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Glosse: Mein Urlaubstraum – eine kleine Apokalypse

vor 17 Stunden
4 Min. Lesezeit

Borkum ist eine typische Nordsee-Insel. Der einzige Ort auf der Insel heißt ebenfalls Borkum. Er liegt nach Westen hin, so dass die Urlauber und Gäste allabendlich tun können, was sie bei schönem Wetter immer tun. Sie flanieren an der Strandpromenade auf und ab, um den Sonnenuntergang zu bewundern.


Die meisten von ihnen bleiben stehen, um ihn fotografieren zu können. Das ermöglicht es, auf unzähligen Fotos ihn immer wieder zu bewundern, zu allen Tages- und Nachtzeiten. Vielleicht machen sie ihre vielen Fotos auch einfach deshalb, weil ein einziges Bild den Vorgang des Untergangs nicht wiedergeben kann.


Auch ich bleibe stehen, setze mich auf eine Bank, die noch frei ist, und betrachte den Horizont. Einmal mehr staune ich über das Spiel der Farben am Himmel. Ich wundere mich, wie lange es dauert, bis es wirklich dunkel ist. Und ich wundere mich auch darüber, wie viele sich jeden Abend diesem Geschehen widmen, dessen Ereignisdichte überschaubar ist.


Vielleicht ist es der Mangel an Alternativen. Jedenfalls holen sie sich dafür an den sogenannten Milchbuden ein Bier, einen Aperol oder auch ein intensiv dunkelgelbes Getränk, das bei Ortskundigen Fasanenbrause heißt. Es ist einfach ein Sanddornlikör, der aus Sanddornsaft, Zucker und Alkohol besteht, freilich in anderer Reihenfolge. Die Farben dieser Getränke bilden offensichtlich die Farben der untergehenden Sonne ab.


Eines ist freilich nicht eingeplant, wenngleich es vorherzusehen war. Eine dunkle Wolke schiebt sich allmählich zwischen sie und die Flanierenden. Nach und nach wächst sie sich zu einem größeren Wolkengebilde aus. So steht das allabendliche Erlebnis in Frage. Wird die Sonne mit ihren letzten Strahlen noch einmal zu sehen sein? Die Frage nach dem Untergang lässt mich frösteln.


Was, wenn nicht? Was, wenn sie untergeht – und das war’s dann. Für immer, nicht nur für diesen einen Abend. Was hier nicht zu sehen ist: Dass es nicht nur auf Borkum dunkel bleibt, weil die Sonne zum allerletzten Mal untergeht. Dass sie weltweit wegbleibt, nicht nur vorübergehend, wie bei einer Sonnenfinsternis, sondern für immer, als hätte der liebe Gott einfach mal die Lampe gelöscht.


8 Minuten und 20 Sekunden: so lange braucht es, bis ihr Licht auf die Erde trifft. Das hört man nun in der Berichterstattung der Medien immer wieder. In permanenten Sondersendungen sprechen Fachleute über nichts anderes mehr. Erfahrene Astrophysikerinnen und Astronauten räumen ein, dass niemand damit gerechnet habe. Dass die Persistenz dieses Phänomens, diese dauerhafte Dunkelheit, nicht zu erwarten gewesen, noch zu berechnen sei. Die Grenzen der Erkenntnis seien erreicht.


Vor allem kommen in den Medien machtbewusste Politiker zu Wort. Der amerikanische Präsident behauptet, er selbst sei der mit den Wolken wiedergekehrte Christus, obwohl er doch zunächst nur von Fake News gesprochen hatte. Nach den aktuellen Umfragen hält ein Großteil der US-Bürger das für sehr wahrscheinlich. Sie glauben, dass er der Messias ist, und es sind viel mehr als sonst.


Obwohl die Erde ohnehin von der Sonne ins dunkle All wegdriftet, wird unter dem Namen Space X-2 eine Mission geplant, die unser erloschenes Sonnensystem verlassen und auf andere Galaxien ausweichen soll. Als Reisezeit wird eine Dauer von 40 Jahren angegeben, vielleicht aus dem einen Grund: weil diese Zahl biblisch belegt ist. Zahlungskräftige Kunden stehen bereits Schlange, ihr Vermögen in die hastig angelaufenen Vorbereitungen zu investieren.


