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Wer war der Levi des Mk?

Aktualisiert: 10. Feb.

Bei Mk hat Levi nur einen einzigen, äußerst kurzen Auftritt (2,14f), in einer beiläufigen Szene, die trotz ihrer enigmatischen Kürze als Berufungsszene bezeichnet werden kann.


Die knappen Angaben sind schon deshalb wichtig, weil dieser Akteur innerbiblisch zu einem Zöllner namens Matthäus umgedeutet wurde (vgl. Mt 9,9ff).



So ist er auf dem Gemälde von Caravaggio dargestellt, das unter dem Titel La vocazione di San Matteo ebenso rätselhaft die Kontraste von Sakral und Profan, von Arm und Reich abbildet, mit einer Gruppe von Zöllnern unterschiedlichen Alters und einem Jesus, der durch die Figur des Petrus weitgehend verdeckt ist.


Rätselhaft ist das Bild nicht zuletzt deshalb, weil unklar bleibt, wer da der Berufene ist. Ist es der bärtige Mann mit dem Blickkontakt zu Jesus, der den Zeigefinger auf sich selbst richtet? Ist es der dynamische Jugendliche, der genau in der Mittelachse sitzt? Oder womöglich der Betrachter des Gemäldes, für den der Platz im Vordergrund freigelassen ist?


Caravaggio überlässt die Deutung dem Betrachter. Darin entspricht sein Kunstwerk der Textvorlage, die vieles offen lässt, darunter auch die Frage, warum der Levi des Mk so betont eingeführt wird. Unklar ist auch, warum er bei Matthäus zum gleichnamigen Apostel aus dem Zwölferkreis umgedeutet wird.


Dabei ist bemerkenswert, dass dieser von Jesus berufene Matthäus erst in der Zwölferliste ausdrücklich Zöllner genannt wird (Mt 10,3). Anders ist es in der Parallele des Lukas, wo er schon bei seiner Berufung als ein Zöllner namens Levi bezeichnet wird (Lk 5,27).


So eindeutig dieser Levi alias Matthäus in den Parallelen zu einem Zöllner erklärt wird, so unklar und deutungsoffen sind die knappen Angaben des Mk. Zunächst heißt es über ihn, den Sohn des Alphaios, dass er am Zoll sitzt. So jedenfalls lauten übereinstimmend die deutschen Übersetzungen (2,14).


Das wiederum löst die üblichen Erklärungen aus: Die Zöllner seien bei den Juden verhasst, weil sie mit den Römern kollaborierten. Weil sie durch ihre Zoll-Einnahmen sich auf Kosten der Armen bereicherten. Weil Jesus besonders diejenigen berufen habe, die am Rande der Gesellschaft stünden.


Diese typischen Erklärungsmuster mögen für den weiteren Erzähl-Verlauf von Bedeutung sein, etwa für das Begriffspaar der Zöllner und Sünder (2,16), doch für die Beschreibung des Levi tragen sie nichts aus. Denn bei Mk bleibt offen, ob er überhaupt ein Zöllner ist.


Außerdem wird er kaum in seiner Beziehung zu Jesus, dafür aber im Kontrast zu den Menschenmengen dargestellt, die zu Jesus kommen und von ihm lernen (2,13).


Schon sein hebräischer Name macht deutlich, dass er der Nachfolger schlechthin ist, im Unterschied zu den vielen Nachfolgern, die bei dieser Gelegenheit erstmals als Schüler bezeichnet werden (2,15). In Opposition steht Levi also auch zu jenen Brüdern, die Jesus zuerst berufen hatte (1,16ff).


Das macht die Einleitung deutlich. Wie schon bei der Berufung des Simon (Petros) und des Andreas geht Jesus (am Meer) vorüber (2,14; vgl. 1,16); diesmal allerdings nicht allein, sondern mit der Menschenmenge, die anscheinend dank des Einsatzes der beiden Menschenfänger zu ihm kommt.


Wie bei deren Berufung ist es Jesus, der zuerst sieht und dann die Initiative ergreift, hier erstmals mit dem ausdrücklichen Ruf in die Nachfolge (2,14). Bei der Berufung der beiden Brüderpaare ist es etwas anders; die folgen ihm in je besonderer Weise nach, doch ohne entsprechende Aufforderung.


Neben den auffälligen Gemeinsamkeiten ist das der entscheidende Unterschied zu den ersten Berufungen: Levi tut, was Jesus sagt (Und er stand auf und folgte ihm nach; 2,14). Im Gegensatz zu ihnen ist er deshalb der Nachfolger schlechthin, sein lakonischer Gehorsam ist idealtypisch.


Das aber ist noch nicht alles, wie weitere rätselhafte Details zeigen. Da wäre zunächst der auffällige Name des Vaters. Auch durch ihn wird Levi als ein Jude dargestellt, der wie üblich über den Vaternamen definiert wird, im Unterschied zu Simon (Petros, vgl. 1,16).


Levi ist also ein Sohn des Alphaios. Dessen Name ist eine bewusste Anlehnung an den ersten Buchstaben Alpha des (griechischen!) Alphabets. Das bedeutet im Klartext: Wie der Jude Levi der einzig wahre Nachfolger Jesu ist, so ist sein Vater Alphaios der einzig wahre Schriftgelehrte - und damit Garant der Überlieferung.


Andere Details sind ebenso rätselhaft. Da wäre zunächst die Angabe des Zolls, genauer: des Zollhauses. Wer nicht, wie bei Caravaggio, den Blick sofort auf die Steuer-Einnahmen richtet, kann die Angabe auch allegorisch verstehen. Levi sitzt nicht einfach am Zoll, um Steuern einzutreiben. Er sitzt an der Grenzstation, ohne dass explizit von einer Grenze die Rede wäre.


Und doch geht es um eine entscheidende Grenze, die Mk immer wieder anspricht, die der jüdischen Abgrenzungs-Vorschriften. Daher folgt auf den Ruf ein gemeinsames Zu-Tisch-Liegen mit kultisch reinen und unreinen Juden in seinem Haus (2,15). Noch ist die Frage der Unreinheit ein innerjüdisches Thema, das von den Schreibern der Pharisäer nur benannt, nicht aber beanstandet wird (2,16).


Hier deshalb noch ein Vorschlag zur Deutung der besagten Grenzstation. Sie hat keine Tür und auch keinen Türhüter, der über den Transit entscheiden könnte. Mit anderen Worten: Der Grenzübertritt folgt allein dem Ruf Jesu; einen Pförtner wie Petros braucht er nicht.


Wohl auch deshalb wurde Levi zu einem Matthäus umgedeutet, der als Apostel das Gegenteil bezeugen kann, dass nämlich Petros die Schlüssel des Himmelreichs gegeben seien (des Königtums der Himmel, vgl. Mt 16,19).


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