Wer sind die Hohepriester bei Mk?
Aktualisiert: 17. Aug.

Ausgangspunkt des folgenden Beitrags sind zwei Fragen:
1. Warum spricht Mk von den Hohepriestern im Plural, obwohl es jeweils nur einen einzigen amtierenden Hohepriester gab?
2. Warum nennt Mk ihn nicht mit Namen, im Unterschied zu den namentlich genannten Akteuren wie Herodes oder Pilatus, und im Gegensatz auch zur sonstigen biblischen Evangelien-Literatur?
Zunächst einige zusammenfassende Beobachtungen zur Rolle der Hohepriester bei Mk, die hier als Oberpriester bezeichnet werden.
Sie erscheinen als eine politisch einflussreiche Gruppierung, die gemeinsam mit anderen, vor allem mit den Schreibern, Macht ausübt. Sie treffen die mörderischen Entscheidungen gegen Jesus und sorgen auch für deren Umsetzung (14,55). Diese Bedeutung zeigt sich bereits bei ihrem ersten Auftreten (11,18) und entspricht seinen Prophezeiungen (8,31; 10,33).
Der Ort ihres Wirkens ist, im Unterschied zu den Schreibern, auf Jerusalem beschränkt. Dabei bleibt die institutionelle Grundlage ihrer Macht, der Hohe Rat (Synedrium bzw. Sanhedrin), ebenso im Dunkeln wie ihre eigentliche Aufgabe am Tempel. Offenbar versteht es sich von selbst, dass sie dort für den Opferkult verantwortlich sind.
Jesus als Opferlamm: Nur andeutungsweise steht die Opfertheologie hinter der einleitenden Angabe (14,1), dass sie und die Schreiber ihn ergreifen und töten wollen, wie es heißt, dies aber nicht am Fest des Pascha (-Lamms) und der Ungesäuerten (Brote) tun wollen, wegen des möglichen Aufruhrs.
Nach dieser Notiz wird die Passionsgeschichte durch die Initiative des Judas in Gang gesetzt, der zu den Oberpriestern weggeht, um ihnen Jesus zu übergeben (14,10; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/judas-ein-verräter).
Sie freuen sich über die Übergabe und bieten ihm dafür ein Kopfgeld an wie für einen Räuber, indem sie versprechen, ihm Silber (-Geld) zu geben (14,11). Die beiden Verben (freuen / versprechen) fallen als Komposita insofern auf, als sie zentralen Begriffen der christlichen Tradition ähneln (danken / verkündigen).
Zur Übergabe in Gethsemani erscheint Judas mit einer bewaffneten Volksmenge von den Oberpriestern, Schreibern und Ältesten. Dass sie mit ihren Schwertern und Knüppeln wie zu einem Räuber ausgerückt sind, ihn zu ergreifen, wird von Jesus angesprochen, der sie an sein tägliches Lehren im Heiligtum – in der Räuberhöhle – erinnert (14,48f; vgl. 11,17).
Der jüdische Prozess gegen Jesus geht von der Trias der Oberpriester, Ältesten und Schreiber aus, nun in veränderter Reihenfolge; die Ältesten werden in den von Mk geprägten Verbund der Oberpriester und Schreiber eingeschoben. Dadurch steht Petros den Schreibern nahe, wobei er Jesus nur von weitem folgt (und es versammeln sich alle die Oberpriester und die Ältesten und die Schreiber – und der Petros – folgte ihm von weitem […], 14,53ff).
Den Vorsitz im jüdischen Prozess hat ein einziger Oberpriester inne, anscheinend der amtierende Hohepriester, der Jesus verhört und schließlich der Gotteslästerung bezichtigt (14,64). In seinem Hof sitzen zeitgleich die Gehilfen sowie Petros, der mitsitzend sich am Licht wärmt (14,54).
Das wiederum ist der Anlass für ein Mädchen des Hohepriesters, Petros anzuschauen, ihn anzusprechen und damit die Dreizahl der Leugnungen auszulösen, die schließlich zu seiner Apostasie führen (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-2-ultima-verba-petri-mk-14-71).
Im zweiten, dem römischen Prozess gegen Jesus treten sie als Ankläger auf (15,3), die ihn vermeintlich aus Neid übergeben hätten (15,10). Dieser Meinung ist Pilatus, der mit seiner ignoranten Frage nach dem König der Judäer weder auf den eigentlichen Vorwurf der Gotteslästerung eingeht (15,2), noch auf andere mögliche Anklagepunkte der Oberpriester (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-ist-pilatus-mk-15-1-15).
Obwohl sie den Aufruhr vermeiden wollten, stacheln sie bei der alljährlichen Amnestie die Menschenmenge an, um sie in ihrem Votum gegen Jesus und zugunsten von Barrabas zu beeinflussen (15,11, vgl. 14,1). Weil Pilatus ihr Genüge tun will (15,15, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/notizen-zu-den-latinismen-des-mk), kommt er ihrer Forderung der Kreuzigung nach, ohne Rechtsgrundlage und ohne Urteil.
