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Die Geschichte der sog. Sturmstillung (Mk 4,35-5,1)

Aktualisiert: 26. Dez. 2025



Der Name der Geschichte ist bezeichnend für ein Problem ihrer Deutungen. Seit je wurde sie auf den Sturm hin interpretiert - als ein Naturwunder, auch als ein Rettungswunder, dank des einen schützenden Passagiers an Bord. Das Motiv der Rettung wiederum ließ sich auf die in Bedrängnis geratene Kirche beziehen. Den fragwürdigen Begriff des Wunders thematisiert demnächst ein separater Beitrag (s.u.).


Die Forschung der letzten Jahrzehnte brachte eine Reihe weiterer Interpretationen hervor. Hinter dem Auftreten Jesu sei die Geschichte einer Epiphanie erkennbar oder die eines Exorzismus. Über einige Einzelzüge hinaus treffen solche Auslegungen wenig; sie bleiben unzureichend, solange sie den Fokus nur auf Jesus richten und damit jene Perspektive einnehmen, die für die Umdeutung des Matthäus kennzeichnend ist (vgl. Mt 8,18ff).


Abwegig sind die Versuche, der Geschichte einen historischen Kern anzudichten. Ob Jesus mit seinen Schülern jemals Bootsfahrten auf dem See Genezareth unternommen hat, ist ebenso unerheblich wie die angebliche Gefahr dort plötzlich aufkommender Sturmwinde.

Als Erzähl-Literatur braucht sie keine realen Hintergründe. Mit ihrem literarischen Anspruch, den bewussten Kontrasten und Brüchen sowie einer beträchtlichen Anzahl polyvalenter, auch satirischer Andeutungen ist sie vor allem eines: kunstvolle Theologie.


Allzu oft kommt das Niveau der theologischen Reflexion nicht über das eines Kindergottesdienstes hinaus, wo die Geschichte in kindgerecht reduzierter Form noch immer beliebt ist. Tatsächlich hat sie einen ganz eigenen Fokus, den sie bereits in ihrer sonderbaren Exposition andeutet und in einer skurrilen Frage abschließend noch einmal aufgreift.


Wer ist denn der? – Auf diese scheinbar christologische, situativ aber unkundige Frage gehen die allermeisten Interpretationen ausführlich ein. Doch die Frage geht weiter: Wer ist denn der, dass auch der Wind und das Meer ihm gehorcht (sic!). Die auffällige Singularform (gehorcht anstelle von gehorchen) wird von Matthäus (Mt 8,27) und Lukas (Lk 8,25) entsprechend korrigiert.


Diese Störung entspricht hebräischer Erzähl-Tradition; im Ablauf des Textes ist sie nur eine von mehreren, eine für die Situations-Komik des Mk typische Sollbruchstelle. Skurril ist die Fallhöhe, da die machtvolle Demonstration der Autorität Jesu in eine so unkundige Frage mündet. Einmal mehr wird mit satirischer Schärfe das sog. Jüngerunverständnis bloßgestellt, genauer: die Unfähigkeit der Schüler, die Vollmacht Jesu zu erkennen und angemessenen darauf zu reagieren.


Passend ist die Frage insofern, als sie das eigentliche Problem der Geschichte benennt: den permanenten Ungehorsam der Schüler. Insofern ist es ein Witz, wenn ausgerechnet sie den besonderen Gehorsam konstatieren (vgl. 1,27), den sie selbst immer wieder vermissen lassen.


Das zeigt sich zuvor schon am Motiv des Bootes. Im Vorfeld hatte Jesus von ihnen ein kleines Boot (3,9) gefordert. Doch die Forderung geht ins Leere; den gewünschten Schutz vor den Menschenmengen bieten sie ihm nicht an. Gehorsam sieht anders aus.


Seine Rätsel-Rede hält Jesus dann von einem Schiff aus (4,1ff), das er unvermittelt dafür zur Verfügung hat. Er selbst sitzt auf dem Meer, die von ihm angesprochenen Menschen sind auf der Erde. Ob das Schiff zum Überqueren des Meeres oder zum Fischen geeignet ist, bleibt offen. Hier dient es allein der Lehre, bei der Jesus abgesetzt ist von den Menschenmengen, die ihrerseits als Erfolg der Menschenfänger gelten können (vgl. 1,17).


