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Ist die Maria in der Vaterstadt auch die Mutter Jesu?

Aktualisiert: 4. Jan.


Von drei Marien am Grab, wie sie in diesem Bildausschnitt zu sehen sind, weiß Mk nichts. In seinem Text kommen nur zwei Frauen zum Grabdenkmal, um Jesus zu salben (NB: die in 16,1 genannten drei Namen sind ein späterer Einschub). Beide heißen Maria, die erste ist die Magdalenerin, die andere jene Maria, die später tatsächlich die andere Maria genannt wird (15,47; vgl. Mt 27,61; 28,1).


Um diese andere Maria soll es hier gehen – und um die Ausgangsfrage, ob sie, die als Mutter angegeben wird (6,3), zugleich die Mutter Jesu sein kann. Was sie mit der Magdalenerin verbindet, braucht hier nicht eigens beschrieben zu werden, da ihr bereits ein Beitrag gewidmet ist (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/maria-magdalena-geliebte-jesu-oder-ehefrau).


Bei Mk werden beide Marien schon durch die Doppelung ihres Namens aufeinander bezogen (15,40.47). Sie gehören in besonderer Weise zusammen: als allegorische Darstellung der Liebe zu Jesus. Erst durch die spätere Textrezeption werden sie zu eigenständigen Akteuren mit je unterschiedlicher Bedeutung. Maria, die Magdalenerin, wird zur ersten Auferstehungszeugin (Joh 20,14), die andere Maria zur Mutter Jesu, ohne dass diese Identifizierung durch literarische Zeugnisse nachvollziehbar wäre.


Im Unterschied zur Magdalenerin und unabhängig von ihr wird sie bei Mk lange vor der Passion Jesu erwähnt, in der Geschichte seiner Vaterstadt (6,2). Was Mk hier mit rätselhaftem Witz erzählt, ist für ihre Mutterrolle aufschlussreich. Es ist darüber hinaus eine für Mk typische, schwer zu deutende Geschichte der Ablehnung Jesu und seines Scheiterns.


Die namenlose Vaterstadt wird meist mit Nazareth gleichgesetzt. Das ignoriert ihre Bedeutung als Symbol-Ort für den Menschen Jesus, weshalb es bei seinem Auftritt in der Synagoge um verhältnismäßig irrelevante menschliche Eigenschaften geht, um den Beruf, die Abstammung, die Familie. So lässt die Vaterstadt angesichts von Ablehnung und Scheitern auf Jerusalem vorausblicken, auf die heilige Stadt Gottes, die damit die Stadt seines Vaters ist.


Die ahnungslosen Zuhörer in der Synagoge finden es zu Recht verwunderlich, dass ein Mensch über solche Weisheit verfügen und solche Machttaten wirken kann. Dabei bleiben die Schüler unbeteiligt, auf ihre Fragen reagieren sie nicht. Damit zeichnet sich ab, was Jesus dem Petros als dem Satan im entscheidenden Moment vorwerfen wird: Dass er nicht an das denke, was Gott gehört, sondern nur an das der Menschen (8,33).


Der Auftritt Jesu am Sabbat löst eine Reihe skeptischer Fragen aus, einen Fragen-Katalog, der nichts über Jesus aussagt, umso mehr dafür über sie, die ihrem Zweifel und ihrem Unwissen Ausdruck verleihen. Sie wissen nicht, wer Jesus ist, und ihre Fragen zeigen, dass sie es auch nicht wissen wollen. Wer bei diesem Fragen-Katalog einen historischen Kern vermuten möchte, um daraus Informationen über den Menschen Jesus zu gewinnen, läuft Gefahr, die Funktion dieses inszenierten Unwissens zu verkennen.


Da die Schüler, an die der Fragen-Katalog mutmaßlich gerichtet ist, nichts dazu beitragen, dass die vielen Zuhörer von Jesus lernen oder von seinen Machttaten erfahren können, bleibt es nicht bei der allgemeinen Verwunderung. Die Folgen sind beträchtlich: Jesus kann, wie später in Jerusalem, keine Machttat tun, er behandelt, indem er wenigen Schwachen die Hände auflegt, freilich ohne erkennbaren Erfolg (6,5). Wie die Zuhörer anfangs über Jesus verwundert sind, so wundert er sich am Ende über ihr Misstrauen (Unglauben, 6,6).


Der Fragenkatalog benennt die Machttaten Jesu, die durch seine Hände geschehen (6,3). Die hintergründige Pointe dabei: Sie wissen nicht, dass seine Macht von Gott ist (14,62, vgl. Jes 41,20; 48,13) und in Aufweckungsgeschichten tatsächlich durch seine schöpferischen Hände wirkt (1,31; 5,41; 9,27), sonst aber durch sein autoritatives Wort. Diese Unterscheidung ist für Heilungsgeschichten des Mk von Bedeutung.


Die nächste Frage ist ohnehin ein Witz: Ob Jesus nicht der Bauhandwerker sei, oder, in abschwächend falscher Text-Überlieferung, der Sohn des Bauhandwerkers (vgl. Mt 13,55). Jesus ist so wenig ein Handwerker wie sein Vater (6,3; τέκτων, Vulgata: faber). Nach seinem Vater aber fragen sie bezeichnenderweise nicht.


