Die Geschichte des Bartimaios (Mk 10,46ff)
- martinzoebeley
- 13. Okt. 2022
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. März

Um eine Blinden-Heilung scheint es bei der kurzen Geschichte des Bartimaios zu gehen. So jedenfalls ist sie in deutschen Bibel-Editionen überschrieben. Sie hat es in sich. Schaut man genauer hin, so lässt sich feststellen, dass es dabei auch um endzeitliche Rettung geht sowie um eine Kontrast-Geschichte zur satirisch erzählten Scheinheilung eines ersten Blinden (8,22ff; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-mk-8-22ff-jesus-heilt-einen-blinden).
Jesus macht Blinde sehend. Im Anschluss an die Prophetie des Jesaja kann er Blinden die Augen öffnen für den Weg Gottes (vgl. Jes 42,7.16). Gerettet wird der am Weg sitzende Bartimaios insofern, als er (zu Gott) aufblicken und Jesus auf seinem Weg (ans Kreuz bzw. in die Auferstehung, vgl. 2,14) folgen kann. Seine Blindheit ist freilich nicht physiologischer Natur; sie entspricht wie schon beim ersten Blinden einem entscheidenden, in seinem Fall aber heilbaren Mangel an Erkenntnis.
Die Voraussetzungen sind jedenfalls denkbar unterschiedlich. Dieser Blinde hat einen Namen (Bartimaios) und einen Vater (Timaios), er ist ein Bettler und sitzt am Weg (vgl. 1,16), an einem Symbol-Ort von Tiefe (Jericho). Er wendet sich selbst an Jesus, der als Nazarener verkündigt wird, und bittet ihn schreiend (im Gebet) um Erbarmen. Die Bitte lässt sich auf seine Armut oder auf seine Blindheit beziehen, vielleicht sogar auf die Verkündigung des (fiktiven) Nazarener-Titels.
Eingeführt wird er als Sohn des Timaios, Bartimaios. Die auffällige Umständlichkeit der Namensnennung hat ihren Sinn. Der Sohn des Timaios (griechisch: des Hochgeehrten) wendet sich an Jesus, den Sohn (des hochgeehrten) Gottes, den er Sohn Davids nennt. Bartimaios spricht Jesus also nicht als Lehrer an, wohl aber als Königsprätendenten, als Anwärter auf den Christus-Titel. Das ist bei Mk ein typisches Symptom von Blindheit.
Genau genommen ist Bartimaios keineswegs ein Bettler, der ob seiner Armut Barmherzigkeit verdient hätte; sein Auftreten ist vielmehr das eines aufdringlich Fordernden. Damit steht er in unmittelbarer Nachfolge der beiden Zebedaios-Söhne, die Jesus zuvor aufgefordert hatten, das zu tun, was sie von ihm fordern (10,37). Ihre endzeitlichen Lohn-Forderungen lehnt er entschieden ab (10,40; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-1).
Was Bartimaios tatsächlich von Jesus will, bleibt solange offen, bis Jesus ihn nach seinem Willen fragt (10,51). Den benennt er selbst mit dem Wunsch, (zu Gott) aufzublicken. Auch das unterscheidet diese Blindenheilung von der ersten, die nur durch Personen seines Umfelds initiiert wird, als wüsste der Blinde nichts von seiner Blindheit oder wäre er unfähig, über sie zu reden.
Diese Geschichte ist auf dem Weg angesiedelt, auf der letzten Etappe, die Jesus und sein Gefolge von Jericho nach Jerusalem führt, vom tiefsten Punkt seines Wegs zum vorläufig höchsten, dem Kreuz, und damit vom vermeintlichen Königsprätendenten zum angeblichen König der Judäer (15,26). Die doppelte Erwähnung des Ortsnamens Jericho könnte andeuten, dass Jesus dort nicht Station macht, wie in anderen Städten zuvor.
Mit Jesus ist außer den Schülern eine beachtliche Menschenmenge unterwegs (10,46), unter denen viele auf das Schreien des Bartimaios reagieren, ihn verwarnen und zum Schweigen bringen wollen (10,48). Das setzt umgekehrt die Verwarnungen Jesu voraus, seine Schweige-Gebote. Die Schein-Heilung (des Petros) wie auch dessen Christus-Behauptung hatten jeweils zu einem Schweige-Gebot geführt, genauer: zu einem verschärften Verkündigungs-Verbot (8,26.29).
Das ist eine der vielen Pointen: Sie, die (unerlaubt) Jesus als den Christus verkündigt hatten, wollen nun den blinden Bartimaios davon abhalten, Jesus als den Sohn Davids anzuschreien (10,48). Ein Witz ist auch, dass er nicht zu hören scheint, was sie ihm befehlen, denn er schreit daraufhin nur noch lauter.
Der Nazarener-Titel bezieht sich auf den fiktiven Ort Nazareth (auf Deutsch etwa Sprösslingen) und erlaubt eine weitere Pointe: Dieser auf den Menschen Jesus und seine Abstammung anspielende Ortsname steht in Opposition zu Bethlehem (vgl. 1,9) – und damit zum Sohn Davids. (Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-wo-hat-jesus-gewirkt-7-3).
Die auf das Schreien reagierende Anweisung Jesu, ihn zu rufen, könnte eine Berufung andeuten - oder als eine ironische Aufforderung zu verstehen sein zurückzuschreien. Jedenfalls wird das Gefolge nicht grundsätzlich ermächtigt, Menschen im Namen Jesu zu berufen.
Sie, die ihn rufen sollen, befolgen den Auftrag aber nur zum Teil, indem sie ihn zwar rufen, dann aber nach einer Ermutigungs-Formel (hab' Mut) und einem eigentümlichen Weckruf behaupten: Er ruft dich (10,49). Wörtlich lautet ihr Weckruf: Wache auf!
Bartimaios aber (sic!) wirft seinen Umhang (Mantel) weg, springt demonstrativ auf die Füße und kommt zu Jesus (10,50). Sein Schreien nach dem jüdischen Sohn Davids ersetzt er durch die aramäische Anrede Rabbuni. Unübersetzt bleibt diese Form des Lehrer-Titels rätselhaft, als Titel ist er offenbar bedeutungslos.
Entscheidend für das rettende Vertrauen, das Jesus ihm bestätigt, ist nicht das lautstarke Bekenntnis zum Sohn Davids, noch die geheimnisvolle Anrede Rabbuni. Dieses Vertrauen kommt mit der inständigen Bitte um Erbarmen, vor allem aber im Wegwerfen des Mantels (Umhangs) zum Ausdruck (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markusevangelium-m-mantel).
Ohne dieses Macht-Symbol und ohne Besitz kann Bartimaios vertrauen, weil er im Unterschied zum ersten Blinden (alias Petros) aufblicken und Jesus auf dem Weg ans Kreuz nachfolgen kann.
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