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Die Geschichte der Schwiegermutter des Petros (Mk 1,29-31)

Aktualisiert: 3. Mai



Drei Thesen, die in der Forschung zum Text der kurzen Geschichte auffallend häufig angegeben werden. Ohne auf die Begründungen dafür einzugehen, seien sie hier vorangestellt:

  1. Die Geschichte sei die kürzeste Wunderheilung im Neuen Testament.

  2. Sie habe einen historischen Kern.

  3. Sie entspreche dem typischen Schema antiker Wundererzählungen.


Ebenso knapp seien hier dazu drei Gegenthesen skizziert:

  1. Die Geschichte ist tatsächlich äußerst kurz. Am Ende werden die beiden Folgen der Behandlung genannt, dass nämlich bei der Schwiegermutter das Fieber weggeht und sie ihnen diente. Beides zeigt, dass Mk nicht ein supranaturales Wunder im Blick hat, nicht einmal die besondere Heilkunst Jesu.

  2. Die Behauptung, die Geschichte habe historische Wurzeln, ist nicht zu belegen und in diesem Fall auch nicht zu halten. Historisch gesichert ist freilich, dass Petros eine Ehefrau hatte (vgl. 1 Kor 9,5) – und insofern wohl auch eine Schwiegermutter. Aber so, wie Mk die Geschichte erzählt, ist sie ein typisches Element seiner narrativen Theologie.

  3. Auch der Vergleich mit antiken Wunderberichten wird ihr nicht annähernd gerecht. Ihr Ziel besteht im Unterschied zu ihnen gerade nicht darin, die Autorität des Heilers zu überhöhen. Außerdem kann von einem schematischen Aufbau keine Rede sein.


Zu den drei Punkten folgen hier noch einige ausführlichere Notizen, diesmal in der umgekehrten Reihenfolge:


3. Die Exposition zielt nicht auf eine Heilungsgeschichte. Beiläufig und blass wird die Erkrankung und damit die Notwendigkeit einer Behandlung benannt. Eine Heilungs-Absicht ist auch danach nicht zu erkennen, weder bei Jesus, noch bei seiner besonderen Patientin.


Was die entsprechende Wendung sie sagen ihm von ihr bedeutet, ist offen; sie impliziert etwa eine Problemanzeige oder einen Appell. Anscheinend wird von Jesus erwartet, dass er wie ein Arzt agiert. Seine Einlassung dazu bestätigt später allerdings, dass diejenigen, denen es schlecht geht, einen Arzt brauchen. Er sei gekommen, Sünder zu rufen, d.h. auch Jakobos und Johannes (vgl. 1,20 ), nicht aber Gerechte.


Die Therapie beginnt mit dem Hinzutreten Jesu und der wortlosen Berührung der Hände, trotz des Sabbat und ungeachtet der Reinheitsfrage, die erst in der nächsten Heilungsgeschichte explizit angesprochen wird (1,40). So führt Mk an die heißen Konfliktthemen mit den Judäochristen heran, mit Petros, Jakobos und Johannes als deren Protagonisten.


Der Berührung folgt ein Aufwecken der Schwiegermutter. Das ist eine typische Besonderheit einiger Heilungsgeschichten des Mk: Dass im Zentrum jeweils eine Form des Aufweckens durch Jesus genannt wird, in Opposition zu seinem eigenen Aufstehen (vgl. 1,35). Dazu folgt demnächst ein eigener Beitrag.


Weil der erste Satz so umständlich und überladen ist und denkbar weit entfernt von jedem Erzählschema, fällt es schwer, die Häufung der Namen nicht einfach als nachträgliche Glosse auszuscheiden. Doch ist da tatsächlich jedes Detail aufschlussreich.


- Schon der Anschluss an die vorangehende Austreibung eines unreinen Geistes in der Synagoge ist bedeutungsvoll (vgl. 1,23ff). Offen bleibt zunächst, was Jesus wohl im Haus des Petros und Andreas auszutreiben hätte, wie es das anschließende Summarium mit den Dämonen andeutet (1,32; NB: der übliche Begriff Summarium geht von einem falschen Vorverständnis aus!).

