Aus dem kleinen ABC zum Markus-Evangelium: V – Vertrauen

Vertrauen bezeichnet ein Beziehungsgeschehen. Im Neuen Testament bedeutet es das Zutrauen in die rettende Macht Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus. Weitgehend synonym dazu ist der Begriff des Glaubens, der in deutschen Übersetzungen üblich ist.
Bei Mk setzt Vertrauen Erkenntnis voraus, weshalb in Vertrauensgeschichten jeweils auch davon erzählt wird, wie die Vollmacht Gottes in Jesus zu verstehen ist. Obwohl dazu die Erklärungen sämtlicher Akteure unzureichend sind, sagt Jesus zweien von ihnen zu, dass ihr Vertrauen sie gerettet habe (5,34; 10,52). Vertrauen ermöglicht Rettung; das ist das auf eine kurze Formel gebrachte Credo des Mk.
Der griechische Begriff für Vertrauen kommt mit dem Substantiv pistis zur Sprache (πίστις, 5x, s.u.). Wichtiger noch ist das ihm entsprechende Verbum (πιστεύω, 10x), ein Terminus technicus für das Verhältnis zu Gott, sowohl der Akteure, wie auch der Rezipient:innen des Mk. Auf die Weise reicht der Radius des Themas über das von Mk beschriebene Personal hinaus, besonders deutlich im Appell: Habt Gottvertrauen! (11,22, vgl. Bild oben).
Von den insgesamt 15 vorkommenden Wort-Formen entfallen elf auf Jesusworte, drei auf Äußerungen anderer Akteure und eine auf den Erzähler (s.u.). Das bei Matthäus und Lukas häufige Adjektiv pistos (treu, zuverlässig, fromm) kommt nicht vor, nur einmal verwendet Mk es in einer Negation. Da macht Jesus mit dem Adjektiv apistos der Generation seiner Schüler schwere Vorwürfe (9,19).
Das Gegenteil von Vertrauen wird mit dem Misstrauen ausgedrückt, der Apistia, über die Jesus sich in der sog. Vaterstadt wundert (6,6) und die ein Vater ihm gegenüber anspricht (9,23ff). Der hatte zuvor seinen krampfenden Sohn zu ihm gebracht, seine eigenen paradoxen Probleme aber nicht bemerkt (Ich vertraue! Hilf meinem Misstrauen!).
Als Anspielung auf ein zweifelhaftes Vertrauen gebraucht Mk das seltene Adjektiv pistikos, zur ironischen Beschreibung eines Salböls, im Sinn von vertrauenswürdig (14,3). Hieronymus leitet es von lat. spica, die Ähre, ab und übersetzt nardus spicatus, Ährennarde. In anderen Handschriften ist dagegen von fidelis oder pretiosus die Rede.
In den Traditionen lateinischer Übersetzungen werden die Substantive und die Verben schon im Wortstamm unterschieden (fides / credere). Dafür ist deren Verwendung und insofern auch das Verständnis der griechischen Begriffe weitgehend stabil. Das gilt in gleicher Weise für die genannten Verneinungen (incredulitas / incredulus).
In einer deutschen Übersetzung wäre das Wort Vertrauen angemessen, sinnvoller jedenfalls als das übliche Wort Glauben. Zum einen ist es frei vom neuzeitlichen Aspekt des bloßen Für-Wahr-Haltens, der intellektuell herausfordern mag, in seiner Wirkungsgeschichte jedoch zum Distinktionsmittel wurde.
Andererseits lässt Vertrauen schon vom Wort her die Treue anklingen, die dem griechischen pistis eigen und im Sinn von Verlässlichkeit auch für das Verhalten von Bedeutung ist.
Mangelndes Vertrauen der Akteure, insbesondere der Schüler, bedingt ungenügende Erkenntnis und insofern unzureichende Bekenntnisse. Damit stehen sie denen der Rezipient:innen des Mk gegenüber, die vor allem an den begriffsstutzigen Schülern lernen können, worauf es in der Situation eines Martyriums ankommt (vgl. Mk 13).
Die Erkenntnis Jesu folgt aus dem Vertrauen, nicht umgekehrt. Darin folgt Mk einem Dictum bei Jesaja, das nur in der griechischen Version überliefert und über die Vetus Latina-Tradition von Augustinus und vielen anderen rezipiert wurde: Wenn ihr nicht vertraut, so werdet ihr nicht einsichtig (Jes 7,9). Im Hebräischen heißt es stattdessen: Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht (Jes 7,9; LUT):
Das Vertrauen wiederum folgt nicht aus dem Sehen, sondern umgekehrt. Das ist die Pointe in 2,5, wo Jesus das Vertrauen von vier Trägern sieht, die einen Paralysierten zu ihm bringen. Dass er ihm Sünden vergeben kann, haben die Zuschauenden nicht verstanden, die am Ende im Gotteslob denkbar banal feststellen: So haben wir es noch nie gesehen! (2,12).
