Die Geschichte der Salbung in Bethanien (Mk 14,1-9)
- martinzoebeley
- vor 3 Tagen
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Sie zeigt idealtypisch die besondere Erzählkunst des Mk, die hier anhand dreier Thesen aufgezeigt werden soll. Die drei Thesen sind zugleich zentrale Themen dieses Blogs, weshalb weiterführende Links zu den jeweils entsprechenden Beiträgen angegeben sind.
1. Die Geschichte antwortet auf den sog. antiochenischen Zwischenfall.
Mk erzählt mit zunehmendem Konflikt-Potenzial von Gastmählern, an denen Jesus nach jüdischem Recht eigentlich nicht teilnehmen konnte. Damit reagiert er auf den historisch bedeutsamen Konflikt in Antiochien anlässlich der gemeinsamen Mahlfeier von Judäo- und Völkerchristen.
2. Die Geschichte ist eine satirische Ätiologie des Christus-Titels.
Sie deutet narrativ die Existenz des Christus-Titels, den Mk mit dem Stilmittel der Ironie in Frage und mit der Christus-Behauptung des Petros ins Zentrum seiner Erzählung stellt. Jesus wird nicht zum König Israels gesalbt, er wird als Sklave (Chrestus) stellvertretend für sein Volk in den Tod ausgeliefert (vgl. Jes 53).
3. Die Salbung leitet die Passions-Geschichte Jesu ein und erschließt sie.
Indem Mk die Salbung als ein konstitutives Element der Passions-Geschichte voranstellt, bietet sie einen wichtigen Schlüssel zu ihrer Deutung.
Zu 1. Die Geschichte antwortet auf den sog. antiochenischen Zwischenfall.
Die Salbungsgeschichte ist zunächst die Geschichte eines Gastmahls, das in Bethanien angesiedelt ist, einem Gegen-Ort zum Heiligtum (vgl. 11,11), auf Deutsch etwa Armenhausen (hebr. Beth Ani). Jesus nimmt daran teil, obschon er nach dem Gesetz das Haus des Gastgebers nicht betreten darf, denn der ist aussätzig (14,3).
Sein Name Simon weist textintern auf die Vorgeschichte des Simon Petros zurück. Im familiären Umfeld des Petros war Jesus trotz der mutmaßlich unreinen Bedingungen erstmals an einem Gastmahl beteiligt (1,29ff, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-schwiegermutter-des-petros-mk-1-29-31).
Da lag die Schwiegermutter des Simon fiebernd danieder, wie es ausdrücklich über sie heißt, bevor Jesus sie ungeachtet der einschlägigen Sabbat- und Reinheits-Gesetze aufweckt – mit dem Ergebnis, dass das Fieber weggeht und sie ihnen (zu Tisch) dient (1,31).
In Bethanien liegt er nun selbst danieder – als Mahlteilnehmer neben einigen, die weder namentlich genannt, noch näher beschrieben werden (14,4). Bei Mk sind es keine Schüler Jesu, anders als in den mehr oder minder parallelen Erzählungen des Matthäus (Mt 26,8) und Johannes (Joh 12,4), anders auch als in der Miniatur des Maitre Francois (s.o., um 1475).
Die Schüler kommen erst anschließend in den Blick, wenn Judas, der Eine der Zwölf, weggeht, um Jesus an die Oberpriester auszuliefern, und wenn sie danach alle weggehen wollen, um ihm das Passah zu bereiten. Ob sie damit auf das Gastmahl reagieren, ist offen.
Als Aussätziger hat der Gastgeber seinerseits eine Vorgeschichte. Nach dem besagten Aufwecken der Schwiegermutter kommt ein Aussätziger auf Jesus zu mit dem Aufruf, er könne ihn reinigen, wenn er wolle (1,40; vgl. 14,7: wenn ihr wollt). Trotzdem ignoriert er beides, die Reinheits-Gesetze ebenso wie den Willen Jesu (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-mk-1-40ff-jesus-heilt-einen-aussätzigen-dann-einen-gelähmten).
Den aussätzigen Gastgeber Simon braucht Jesus offenbar nicht zu reinigen; das Gastmahl in seinem Haus kann auch unter unreinen Bedingungen stattfinden – ungeachtet jüdischer Reinheits-Gesetze. Und Jesus kann ungehindert daran teilnehmen – im Unterschied zu seinen judäochristlichen Schülern.