Nach der Kreuzigung nehmen die Oberpriester und die Schreiber noch einmal den so entscheidenden wie falschen Anklagepunkt (König der Judäer) auf, indem sie Jesus als denKönig Israels – mit dem offiziellen Titel – verspotten und fordern, er solle jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit sie sehen und glauben (15,32). Dieser Konnex verdreht die Tatsachen: Glauben ist keine Folge des Sehens von Rettung, sondern ermöglicht es (vgl. 5,34; 10,52). –
Die vorstehenden Beobachtungen sollten eines deutlich werden lassen: mit historischen Gegebenheiten sind die an der Passion beteiligten Oberpriester des Mk nicht oder nur zum Teil in Einklang bringen. Insbesondere die pluralischen Formulierungen sind mit den historisch verfügbaren Informationen kaum zu begründen.
So stellt sich die Frage, ob die Gruppierung der Hohepriester eine Fiktion des Mk ist, die durch die gesamte Evangelien-Literatur hindurch beibehalten und erst im Nachhinein zum geschichtlichen Faktum erklärt wurde.
Zu 1.
In der wissenschaftlichen Theologie werden vor allem zwei Erklärungen für den Plural genannt: Zum einen seien als Hohepriester auch die ehemaligen Amtsinhaber zu verstehen, die im Synedrium weiterhin über Sitz und Stimme und insofern auch über Einfluss verfügt hätten.
Zum anderen beschreibe der Plural die Angehörigen des jeweils amtierenden Hohepriesters, Familien-Mitglieder also, die gemeinsam die entsprechende Führungselite gebildet hätten und als Oberpriester in den Führungsämtern des Tempelbetriebs tätig gewesen seien.
Die beiden Erklärungen lassen sich auch miteinander vereinbaren, wie das Beispiel des Hannas zeigt, der über seine Söhne sowie über seinen Schwiegersohn Kaiaphas als graue Eminenz auch nach seiner Amtszeit noch Einfluss nehmen konnte.
Verschiedentlich wird die Gruppierung der Oberpriester mit den Sadduzäern in Verbindung gebracht. Das liegt insofern nahe, als deren Angehörige in führenden Positionen am Tempel tätig waren und entsprechend als Tempelaristokratie bezeichnet wurden. Bei Mk ist von dieser Verbindung nichts zu erkennen.
Der bei Mk entstehende Eindruck einer machtvollen Partei in Jerusalem scheint sich historisch nicht bestätigen zu lassen. Das Führungsamt des einen Hohepriesters, das vormals streng geregelt, erblich, lebenslang und mit hohem Ansehen verbunden war, wurde von den Römern zwar zugelassen, aber unter ihre Kontrolle gestellt.
Wie begrenzt die Macht der zwangsläufig mit ihnen kooperierenden Hohepriester war, zeigt sich auch an den häufigen Wechseln. In der Zeit zwischen 37 vor und 70 nach Christus gab es insgesamt 28 Hohepriester, von denen einige nur ein einziges Jahr im Amt waren.
Unwahrscheinlich ist deshalb, dass sie jemals als geschlossene Gruppe auftreten und wie ein einzelner Akteur ins Geschehen eingreifen konnten. Ihre Rolle im Prozess dürfte bei Mk ebenso literarisch geprägt sein wie die aller anderen Prozess-Beteiligten, wie etwa die Rolle des Volkes, das als Zeuge und Richter zugleich in Anspruch genommen wird.
Die genannten wissenschaftlichen Erklärungen der Pluralformen gehen von historisch mehr oder minder gesicherten Fakten aus, nicht vom Text des Mk, der die Formel Oberpriester, Schreiber und Älteste geprägt hat. Diese Trias ist jedenfalls nicht pauschal mit der Jerusalemer Elite oder dem obersten jüdischen Gremium des Synedriums gleichzusetzen (vgl. 15,1).
Vielmehr führt Mk mit ihr eine dreifache jüdische Macht-Konstellation ein – in Analogie zum judäochristlichen Führungstrio von Petros, Jakobos und Johannes. Die entspricht zuvor der Dreizahl von Gästen des Herodes anlässlich seines Geburtstags. Die dort zu Tisch liegenden Obersten, Chiliarchen und die Ersten von Galiläa dienen als Anlass für die willkürliche Ermordung des Johannes d.T. (6,26; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-johannes-der-täufer).
Bei Mk sind die Hohepriester die mächtigsten Gegner Jesu. Doch weder der Jesus des Mk, noch der Autor selbst wendet sich ein einziges Mal gegen sie oder gegen die Ältesten. Deutliche Kritik gibt es nur an den Schreibern und deren Auftreten (vgl. 1,22); gegen sie bezieht Jesus in einer scharfen Erklärung Stellung (12,38ff).
Auf der Handlungsebene ist es die Trias jüdischer Macht, die für die Kreuzigung Jesu sorgt, auf der durch Analogie zu erschließenden Deutungsebene ist es das judäochristliche Führungstrio, das ihn ein weiteres Mal kreuzigt (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-sie-kreuzigen-ihn-doppelt-mk-15-24f).
