Wer war Markus? – Notizen zur Verfasserfrage
- martinzoebeley
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Aktualisiert: vor 27 Minuten

Die Frage nach dem Verfasser des ältesten Evangeliums („Nach Markus“) scheint längst beantwortet zu sein. Für diesen Eindruck genügt ein kurzer Blick in die vielen kirchlichen Publikationen, in denen die Person des Mk beschrieben wird. Inhaltlich kommen sie allerdings zu eher fragwürdigen Ergebnissen.
Mal gilt Mk als ein heute unbekannter Heide, bevor er sich taufen ließ, mal als ein Jude, der durch Petrus bekehrt wurde. Vielfach heißt es, Mk sei Schüler und Dolmetscher des Petrus gewesen und identisch mit jenem Johannes Markus, der u.a. in der Apostelgeschichte als Paulus-Begleiter genannt wird (z.B. Apg 12,25; 15,37).
Einig sind diese gegensätzlichen Deutungen sich nur in der unausgesprochenen Prämisse, dass Mk ein Mann war. Besonders kurios mutet da die Idee an, er habe sich in seinem Werk selbst verewigt und sei hinter jenem Burschen erkennbar, dessen ohnehin peinliche Flucht unter besonders beschämenden Umständen erzählt wird (14,51f; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/glosse-nackte-fakten-mk-14-51f).
Die anderen Angaben sind nicht einfach aus der Luft gegriffen, inhaltlich aber so wenig ergiebig, dass sie im Rahmen dieses Beitrags nicht oder nur am Rande Beachtung finden. Sie sagen kaum etwas über Mk aus, dafür umso mehr über diejenigen, die sie referieren, und über ihr Bedürfnis, einen Blick hinter die Entstehung biblischer Schriften zu werfen.
Dieses Anliegen ist legitim, vermittelt aber den Anschein, der Text ließe sich durch das Wissen über seinen Verfasser besser verstehen oder leichter in seinen historischen Kontext einordnen. Tatsächlich ist der wissenschaftliche Befund ernüchternd: Über die Person des Mk wissen wir nichts. Die Erzählung, die erst viel später, im Kontext der frühen Kanon-Bildung, Evangelium genannt wurde, ist eine anonyme Schrift.
Unbekannt sind auch der genaue Ort, der Zeitpunkt der Abfassung und die Entstehungs-Bedingungen. Diese sog. Einleitungs-Fragen lassen sich allenfalls spekulativ beantworten, wie es auch im Rahmen dieses Blogs in einzelnen Beiträgen geschieht (vgl. z.B. https://www.skandaljuenger.de/post/warum-wurde-der-text-des-mk-geschrieben).
Bisweilen führt die lateinische Herkunft des Namens Marcus dazu, dass er für ursprünglich gehalten und in Verbindung gebracht wird mit der altkirchlichen Überlieferung, derzufolge der Text in Rom entstanden sei. Das erscheint nicht undenkbar, wobei alternativ auch der Osten des Reichs genannt wird, ebenfalls ohne klare Belege.
Der Blick auf den Verfasser kann aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erfolgen. Da gibt es neben dem historisch-kritischen Bemühen um den Text das theologische Interesse an jenen altkirchlichen Traditionen, die bis ins frühe 2. Jahrhundert n. Chr. zurückreichen.
Zu ihnen zählt die von Euseb dokumentierte und häufig zitierte Notiz des Papias, jenes frühen Kirchenvaters und Bischofs von Hierapolis, der schon dem Euseb geistig überaus beschränkt erschien (HE III 39). Der historisch zumindest als unzuverlässig gelten muss.
Die Fehlurteile des Papias sind unübersehbar, wenn er bei Mk im Vergleich mit dem angeblich auf Hebräisch geschriebenen Matthäus-Evangelium das Problem einer falschen Ordnung feststellt, oder wenn er den erstmals Markos genannten Verfasser zum Apostel-Schüler aufwertet.
Was für eine Ironie der Geschichte: Papias erklärt Mk zum Schüler ausgerechnet des Petros und zu dessen Hermeneuten, was immer damit gemeint sein mag. So skurril dieser Irrtum ist, er belegt, dass schon Papias von der subversiven Kritik des Mk an Petros nichts mehr wusste – oder aber sie zu dessen Gunsten diskret harmonisieren wollte.
Daneben gibt es noch weitere Interessen an der Person des Mk – wie das der Hagiographie, die sich bei ihren Quellen auch an späteren, nicht immer nachvollziehbaren Legenden orientiert. Ihr Thema ist der Heilige Markus, der Schutzpatron der Bauarbeiter, Korbmacher und Notare, dessen Namenstag am 25. April gefeiert wird.