Historischer Ausgangspunkt der Geschichte dürfte jener Konflikt in Antiochien gewesen sein, dessen Spuren sich auch im Galaterbrief erhalten haben (Gal 2,11ff). Da wendet Paulus sich entschieden gegen das Verdikt des Kephas, eine christliche Mahlfeier könne überhaupt nur unter kultisch reinen Bedingungen erfolgen – also ohne die Teilnahme unreiner Völkerchristen (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wann-wurde-der-text-des-mk-geschrieben).
In seiner Reaktion stellt Mk die Mahlfeiern Jesu zunehmend unter Bedingungen dar, die derartigen Reinheits-Ansprüchen zuwider laufen. Was sich bereits im Haus des Petros abzeichnet, ist auch später kein Problem, nicht einmal im Haus des idealen Nachfolgers Levi, wo Sünder und Zöllner mit Jesus mitliegen (2,15; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-der-levi-des-mk).
Da ist Petros trotz der vielen unreinen Tischgäste implizit noch am gemeinsamen Mahl beteiligt. Wenn er nun beim Gastmahl im Haus des aussätzigen Simon nicht (mehr) dabei ist, mag das als Hinweis auf eben jene opportunistische Kehrtwende zu verstehen sein, die Paulus ihm vorwirft (Gal 2,11) – und die auch bei Mk andeutungsweise anklingt (vgl. 4,17).
Auf Petros und seine Reinheits-Forderungen im Konflikt um die gemeinsame Mahlfeier deuten außer der Salbung noch weitere Signale hin:
- der Name des Simon als dem ersten von insgesamt drei Akteuren dieses Namens,
- sein Aussatz – als Zeichen extremer kultischer Unreinheit,
- das durch ihn im jüdischen Kontext zu verortende, aber gesetzesfreie Gastmahl,
- der Reichtum als ein typischer Topos der Petros-Konnotationen,
- die ebenfalls typische Drei-Zahl im bezifferten Wert des Nardenöls,
- der Begriff des Kopfes (gr. kephalē, vgl. den aramäischen Namen Kefa),
- der sich erst im Nachhinein erschließende Hinweis auf das Begräbnis, da das Grab aus einem Felsen gehauen sein wird (15,46).
Übrigens verwendet Mk den für die Mahlpraxis üblichen Ausdruck des Daniederliegens (κατάκειμαι, nach unten gerichtet) in Opposition zum Mitliegen bzw. zu einem (nach oben gerichteten) Hinlegen, das außer beim Festmahl des Herodes (6,22) auch beim letzten Abendmahl (14,18) sowie textextern im kultischen Bereich von Bedeutung ist (ἀνάκειμαι, geweiht sein).
Zu 2. Die Geschichte ist eine satirische Ätiologie des Christus-Titels.
Sie ist die Geschichte eines gestörten Gastmahls, wobei die Störung selbst nur indirekt erzählt wird. Das Problem ist weder die extreme Unreinheit des Gastgebers, noch das unmotivierte Auftreten der Frau oder der bei einem Gastmahl störende Duft der Narde. Es ist einzig die Verschwendung; sie löst den Unmut der Anwesenden aus, auf den Jesus mit seiner Apologie antwortet.
Schon das zeigt die Ironie des Mk, der die grundlegenden Reinheits-Fragen übergeht, die Salbung aber auffällig überzeichnet – im Kontrast zur jüdischen Königs-Salbung:
- Durch den Ort: Nicht im Heiligtum, sondern in Bethanien.
- Durch den Zeitpunkt: Nicht nach dem Einzug in Jerusalem, sondern zwei Tage vor dem (Fest des) Passah und der Ungesäuerten (Brote).
- Durch das Setting: Nicht bei einer Inthronisation, sondern beim Daniederliegen Jesu.
- Durch das Publikum: Nicht in Anwesenheit der jüdischen Oberschicht, sondern einiger (Nichtjuden?), die auf die Armen achten.
- Durch die Person: Nicht durch den Oberpriester, sondern durch eine anonyme Frau.
- Durch das Öl: Nicht durch das Heilige Salböl (vgl. Ex 30,23ff), sondern durch die kostspielige Narde.
- Durch die implizite Deutung des Erzählers: Nicht zum Erweis der Macht, sondern aus Liebe, wie die Narde zeigt (vgl. Cant 1,12 LXX).
- Durch die explizite Deutung Jesu: Nicht zum König Israels, sondern zu seinem Begräbnis.