Insofern braucht Mk den Plural der Hohepriester nicht weiter zu erklären. In Entsprechung zum Heiligtum, das nur auf der Handlungsebene den Jerusalemer Tempel bezeichnet, auf der Deutungsebene aber einen Blick auf den judäochristlichen Kult erlaubt, lassen auch dessen Akteure den Blick auf die von Mk eigentlich kritisierten christlichen Machtverhältnisse zu.
Daraus ergibt sich auch eine Antwort auf die andere Frage.
Zu 2.
Der eine Hohepriester, der Jesus verhört und schließlich der Blasphemie bezichtigt, heißt in den anderen Evangelien Kaiphas, eigentlich aber Kaiaphas, oder auch Josef, der (Sohn des?) Kaiaphas; einzig Mk nennt seinen Namen nicht. Die Gründe dafür sind unklar. Dass er ihn nicht kennt, kann als unwahrscheinlich ausgeschlossen werden. Will er ihn nicht bloßstellen?
Da die Gruppierung der Oberpriester eine Fiktion des Mk ist, liegt es nahe, auch ihren wichtigsten Exponenten entsprechend zu deuten. Sein Auftreten ist jedoch so realitätsnah dargestellt, dass der Eindruck eines literarischen Konstrukts sich nicht aufdrängt. Nur einige Beobachtungen dazu:
Der Erzählung des Mk zufolge könnte er selbst den angeklagten Jesus nach jüdischem Recht zum Tod durch Steinigung verurteilen. Insofern bräuchte er den aufwendigen Beschluss nicht, an dem ausdrücklich alle Entscheidungsträger beteiligt sind, die Oberpriester, Ältesten und Schreiber und das ganze Synedrium (15,1).
Doch fehlen ihm dazu zwei Zeugen, die unabhängig voneinander denselben Vorwurf gegen Jesus erheben, die also in ihrem Zeugnis gegen ihn übereinstimmen (14,56). Dass die Falschzeugen ausgerechnet auf das sog. Tempelwort Jesu rekurrieren (14,58, vgl. 13,1f), ist insofern bemerkenswert, als es an einen seiner Schüler adressiert war (13,1ff; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/anmerkungen-zur-endzeit-rede-jesu-mk-13).
In seiner sog. Endzeitrede hatte Jesus das erweiterte Führungstrio (und über sie hinaus die Leser:innen) davor gewarnt, zu glauben, wenn jemand zu ihnen sagt: Sieh hier, der Christus! (13,21). Dem Kontext nach geht es da zwar um Visionen des Auferstandenen, doch ist beides insofern vergleichbar, als der Hohepriester die Christus-Behauptung des Petrus wörtlich aufgreift und fragt: Du bist der Christus, der Sohn des Gelobten? (14,61, vgl. 8,29).
Die Leser:innen des Mk wissen bereits, dass Jesus diese Frage nicht einfach mit ja beantworten kann. Seine Antwort (Ich bin) weicht ihr geschickt aus, indem sie sie übertrifft. Jesus antwortet mit der Selbstoffenbarungs-Formel des jüdischen Gottes (14,62; vgl. Ex 3,14), die aus jüdischer Perspektive als Blasphemie verstanden und insofern mit Steinigung geahndet werden musste.
Entsprechend informierte Leser:innen des Mk erfahren auf die Weise: Hier wird über Jesus gerichtet, weil er jüdischerseits zum Christus, zum König Israels, und römischerseits zum König der Judäer erklärt wurde. Beide Titel sind für ihn als Gott unpassend (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-c-christus).
Dass Mk den Hohepriester nicht mit Namen nennt, hat hierin seinen einfachen Grund. Er klagt Jesus als den Christus an, mit jenem jüdischen Titel also, der zum Tod führt, weil er römischerseits missverstanden werden musste. Nicht um die Person des Kaiaphas geht es also, sondern um die fatalen Folgen eines falschen Titels.
Zu erwähnen ist schließlich noch die so kurze, wie rätselhafte Szene des Mk, bei der dem Diener des Hohepriesters sein Öhrchen abgetrennt wird (14,47). Deutungsoffen sind hier sämtliche beteiligten Akteure, die Dabeistehenden, insbesondere derjenige von ihnen, der ein Schwert zieht, sowie derjenige, der dem Hohepriester dient – und damit zum Opfer der kryptischen Aktion wird.
Für ihn kommt textintern jeder in Frage, der den Gegnern Jesu dient – und ihm nicht richtig zuhört. Dem Kontext nach trifft das am ehesten auf den Einen der Zwölf zu, der die Übergabe Jesu in die Hände der Oberpriester von sich aus initiiert und ihnen auf die Weise gedient hatte, auf Judas.
PS: Das Bild von Giotto stellt das Verhör Jesu durch Kaiaphas dar (Scrovegni-Kapelle, Padua, ca. 1305)
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