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Der Hauptmann und sein angebliches Bekenntnis (Mk 15,39)

Aktualisiert: 2. Apr.

Im Bildausschnitt ist der Hauptmann als ein Reiter zu Pferd zu sehen, unterhalb des Gekreuzigten, mit dem Zeigefinger auf ihn hinweisend und mit der Inschrift seines angeblichen Bekenntnisses "WARLICH DISER MENSCH IST GOTES SVN GEWEST".


Lukas Cranach d. J. malte das Bild 1536 als ein lutherisches Glaubensbekenntnis. Dem vermeintlich zu Jesus bekehrten Hauptmann legte er die Worte aus Mk 15,39 in den Mund, wie Luther sie 1522 ins Deutsche übersetzt hatte. Darüber - und damit gleichzeitig - lässt Cranach wie in einer Passionsharmonie den Gekreuzigten das letzte Wort aus dem Lukasevangelium sagen: "VATER IN DEIN HENT BEFIL ICH MEIN GAIST" (Lk 23,46).


Freilich ist in keiner der Passionserzählungen von einem Pferd die Rede. Den Hauptmann malte Cranach seinerzeit noch als Reiter, nicht als Fußsoldaten, wie es erst später üblich wurde. Auf dem Bild ist die Position des Hauptmanns unter dem Kreuz Jesu. Anders bei Mk: Nach 15,39 steht er dabei, ihm gegenüber, in bezeichnender Opposition zu ihm.


Hier ist dieser Reiter mit seiner Ritterrüstung als ein sog. miles Christi abgebildet, nicht als ein römischer Offizier, als ein Zenturio. Dieser Titel ist bei Mk ein lateinisches Fremdwort - und bedeutungsvoller Fremdkörper.


Matthäus ersetzt ihn durch den griechischen eines Hekatontarchen (Hundertschaften-Führers). Auch auf die Weise kappt Matthäus den Bezug des römischen Hauptmanns zum Römer Pilatus, dem er bei Mk den verhältnismäßig frühen Tod Jesu zu bestätigen hat (15,45).


Der namenlose Zenturio ist also ein Zeuge des Todes Jesu. Dass er als Zeuge auftritt, wird schon an seinem ersten Wort Wahrhaftig deutlich, an seiner beteuernden Redeeinleitung. So bezeugt er: Dieser Mensch ist Sohn eines Gottes gewesen (15,39). Der Titel Sohn eines Gottes (Divi filius) wurde römischen Kaisern nach ihrer Apotheose zuteil, Augustus auch schon zu Lebzeiten.


Es ist bemerkenswert, dass dieser griechisch sprechende Centurio den Titel ohne den bestimmten Artikel lässt (Sohn eines Gottes). Das ist bei Mk ein einzigartiger Sonderfall, ein Charakteristikum lateinischer Diktion (dagegen ist die Parallele in 1,1 ein Einschub, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-a-anfang).


Mit seinem Nekrolog stellt er den Gekreuzigten in eine illustre, für Jesus aber unpassende Reihe. Außerdem bezeugt er, dass Jesus nicht Sohn eines Gottes ist, sondern dass er es war. Sein Zeugnis ist also aus mehreren Gründen unglaubwürdig.

1. Weil er zu Jesus in Opposition steht.

2. Weil der Titel Sohn eines Gottes so nicht auf Jesus zutrifft.

3. Weil er im Imperfekt, in der erzählenden Vergangenheitsform steht.


So gesehen gibt es keinerlei Veranlassung, ihn wie zu Zeiten Cranachs als bekehrten Hauptmann zu bezeichnen. Noch unzutreffender ist freilich der überall in der Literatur anzutreffende und auch in der theologischen Forschung gängige Begriff Bekenntnis.


Die Aussage des Centurio, ob sie nun auf Jesus zutrifft oder nicht, ist wahrhaftig kein Bekenntnis. Das hat sie mit dem sog. Messias-Bekenntnis des Petros gemeinsam, mit der Behauptung, Jesus sei der Christus (8,29). Beides sind keine Bekenntnisse, es sind zuschreibende Stellungnahmen ohne jede Bekenntnisqualität.


Die Pointe: Petros bezeichnet Jesus wie einen gesalbten König Israels. Seine Behauptung wird durch den Centurio hier noch übertroffen, der den Toten wie einen vergöttlichten Kaiser bezeichnet. Aus der Perspektive des Mk wird es dadurch nicht richtiger.


Äußerer Anlass dazu ist nach dem Aushauchen Jesu das Zerreißen des Tempelvorhangs, das mit seinem Tod im direkten, wie auch in einem inneren Zusammenhang steht. Nach der Tauche Jesu und seinem zeichenhaften Hinaufsteigen waren die Himmel zerrissen (vgl. Jes 63,19) und der Geist Gottes in ihn hinabgestiegen (sic! 1,10). Jetzt haucht Jesus ihn aus, dazu wird der Vorhang zerrissen (15,37f). Die Passivformen zeigen: Gott ist derjenige, der die Himmel und den Vorhang zerreißt.


Eine übliche, aber fragwürdige Deutung besagt, dass erst mit dem Zerreißen des Vorhangs der Zugang zum Allerheiligsten für alle offen gestanden sei. Eine andere sieht darin ein Vorzeichen auf die Zerstörung des Tempels durch die Römer.


Mit Petros und dessen jüdischer Christologie hat das römische Zeugnis des Centurio tatsächlich etwas Entscheidendes gemeinsam: Der Hauptmann sieht in Jesus ebenfalls einen Menschen. Matthäus hat das geändert und den Menschen ersatzlos gestrichen. Als Mensch aber kann Jesus keine Machttat tun (vgl. 6,5), geschweige denn aus den Toten aufstehen.


Das aber ist das Mindeste, was für ein angemessenes Bekenntnis zu Jesus nötig wäre.

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