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Wer war der Joseph, der von Arimathaia kam? (Mk 15,42ff)

Aktualisiert: 7. Juli


Das Bild zeigt ihn als einen älteren Mann in der vornehmen Bekleidung des 15. Jahrhunderts, wie er den Leichnam Jesu vom Kreuz abnimmt und in ein Leintuch hüllt.


Nicht zu sehen sind die beiden Kreuzigungsgruppen zur Rechten und zur Linken, auch nicht die Figur des Nikodemus. Auf dem Gemälde, das Rogier van der Weyden zugeschrieben wird, steht Nikodemus hinter dem Kreuz auf einer Leiter und hält den linken Arm Jesu hoch.


Der mittelalterlichen Ikonographie entsprechend waren beide, Joseph und Nikodemus, an der Kreuzabnahme beteiligt. Allerdings kam der im Johannes-Evangelium genannte Nikodemus erst danach dazu, zur anschließenden Salbung (vgl. Joh 19,39).


Noch anders sieht die Szene bei Mk aus. Da ist Joseph derjenige, der alles allein macht: Pilatus um den Leib Jesu bitten, Leinen kaufen, die Leiche abnehmen, sie in Leinen hineinpacken, in ein Grabdenkmal legen und einen Stein vor die Türe wälzen (15,45ff). Von einer Salbung ist dabei keine Rede (vgl. 16,1).


Die Fokussierung auf diesen einzigen Akteur zeigt die Mensch-Verlassenheit Jesu. Seine Schüler waren alle geflohen (14,50), im Unterschied zu den treuen Schülern des Johannes, die ihren Lehrer nach dessen Hinrichtung bestatten konnten (vgl. 6,29).


Als Akteure verbleiben am Ende noch zwei der ihm dienenden Frauen (15,40f), ein Bursche im Grabdenkmal (16,6, vgl. 14,51) sowie dieser eigens zur Bestattung eingeführte Joseph. Seine Kreuzabnahme mag kunst- und frömmigkeitsgeschichtlich von besonderer Bedeutung sein, bei Mk wird sie nur en passant erwähnt.


So respektlos es erscheinen mag: Die Geschichte der Bestattung Jesu ist voller komplexer Pointen, die sich uns erst dann erschließen, wenn wir unseren Blick weniger auf die von Matthäus und Johannes geprägten Jesus-Bilder richten, als vielmehr auf den genauen Wortlaut des Mk.


Der bezieht sich auf das letzte Abendmahl zurück, auch auf die Ankündigung Jesu, dass einer der Zwölf ihn weitergeben werde (14,18). Die Zwölf reagieren darauf betrübt (14,19); bis zuletzt haben sie nicht gelernt, dass sein Leib im Brot der Mahlfeier weitergegeben werden muss, auch den Nichtjuden.


So wird Jesus durch Judas nur den Vertretern der Macht ausgeliefert, den Juden zuerst, dann den Nichtjuden. Pilatus liefert ihn schließlich den Soldaten aus (15,15), die Jesus geißeln und kreuzigen sollen, aber zuerst dem König der Judäer huldigen (15,18).


Am Abend wird Joseph in die Handlung eingeführt, zu einem Zeitpunkt also, an dem Jesus von seinen Schülern nicht erkannt wird, auch nicht als das Brot, als das er sich ihnen bei der Mahlfeier am Vorabend offenbart.


Die Erwähnung des Abends beschreibt daher viel mehr als nur die Eile der Ereignisse, die dem nahen Sabbat-Beginn geschuldet sein mochte. Die Kreuzabnahme musste noch vor Sonnenuntergang erfolgen, um die Sabbat-Heiligung nicht zu gefährden (vgl. Dtn 21,22f).


Eine übertragene Bedeutung wird auch für die nachfolgenden Zeitangaben anzunehmen sein (nachdem es Rüsttag war, das ist der Vorsabbat, 15,42). Was genau hinter der umständlichen Formulierung steckt, die den Eindruck einer einleitenden Historiker-Notiz macht, mag vorerst dahin gestellt bleiben.


Obwohl es also bereits Abend geworden war, kam Joseph von Arimathaia (15,43). Schon früh wurde in die Handschriften-Überlieferung ein Artikel eingefügt (der von Arimathaia). Das zeigt das Bemühen, den fiktiven Ort Arimathaia als Heimatort des Joseph zu verstehen, wie auch der fiktive Ort Nazareth als Heimatort Jesu verstanden wurde (vgl. 1,9).


