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Warum wurde der Text des Mk geschrieben?

Aktualisiert: 4. Mai

Eine gewagte These zum Entstehungsanlass.



Über die historischen Hintergründe der Text-Entstehung gibt es unzählige Mutmaßungen. Nicht alle verdienen das Prädikat wissenschaftlicher Überprüfbarkeit.


Im Folgenden soll die Zahl der Spekulationen um eine weitere vermehrt werden. Gezeugt ist sie aus einer Mischung von Phantasie und Intuition; so kann und will sie keinen Anspruch auf Evidenz erheben, geschweige denn auf Zustimmung.


Dennoch ist es sinnvoll, einige Gründe für die Plausibilität der These zu benennen, zumindest aber die möglichen Indizien dafür in den Blick zu nehmen. Dazu dient vorab ein kurzer forschungsgeschichtlicher Rückblick.


Vor einem Jahrhundert konnte Adolf Jülicher über die Absichten des Mk behaupten, aus dem Text sei „keine andere Tendenz zu entnehmen als die, das Evangelium von Jesus Christus recht herzergreifend zu erzählen, Jesu Herrlichkeit aus seinen Worten und Werken zu erweisen, den Glauben an seine Messianität zu stärken: also die Tendenz, die jedes Evangelium haben mußte." (Einleitung in das Neue Testament, 5.-6. Auflage 1921, S. 278).


Es versteht sich von selbst, dass in diesem Blog ganz andere "Tendenzen" benannt sind. Allem Anschein nach trägt Mk Konflikte seiner eigenen Zeit in den fiktiven Weg Jesu ein. Daher sind in seiner episodisch erzählten Jesus-Geschichte auch Motive einer Apostel-Geschichte erkennbar, in Spuren, die schon von Matthäus weitgehend verwischt wurden.


Das gilt insbesondere für die nach Jesus wichtigste Erzählfigur, für Petros, den Mk durch scharfe Kritik wie auch durch ironischen Witz in Misskredit bringt. Aufs Korn nimmt Mk die Person wie auch die nachösterliche Position des Kefas, den er erst Simon, dann Petros nennt (1,16; 3,16).


Ebenfalls sehr ausführlich dargestellt ist Paulus, dessen Pseudo-Berufung zum Apostel hinter der schrulligen Schweinehirten-Parodie zu erkennen ist (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-sog-besessenen-von-gerasa-mk-5).


Sofern diese grundlegenden Beobachtungen zutreffen, stellt sich die Frage nach dem Entstehungs-Anlass neu, die im Rahmen dieses Blogs bisher nicht explizit zur Sprache kam. Sollte nun die erstmals geäußerte These zutreffen, so wären zahlreiche Blog-Beiträge entsprechend zu korrigieren.


Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass die für Mk typischen und allseits bekannten Text-Merkmale kaum je stichhaltig begründet wurden. Wozu diente das sog. Messiasgeheimnis? Warum hebt Mk die sog. Schweigegebote so deutlich hervor? Warum lässt er die Jünger dermaßen unverständig erscheinen?


Weitgehend unabhängig davon wurde seit langem behauptet, dass Mk die ihm vorliegenden, aber nicht nachweisbaren Jesus-Überlieferungen gesammelt, geordnet und zur Darstellung des Lebens und Wirkens Jesu bearbeitet habe. Bezeichnend dafür ist, dass die Erzählung gattungsfremd als ein Bericht galt, als habe Mk historische Tatsachen überliefern wollen.


Die fragwürdige Behauptung bildete seit je die Grundlage der Forschung. Zwar gilt Mk heute nicht mehr als ein bloßer Redaktor, sondern als ein souveräner Erzähler mit einem eigenen Profil. Aber es scheint noch immer Konsens zu sein, dass seine Absicht vor allem in der Darstellung des Lebens und Wirkens Jesu zu finden sei, als sei seine Perspektive die des modernen, historisch informierten Theologen.


Als ein Bericht historischer Überlieferungen konnte sein Text der Historischen Jesus-Forschung als Fundgrube dienen. Wer hingegen eine Biographie des historischen Petrus vorlegen wollte, ging dafür nicht in erster Linie von Mk aus, sondern von Matthäus und seinem unüberbietbaren Felsenwort (Mt 16,17ff).