- Das Haus – gemeint ist die Hausgemeinschaft, nicht das Gebäude – des Petros und des Andreas ist ein Statement. Es spannt die beiden erneut zu einer brüderlichen Gemeinschaft zusammen (vgl. 1,16), den Juden Petros und den Griechen Andreas, hier nun zu einer Haus- und damit zu einer Tischgemeinschaft.

- Daneben sind auch Jakobos und Johannes ausdrücklich genannt, die sofort mit Jesus aus der Synagoge hinausgehen. Anlass dafür könnte das zuvor genannte (hinausgehende) Gerücht über ihn in der Umgebung von Galiläa sein. Sie ignoreren jedenfalls das Problem ihrer möglichen Unreinheit und damit ihre Rolle als prototypische Judäochristen.

- Dass die Mahlfeier das eigentliche, hier noch unproblematische Thema der Geschichte ist, zeigt der Begriff des Daniederliegens, der ein zu Tisch-Liegen bedeuten kann (vgl. 2,15; 14,13; NB: die Salbung Jesu erfolgt bei der Tischgemeinschaft im Haus eines anderen Simon. Ihn, den Aussätzigen, heilt Jesus nicht).


2. Die umständliche Exposition zeigt auch, dass Mk keine historischen Erinnerungen überliefern will. Enthielte die Geschichte einen historischen Kern, wäre sie eher so erzählt wie bei Matthäus (Mt 8,14f). Mk zielt dagegen auf die zunehmend dringende Frage jüdischer Reinheitsansprüche. Ist Tischgemeinschaft der vermeintlich reinen Judäochristen und der aus ihrer Perpektive unreinen Völkerchristen (Sünder) mit Jesus möglich?


Die abschließende Notiz sagt dazu ja; das (zu Tisch-) Dienen der Schwiegermutter ist der entscheidende Hinweis darauf (1,31). Nicht einmal die Schreiber der Pharisäer sagen später nein dazu, solange das Mahl in der Hausgemeinschaft des Juden Levi stattfindet (vgl. 2,16).


Es gibt einen einfachen Grund, warum bei Mk die Schwiegermutter des Petros ausgerechnet in seinem Haus geheilt wird: Um ihn später als Lügner dastehen zu lassen, wenn er beteuert: Wir haben alles verlassen und sind dir gefolgt (10,28).

Von Bedeutung für Petros ist auch, dass in seinem Kontext vielfach von Frauen erzählt wird.


1. Die in der Theologie übliche inflationäre Verwendung des Begriffs Wunderheilung verstellt den Blick auf die kurze Episode. Bei Mk sind – im Unterschied etwa zu Johannes, der die Wundertätigkeit Jesu bis zur Auferstehung hin steigert – die Heilungsgeschichten zunehmend komplex. Jesus bekommt es also mit immer größeren Problemen in seiner Umgebung zu tun. Die Kürze der Heilungs-Geschichte hat ihren einfachen Grund genau darin: Sie ist die erste.


Wobei eines nicht zu vergessen ist: Die Geschichte ist die einer Heilung, sie ist keine Rettungsgeschichte. Fragwürdig ist sie, weil die Schwiegermutter sich am Ende nicht verhält wie die Engel in der Wüste oder die Frauen fern vom Kreuz (1,13; 15,13). Sie dient eben nicht ihm, sondern ihnen, macht also keinen Unterschied zwischen Jesus und seinen Tischgenossen. -


Nur der Blick auf die genaue Bedeutung der von Mk verwendeten Begriffe erlaubt eine angemessene Text-Interpretation. Wenn in Übersetzungen (seit der Itala) der Begriff für das Aufwecken durch Jesus nicht als Kontrast erkennbar ist zu seinem Aufstehen, oder wenn der Begriff Haus für beides gleichermaßen verwendet wird, für die Hausgemeinschaft und für den Versammlungsort – in Opposition zur Synagoge –, muss der Text des Mk rätselhaft bleiben.


Das aber wäre die eigentliche Herausforderung für die Theologie: Die Rätsel des Mk zu entschlüsseln, anstatt sie in letztlich beliebige Jesus-Bilder einzuordnen. Mit allen Übersetzungs- und Auslegungs-Traditionen - und oft genug auch gegen sie.

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