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Die Geschichte der sog. Auferstehung (Mk 16)

Aktualisiert: vor 1 Tag

Warum schließt das Markus-Evangelium nicht mit einer Ostergeschichte?


Das Ende ist ein Desaster. Ein Grab, das nicht leer ist, weil darin statt einer Leiche ein zweifelhafter Bursche auf dem Ehrenplatz zu sehen ist. Frauen, die Jesus salben wollen, aber nur bekannte Informationen und einen zweifelhaften Auftrag erhalten. So erfahren auch wir, dass Jesus angeblich den Jüngern und Petrus nach Galiläa vorangehe. Wofür das?


Um die Auferstehung Jesu geht es hier jedenfalls nicht. Über sie wird nichts erzählt, diese Ostergeschichte ist keine. Wäre sie so zu verstehen, wie sie entsprechend den radikalen Umdeutungen von Matthäus und Lukas verstanden wird, dann hätte Mk sie vergleichsweise schlecht erzählt.


Hier zunächst ein paar Fragen an den Text:


1. Warum werden zu Beginn drei Frauen mit Namen genannt (16,1), wo doch unmittelbar zuvor erst die beiden Marien aus 15,40 als Akteure eingeführt worden sind (15,47)?


2. Warum kaufen sie Parfum, wörtlich Duftkräuter, die für eine Salbung ungeeignet sind (16,1)?


3. Warum wollen sie eine längst verwesende Leiche salben?


4. Warum geht es in ihrem Gespräch nicht um Jesus, sondern um einen Stein, der gegen ihre Erwartung hinaufgewälzt ist (sic!) und danach als allzu groß bezeichnet wird?


5. Wer ist dieser junge Mann, der das Gesetz ignoriert und im Grab (wörtlich Grabdenkmal) sich aufhält, dort aber ausgerechnet auf einem Ehrenplatz sitzt?


6. Was sagt er über Jesus aus - und über seine Schüler (= Jünger)?


7. Was trägt er den Frauen auf, das sie so panisch reagieren lässt?


Hier dazu je eine möglichst kurze Antwort:


1. Die drei Frauennamen in 16,1 sind ein späterer Einschub. Der wurde für den Neueinsatz benötigt, zur Gewinnung einer separaten Ostergeschichte. Bei Markus war ursprünglich nur von jenen zwei Marien die Rede, die zuvor betrachteten, wohin er gelegt wurde (15,47 vgl. Mt 27,61). Auch die Kapitelteilung oder die Einfügung einer Überschrift verstärken den falschen Eindruck einer Auferstehungs-Erzählung.


2. Das griechische Wort (arōmata) ist eine Anspielung auf das Hohelied (Cant 4,10 LXX). So ist die Liebe der beiden Marien zu Jesus als Motiv für ihre Salbungsabsicht erkennbar, dasselbe übrigens wie für die (namenlose) Frau, die Jesus in Bethanien mit [dem Öl von] vertrauenswürdiger, kostbarer Narde salbt (14,3 vgl. Cant 1,12). Wofür diese Hinweise auf das Hohelied wichtig sind, wird Thema im Blog-Beitrag über Maria Magdalena sein. (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/maria-magdalena-geliebte-jesu-oder-ehefrau).


3. Daneben ist noch ein weiterer Zusammenhang zur Salbungsgeschichte zu nennen (14,3ff). Jesus hatte die eigenwillige Salbung in Bethanien mit der Erklärung verteidigt, sie sei zu seinem Begräbnis erfolgt, als proleptische Totensalbung. Das hatten die beiden Marien bei ihrer Salbungsabsicht offenbar nicht gewusst, was wiederum belegt, dass sie vom weltweit verkündeten Evangelium nichts erfahren hatten (vgl. 14,9). So gesehen ist ihr vergeblicher Weg zum Grab das Ergebnis einer falschen oder nicht erfolgten Verkündigung.


Plausibel wäre noch eine ganz andere Deutung. Sie wollen nicht die verwesende Leiche einbalsamieren, sondern den vermeintlich bereits Auferstandenen zum König der Welt salben. Damit wäre ihre Salbung über das Zeichen ihrer Liebe zu Jesus hinaus der Akt einer posthumen Königsinvestitur. Damit zeigt er ein falsches Verständnis des Evangeliums, denn Jesus braucht keine Salbung, weder proleptisch, noch posthum.


