt, dass Mk den Christus-Titel aufgreift, indem er ihn gleich zu Beginn demonstrativ durch das Attribut des Chrēstos ersetzt (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-a-anfang).


Dieser Sklaven-Name des Chrestus Jesus war durch die jüdischen Schriften legitimiert, durch ein Psalmwort, das Mk zwar nicht zitiert, aber seiner Erzählung als Evangelium zugrunde legt: Schmeckt und seht, dass Chrestus der Herr ist (Ps 33,9 LXX).


So düfte umgekehrt die Deutung eines Chrestus Jesus für Judäochristen inakzeptabel gewesen sein. Das belegt die Ablehnung einer sog. Chrestologie im möglicherweise nachgetragenen Schlussteil des Römerbriefs (Röm 16,18).


Vorstellbar ist daher, dass es diese Chrestologie schon vor Mk in Rom gegeben hat. Dass es sie gegeben hat, geht auch aus den Angaben lateinischer Historiker hervor, die von den Chrestiani bzw. einem Chrestus berichten (Tacitus, Ann 15,44,3; Sueton Claud 25,4).


Schließlich wird in einem weiteren Beitrag zu zeigen sein, warum das Problem des Christus-Titels dazu führt, dass Jesus zum zweiten Mal gekreuzigt wird (vgl. 15,25).

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