Die Gotteshäuser füllen sich weltweit, nicht nur in den USA. Klar, dass hierzulande die Liturgie erst an die neue Situation angepasst werden muss, was mancherorts einfach so geschieht, ohne offizielle Billigung, ohne endlose Diskussionen. Der letzte Abend sei gekommen, so heißt es seitens der Kirchenleitungen, eben jene Endzeit, die von Propheten wie Amos, Jesaja oder Daniel angekündigt worden sei. Auch Jesus habe sie vorhergesagt.


Das Problem ist nur: Was heißt hier Endzeit? Es gibt die Zeit nicht mehr. Niemand weiß, wie es ohne sie weitergeht.


Die ersten Notstandsgesetze werden erlassen. Zum ersten Mal tritt der deutsche Kanzler vor die Kameras und erklärt mit besorgt-treuherzigem Blick den bundesweiten Krisenfall. Jetzt, in dieser misslichen Lage, komme es darauf an, auf dreierlei zu achten: auf Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld. Er selbst werde das aufbringen, was aber den meisten einerlei ist.


Aufgebrachte Bürger:innen fordern schon einen Machtwechsel. In gewohnt lautstarker Umnachtung skandieren sie, dass nur derjenige Kanzler kann, der Krise kann. Beschwichtigungen und Durchhalte-Parolen machen längst die Runde. Grüne halten Geothermie für die letzte Möglichkeit, der drohenden Abkühlung der Erde zu begegnen. Nicht nur sie, Politiker:innen aller Parteien warnen, dass die Durchschnitts-Temperatur weltweit binnen einer Woche unter Null fallen werde. Wissenschaftlich sei das erwiesen.


Doch was bedeutet eine Woche? Der Arbeitstag, die Arbeitswoche – das Verhältnis von Arbeit pro Zeit ist längst aufgelöst, verloren in den unendlichen Weiten des Universums. Zunächst hatten sich einige gefreut. Jugendliche etwa, weil die Schule ausfällt. Weil sie länger schlafen oder anstelle des Schul-Alltags etwas ganz Besonderes erleben wollten.


Doch die Rhythmen von Schlafen und Wachen sind ebenso durcheinander geraten wie die der Mahlzeiten. Weil Hungersnöte zu erwarten sind, liegen die Nerven blank. Die Politik wird aufgerufen, endlich etwas dagegen zu unternehmen.


In ewiger Nacht muss die Zeitrechnung angepasst werden. Die EU-Kommission bietet dafür noch keine Lösung an, hat aber umgehend Energiespar-Maßnehmen angekündigt. Man brauche jetzt deutlich mehr Nachhaltigkeit, so heißt es mit Nachdruck. Jeder EU-Staat werde nur noch über radikal begrenzte Strom-Kontingente verfügen können, da die Photovoltaik ausgefallen und der Bedarf an Licht und Wärme sprunghaft angestiegen sei.


Sogar den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten fehlen die Möglichkeiten, ihrem Auftrag nachzukommen. Die Versorgung mit Strom pro Haushalt wird inzwischen auf fünf Minuten beschränkt. Hinzu kommen maximal fünf weitere Minuten, die für die Medien-Nutzung des einzig verbliebenen Rundfunksenders zur Verfügung gestellt werden.


Die letzten Reserven von Benzin, Kohle und Gas sind zu Ende gegangen, die Wälder sind abgeholzt, die Akkus aufgebraucht. Trotzdem werden mit letzter Kraft aus manchen Ländern Raketen abgefeuert, deren Steuerung nicht funktioniert. Die Ziele bleiben im Dunkeln, was wegen der eskalierenden Gewalt in den Städten, wegen der Überfälle und Plünderungen kaum mehr wahrgenommen wird.


Mich trifft auf einmal der Schlag. Ich schrecke auf, -- war das denn alles nur ein Traum? Da hat sich jemand zu mir auf die Bank gesetzt. Leise, fast unhörbar sagt er Fürchte dich nicht. Er scheint mich zu kennen. Gleich wird er aufstehen, ich werde ihm folgen – aus der Finsternis in ein Licht, das nicht von dieser Welt ist.

 
 
 

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