4. Der allzu große Stein ist ebenso wie das Felsengrab eine Anspielung auf Petros und seine Behauptung, Jesus sei der Christos (8,29, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-c-christus.)


Wenn es hier nun heißt, der allzu große Stein sei hinaufgewälzt (sic!, 16,4), dann ist das eine Anspielung auf die (allzu große) Macht des Petros. Der aber hatte Jesus gegenüber auf ganzer Linie versagt, nicht nur als ungläubiger Besserwisser (14,31) oder als potenzieller Türhüter, da er nicht eine einzige Stunde wachen kann (14,37 vgl. 13,34). Am Ende wird er sogar zum Apostaten, der unter Eid an Jesus den Bann vollstreckt (sic! 15,71, nicht: sich verflucht; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/%C3%BCbersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-2-ultima-verba-petri-mk-14-71).


5. Der junge Mann ist gekennzeichnet durch Eigenschaften der Schreiber (der Schriftgelehrten), die von Jesus scharf kritisiert werden: Sie lieben Ehrenplätze und Begrüßungen und gehen in langen (Frauen-)Kleidern umher (Stola, vgl. 12,38).

Insofern ist seine Autorität, die möglicherweise auch auf die Jünglinge in Jes 3,4 anspielt, von vorne herein fraglich.


Außerdem lässt er sich als derselbe Bursche deuten, der als letzter ein peinlich-unpassendes Bild von Jesus-Nachfolge abgibt, indem er sein Leinen fallen lässt und nackt flieht (14,52). Der letzte, der mit seiner Flucht ein falsches Zeichen von Nachfolge gegeben hatte, ist damit der erste, der mit einer falschen Verkündigung eine Flucht auslöst.


6. Er grüßt die Frauen mit einem Ausdruck ihres Befindens, nicht mit Fürchtet euch nicht, dem Gruß der Gesandten Gottes (auch von Jesus, vgl. 6,50), den er, wäre er ein Engel, kennen müsste. Er bezeichnet ihn als Nazarener (nicht: Jesus von Nazareth) und damit

als einen Menschen, der nur über seine Herkunft definiert wird. Er sagt nichts aus über den zu Gott Erhöhten oder die Vollmacht des Menschensohns.


Und er behauptet, im Unterschied zur Lehre Jesu, er sei aufgerichtet (oder aufgeweckt, nicht: aufgestanden), ignoriert also die Unterscheidung von Aufrichten und Aufstehen. Jesus kann Kranke und sogar Tote aufrichten, wird aber selbst nicht aufgerichtet. Bei Mk stellt er sich aus [den] Toten auf, und dies ausdrücklich erst nach drei Tagen (also nicht am dritten Tag). Mehr zu diesen hintersinnigen Unterscheidungen in einem späteren Blogbeitrag.


Der Bursche sagt den Frauen, was sie bereits wissen, und zeigt ihnen angeblich den Ort, wohin sie ihn gelegt hätten. Den Ort kennen sie, denn sie hatten ihn selbst betrachtet (15,47). Was sie aber (mit den Leser:innen) besser wissen: dass Josef (der von Arimathaia kam, 15,43) ihn allein dort hingelegt hatte. Der insofern unzutreffende Plural spielt auf die Grablegung des Johannes an, die durch dessen Schüler erfolgt war (6,29).


Schließlich erteilt der Bursche einen fragwürdigen Verkündigungsauftrag, bei dem er Petros separat nennt, da der nach dem Bann, den er gegenüber Jesus vollstreckt (14,71), nicht mehr zu dessen Schülern zählen kann.


7. Die Frauen sollen seinen Schülern und Petros mitteilen, dass Jesus ihnen vorangehe.

Wörtlich übersetzt deutet seine Erklärung einen hintergründigen Sinn an: Er führt euch in Galiläa vor [Gericht]. Die Präsensform bedeutet wohl: Das Verfahren läuft bereits. Das erklärt die panische Reaktion der beiden Frauen.