Ein Witz ist daher auch die Frage, ob Jesus der Sohn der Maria sei, da er ausgerechnet in der Vaterstadt nur einer Mutter zugeordnet wird, die mit der griechischen Namensform (Maria), nicht mit der jüdischen (Mirjam) benannt wird, wie die Schwester des Aron bzw. des Mose in der griechischen Version der Exodusgeschichte (vgl. Ex 15,20 LXX).


Die Vielzahl ihrer vaterlosen Kinder legt den Verdacht nahe, dass die von einer Vielzahl von Vätern stammen, dass die vier Söhne also nichts anderes sein können als Hurensöhne. Das ist die eine Seite der Pointe, und die andere: Diese Maria ist eine Hure – im Unterschied zu der als Jungfrau zu deutenden Maria, der Magdalenerin.


Die Zuhörer fragen also, ob Jesus nicht der Bruder der genanten Hurensöhne sei, und dann, ebenfalls zweideutig, ob nicht seine Schwestern bei ihnen seien. Offensichtlich wissen sie nichts über Jesus. Das hat Folgen für sie, die durch ihn zu Fall kommen, über ihn stolpern wegen ihres falschen Jesusbilds. Dieses zu Fall-Kommen ist ein erster Hinweis darauf, weshalb alle von Jesus abfallen werden (vgl. 14,27): Weil alle, Juden wie Nichtjuden, ihn nur als Menschen sehen. Die anschließende Aussendung der Schüler könnte das verhindern (6,7ff), macht alles aber nur noch schlimmer (vgl. 6,14.15).


Insofern erübrigt sich die alte Kontroverse, ob die vier genannten Söhne dieser Maria leibliche Brüder Jesu (evangelische Position) seien oder aber Cousins bzw. andere Familienmitglieder (katholische Position). Sie haben vielmehr eine komplizierte textinterne Funktion, eine rätselhafte Bedeutung, die über die Geschichte der Vaterstadt hinaus weist.


Um das Rätsel zu lösen, muss die Mutter Maria noch einmal in den Blick genommen werden:

In 6,3 ist sie die Mutter von vier Söhnen, von Jakobos und Joses und Judas und Simon.

In 15,40 ist sie die Mutter von zwei Söhnen, des Jakobos (des Kleinen) und Joses.

In 15,47 hat sie nur noch einen Sohn, Joses.


Bemerkenswert ist neben dem dramatischen Schwund, durch den sie drei ihrer vier Söhne verliert, dass ihr am Ende einzig jener Sohn bleibt, der durch die besondere Namensform Joses auffällt, einer Nebenform von Josef.


Dieser Name ist zugleich der einzige, der nicht in der Liste der Zwölf genannt wird. Die Namen der anderen drei (Huren-)Söhne stehen in der Zwölfer-Liste an deren Ende (3,17ff). Das sind Judas, der dort zuletzt Genannte (3,19), und der vorletzte, Simon, der Kananäer (3,18), also nicht Simon (Petros). Der Namenszusatz Kananäer verweist auf seinen paramilitärischen Einsatz als Eiferer (Zelot?) und ermöglicht die Unterscheidung der beiden Simons.


Der in der Liste zuvor genannte Jakobos wird durch die Angabe der Kleine vom Zebedaios-Sohn Jakobos unterschieden, ist also - wie schon der ideale Nachfolger Levi (2,14) - ein Sohn des Alphaios (3,18). Rätselhaft ist, warum Maria auch ihn als Sohn verliert.


Eine mögliche Erklärung mag von der Kreuzigungsszene ausgehen, in der neben den beiden Marien eine offenbar unverheiratete Salome genannt wird (15,40). Während die Marien am Ende ihre Liebe zu Jesus zum Ausdruck bringen, den sie mit Duftkräutern salben und somit zum König erklären wollen, scheint Salome einer ganz anderen Liebe nachzugehen – der zu Jakobos. Deswegen werden beide nicht mehr genannt, Jakobos nicht mehr als Sohn der Maria, Salome nicht mehr als Teil der Frauengruppe (15,47).


Rätselhaft an Jakobos ist auch der auffällige Namenszusatz der Kleine. Der könnte den entscheidenden Hinweis darauf geben, wo Maria die beiden anderen (Huren-)Söhne Judas und Simon verliert. Eine entsprechende Andeutung findet sich bei jener armen Witwe, deren Verhalten Jesus beobachtet, bevor er aufwendig kommentiert, was sie in die Schatzkammer geworfen hat. Da ihr noch ein eigener Blog-Beitrag gewidmet wird, mag hier der Hinweis genügen: Es sind zwei Kleine (Lepta), die sie dem Tempel opfert.


Fragen bleiben, sowohl auf der Ebene des rätselhaften Textes, wie auch auf der seiner Rezeption. Ist der Name Maria eine literarische Erfindung des Mk oder übernahm er ihn aus einer Tradition, von der Paulus nichts wusste? Hat Matthäus ihren Namen zu dem der Mutter Jesu gemacht, weil die rätselhaften Angaben des Mk nicht mehr verstanden wurden? Oder wollte er sie gegen Mk umdeuten, um aus ihr, der Hure und Mutter vieler Kinder, eine Jungfrau zu machen - und sie als Mutter Jesu hinzustellen?


Und schließlich die Frage, die Mk nicht beantwortet: Wie heißt die Mutter Jesu? Die in 3,31 genannte Erzählfigur ist eine Allegorie seiner jüdischen Herkunft und bleibt namenlos.

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