Über den genauen Standort von Arimathaia wurden in der Theologie zahlreiche Möglichkeiten diskutiert. Dabei sind die Orts-Namen des Mk leicht als bedeutungstragende Kunstworte zu identifizieren (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-wo-hat-jesus-gewirkt-7-3).


Mk lässt ihn, den vornehmen Ratsherren, also aus einem fiktiven Ort der besten Schüler kommen; auf Deutsch lässt Arimathaia sich etwa als Oberschüling oder Bestschülau wiedergeben. Erst bei Matthäus wird Joseph seinerseits als ein Schüler Jesu bezeichnet (Mt 27,57).


Von einiger Bedeutung ist die Notiz, dass er auch selbst auf das Königtum Gottes zuwartete. Als ein Reicher wird er da wohl nicht hineinkommen (vgl. 10,26); da kann er lange warten. Stattdessen wagt er es, zu Pilatus hineinzukommen.


Dabei ist er insofern auf dem richtigen Weg ins Königtum, als er um den Leib Jesu bittet. Mit seiner Bitte wendet er sich aber an den Falschen. Pilatus schenkt (!) ihm die Leiche, nicht ohne vorher den erstaunlich frühen Tod Jesu vom Centurio überprüfen zu lassen.


Dessen Bestätigung des Todes ist eine Fortsetzung der fragwürdigen Erklärung, die er bereits anlässlich des am Kreuz gestorbenen Menschen abgegeben hatte (15,39): Wahrhaftig, dieser Mensch war Sohn eines Gottes! (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/der-hauptmann-und-sein-angebliches-bekenntnis-mk-15-39).


Das ist der Grund, weshalb Mk erst vom Leib Jesu spricht (15,43), dann aber von einer Leiche, von einem Kadaver (15,45). Und weshalb er das Sterben gleich doppelt benennt. Das dient nicht etwa der Abwehr neuzeitlicher Scheintod-Theorien. Der Mensch Jesus ist tot – infolge der erneuten Kreuzigung durch Petros (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-sie-kreuzigen-ihn-doppelt-mk-15-24f).


Folgerichtig legt Joseph die Leiche in ein Grabdenkmal, das aus einem Felsen gehauen war, möglicherweise auch als Bestätigung für das, was Jesaja einst über den Sklaven Gottes prophezeit hatte (vgl. Jes 53,9). Schließlich wälzt er einen Stein an die Türe des Grabdenkmals, wie es etwas umständlich heißt.


Der Felsen und noch auffälliger der Begriff der Türe spielen auf Petros an, auf den für das Haus Jesu unbrauchbaren Türhüter (vgl. 13,33ff). Petros ist hier die Tür zum Ort des Todes und nicht bevollmächtigt für die Tür zum Königtum der Himmel, wie Matthäus es seinen Jesus feierlich erklären lässt (vgl. Mt 16,17).


Bemerkenswert ist noch, dass Joseph – unabhängig von der Frage der tatsächlichen Möglichkeit dazu – für die Bestattung Leinen kauft, in das er die Leiche hineinpackt. Matthäus und Lukas nennen diesen Vorgang behutsamer einhüllen (Mt 27,59; Lk 23,53).


Der wertvolle Stoff dient nicht als ein Zeichen der Wertschätzung, sondern als ein Motiv, das den Blick noch einmal auf die Bekleidung lenkt (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markusevangelium-m-mantel).


Mk schlägt damit die Brücke zur Flucht der Schüler zurück, zu jenem Burschen, der ein Leinen fallen ließ, um nackt zu fliehen (14,51f). Und der am Ende im Grabdenkmal auf einem Ehrenplatz sitzt und eine weiße Stola umgeworfen hat (16,5).


Ob es nun ein und dasselbe Leinen ist, das Joseph eigens zur Bestattung kauft, lässt der Text offen. Matthäus erwähnt dagegen, dass Joseph den Leichnam in ein reines Leinen hüllte (vgl. Mt 27,59).


Das Leinen ist jedenfalls ein Hinweis darauf, dass die Mäntel Jesu längst verteilt waren (vgl. 15,24). Mk zeichnet also in das Bild des machtlos Gekreuzigten auch den- oder diejenigen Menschen ein, die im Hintergrund stehen und seine Macht übernehmen wollen (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/warum-wurde-der-text-des-mk-geschrieben).

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