Schließlich kommt er zur alles entscheidenden Falschaussage: Wie er euch gesagt hat.

Jesus hatte gesagt, dass er als Menschensohn wiederkehren und zu sehen sein werde (13,26; 14,62; vgl. Dan 7,13f). Das von ihm fälschlich behauptete Sehen Jesu lehnt Mk ab, ebenso jede visionäre Schau des Auferstandenen, zumal als apostolische Legitimation.


Daher kann es bei ihm eine Begegnung mit dem Auferstandenen nicht geben - geschweige denn eine Ostergeschichte.


Und hier eine Übersetzung des (rekonstruierten) Textes Mk 15,47-16,8:


Maria aber, die Magdalenerin, und Maria, die [Mutter des] Joses, beobachteten,

wohin er wohl gelegt wird. […]

Und sie […] kauften Duftkräuter,

damit sie ihn nach ihrem Kommen salben.

Und sehr früh am ersten [Tag] der Woche kommen sie zum Grabdenkmal. […]

Und sie sagten zueinander:

Wer wird uns wegwälzen den Stein aus der Tür des Grabdenkmals?

Und nach ihrem Hinaufschauen beobachten sie,

dass der Stein hinaufgewälzt ist.

Er war nämlich allzu groß.

Und nach ihrem Eintreten in das Grabdenkmal sahen sie einen Burschen,

sitzend zur Rechten, umgeworfen ein weißes Kleid.

Und sie wurden bestürzt.

Der aber sagt ihnen: Seid nicht bestürzt!

Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten.

Aufgerichtet wurde er. Er ist nicht hier.

Siehe: Die Stelle, wohin sie ihn gelegt haben.

Aber geht fort, sagt seinen Schülern und Petros:

Er führt euch in Galiläa vor [Gericht].

Dort werdet ihr ihn sichten, wie er euch gesagt hat.

Und nach ihrem Hinaustreten flohen sie vom Grabdenkmal.

Es hielt sie nämlich Zittern und Verwirrung.

Und niemandem sagten sie irgendetwas,

sie fürchteten sich nämlich.

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Mit diesem Abschnitt schloss Markus (nennen wir ihn mal so) sein Evangelium. Martin Zöbeley belegt, dass er ein Literat war. Dann wird Markus klar gewesen sein, dass ein Leser über den Schluss eines Textes besonders lange nachdenkt. Und was gibt er uns zu bedenken?

Auf den ersten Blick sieht der Abschnitt wie eine Ostergeschichte aus, mit Zeuginnen, Salböl, leerem Grab, Engel, und Auferstehungsverkündigung. Bei einem normalen Evangelium würde ich nun erwarten, dass die Frauen als Beispiel für alle normalen Gläubigen erfreut-andächtig werden und loslaufen, um allen zu berichten. Aber statt dessen fliehen sie in großer Angst und verschweigen das Geschehen.

Dieser Bruch könnte in der Tat Anlass für einen zweiten, geschärften Blick sein, der all die Störungen erkennt, die Martin…

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Martin Zöbeley
Martin Zöbeley
04 באוג׳ 2022
בתשובה לפוסט של

Danke für diesen ausführlichen Beitrag! Eine Antwort darauf bin ich bisher schuldig geblieben.

Wenigstens auf die letzte Frage darf ich hier noch kurz eingehen. In welcher Situation die Urgemeinde (sofern dieser kirchliche, eine einheitliche Community suggerierende Begriff erlaubt ist) genau steckte, vermag ich bestenfalls zu vermuten. Eines scheint mir doch zunehmend klar zu sein: Dass Mk sich tatsächlich gegen falsche Überlieferung wendet, konkret gegen die eines Menschen Jesus.

Sein Ziel kann gerade keine unvoreingenommene Interpretation der Lebensgeschichte sein (die es ohnehin nicht gibt und niemals gab, schon zur Zeit des Mk nicht). Paradoxerweise macht er es erfahrbar durch deren Infragestellung. Um das Leben Jesu geht es Mk doch nur, als es mit permanenten Missverständnissen und Fehldeutungen verbunden ist, obwohl es…

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