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Aus dem kleinen ABC zum Markusevangelium: M – Mantel

Aktualisiert: 6. Jan.



Mit einer kulturgeschichtlichen Beschreibung des speziellen Kleidungsstücks ist es hier nicht getan. Der Mantel ist bei Mk mehr als nur jenes viereckige Tuch, das in der Antike als Oberbekleidung diente und treffender als Umhang zu bezeichnen wäre.


Er ist ein spezielles Symbol und als solches die wichtigste der alttestamentlich geprägten Metaphern für Autorität und Macht. Anhand dieses Symbols grenzt Mk seinen Jesus von judäochristlichen Überlieferungen ab und zeigt, dass er nicht der Christos ist, wie Petros es im Zentrum der Erzählung behauptet (8,29).


Auch andere Kleidungsstücke sind von Anfang an als Hinweise wichtig. Die erstgenannte Erzählfigur ist im äußeren Rahmen der Erzählung ebenso wie die zuletzt beschriebene durch ihre je auffällige Kleidung charakterisiert.


Johannes, der Eintauchende, ist gekleidet in Kamelhaare und einen ledernen Gürtel um seine Hüfte (1,6). Das stellt ihn in die Reihe jüdischer Propheten, konkret weist es ihn als endzeitlich wiedergekehrten Elias aus (2 Kön 1,8; vgl. 9,13). Von einem Mantel ist noch keine Rede, anders als in deutschen Übersetzungen oder auch in bildlichen Darstellungen üblich. (Vgl.: https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-johannes-der-täufer).


Am Ende kommt ein ganz anderes Kleidungsstück in den Blick: die Stola (16,4), das lange Obergewand römischer Frauen und jüdischer Priester (vgl. Ex 31,10 LXX). Der Bursche im Grabdenkmal hat eine Stola umgeworfen, die als weiß und damit implizit als Taufkleid beschrieben wird. Durch Matthäus wird es zum lichtvollen Gewand eines Engels umgedeutet (Mt 28,3).


Anhand seiner Stola ist der auf einem Ehrenplatz sitzende Bursche mit den Schreibern zu identifizieren, die mit der Stola herumgehen, Begrüßungen und den ehrenvollen Vorsitz bei (jüdischen) Versammlungen und bei (judäochristlichen) Mahlfeiern wollen. Vor ihnen hatte Jesus in besonderer Weise gewarnt (12,38).


Die auffällige Bekleidung des Burschen ist auch deshalb von Bedeutung, weil er jenem anderen entspricht, der als letzter von Jesus geflohen war (14,51f). Der hatte zunächst ein Leinen um den nackten (n.n.) umgeworfen, es dann aber fallen gelassen, um nicht selbst aufgegriffen zu werden. Seine schändliche Flucht ist das äußerste Gegenteil von Nachfolge, übertroffen nur noch durch die Apostasie des Petros (14,66ff).


Infolge des Christus-Titels wird Jesus als König der Judäer angeklagt und schließlich ohne Rechtsgrundlage, allein aufgrund des Votums der Menschenmenge, durch Pilatus verurteilt. Ebenso zynisch wirkt die anschließende Königstravestie, die den Grund seines Todes mit drastischen Mitteln illustriert (Der König der Judäer, vgl. 15,26).


Pilatus hatte vor der Kreuzigung ausdrücklich nur eine Geißelung vorgesehen (15,15). Die Soldaten aber ziehen ihm einen Purpur an, ohne dass dabei von einem Mantel die Rede wäre (15,17), und legen ihm anstelle eines Lorbeerkranzes einen Dornenkranz um. Ihren Höhepunkt findet die perverse Huldigung im falschen Königstitel: Sei gegrüßt, König der Judäer! (wörtlich: Freue dich, König der Judäer, vgl. Sach 9.9 LXX).


Anschließend ziehen sie ihm den Purpur aus und ziehen ihm (wieder) seine Mäntel (sic!) an, bevor ein Simon sein Kreuz trägt, der damit als gehorsamer Nachfolger Jesu erscheint, im Kontrast zu Petros (vgl. 8,34). Wer am Ende welchen der Mäntel trägt, ist ein Konfliktpunkt, der unmittelbar nach der Kreuzigung durch das Los entschieden wird (15,24, vgl. Ps 22,19).


Die Mäntel Jesu bezeichnen seine weltweite Königsherrschaft, über den einen Mantel des jüdischen Königtums und damit über den Christus-Titel hinaus. Schon in der jüdischen Erzähltradition ist der Mantel neben der Salbung ein wichtiges Symbol prophetischer oder königlicher Macht (vgl. 1Sam 2,19; 15,27; 24,12; 1 Kön 19,19.21; 1Chr 15,27).


Im Deutschen entspricht solche Bekleidungs-Metaphorik etwa der Redewendung „ein Amt bekleiden“ oder „den Hut aufhaben“. Wenn der Besessene (Paulus) am Ende als bekleidet und besonnen sitzend beschrieben wird, heißt das mit anderen Worten: Er hat ein Lehramt inne (5,15, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-sog-besessenen-von-gerasa-mk-5).


Bei Mk macht es einen erheblichen Unterschied, ob von Mänteln im Plural oder nur von einem einzigen Mantel die Rede ist. Dieser Unterschied, in den Handschriften oft ignoriert, wird schon von Matthäus nivelliert (vgl. Mt 9,21); in lateinischen und deutschen Übersetzungen ist er oft nicht mehr zu erkennen.


Bemerkenswert ist auch, dass die Vulgata den lateinischen Begriff pallium vermeidet, mit dem sie im Alten Testament vielfach das griechische Wort für Mantel (himation) wiedergibt. Stattdessen setzt sie verallgemeinernd den Begriff vestimentum. Das mag ein Indiz dafür sein, dass das Pallium, das Autoritätszeichen hoher römischer Beamter, zum Statussymbol auch kirchlicher Amtsträger geworden war.