Der als Attribut für Mk typische Markus-Löwe (vgl. den Bild-Ausschnitt eines Trinkgefäßes in Form des venezianischen Löwen, 1608) beruht auf der Darstellung von vier geflügelten Wesen bei Ezechiel (Ez 1,4; 5,10), setzt also die Vierzahl der Evangelien bereits voraus, in einer Deutung, die sich bis Hieronymus zurückverfolgen lässt. Begründet wurde der Löwe mit dem Text-Beginn des Mk, mit der Stimme eines Rufenden in der Wüste (1,3).
Der hier vorliegende Beitrag widmet sich im Folgenden der oft gestellten und allzu leichtfertig beantworteten Frage, ob Mk der Abstammung nach Jude gewesen sei. Auch dahinter sind je unterschiedliche Motive erkennbar, so der bereits bei Papias belegte Versuch, ihn mit dem biblischen Juden Johannes Markus zu identifizieren, oder auch das Bemühen, die Autoren des Neuen Testaments generell jüdischen Traditionen zuzurechnen.
Wenn überhaupt, kann die Verfasser-Frage nur anhand von Indizien im Text selbst untersucht werden. Insofern können hier alle textexternen Informationen, auch die innerbiblischen Bezüge, so sie denn überhaupt als solche zu bewerten sind, unberücksichtigt bleiben.
Besonders in der amerikanischen Forschung mag die Tendenz dahin gehen, Mk als einen Judenchristen einzuordnen. Diese Option mit dem Text zu begründen, ist nicht so ganz leicht, schwerer jedenfalls als die gegenteilige Theorie, er sei von seiner Abstammung her ein Heidenchrist gewesen.
NB: Die Begriffe Juden- bzw. Heidenchrist sind seit langem etabliert. Wegen der pejorativen Konnotation der Heiden ist in diesem Blog anstelle der Heidenchristen von Völkerchristen die Rede; mehr zu den Begrifflichkeiten s.u..
Der Text scheint auf den ersten Blick tatsächlich eher auf einen Völkerchristen hinzudeuten. Mk ignoriert den Begriff für das Gesetz (nomos) und andere jüdische Identitäts-Marker (z.B. die Beschneidung). Vor allem aber lässt er seinen Jesus immer wieder Abgrenzungen vornehmen, die nicht als behutsame Revision des jüdischen Rechts erscheinen, sondern als dessen Renegation.
So setzt der Jesus des Mk sich offen über jüdische Speise-Regeln hinweg, wenn er in einem indirekten Nebensatz und nach einem derben Witz alle Speisen für rein erklärt (7,19). Er relativiert die Sabbat-Heiligung (2,27f) und zitiert einige Gebote des Dekalogs in auffallend freier Auswahl und Formulierung (10,19; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-einen-mk-10-17ff).
Entgegen der jüdischen Tradition hält Mk an der auf Jesus zurückgehenden Ablehnung der Ehescheidung fest (vgl. 1 Kor 7,10f), deutet sie aber in einer für ihn typischen Weise um (10,2ff; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-wird-der-mann-seiner-frau-anhaften-mk-10-7).
In seiner auktorialen Erzählweise nimmt er die Unkenntnis einer nichtjüdischen Leserschaft zum Anlass, einige der jüdischen und aramäischen Ausdrücke zu übersetzen. Andere lässt er – ihrer Rätselhaftigkeit zuliebe – unübersetzt.
Zu Gott, seinem Vater, betet Jesus auf Aramäisch, am Kreuz sogar mit einem Psalmvers, dessen Anrede (Eloí) von Dabeistehenden grotesk missverstanden wird (15,34). Sowohl im Munde Jesu, als auch in den Kommentaren des Erzählers sind die Schriftzitate erstaunlich frei vom Anspruch jüdischer Texttreue. Das relativiert die Frage, ob sie der griechischen oder der hebräischen Text-Überlieferung entstammen.
Dabei fällt nicht nur die Anzahl von Zitaten, Anspielungen und Allusionen auf, sondern vor allem die Souveränität im Umgang mit den Vorlagen, besonders mit Jesaja und den Psalmen, an bezeichnenden Stellen auch mit der Tora. Die Frage drängt sich auf: Woher konnte Mk, sollte er denn ein Völkerchrist oder auch ein Proselyt gewesen sein, über eine derart stupende Schriftkenntnis verfügen?
Durch sie ist er in der Lage, sich inhaltlich an den Propheten und stilistisch an der Sprache der Septuaginta zu orientieren. Das zeigt sich über die Vielzahl hebräischer und aramäischer Wörter hinaus auch an der Menge der Septuagintismen, solcher Wendungen also, die abseits der griechischen Literatur den jüdischen Schrift-Traditionen nahestehen.
