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Anmerkungen zu den Amen-Worten

vor 12 Minuten
6 Min. Lesezeit

Für die meisten gelten sie als bekräftigende Rede-Einleitungen, für viele als authentische Hinweise auf den O-Ton Jesu. Tatsächlich ist die Funktion der Amen-Worte bei Mk eine andere, wie hier in Umrissen zu zeigen sein wird.

 

Zunächst zum Wort Amen: Es ist eines der hebräischen Fremdwörter, die Mk aus der jüdischen Tradition übernimmt, nicht aus den jüdischen Schriften, sondern aus der jüdischen Gebetspraxis. Dort hatte es seinen Sinn als abschließende Bekräftigung des zuvor Gesagten, und so wurde es als Fremdwort auch in der christlichen Tradition beibehalten.

 

Amen hatte also und hat noch heute eine bestätigende Bedeutung (So sei es). In diesem responsorischen Sinn übernimmt Paulus es etwa 9-mal in seine Briefe; der Galaterbrief endet nach einer Segensformel mit einem bekräftigenden Amen (Gal 6,18). An einigen Stellen wurde es auch von jeweils zustimmenden Kopisten hinzugefügt. Übrigens endet auch einer der unechten Schlüsse des Mk im sog. Textus receptus sowie in dessen Übersetzungen mit Amen.

 

Mk ist wohl der Erste, der das Wort an den Satzanfang stellt (bei Luther: Wahrlich), jeweils in Kombination mit Ich sage (euch). Und Jesus ist der einzige Akteur, der solche Amen-Worte spricht, weshalb man meinte, darin seine ureigene Stimme erkennen zu können. Von den Verfassern der anderen Evangelien wurde das Amen samt dieser einleitenden Funktion übernommen, jedoch nicht bei allen Sätzen, die der Jesus des Mk so einleitet.

 

Das kann als ein gewichtiges Argument gegen die Deutung einer ipsissima vox verstanden werden. Wären die Amen-Worte tatsächlich so und nicht anders von Jesus gesprochen worden, dann hätten Matthäus und Lukas sie wohl als sakrosankte Zitate von Mk übernommen. Tatsächlich aber ist das nicht der Fall, im Gegenteil.


Beide gehen auffallend frei mit den entsprechenden Sätzen um, manche werden verändert, manche auch weggelassen (s.u.). Matthäus führt zusätzliche Amen-Worte ein, Lukas lässt das Amen vielfach weg oder ersetzt es durch andere Formulierungen (z.B. ἀληθῶς, wahrhaftig). Bei Johannes wird das Amen verdoppelt – in 25 meist eigenständigen Offenbarungen Jesu. Das Amen konnte also kaum dazu dienen, originale Jesusworte als solche zu markieren.

 

Auch auf die Frage der einleitenden Bekräftigung zeigt sich bei Mk kein eindeutiges Bild. Zwar steht es meist am Anfang eines Jesus-Worts, einige Male zusätzlich eingeleitet durch eine eigene Rede-Einleitung (5x, s.u.), doch es kann auch mal einen Gedanken, sogar einen Satz unterbrechen (9,41). So sorgt es jeweils für emphatische Verstärkung, seine Funktion bleibt indes nicht darauf beschränkt.

 

Mk verwendet das Amen der jüdischen Tradition folgend als ein Zeichen für die Rückbindung an Gott. Jesus reagiert im Auftrag seines Vaters, der ihn gesandt hat (vgl. 9,37), nicht mit einem Gebet, doch in einem vergleichbaren Kommunikationsgeschehen. Mit anderen Worten: Das Amen signalisiert, dass Jesus als bevollmächtigter Zeuge Gottes dessen autoritatives Wort verkündet.

 

Das mag auch ein Grund dafür sein, dass es in der zweiten Buchhälfte an Bedeutung gewinnt, wo es um die zunehmenden Konflikte mit den Schülern und den Weg ans Kreuz geht. Es ist kein Zufall, dass der erste Höhepunkt der Passionsgeschichte, das Abendmahl, von zwei Amen-Worten gerahmt wird, die beide durch eine zusätzliche Einleitung betont sich auf je einen der Zwölf beziehen, auf Judas und auf Petros (14,18.30).

