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Ceterum censeo: Hat Mk die literarische Gattung Evangelium geschaffen?



Aus Gründen, die noch zu benennen sein werden, halte ich es für falsch, wenn in der akademischen oder der kirchlichen Theologie…


… Mk zum Erfinder der Literaturgattung Evangelium erklärt wird.


In der deutschen Fassung des Internet-Lexikons Wikipedia gibt es einen überaus informativen Beitrag zum Lemma Evangelium nach Markus (https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelium_nach_Markus). Dort ist im Kapitel Religionsgeschichtliche Stellung folgendes zu lesen (Stand Juni 2024):


Zur Weitergabe der Traditionen hat Markus eine neue literarische Gattung geschaffen, die er εὐαγγέλιον (Evangelium) nennt.


An dieser Aussage dürfte einiges nicht ganz zutreffen. Hier ein paar Antithesen dazu.

1.    Die behauptete Weitergabe der Traditionen ist ein fragwürdiges wissenschaftliches Konstrukt, das Mk als frühen Historiker und ersten Biographen Jesu erscheinen lassen möchte. Die Existenz umfangreicher Jesus-Traditionen konnte bisher nicht nachgewiesen werden.


2.    Demnach konnte das angebliche Traditionsgut auch nicht weitergegeben, geschweige denn zum Anlass einer neuen Literatur-Gattung gemacht werden.


3.    Mk hat definitiv keine eigene literarische Gattung geschaffen. Sein Text ist eine an die jüdische Propheten-Literatur der LXX anknüpfende Erzählung über Jesus, der als Sohn Gottes prinzipiell von allen Propheten und jüdischen Königen unterschieden ist - und daher von seinen Zeitgenoss:innen unverstanden bleibt.


4.    Markus ist ein römischer Name für einen ursprünglich anonymen Verfasser, der vor allem wegen seiner Macht- und Personenkritik im Dunkeln bleiben musste. Die noch heute übliche Bezeichnung Nach Markus oder Evangelium nach Markus erhielt das Buch zur Unterscheidung von parallelen Texten wohl erst im 2. Jahrhundert.


5.    Die Bezeichnung für die Gattung Evangelium dürfte erst im Kontext der frühen Kanonbildung aufgekommen sein. Im Text des Mk bedeutet εὐαγγέλιον entsprechend der bis dahin üblichen Verwendung eine mündliche Heils-Botschaft (vgl. 1,14).


6.    Der Begriff Evangelium hat also eine mehrfache Bedeutungs-Verschiebung erfahren:

a. Von der Heils-Botschaft durch Jesus zur Erzählung über ihn.

b. Von der mündlichen Botschaft zu einem schriftlichen Text.

c. Vom einzelnen Schriftstück zur Mitte der Heiligen Schrift.

d. Von der Nachricht über ein zurückliegendes Ereignis zur Verheißung kommenden Heils.


7.    Besonders zum letzten Punkt wird der Text des Mk durch die Überschrift beigetragen haben. Dem explizit genannten Anfang des Evangeliums (1,1), der auf Verheißungen des Jesaja rückbezogen ist, entspricht die im Vertrauen auf Jesus erfahrbare endzeitliche Rettung.


Der Begriff Euangelion wurde lange vor Mk in paganen wie sakralen Kontexten verwendet, als Verb (Heil verkündigen) auch in der LXX. Justin gebraucht erstmals die Plural-Form der Evangelien. Zur Gattungs-Bezeichnung wurde der Begriff erst im 2. Jahrhundert, durch die Existenz der parallelen Evangelien nach Matthäus, Lukas und Johannes. Zugleich entstand auch der Gedanke eines einzigen, in vier Fassungen existierenden Evangeliums.


Über sie hinaus kam im Lauf der Jahrhunderte eine Fülle weiterer Bücher auf, in denen etwa aus einer fiktiven Jünger-Perspektive Details über die Person oder das Leben Jesu erzählt werden. Auch diese Schriften, die trotz ihrer Popularität außerhalb des Kanons geblieben sind, wurden als Evangelien bezeichnet.


Auf dieser Linie liegt die Deutung des Mk-Textes als einer bloßen Jesus-Biographie. Sie zeigt sich bereits in der sog. Notiz des Papias, der Mk als Dolmetscher des Petrus bezeichnet. Diese viel zitierte Angabe ist den apologetischen Tendenzen des Papias geschuldet; historisch ist sie unzuverlässig.


Zu diesem Zeitpunkt (etwa Mitte des 2. Jh.) stand Mk längst im Schatten der systematischen Umdeutung durch Matthäus, der seinerseits als erster Evangelien-Verfasser und damit als der eigentliche Erfinder der Gattung galt.

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