Am Kreuz kommen die Oberpriester und Schreiber sarkastisch auf den Zusammenhang von Vertrauen und Erkenntnis zurück, wenn sie von Jesus fordern, er solle herabsteigen, damit sie sehen und vertrauen (15,32). Sie verstehen nicht, dass er sich selbst eben deshalb nicht rettet, um durch seinen Tod Andere retten zu können.
Wie begriffsstutzig die Schüler sind, zeigen sie deutlich schon in der Geschichte der sog. Sturmstillung. Da reagieren sie mit Furcht zu einem Zeitpunkt, an dem der Sturm bereits überstanden ist, und nach dem Vorwurf Jesu, der in der Übersetzungstradition zur Frage verharmlost wurde: Ihr habt noch kein Vertrauen! (4,40).
Offenbar stehen Furcht und Vertrauen in Opposition zueinander, wobei Furcht im Sinn von Ehrfurcht zu deuten ist. Das zeigt sich auch in 5,36, wenn Jesus dem Synagogen-Vorsteher zuspricht: Fürchte dich nicht! Vertraue nur! Nach Mk ist nicht Furcht der Anfang der Erkenntnis, sondern Vertrauen (vgl. Ps 111,10; Spr 1,7).
An zwei Stellen verdichten sich Aussagen zum Vertrauen: Einmal im besagten Gespräch mit dem Vater des krampfenden Sohns, dann auch in einer rätselhaften Spruchreihe, die als Lehre an die Schüler gerichtet ist (11,23ff), als Reaktion auf den unhaltbaren Vorwurf des Petros, Jesus habe den vertrockneten Feigenbaum verflucht (11,21). Dazu folgt ein separater Beitrag in diesem Blog.
Weil Vertrauen zugleich Bedingung, als auch Ausdruck eines für den Jesus des Mk wesentlichen Beziehungsgeschehens ist, wird es nur an maßgeblichen Stellen angesprochen, wie die nachstehende Übersicht zeigt. Nicht aufgeführt sind am Ende die auffallend vielen Nennungen im sog. unechten Mk-Schluss (4x in 16,9-20).
Zu bemerken ist in der Liste insbesondere der Gebrauch bzw. das Fehlen einer Präposition – wie im Deutschen beim Vertrauen auf oder Glauben an Gott. Das wird ein Thema des nächsten Beitrags sein.
1,15: μετανοεῖτε καὶ πιστεύετε ἐν τῷ εὐαγγελίῳ
(Jesus: Denkt um und habt Vertrauen, kraft des Evangeliums!)
2,5: καὶ ἰδὼν ὁ Ἰησοῦς τὴν πίστιν αὐτῶν
(Und als Jesus ihr Vertrauen sah,…)
4,40: οὔπω ἔχετε πίστιν.
(Jesus: Ihr habt noch kein Vertrauen!)
5,34: ἡ πίστις σου σέσωκέν σε.
(Jesus: Dein Vertrauen hat dich gerettet!)
5,36: μὴ φοβοῦ, μόνον πίστευε
(Jesus: Fürchte dich nicht! Vertraue nur!)
9,23: πάντα δυνατὰ τῷ πιστεύοντι.
(Jesus: Alles vermag, wer vertraut.)
9,24: πιστεύω· βοήθει μου τῇ ἀπιστίᾳ.
(Ich vertraue. Hilf meinem Misstrauen!)
9,42: τῶν πιστευόντων [εἰς ἐμέ]
(Jesus: Wer einen, der [in mich] Vertrauen setzt,…)
10,52: Ὕπαγε, ἡ πίστις σου σέσωκέν σε.
(Jesus: Geh hin, dein Vertrauen hat dich gerettet).
11,22: Ἔχετε πίστιν θεοῦ.
(Jesus: Habt Gottvertrauen!) -
Vgl. im Bild oben: εχετε πιϲτιν θυ
11,23: πιστεύῃ ὅτι ὃ λαλεῖ γίνεται
(Jesus:…[er] vertraut darauf, dass geschieht, was er sagt)
11,24: πιστεύετε ὅτι ἐλάβετε
(Jesus:…vertraut darauf, dass ihr es empfangen habt!)
11,31: Διὰ τί [οὖν] οὐκ ἐπιστεύσατε αὐτῷ;
(Weshalb [also] habt Ihr ihm nicht vertraut?)
13,21: μὴ πιστεύετε.
(Jesus: Vertraut nicht!)
15,32: ἵνα ἴδωμεν καὶ πιστεύσωμεν
(…damit wir sehen und Vertrauen fassen)
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