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Ceterum censeo: Ist die Erzählung des Markus eine Biographie?

Aktualisiert: vor 2 Tagen


Aus Gründen, die noch zu benennen sein werden, halte ich es für falsch, wenn in der akademischen oder der kirchlichen Theologie…

 

… das Markus-Evangelium als die erste Biographie Jesu bezeichnet wird.


In welchem Kontext lässt sich historisch die Erzählung des Mk verorten? Diese Frage wurde verschiedentlich beantwortet durch Versuche, Beziehungen etwa zum Jüdischen Krieg oder zum Aufstieg der Flavier in Rom nachzuweisen. Im Rahmen dieses Blogs wird beides als maßgebliches Erklärungs-Modell in Frage gestellt (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wann-wurde-der-text-des-mk-geschrieben).

 

Gattungsgeschichtlich wurde Mk vor allem mit inhaltlichen Argumenten in den Kontext antiker Herrscher-Biographien eingeordnet. Das bot sich insofern an, als von einer relativen Nähe des Mk zum historischen Jesus ausgegangen wurde. Mk habe als erster die ihm zugänglichen Jesus-Überlieferungen gesammelt und zu einer Lebens-Beschreibung Jesu zusammengefügt (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-hat-mk-die-literarische-gattung-evangelium-geschaffen).

 

Das ist nach wie vor Konsens in der Forschung, methodisch allerdings insofern fragwürdig, als es keine Belege für die Existenz derartiger Überlieferungen gibt. In diesem Beitrag soll nun gezeigt werden, dass die Deutung des Mk als Lebens-Beschreibung Jesu auch textpragmatisch nicht zu halten ist.

 

Ihre Ursache hat sie in der Gattung der Evangelien. Die Erzählung des Mk wurde schon innerbiblisch zur Biographie Jesu umgedeutet, etwa durch die fiktiven Abstammungslisten und die Geburtsgeschichten bei Matthäus und Lukas. Letzterer beschreibt das Leben und Wirken Jesu ausdrücklich aus der Perspektive eines Historikers – als Bericht über das, was Jesus anfing, zu tun und zu lehren (vgl. Apg 1,1).

 

Eine solche Perspektive entspricht dem Bedürfnis der akademischen Theologie, Jesus als geschichtlichen Menschen zu erklären, sowie dem kirchlichen Bedarf nach einem historisch stimmigen, zumindest aber vermittelbaren Jesus-Bild. Die Kirche braucht seit je eine Basis, um Jesus, wenn schon nicht als Gott, so wenigstens als glaubwürdige Person verkündigen zu können.


So legitim beide Anliegen sind, so wenig lassen sie sich mit Mk begründen. Darin liegt das Dilemma der Historischen Forschung: Wer Jesus als geschichtlichen Menschen beschreibt, wird um die Frage nicht herum kommen, warum und wie dieser Mensch (posthum?) als Gott bekannt wurde. Umgekehrt ist mit der theologischen Würdigung Jesu die Frage nach dem Menschen und seinen Lebens-Umständen nicht obsolet.


Umso wichtiger ist es, den Text des Mk nicht als Steinbruch zu benutzen, aus dem all das zutage gefördert werden kann, was für die Historische Forschung gerade gebraucht wird. Dieser Blog-Beitrag ist nicht der Ort, sämtliche Argumente für und wider den Biographie-Begriff ausführlich zu reflektieren. Doch seien hier wenigstens einige Stichpunkte aufgelistet, anhand der drei Aspekte Sprachstil, Aufbau und Inhalt.


Sprachstil


-       Das Erzählniveau ist niedrig und scheinbar kunstlos. Das Koine-Griechisch des Mk mit seinen kurzen Sätzen eignet sich zur Stilisierung einer hochrangigen Persönlichkeit so wenig wie die bewusste Ambiguität seiner rätselhaften Bild- und Ausdruckswelt.


-       Die barbarisch anmutende Nähe des Textes zur LXX und die zahlreichen Semitismen dienen nicht dazu, einen jüdischen Hintergrund der Lebenswelt Jesu zu illustrieren. Mk verwendet sie zielgenau als Gestaltungsmittel aus der jüdischen Tradition zur Abwehr judäochristlicher Positionen.