 

Dieses letzte Amen-Wort ist als einziges an eine Einzelperson gerichtet (Amen, ich sage dir, 14,30). Wenn Petros daraufhin offen widerspricht, so ist das ein weiteres Zeichen dafür, dass er dem Wort Gottes zu folgen nicht bereit ist. In diesem Moment tut er, was er zugleich bestreitet: Er lehnt Jesus ab, dessen Wort er doch eigentlich hören sollte (9,7; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-verklärung).

 

Als Gesandter Gottes braucht Jesus sich nicht eigens auf Gott zu berufen, wie es zur Legitimation bei den jüdischen Propheten der Fall war (z.B. Spruch JHWH). Das bloße Amen genügt, um danach insgesamt 12 Aussagen über die Zukunft zu verkünden, 6 davon im prophetischen Futur, die anderen 6 im Konjunktiv Aorist, der ein Nicht-Eintreffen garantiert. Erst das 13. Amen-Wort, eben das an Petros gerichtete, löst offenen Widerspruch aus (14,30).

 

Auch darin zeigt sich eine Funktion der Amen-Worte. Sie lassen sich bei Mk auf den Widerstand gegen den Willen Gottes beziehen, als eine mehr oder minder rätselhafte Lehre an die Adresse der widerspenstigen Zwölf. –

 


Abschließend folgt hier eine Liste der 13 Amen-Worte (dt. Übersetzung nach ELB 1985; NA 28 sowie Parallelen bei Matthäus und Lukas). Zur Frage der falschen Übersetzung des Amen-Wortes in 8,12 folgt ein separater Beitrag demnächst.


 3,28 Amen, ich sage euch: Alles wird erlassen werden den Söhnen der Meschen, die Verfehlungen und Lästerungen, wieviel immer sie lästerten [...].

ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι πάντα ἀφεθήσεται τοῖς υἱοῖς τῶν ἀνθρώπων τὰ ἁμαρτήματα καὶ αἱ βλασφημίαι ὅσας ἐὰν βλασφημήσωσιν·

Mt 12,31, Lk 12,10 ohne Amen-Einleitung


 8,12 Und er seufzte auf in seinem Geist und spricht: Was begehrt dieses Geschlecht ein Zeichen? Amen, ich sage euch: Nimmermehr wird diesem Geschlecht ein Zeichen gegeben werden!

καὶ ἀναστενάξας τῷ πνεύματι αὐτοῦ λέγει· τί ἡ γενεὰ αὕτη ζητεῖ σημεῖον; ἀμὴν λέγω ὑμῖν, εἰ δοθήσεται τῇ γενεᾷ ταύτῃ σημεῖον.

Mt 16,4 ohne Amen-Einleitung

 

 9,1 Und er sprach zu ihnen, Amen, ich sage euch, Es sind einige von denen, die hier stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das Reich Gottes in Kraft haben kommen sehen.

καὶ ἔλεγεν αὐτοῖς· ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι εἰσίν τινες ὧδε τῶν ἑστηκότων οἵτινες οὐ μὴ γεύσωνται θανάτου ἕως ἂν ἴδωσιν τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ ἐληλυθυῖαν ἐν δυνάμει. 

Mt 16,28 mit Amen-Einleitung; Lk 9,27: λεγω δε υμιν αληθως


 9,41 Denn wer euch einen Becher Wasser zu trinken geben wird aufgrund dessen, dass ihr Christus angehört, Amen, ich sage euch, er wird seinen Lohn gewiss nicht verlieren.

ὃς γὰρ ἂν ποτίσῃ ὑμᾶς ποτήριον ὕδατος ἐν ὀνόματι ὅτι Χριστοῦ ἐστε, ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι οὐ μὴ ἀπολέσῃ τὸν μισθὸν αὐτοῦ.

Mt 10,42 mit, Lk ohne Amen-Einleitung

 

 10,15 Amen, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht aufnimmt wie ein Kind, wird dort nicht hineinkommen.

ἀμὴν λέγω ὑμῖν, ὃς ἂν μὴ δέξηται τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ ὡς παιδίον, οὐ μὴ εἰσέλθῃ εἰς αὐτήν.

Mt 19,14, Lk 18,15 ohne Amen-Einleitung, frei verändert

 

 10,29 Jesus sprach: Amen, ich sage euch: Da ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlassen hat um meinetwillen und um des Evangeliums willen […].