Dieser durch Matthäus überhöhten Petros-Darstellung gilt es – unabhängig von den Fragen des Papst-Amts – zu widersprechen. Gleichwohl geht es hier nicht darum, das tradierte Bild des Felsens der Kirche in Abrede zu stellen. Das Ziel besteht allein darin, mithilfe der Darstellung des Petros den Absichten des Mk auf die Spur zu kommen.


Im Unterschied zu Jesus hatte Petros einst eine kaum mehr vorstellbare Machtfülle inne. Als ein überaus erfolgreicher Menschenfänger trat er zudem mit einem Macht-Anspruch auf, den Mk mit seiner komplementären Jesus-Darstellung beantwortete, mit dem Bezug auf den gehorsamen Knecht Gottes (vgl. Jes 53).


So reklamierte dieser Petros vermutlich die sog. Binde- und Lösegewalt für sich, legitimiert durch die Auslegung der jüdischen Schriften. Mithilfe dieser Autorität konnte er sich als Pforte ausgeben für den Zugang zum Königtum Gottes.


Auf beides spielt Mk immer wieder an, wobei er seinen Jesus und die Schriften gegen ihn in Stellung bringt. Legitimiert sei Petros nicht durch die jüdische Tradition, durch die Schriften, sondern durch die Schreiber.


Freilich konnte Mk dem Macht-Anspruch des Petros angesichts dessen Erfolgs nur durch satirischen Witz begegnen, nicht durch offene Konfrontation, zumal unter den riskanten Bedingungen römischer Machtverhältnisse.


Schon seine Petros-Darstellung als die eines Schülers unter vielen kam einer bewussten Depotenzierung gleich, und die ironische Zusage Jesu, dass er mit dem angeblichen Bruder Andreas Menschen fischen würde, ist alles andere als ein apostolischer Ehrentitel (ich soll machen, dass ihr Fischer von Menschen werdet...? 1,17). Es ist die erste - ironische - Anspielung des Mk auf die umstrittene Mahlgemeinschaft der Juden mit den Völkern.


Konfrontative Kritik an Petros ist bei Mk nicht nur dort erkennbar, wo es um Erfolg und Besitz geht, um Reichtum oder Macht. Sie kommt vor allem in der Frage der angemessenen Jesus-Nachfolge zum Ausdruck, sowie in den gehäuften Anspielungen bei Frauen-Episoden.


Kurz skizziert: Der Petros des Mk ist ein Opportunist, der am Ende Jesus abschwört (14,71). Auch seine Gefolgschaft, diejenigen also, die mit ihm Jesus unmittelbar verfolgen (1,36), kann keine Frucht bringen. Sie, die auf das Felsige gesät sind, nehmen das Wort zwar mit Freuden auf, haben aber (wie er selbst) keine Wurzel in sich, sondern sind des Augenblicks – und fallen in Bedrängnis oder Verfolgung ab (vgl. 4,16ff).


Insofern gleicht seine (judäochristliche) Kirche einem Feigenbaum, der nur Blätter hat, aber keine Früchte (11,13ff). An ihm kann Jesus seinen geistlichen Hunger nicht stillen, aber er verflucht ihn auch nicht, was Petros angesichts des bis zu den Wurzeln vertrockneten Baums behauptet (11,21). Daran gibt er Jesus die Schuld, obwohl dessen Prophetie kein Fluch ist.


Vor allem offenbart die Kritik des Mk einen theologischen Konflikt. Petros ist derjenige, der Jesus offen als Christus bezeichnet (Du bist der Christos, 8.29). Es könnte sein, dass diese Behauptung, die zum Messias-Bekenntnis verklärt wurde, ihrerseits ironisch gebrochen ist.


Was meint Petros dann mit seiner Christus-Behauptung? Im Rahmen dieses Blogs gab es bisher nur die Option, sie als politisch und theologisch motivierte Ablehnung des Christus-Titels zu deuten. Tatsächlich durchzieht die Christus-Kritik des Mk seinen gesamten Text.


Das aber beantwortet die entscheidende Frage nicht: Warum führt die aus jüdischer Perspektive konventionelle Behauptung eines Christus-Titels Jesus ans Kreuz?


