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Die Geschichte der sog. Kindersegnung (Mk 10,13-16)

vor 2 Tagen
4 Min. Lesezeit

Jesus umarmt Kinder und segnet sie, indem er ihnen die Hände auflegt (10,16). Nach heutigem Verständnis mag das als ein übergriffiges Verhalten, wenn nicht gar als Missbrauchsfall ausgelegt werden. So gesehen wäre Jesus ein Wiederholungstäter, da er schon in 9,36 ein Kind in die Arme genommen und demonstrativ umarmt hatte.


Für die kurze und überaus bekannte Geschichte der sog. Kindersegnung gab und gibt es bis heute die unterschiedlichsten Fehl- und Umdeutungen. Dazu zählt auf ganz andere Weise auch das Bild von Lukas Cranach d.Ä. (s.o., 1538), das zu seiner Zeit als Statement für die Kindertaufe verstanden werden musste.


Die hier vorgelegte Interpretation ist nicht ganz neu; sie schließt an einen etwas älteren Blog-Beitrag an, der das entscheidende Moment mit dem Differenz-Begriff Kind bereits ausführlich benannt hatte (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-k-kinder).


Tatsächlich lässt der Gebrauch des Begriffs sich nur im griechischen Text erkennen, der klar zwischen zwei Wörtern unterscheidet, zwischen den beiden Wörtern teknon und paidion (τέκνον / παιδίον). Anders als die deutsche Übersetzungstradition mit ihrem einen Wort für Kind hatte die lateinische dafür je nach Situation unterschiedliche Wörter parat (puerus / filius / parvulus / infans).

Dadurch wurden ältere Deutungen in eine von Mk wegführende Richtung gelenkt. Das zeigt sich etwa daran, dass das Wort puerus von 9,35f zwar auch in 10,13ff verwendet wurde, allerdings nur in einigen Handschriften der Vetus Latina. Die Vulgata setzte stattdessen mit parvulus einen anderen, situativ passenden Akzent (vgl. Bild unten aus der Gutenberg-Bibel).


Durch die unterschiedlichen Wörter ging jedoch die Entsprechung der beiden aufeinander bezogenen Verse verloren (9,35; 10,13). In lateinischen Übersetzungen wurde darüber hinaus die folgenreiche Entscheidung getroffen, das Kind in 10,15 als Subjekt wiederzugeben, nicht als Objekt. Dem griechischen Text nach war beides gleichermaßen möglich.


Für die älteren Deutungen, auch des Erasmus (1516), war das ein entscheidender Ausgangspunkt: Der Christ sollte nicht nur werden wie ein kleines Kind, er sollte darüber hinaus auch das Reich Gottes so annehmen, wie ein Kind es annimmt (velut parvulus).


Dieses Verständnis ist bis heute vorherrschend; erst in jüngerer Zeit mehren sich Stimmen, die das Kind als Objekt interpretieren. Damit bedeutet der Auftrag Jesu, das Königtum Gottes anzunehmen, wie man ein Kind annimmt (d.h. velut puerum / parvulum).


Das entscheidende Argument für diese Version: Sie entspricht auch in der Wortwahl dem Sinn des vorhergehenden Auftrags Jesu (9,36), wo das Kind eindeutig Objekt des Annehmens ist. Unklar ist allenfalls, was das konkret heißt, was bei Mk also das Annehmen eines Kindes bedeuten soll.


Den entscheidenden Schlüssel dazu bietet, wie gesagt, der zweifache Begriff für Kind. Die Schüler, die Jesus als Kinder anspricht (tekna, 9,24), können, wenn überhaupt, das Königtum Gottes nur annehmen, wie sie ein Kind (paidion) annehmen. Dabei stehen die tekna für die genuin jüdischen Kinder Israels (Judäochristen) und damit für diejenigen, die Jesus als Christus bekennen.


Der Kontrast-Begriff des paidion bezeichnet hingegen denjenigen, der Jesus als einen Sklaven (Chrestos) bekennt, also auch den nichtjüdischen Völkerchristen. Das Grundwort von paidion, das Wort pais, bedeutet sowohl Kind, als auch Sklave. So ist es kein Zufall, dass der erste Auftrag Jesu, ein Kind anzunehmen, im Kontext des Dienens steht, gegen die offensichtlichen Machtbedürfnisse der Schüler (9,35). 


Dieses paidion ist begrifflich sowie auf der Handlungsebene des Mk zwar unmündig und rechtlos, auf der Deutungsebene aber ein Kind Gottes, das Jesus selbst annimmt, indem er es umarmt und segnet. So gesehen wirft die Abfolge der drei hintereinander erzählten Geschichten von Mk 9 ein neues Licht auf die Zusammengehörigkeit der Judäo- mit den Völkerchristen, die in dreifacher Weise erkennbar wird.


In der Geschichte der Ehescheidung sagt Jesus auf der Deutungsebene, dass die beiden Ethnien der Judäo- und der Völkerchristen zusammengehören: Was Gott (unter ein Joch) zusammengespannt hat, soll ein Mensch nicht trennen (10,9, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-wird-der-mann-seiner-frau-anhaften-mk-10-7).


Darauf folgt zentral die Geschichte der Kindersegnung. Die Schüler lehnen das Hinzubringen von Völkerchristen ab, worüber Jesus wohl deshalb ärgerlich wird, da sie seinen ersten Auftrag nicht befolgen (9,36). Nun fordert er, dass sie doch selbst zu ihm kommen können (10,14). Wesentlich ist das zentrale Amen-Wort (10,15, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/anmerkungen-zu-den-amen-worten), in dem das Königtum Gottes mit den paidia gleichgesetzt wird.


Direkt nach ihrer Segnung wird von dem Einen erzählt, den Jesus als Einzigen liebt, weil er offenbar von Kindheit an außerhalb des Konflikts der Judäochristen mit den Völkerchristen steht. Der namenlose Eine macht das dadurch deutlich, dass er seine Kindheit als Einziger mit einem eigenen Wort bezeichnet (neotēs, 10,20; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-einen-mk-10-17ff).


Die Trilogie spricht auf der Deutungsebene eine nachösterliche Situation an, die Krise des sog. Antiochenischen Zwischenfalls (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wann-wurde-der-text-des-mk-geschrieben). Mk lässt sie in die scharfe Ablehnung von Reichtum münden – mit der Aussage Jesu, dass die Schüler (tekna, im Gegensatz zu den paidia) es schwer haben, in das Königtum Gottes zu kommen (10,24).


Auf Besitz und Reichtum zu verzichten ist also kein Selbstzweck. Vielmehr wird darin einer der wichtigsten Kritikpunkte des Mk an den Schülern deutlich, die das zu lernen offenbar nicht bereit waren. Deutlich wird das schließlich im vehementen Einspruch des Petros, der entgegen den erzählten Tatsachen behauptet, alles verlassen zu haben (10,28).


PS: Hier die lateinische Version in einer Abbildung aus der Gutenberg-Bibel:



 
 
 

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