Das Schiff nimmt dabei in etwa die Funktion einer Kanzel ein. So gesehen mag es an die Rednertribüne auf dem Forum Romanum erinnern, an die sog. Rostra. Den Namen verdankt sie den Schiffschnäbeln vom Bug großer Schiffe. Darauf spielt möglicherweise die kryptische Ortsangabe in 4,38 an. Wenn Jesus ausdrücklich hinten im Heck schläft, kümmern ihn die Themen der Rostra nicht.


Symbolische Anspielungen sind schon vor der langen Rede nicht zu übersehen. Jesus sitzt (d.h., er lehrt) auf dem Meer, die Menschenmassen auf der Erde sind ihm zugewandt. Dieses Bild eines Gegenübers wird zu Beginn der Sturmstillung aufgenommen und zum universalen Jenseitigen vergrößert wird (4,35); es entspricht einer Metapher für das anzusteuernde Ziel des Lebens. Vom konkreten jenseitigen (Ufer) des Meeres ist erst am Ende die Rede (5,1).


Die Rätselrede wird ausdrücklich als Lehre eingeleitet (4,1ff). Jesus geht anhand rätselhafter Fallbeispiele auf landwirtschaftliche Vorgänge ein, die auf das Getreidewachstum sowie auf den dazu hinderlichen felsigen (Petros, z.B. 4,5.16) bezogen sind. Vom Meer, dem Ort seiner Begegnung mit den ersten Schülern, spricht Jesus nicht, auch nicht von einer Bootsfahrt. Diese beiden Chiffren zählen zu den Anspielungen auf die Geschichte des Jona, der im gleichnamigen Buch zum Propheten wider Willen berufen war.


Beendet wird die Rätselrede schließlich mit der für seine eigenen (idiois, 4,34) Schüler peinlichen Erzählernotiz, dass Jesus ihnen alle Rätsel eigens auflöste. Von sich aus verstehen sie seine Lehre nicht. Werden sie danach etwa seine Taten verstehen? Zumal am Abend (4,35), dem Zeitpunkt unzureichender Erkenntnis? Oder kann die nur verstehen, wer auch die Rede lesen und die Rätsel lösen kann, mitsamt der anschließenden Sturmstillungs-Geschichte?


Der Blick des Erzählers bleibt jedenfalls zu Beginn auf die Schüler gerichtet. Sie sind es, die Jesus selbstherrlich im Schiff mitnehmen (4,36). Die schon zuvor ohne den Auftrag Jesu die Menschenmenge entlassen hatten. Matthäus beseitigt dieses Problem der Schüler-Darstellung, in dem er sie durch einen ausführlicheren Nachfolge-Exkurs ersetzt (Mt 8,18ff).


Vor allem scheint die Fortbewegung per Schiff ihre Idee zu sein. Jesus hatte gesagt: Lasst uns hindurchgehen zum Gegenüberliegenden (4,35). Sie wollen das Meer nicht durchqueren oder verstehen den rätselhaften Satz nicht als Nachfolge-Auftrag. Statt dessen nehmen sie ihn als Aufforderung zu einer ziellosen Überfahrt und bringen das Schiff als endzeitlich konnotiertes Fortbewegungsmittel erstmals zum Einsatz.


Wenn sie selbst das Jenseitige mit dem Schiff erreichen wollen, entspricht das zwar antiken Totenwelt-Mythologien, ignoriert aber die Autorität Jesu, der sie durch das Meer führen will, wie weiland Mose das Volk Israel (Ex 14,16). Gehorsam sieht anders aus.


Als groß wird nicht nur der plötzliche Sturm qualifiziert (4,37), sondern auch und im Kontrast dazu die anschließende Stille (4,39). Groß ist danach wiederum die Furcht der Schüler (4,41). Die etymologische Figur (sie fürchteten sich in großer Furcht) ist ein wörtliches Zitat aus der Geschichte des Jona, wo die Furcht im Kontext der Erkenntnis als Ehrfurcht verstanden und positiv gewertet wird (Jon 1,16).


Jesus aber bezeichnet ihre große Furcht zuvor als Mutlosigkeit (Was seid ihr mutlos? 4,40). Er gibt darauf selbst die Antwort und benennt den Grund dafür: Ihr habt noch kein Vertrauen! Bleibt die Frage, ob sie das jemals haben werden.


Der Verlauf der Geschichte zeigt, warum sie es bisher nicht hatten. In ihrer Bedrängnis wecken sie ihn (4,38) und machen ihm den dreisten Vorwurf: „Es kümmert dich nicht, dass wir zugrunde gehen!“ Dabei haben sie in gewisser Weise Recht. Wer so ruhig schläft, kümmert sich um nichts, kann selbst aber dem Gott Israels vertrauen, der einzig nicht schläft (vgl. Ps 121,4).