Dank zahlreicher Andeutungen ist es denkbar, Kefas alias Petros selbst als einen Christus-Prätendenten zu deuten, der die Macht über ein Neues Israel für sich beanspruchte. Dafür setzte berief er sich auf einen Zwölfer-Kreis, eine Führungsriege, die nur aus Juden bestehen sollte. Die nach Mk von jenen Brot-Resten profitierte, die bei der ersten Sättigungsgeschichte übrig geblieben waren (vgl. 6,43).


Die Zwölf bezeichnete Kefas als Brüder und sich selbst als eben den Christus - als den gesalbten König seines Neuen Israels. Deshalb stellt der Jesus des Mk die Brüder in Frage (3,33) und lässt den Christus-Titel für Jesus fallen. Den ersetzt er demonstrativ durch den Sklaven-Namen des Chrestus (1,1).


Das aber wirft die zentrale Frage des Mk auf: Wer ist Jesus? - Petros beantwortet sie, wie gesagt, mit dem Christus-Titel, der im Prozess gegen Jesus der Grund seines Todes wird. In der nachösterlichen Realität könnte er darauf eine andere, heute kaum mehr vorstellbare Antwort gegeben haben: Jesus sei der zurückgekehrte Elias, der alles wiederherstellen musste (vgl. 9,11).


Deshalb wendet Mk sich so scharf gegen diesen Petros, der Jesus zum Wegbereiter seiner eigenen endzeitlichen Macht-Position erklären wollte. Der seine apostolische Legitimation mit der Protovision, mit der Schau des Auferweckten, begründet, ihn aber, so Mk, nur als einen Menschen erkannt hatte (8,33), und in Gethsemani nicht einmal das (14,37).


Diese Zuschreibung eines Elias durch den nachösterlichen Petros macht auch die merkwürdige Abfolge bei der Geschichte der sog. Verklärung verständlich (es erschien ihnen Elia mit Mose, und sie unterredeten sich mit Jesus; 9,4). Mit dem Vorschlag, jedem je eine Hütte zu bauen, lässt Mk seinen Petros ausdrücklich bestätigen, dass Jesus nicht der Elias sein kann.


Dafür wird zu Beginn die Erzählfigur des Johannes eingeführt. Doch der konnte als Elias keineswegs alles wiederherstellen (vgl. 9,12f), aus einem einfachen Grund: weil der Aufruf des Jesaja zum Wegbereiten nicht befolgt und nicht als Aufforderung verstanden wurde, Steine (wie Kefas) aus dem Weg zu räumen (vgl. Jes 62,10).


Außerdem gliedert Mk seinen Petros von vorne herein in den Zwölferkreis ein – als den Ersten der Zwölf, was über das griechische Wort für Kopf oder Haupt (gr. kephalē) problemlos möglich war. Als Kopf (hebr. für den Ersten) der Zwölf wird Petros nicht nur am Kopfkissen des schlafenden Jesus erkennbar sein (4,38), sondern zuletzt auch am Schädel-Ort (15,22).


Kefas aber wird mit Jes 8,14 zunehmend zum Stein des Anstoßes und Fels des Ärgernisses (vgl. 1 Petr 2,8), der, obwohl von den Bauleuten verworfen, (in Rom) sogar zum Hauptstein wurde, was der Jesus des Mk in einem Rätsel selbst verwunderlich findet (12,10f vgl. Ps 118,22f).


Der Christus-Behauptung des Petros widerspricht Jesus nicht (8,30ff), warnt aber davor, darüber zu sprechen, d.h., ihn als Christus zu verkündigen. Und siehe da, am Ende, in dem Moment, als Petros sich definitiv von Jesus lossagt (14,71), da gehorcht er ihm: Da verschluckt er vielleicht nur den Christus-Titel oder den eines Nazareners - oder sogar jenen Elias-Namen, den er womöglich selbst behauptet hatte (vgl. 8,28). -


Diese ersten Skizzen können noch keinen hinreichenden Beweis liefern. Ob und inwieweit sie aber als Indizien zum Entstehungs-Anlass in Frage kommen, mag vorerst offen bleiben. Sie sind eine Anregung, vielleicht ein Anfang.


Daher sei am Ende eine Prophetie gewagt: Weitere Spekulationen werden folgen...

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