ἔφη ὁ Ἰησοῦς· ἀμὴν λέγω ὑμῖν, οὐδείς ἐστιν ὃς ἀφῆκεν οἰκίαν ἢ ἀδελφοὺς ἢ ἀδελφὰς ἢ μητέρα ἢ πατέρα ἢ τέκνα ἢ ἀγροὺς ἕνεκεν ἐμοῦ καὶ ἕνεκεν τοῦ εὐαγγελίου...

Mt 12,31 ohne (vgl. 12,30!), Lk 18,29 mit Amen-Einleitung

 

 11,23 Amen, ich sage euch: Wer zu diesem Berg sagen wird, Hebe dich empor und wirf dich ins Meer! und nicht zweifeln wird in seinem Herzen, sondern glauben, daß geschieht, was er sagt, dem wird es werden.

ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι ὃς ἂν εἴπῃ τῷ ὄρει τούτῳ· ἄρθητι καὶ βλήθητι εἰς τὴν θάλασσαν, καὶ μὴ διακριθῇ ἐν τῇ καρδίᾳ αὐτοῦ ἀλλὰ πιστεύῃ ὅτι ὃ λαλεῖ γίνεται, ἔσται αὐτῷ.

Mt 21,21 mit, Lk 17,6 ohne Amen-Einleitung, frei verändert

 

 12,43 Und er rief seine Jünger herbei und sprach zu ihnen, Amen, ich sage euch, Diese arme Witwe hat mehr eingelegt als alle, die in den Schatzkasten eingelegt haben.

καὶ προσκαλεσάμενος τοὺς μαθητὰς αὐτοῦ εἶπεν αὐτοῖς· ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι ἡ χήρα αὕτη ἡ πτωχὴ πλεῖον πάντων ἔβαλεν τῶν βαλλόντων εἰς τὸ γαζοφυλάκιον·

Mt ohne Amen-Einleitung, Lk 21,3: αληθως λεγω

 

 13,30 Amen, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis alles dies geschehen ist.

ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι οὐ μὴ παρέλθῃ ἡ γενεὰ αὕτη ἕως ἂν ταῦτα πάντα γένηται.

Mt 24,34, Lk 21,31 mit Amen-Einleitung

 

  14,9 Aber Amen, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, wird auch von dem, was sie getan hat, geredet werden zu ihrem Gedächtnis.

ἀμὴν δὲ λέγω ὑμῖν, ὅπου ἐὰν κηρυχθῇ τὸ εὐαγγέλιον εἰς ὅλον τὸν κόσμον, καὶ ὃ ἐποίησεν αὕτη λαληθήσεται εἰς μνημόσυνον αὐτῆς.

Mt 26,13 mit Amen-Einleitung, Lk frei verändert ohne

 

 14,18 Und während sie zu Tisch lagen und aßen, sprach Jesus: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich überliefern, der, welcher mit mir isst.

καὶ ἀνακειμένων αὐτῶν καὶ ἐσθιόντων ὁ Ἰησοῦς εἶπεν· ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι εἷς ἐξ ὑμῶν παραδώσει με ὁ ἐσθίων μετ’ ἐμοῦ.

Mt 26,21 mit Amen-Einleitung, Lk frei verändert ohne 


 14,25 Amen, ich sage euch, dass ich nicht mehr von dem Gewächs des Weinstocks trinken werde bis zu jenem Tag, da ich es neu trinken werde im Reich Gottes.

ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι οὐκέτι οὐ μὴ πίω ἐκ τοῦ γενήματος τῆς ἀμπέλου ἕως τῆς ἡμέρας ἐκείνης ὅταν αὐτὸ πίνω καινὸν ἐν τῇ βασιλείᾳ τοῦ θεοῦ.

Mt 26,29, Lk 22,16 ohne Amen-Einleitung

 

 14,30 Und Jesus spricht zu ihm: Amen, ich sage dir, dass du heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, mich dreimal verleugnen wirst.

καὶ λέγει αὐτῷ ὁ Ἰησοῦς· ἀμὴν λέγω σοί ὅτι σὺ σήμερον ταύτῃ τῇ νυκτὶ πρὶν ἢ δὶς ἀλέκτορα φωνῆσαι τρίς με ἀπαρνήσῃ.

Mt 26,34 mit, Lk 22,34 ohne Amen-Einleitung

 
 
 

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