Umgekehrt heißt das auch: Wer darauf vertraut, dass Jesus durch das Meer führen und Chaosmächte bändigen wird, braucht in existenziellen Bedrängnissen sich vor nichts zu fürchten. Sie aber haben noch kein Vertrauen, weder in den Hüter Israels, noch in die Vollmacht seines Sohns.


Ein Witz ist freilich, wie die Schüler ihren Vorwurf einleiten (4,38), die Jesus als Lehrer anreden. Unpassender könnte die Anrede in dem Moment kaum sein. Damit zeigen sie, dass sie ihn, dem sie als Lehrer nicht nachfolgen, nicht als ihren Retter erkennen.


Auch weiterhin werden sie das von Jesus nicht lernen, weil ihr Herz versteinert ist (vgl. 6,52). Ihre zweite Überfahrt zeigt mit entsprechender Wucht, dass sie bei der ersten nichts gelernt hatten, weil sie blind und taub sind für Jesus.


Das versteinerte Herz der Schüler, das Jesus ihnen im weiteren Kontext vorhält (6,52; 8,17), ist eine alttestamentlich geprägte Anspielung auf den Felsbrocken Petros. Er ist derjenige, den Jesus in Gethsemani auf seinen Schlaf ansprechen wird (14,37; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-es-ist-genug-mk-14-41). Die

Gethsemani-Perikope (14,32ff) ist in wichtigen Details ein Gegenstück zur Geschichte der Sturmstillung.


Das im Schiff eigens erwähnte Kopfkissen hat seit je für Irritationen gesorgt. Warum Jesus für sein Schläfchen an Bord ein Kopfkissen benötigt, versteht nur, wer es als Anspielung auf Petros erkennt, auf dessen aramäischen Namen Kefa; das Kopfkissen heißt proskephalaion.


Matthäus und Lukas lassen es weg, wobei Matthäus in seinem Nachfolge-Exkurs erkennbar darauf anspielt: Der Sohn des Menschen hat nichts, wo er den Kopf hinlege (Mt 8,20). Auch da bleibt der Name des Petros erkennbar (Kopf, gr. kephalē).


In der Exposition des Mk irritiert bereits eine kleine Anmerkung, nämlich die Notiz wie er war. Sie deutet mithilfe eines auffälligen Tempus-Wechsels an, dass die Schüler Jesus mitnehmen (!), wie er war, d.h. als Menschen. Wenn sie ihn nur als (schlafenden) Menschen sehen, nicht aber als (rettenden) Gott, entspricht das der späteren Rüge Jesu, Petros achte nur auf das, was der Menschen, nicht aber, was Gottes sei (8,33).


Kurz vor dieser zentralen Rüge haben sie Jesus wieder an Bord, diesmal nicht, wie er war, sondern als das (endzeitlich rettende) Brot. Doch auch als solches können sie ihn nicht erkennen (8,17). Das löst den Unmut Jesu aus – und seine Kritik an ihrem Unverstand, die in den scharfen Tadel mündet: Ihr versteht noch nicht! (8,21). Bleibt die Frage, ob sie jemals verstehen werden.


Eine kryptische Anmerkung weist in der Exposition der Geschichte auf die Existenz anderer Schiffe hin (4,36). Diese für den Erzählverlauf überflüssige und rätselhafte Notiz könnte den ekklesiologischen oder eschatologischen Vorteil der Schüler insofern abwehren, als diese anderen Schiffe ausdrücklich mit ihm waren.


Auf ein letztes kleines Detail sei hier noch aufmerksam gemacht, das oft unerwähnt bleibt. Jesus verpasst dem Meer, das er wie einen eigenständigen Akteur anspricht, einen Maulkorb-Befehl (4,39). Das hatte er in dieser Form schon einmal getan, einem Unreinen Geist gegenüber (1,25). Sein Befehl (Sei still!) meint hier in aller Deutlichkeit: Schnauze! Danach fällt dem erstaunten Publikum ausgerechnet der Gehorsam des Unreinen Geistes auf, obwohl der doch erst laut aufschreit, bevor er ausfährt (1,26).


Anders als der Unreine Geist ist das Meer samt dem Sturmwind sofort gehorsam. Alle anderen Akteure aber halten sich nicht oder nur halbherzig an die Schweigegebote, genauer: an die Verkündigungsverbote Jesu. Das entspricht einem für Mk typischen Paradox. Je mächtiger ein Akteur ist, desto eher befolgt er das Wort Jesu.


PS.

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