Als spezifisch jüdisch an der Erzählweise des Mk kann besonders sein abgründiger Witz gelten, die Pointen in den rätselhaften Allegorien und Bildern, sowie die subtile Ironie, die auch in zahlreichen Jesus-Worten wahrzunehmen ist. In diesen Fällen erscheint es unangemessen, hinter ihnen eine Vorlage zu vermuten oder gar die Existenz einer älteren Spruch-Tradition.
Das entscheidende Indiz, Mk als einen hellenistisch gebildeten, doch in der jüdischen Kultur beheimateten Judenchristen anzusehen, ist paradoxerweise sein kunstvoller Kampf gegen die Judäochristen. Gegen sie setzt er sich mit seiner hebraisierenden Sprache zur Wehr, sie sind die gesetzestreuen Gegner, die er nur mit ihren Waffen schlagen kann.
In seiner Erzählung verläuft die entscheidende Frontlinie nicht zwischen Christen jüdischer Abstammung, den sog. Judenchristen, und solchen aus der hellenistischen Welt, den Völkerchristen. Die wesentlichen Konflikte sind innerjüdischer Natur; sie lassen sich zwischen den in Tora-Fragen indifferenten Judenchristen (z.B. Mk) und den observanten Judäochristen (z.B. Petros) beobachten.
Diese begriffliche Unterscheidung ist unüblich und erklärungsbedürftig. Als Judenchristen gelten hier diejenigen Christen, die der jüdischen Diaspora und damit den diversen jüdischen Traditionen außerhalb Jerusalems bzw. der Provinz Judäa entstammen. Der bekannteste unter ihnen dürfte jener Paulus aus Tarsus sein, den Mk im Grenzbereich der Gräber, dann der Dekapolis ansiedelt und satirisch aufs Korn nimmt (5,1ff; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-sog-besessenen-von-gerasa-mk-5).
Als Judäochristen werden dagegen die aus Jerusalem stammenden Autoritäten bezeichnet, die Mk im Triumvirat des Führungstrios Petros, Jakobos und Johannes abbildet. Ihnen entsprechen andere Dreier-Gruppierungen jüdischer Macht: im Kontext des Herodes die Dreizahl der Festgäste (6,21, Große, Chiliarchen, Vornehmste von Galiläa) und im Kontext der Passion die Dreizahl der Jerusalemer Autoritäten (8,31 u.ö., Oberpriester, Schreiber, Älteste).
In der neueren Forschung ist es mit einigem Recht üblich geworden, den Begriff der (Ur-)Christen ganz aufzugeben. Für Mk bietet sich das schon deshalb an, da er den Christus-Titel vermeidet und seinen Jesus nicht als einen (herrschenden) Christus, sondern als einen (dienenden) Chrestus darstellt. Das legt es nahe, etwa von Chrestianern zu sprechen, mit einer Begrifflichkeit also, die der römischen Geschichtsschreibung nahesteht (vgl. Tacitus, Sueton).
Seinen Jesus lässt Mk erst spät und nur vereinzelt in nichtjüdische Gebiete gehen, und doch werden gerade dort vor allem judäochristliche Konflikt-Themen angedeutet oder offen angesprochen, z.B. der Kyrios-Titel (5,19), die Reinheitsfragen (7,24ff) und das für Mk zentrale Thema der gemeinsamen Mahlfeiern von Juden und Nichtjuden (8,1ff) bzw. von Judäochristen und Völkerchristen.
Für einen Judenchristen wie Mk gehörten die selbstverständlich dazu; jedenfalls konnten die strengen jüdischen Reinheits-Ansprüche für ihn kein Grund sein, den gemeinsamen Tisch und damit die Gottesdienst-Gemeinschaft mit Nicht-Juden in Frage zu stellen oder gar aufzukündigen.
Mit der autoritativen Entscheidung des Petros, solche – aus jüdischer Sicht unreinen – Mahlgemeinschaften abzulehnen, war der Konflikt unvermeidbar, unter dem Paulus so sehr zu leiden hatte, dass er ihn im Galaterbrief ungewöhnlich offen ansprechen und ungewöhnlich scharfe Kritik an Kefas (Petros) üben musste (Gal 2,2ff).
Das letztlich unlösbare Problem war schließlich auch für Mk der Anlass, seine Schrift zu verfassen, die es ihm erlaubte, seinen Jesus nicht biographisch, sondern episodisch in den Konflikten seiner eigenen Zeit und satirisch gegen das Führungstrio von Petros, Jakobos und Johannes auftreten zu lassen.
Diese – bis heute weitgehend ignorierte – satirische Qualität des Textes dürfte der einfache Grund dafür sein, dass der Text des Mk anonym blieb und wir nichts wissen können über die Person des Verfassers, der hier mit dem Kürzel Mk bezeichnet wird.
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