-       Durch das häufige, meist aber ignorierte Stilmittel der Ironie sind sämtliche Akteure in ihren Aussagen über Jesus unglaubwürdig. Insbesondere die Zwölf könnten als Augen- und Ohrenzeugen gelten, sind aber erkenntnisunfähig und ungehorsam, also unbrauchbar für einen Apostel-Dienst (8,18; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-aussendung-der-zwölf-mk-6-7-13).


Aufbau


-       Im Zentrum der gesamten Erzählung sowie im Zentrum der Passion steht nicht etwa die Hoheit der Person Jesu, sondern der unzutreffende Christus-Titel des Petros. In der ironisch-abwegigen Variante König der Judäer führt er schließlich zu Verurteilung und Kreuzigung.


-       Die Erzählung endet mit einem satirisch erzählten Fiasco. Das nachträglich zur Ostergeschichte aufgewertete Ende wird dem Anspruch einer literarisch befriedigenden Würdigung des Protagonisten und seiner posthumen Bedeutung nicht gerecht (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-auferstehung).


-       Häufige Rückblenden, Zeitsprünge und Ausblicke verhindern eine kontinuierliche Zeitachse, die bei einer antiken Biographie zu erwarten wäre. Oft ist unklar, wie zeitliche Abläufe zu verstehen sind, eindeutige Synchronismen zur Weltgeschichte fehlen ohnehin. Der Grund: Mk projiziert Konflikte seiner eigenen Zeit auf fiktive Lebens-Stationen Jesu zurück.


Inhaltliche Aspekte


-       Ortsnamen verwendet Mk nicht zur Darstellung einer nachvollziehbaren Reiseroute. Als zu erschließende Textsignale sind sie Teil eines literarischen Programms, nämlich des zunehmend konfliktträchtigen Umgangs Jesu gegenüber anderen Akteuren, zuerst den Juden, dann auch Nichtjuden. Mit einer angeblichen Orts-Unkenntnis des Mk hat das nichts zu tun.


-       Nur wenige Akteure lassen sich historisch zweifelsfrei einordnen. Tiberius oder Kajaphas fehlen ganz, Herodes und Pilatus sind als Karikaturen menschlicher Machtausübung opportunistische Witzfiguren. Die allermeisten Akteure sind Fiktion, sie tragen sprechende Namen oder bleiben von vorneherein namenlos (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-n-namen).


-       Die für eine Biographie wesentliche Abstammungsfrage wird, wenn überhaupt, nur durch ironische Anspielungen beantwortet. An die Stelle einer auf Bethlehem bezogenen Genealogie setzt Mk den fiktiven Ortsnamen Nazareth (1,9; auf Deutsch etwa Sprösslingen). Die Familienverhältnisse Jesu werden in der Vaterstadt nicht glaubwürdig erklärt (6,1ff), auch die Davids-Sohnschaft wird in Frage gestellt (12,35ff; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-bartimaios-mk-10-46ff).


-       Der Jesus des Mk willigt demütig in den von ihm prophezeiten Willen Gottes ein. Das unterscheidet ihn in der Darstellung von antiken Herrschern, die sich der Gunst der Götter erst zu versichern haben, weil sie deren Pläne nicht kennen.


-       Mk nimmt nicht die Tugendhaftigkeit oder einzelne Charakterzüge seines Protagonisten in den Blick. Die Beschreibung des Wirkens Jesu ist an der Prophetie des Jesaja orientiert; sein nach antiken Maßstäben unehrenhaftes Verhalten in Gethsemani entspricht der Demut des leidenden Gottesknechts (14,32ff, vgl. Jes 53).

 

Fazit


Mit der Anti-Klimax eines fiktiven Lebens-Weges Jesu beruht die Erzählung des Mk weder auf historischen Überlieferungen, noch auf vergleichbaren literarischen Vorbildern. Gattungsgeschichtlich lässt sie sich allenfalls als Erfüllungsgeschichte verstehen, als eine theologisch neu deutende Fortschreibung jüdischer Prophetie.

 
 
 

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