Die Salbungs-Geschichte erklärt zum einen, warum Jesus überhaupt Christus genannt wird, zum anderen den Grund seines Todes, weil dieser Titel nichts mit einer Königs-Salbung, umso mehr aber mit seinem Tod zu tun hat. In der Abfolge entspricht das dem zentralen Geschehen: Auf die Christus-Behauptung des Petros reagiert Jesus mit der ersten Prophezeiung seines Todes (8,29ff).
Ironie ist wissenschaftlich kaum je zweifelsfrei nachweisbar. Ironie-verdächtig sind dennoch einige Details, z.B. das Epitheton der Narde als glaubhaft, vertrauenswürdig (14,3), oder auch der scheinheilige Vorwurf der Verschwendung durch diejenigen, die bei fremdem Reichtum ihren Blick leicht auf die Armen richten können.
Auch der Kommentar Jesu, die Beurteilung der Salbung, kann als ironisch gelten, da der geforderte Verkauf des Narden-Öls zugunsten der Armen tatsächlich ein gutes Werk wäre. Ähnliches gilt für sein entsprechendes Angebot, die Anwesenden könnten, wenn sie das wollten, den Armen wohl tun, die sie alle Zeit bei sich hätten (14,7).
Das lässt sich als eine ironische Distanz-Erklärung gegenüber der Tradition jüdischer Armenfrömmigkeit deuten. Mit weitreichenden Folgen: Jesus hebelt die jüdische Sozial-Gesetzgebung und den sie leitenden Begriff der Gerechtigkeit aus, wenn er alle Wohltaten der freien Entscheidung überlässt.
Die Salbung bezeichnet Jesus als eine Wohltat an sich selbst. Das wird üblicherweise als eine Rechtfertigung verschwenderischer Liebe verstanden, lässt sich aber auch als kunstvoll versteckte Spitze gegen den Christus-Titel deuten, als wäre dessen Umdeutung schon eine gute Tat.
Ziel und Höhepunkt der Ironie ist das Syntagma zu ihrem Gedenken. Im Kontext des weltweit verkündigten Evangeliums Jesu versteht es sich von selbst, dass das Mahl zu seinem Gedächtnis gefeiert wird. Der Christus-Titel führt hingegen nicht zur Erkenntnis Jesu im Mahl, sondern nur zum Gedenken an die kuriose Tat einer anonymen (!) Frau.
Wenn nämlich irgendeine Frau sich so benimmt,
- dass sie durch ihr Auftreten und den Duft eines Parfums ein Gastmahl stört,
- dass sie nicht etwa den kranken Gastgeber behandelt, sondern Jesus,
- dass sie ihm ohne jede Vorwarnung Duft-Öl über sein Haupt gießt,
- dass sie dafür die Riesensumme von mehr als dreihundert Denaren opfert,
- dass sie das Alabaster(-Gefäß) zerbricht (als Anspielung auf den Leib Jesu?),
- dass er zwar die Wohltat der Frau lobt, sie aber zu ihrem Gedenken deutet,
- dass sie so spurlos verschwindet, wie sie gekommen ist,
dann ist das keine sachgerechte Beschreibung einer einmaligen Begebenheit, noch eine Persiflage auf ein konkretes historisches Ereignis. Die grotesken Merkmale der Darstellung deuten vielmehr auf eine satirisch überzogene Ätiologie hin.
Um das komplexe Ziel der Geschichte auf eine einfache Formel zu bringen: Der Christus-Titel des Petros wird Jesus als den angeblichen König der Judäer ans Kreuz sowie die ihn liebenden Frauen in ein Gedächtnis-Grab führen, die Mahlteilnehmer aber nicht zur Erkenntnis.
Mit einigem Witz erzählt Mk, warum der für Jesus unzureichende jüdische Königs-Titel bleibend zur weltweiten Verkündigung des Evangeliums dazu gehört. Mit dem Willen Gottes, den Jesus dreimal als zentrale Lehre prophezeit, hat er nichts zu tun, und doch steht er im Hintergrund beim Grab-Besuch der ahnungslosen Frauen am Ende der Passions-Geschichte (16,1ff).
Zu 3. Die Salbung leitet die Passions-Geschichte Jesu ein und deutet sie.