Wie Jesus bekleidet ist, wird erstmals in der Geschichte der sog. Blutflüssigen Frau deutlich (5,24ff). Sie berührt zunächst nur einen Mantel, erklärt aber ihr Berühren seiner Mäntel als Grund ihrer Rettung (5,28), die Jesus ihr schließlich bestätigt (5,34). NB: Der Bildausschnitt zeigt eine Textstelle im Codex Sinaiticus, wo anstelle des Plurals Mäntel wie in der Vulgata die Singularform wiedergegeben ist (5,28; "IMATIOY").


Schon mit ihrer Anwesenheit, vor allem aber mit ihrer eigenwilligen Berührung ignoriert die Frau jüdische bzw. judäochristliche Reinheits-Vorschriften, erkennt aber zugleich die weltweit geltende Autorität Jesu an. Eben darin besteht der von ihm bestätigte rettende Glaube.


Zuvor hatte die Berührung des einen Mantels schon Konsequenzen für ihre Heilung (5,29). Auf der Erzählebene führt sie zur Verzögerung, weil Jesus aufgehalten wird, durch die Frau ebenso wie durch die Schüler. Im Unterschied zu ihr haben die nur die Reinheitsfrage Jesu bzw. seines einen jüdischen Mantels im Blick; von der Bedeutung seiner Mäntel (vgl. 5,30) ahnen sie nichts, wie ihre verkürzte Rückfrage zeigt (Du sagst: Wer hat mich berührt? 5,31).


Später legen sie Schwache auf den Märkten ab mit dem Aufruf, nur die Quaste seines Mantels, der damit als jüdischer Gebetsschal erscheint, zu berühren (6,56). Gerettet aber werden, so das knappe Fazit des Erzählers, die, die ihn berühren. Dass sie umgekehrt Jesus damit unrein machen, wäre ein Thema für die Hüter des Gesetzes, doch die zetteln nur einen mühsamen Diskurs über die unreinen Hände der Schüler an (7,1).


Anlass einer weiteren Rettung durch den Glauben ist der Mantel des blinden Bartimaios (10,46ff). Der Bettler schreit Sohn Davids, er hört von den Schülern, dass Jesus ihn ruft, wirft aber (!) seinen Mantel ab. Auf der Erzählebene sieht das so aus, als brauche er ihn zum Betteln nicht mehr. Auf der Deutungsebene lässt das Bild des Mantel-Abwerfens sich als Machtverzicht deuten, in Opposition zum Christus-Titel des Petros.


Die Schüler, die ein Fohlen für den Einzug nach Jerusalem entwenden sollen, werfen dem Tier ihre Mäntel auf (11,7). Danach breiten viele ihre Mäntel auf dem Weg aus, während andere dasselbe mit Strohmatten tun, die sie von den Äckern geholt haben (11,8). Auf die Weise werden die Huldigungs-Zeichen für (irgend)einen Sohn Davids buchstäblich in den Dreck gezogen.


Das Aufwerfen des Mantels ist eine alltägliche Wendung und für den letzten Auftritt des Petros von wesentlicher Bedeutung. Es zeigt, warum er bei seiner ersten wie bei seiner letzten Aktion einen jeweils ungenannten Mantel wirft (1,16; 14,72). Durch diese Ellipse werden Komposita des Werfens zu einem wichtigen Text-Signal (vgl. 2,21.22; 9,42ff u.ö.).


Zu Beginn sieht Jesus den Simon (Petros) mit seinem Bruder Andreas herumwerfend im Meer (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-1-16-die-netze-des-simon-und-seines-bruders). Und am Ende seines letzten Auftretens heißt es, anders als in den Übersetzungen: Und aufwerfend weinte er (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wie-steht-es-um-petros-und-um-sein-erinnerungsvermögen-mk-14-72).


Mit den einander entsprechenden Partizipien deutet Mk an, dass Petros, der nebst seinem griechischen Bruder eingangs den (ungenannten) Mantel als Symbol der Macht um sich geworfen, sich also selbst ermächtigt hatte, am Ende nicht etwa aus Reue weint, sondern über den Verlust von Macht. -


In ironischem Ton verbietet Jesus seinen Schülern bei deren Aussendung, zwei Unter-Gewänder anzuziehen (6,9), den sog. Chiton, der ihnen auch als Schlafdecke dienen könnte. Ebenso sollen sie kein Kupfer im Gürtel tragen (Silber schon? 6,8), aber Sandalen untergebunden, als ebenso ironisches Zeichen apostolischer Bindegewalt.


Jesus allein trägt mehrere Mäntel, die bei seiner quasi-österlichen Epiphanie, der Geschichte der sog. Verklärung, in den Blick kommen (9,2ff), von Petros aber nicht gesehen, geschweige denn verstanden werden. Sie werden glänzend, sehr weiß (9,3), ein Hinweis auf den Lichtglanz Gottes, in den Jesus nach der Verwandlung gehüllt ist wie in einen Mantel (vgl. Ps 104,2; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-verklärung).


Hintergründig ist auch die erste Erwähnung eines Mantels in einem rätselhaften Sinnspruch: Niemand näht einen Aufsatz eines ungewalkten Lumpens auf einen alten Mantel, sonst hebt er die Fülle von ihm auf, die neue vom alten, und das Schisma wird schlimmer. (2,21).

Das heißt, frei paraphrasiert: wer auf die judäochristlichen Überlieferungen setzt, hebt damit die Fülle des Heils auf und verschlimmert die Spaltung zur völkerchristlichen Welt.

Neuer Wein in neue Schläuche! (2,22).


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