Rahmenbildungen und Symmetrien zählen zu den wichtigsten konstruktiven Gestaltungsmitteln des Mk. Die Passions-Geschichte beginnt mit einer Satire auf den Christus-Titel – und sie endet mit einer Satire auf das, was er bewirkt. Was meist als Oster-Geschichte missverstanden wird, ist bei Mk nur der letzte Akt des Passions-Geschehens (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-auferstehung).
Die vergeblichen Salbungs-Bemühungen der Frauen münden endlich in Panik und Flucht (16,8), aus einem so einfachen wie naheliegenden Grund: Ihnen wurde das Evangelium Jesu nicht verkündigt. Sonst wüssten sie, dass die Salbung proleptisch bereits erfolgt war.
Es könnte als Ironie verstanden werden, dass sie eine bereits verwesende Leiche salben wollen. Doch mit ihren Duft-Kräutern setzen auch sie ein Zeichen der Liebe zu Jesus, das wiederum nur aus dem Hohelied zu erschließen ist: Der Duft deiner Mäntel übertrifft alle Duft-Kräuter (Cant 4,10 LXX; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markusevangelium-m-mantel).
Sämtliche Frauen-Geschichten sind bei Mk direkt oder indirekt mit Petros verknüpft. Bei der dreimaligen Verleugnung ist es nicht irgendeine Frau, die ihn auf die Gemeinschaft mit Jesus anspricht, sondern eines der Mädchen des Oberpriesters (14,66). So initiiert sie im Zentrum der Passion die Geschichte seiner Apostasie sowie sein opportunistisches Verschweigen des Christus-Titels (14,71; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-2-ultima-verba-petri-mk-14-71).
Das Versagen des Petros steht also im Mittelpunkt der Passions-Geschichte, wie der Christus-Titel im Zentrum der ganzen Erzählung steht (8,29). Im inneren Rahmen stehen die beiden Prozesse gegen den Christus Jesus bzw. gegen den König der Judäer (14,61; 15,2), im äußeren Rahmen die Salbungs-Bemühungen der Frauen.
Nicht nur die Passion als ganze ist bedeutungsvoll eingerahmt. Mk legt einen engen Rahmen auch um die Salbungs-Geschichte, wobei zuerst die Vernichtungs-Absichten der Oberpriester und Schreiber angesprochen werden (14,1), dann der entsprechende Auslieferungs-Plan des Judas (14,10, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/judas-ein-verräter).
Die einleitenden Sätze dienen zunächst dazu, den Handlungsfaden nach der sog. Endzeitrede Jesu wieder aufzunehmen, das Passions-Geschehen einzuleiten und zugleich eine Opposition von Passah und Brot anzudeuten (14,1f).
Durch die Einrahmung nach vorne, also zur Endzeitrede Jesu hin (13,3ff), stellt Mk die reiche Frau in Beziehung zu jener armen Witwe, die mit zwei Dünnen (Lepta) ihr ganzes Leben in die Schatzkammer eingeworfen hatte (12,42ff).
Dafür wird sie von Jesus in vergleichbar hintergründiger Weise gewürdigt. Ihr Tun hebt er gegenüber dem aller anderen hervor, die nur aus ihrem Überfluss einwerfen. Das lässt sich auch auf die Tat der reichen Frau beziehen.
Ihr überflüssiges Opfer erbringt auch sie aus Liebe, und doch gibt sie nicht ihr Leben für Jesus hin, wie zuvor die arme Witwe ihr Leben dem Heiligtum opfert. Das ist das große Thema der von Frauen-Opfern eingerahmten Endzeitrede: Jesus fordert von seinen Schülern die Bereitschaft zum Selbst-Opfer, bei Petros offensichtlich ohne Erfolg.
NB: Im Zentrum der Endzeitrede steht übrigens die Warnung Jesu an seine Schüler, nicht zu glauben, falls hier oder dort ein Christus zu sehen sein werde (13,21). Lügen-Christusse und Lügen-Propheten würden Zeichen und Wunder tun, um sie in die Irre zu führen.
Auf der Deutungsebene könnte das heißen: Die arme Witwe steht allegorisch für die selbstlose Liebe der Juden zu ihrem Heiligtum, die reiche Frau für die Liebe der Judäochristen zu ihrem gesalbten König – und der danach auftretende Judas für die Liebe zu einem Jesus, der exklusiv als Rabbi seine judäochristlichen Schüler lehrt (14,45).
Dieser Liebe entspricht wiederum ein bedeutungsvolles Zeichen aus der Tradition der Mahlfeier: der Bruder-Kuss.
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