Mk 9,50 und die Synoptische Frage

Es versteht sich von selbst: Mit einem einzelnen Vers des Mk wird eine etablierte wissenschaftliche Theorie sich nicht beweisen und schon gar nicht falsifizieren lassen. Gleichwohl sind in Mk 9,50 die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede in der synoptischen Überlieferung so bemerkenswert, dass sie eine Prüfung, vielleicht sogar eine Revision der sog. Zweiquellentheorie nahelegen.
Dabei ist es unerheblich, ob es sich bei dem Vers um ein originales Jesuswort handelt. Vermutlich steht er in der synoptischen Tradition, ohne auf den historischen Jesus zurückgeführt werden zu können Trotzdem wird der Begriff des Logions bzw. des Spruchs hier beibehalten.
Das sog. Salzlogion (9,50) hat es in sich. Bei Mk ist schon der unmittelbare Kontext unklar, da der Vers zuvor ein bemerkenswertes Text-Problem aufwirft. Die inzwischen weithin akzeptierte Kurzfassung von 9,49 ist wohl die richtige, aus diversen textkritischen Gründen. In ihr wird einmal nur vom Salz gesprochen: Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden. Unklar ist freilich, was damit gemeint ist.
Das gilt ebenso für das anschließende Salzlogion: Gut ist das Salz; wenn aber das Salz unsalzig wird, womit werdet ihr es würzen? Habt in euch Salz und haltet Frieden untereinander. (Καλὸν τὸ ἅλας· ἐὰν δὲ τὸ ἅλας ἄναλον γένηται, ἐν τίνι αὐτὸ ἀρτύσετε; ἔχετε ἐν ἑαυτοῖς ἅλα καὶ εἰρηνεύετε ἐν ἀλλήλοις).
Mk spricht also insgesamt viermal vom Salz: zunächst mit dem vorab genannten Verbum des Salzens (9,49), dann zweimal mit dem Substantiv Salz und einmal mit dem dagegen gesetzten Adjektiv unsalzig oder auch salzlos.
In der Vergangenheit wurde verschiedentlich versucht, den offensichtlichen Widerspruch zu entschärfen und zu erklären, wie und warum Salz tatsächlich unsalzig werden könnte. Derartige Versuche haben jedoch mit der Realität nichts zu tun; abwegig sind sie schon deshalb, weil sie sowohl das für Mk typische Paradox, als auch die Metaphorik des Salz-Motivs ignorieren.
Dabei scheint ein Wechsel in der Bildwelt von 9,49 zu 9,50 bemerkbar zu sein, wie der betonte Einsatz in 9,50 zeigt (Gut ist das Salz). Dieser kurze Satz (9,50a) dient als Scharnier zwischen den beiden unterschiedlichen Salz-Metaphern.
Die erste in 9,49 verknüpft ein Gesalzenwerden mit dem Feuer und könnte damit auf die Bildwelt eines konservierenden Räucherns rekurrieren. Alternativ wäre sie auf die Opferthematik aus Lev 2,13 bezogen, die in manchen Handschriften explizit zitiert wird. So oder so geht es um einen rätselhaften Vorgang, der jedem Einzelnen bevorsteht.
Dagegen wird in 9,50 ein Kollektiv von Menschen angesprochen, das Salz in sich haben, es selbst zum Einsatz bringen – und dabei Frieden halten soll. Die Salz-Metaphorik könnte hier auf die im hellenistischen Kulturraum verbreitete Redewendung des sal Atticum, des Attischen Salzes, abheben; so wäre das Salz ein Bild für die Würze in der Verkündigung.
Die Angesprochenen sollen also über Weisheit, Schlagfertigkeit und Witz verfügen und entsprechend gewitzt nach außen, doch friedlich nach innen auftreten. Als Reaktionen darauf lassen sich die beiden anderen synoptischen Salzlogien verstehen.
Matthäus greift in seinem Salzlogion das Motiv auf (Mt 5,13), bezieht es aber unmittelbar auf die angesprochene Schülerschaft, nicht nur auf die Art und Weise ihres Auftretens: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz töricht gemacht wird, womit wird es gesalzen werden? Zu nichts ist es mehr imstande, als hinausgeworfen und zertreten zu werden von den Menschen. (Ὑμεῖς ἐστε τὸ ἅλας τῆς γῆς· ἐὰν δὲ τὸ ἅλας μωρανθῇ, ἐν τίνι ἁλισθήσεται; εἰς οὐδὲν ἰσχύει ἔτι εἰ μὴ βληθὲν ἔξω καταπατεῖσθαι ὑπὸ τῶν ἀνθρώπων).
Dieser Spruch steht an prominenter Stelle in der Bergpredigt, losgelöst von den bei Mk voranstehenden Gerichtsworten oder Mahnungen. Er ist dennoch von Mk beeinflusst, wie einige Details zeigen. So fällt insbesondere auf, dass das Salz auch hier seine Qualität entscheidend verändert. Doch wird es dadurch nicht unsalzig, sondern töricht oder dumm gemacht (μωρανθῇ).
Matthäus sieht das Salz ebenfalls als Kollektiv, betont aber die Folgen seiner Wertlosigkeit. Der Begriff töricht lässt sich als Antonym zu weise deuten; damit bestätigt er ex negativo die Bedeutung der Würze, die es bei Mk als Attisches Salz hat, als Ausdruck von Weisheit und Witz. Die ebenfalls von Mk übernommene rhetorische Frage bestätigt wiederum, dass derart dummes Salz nicht wieder salzig gemacht werden kann.
Daher wird es ausdrücklich von Menschen zertreten werden. Mit dieser Drohung scheint Matthäus darauf hinzuweisen, dass nicht Gott sich um die Existenz derartiger Würze kümmern werde. Vielmehr bleibt es Menschen überlassen, die Demütigung oder gar die Vernichtung des wertlos gemachten Kollektivs zu übernehmen.
Das alles sind bedeutungsvolle Modifikationen des Salz-Motivs bei Mk und der von ihm angesprochenen Bildwelt. Daher ist es nicht nur unnötig, sondern auch methodisch fragwürdig, das Salzlogion des Matthäus einer anderen Herkunft zuzuweisen, konkret der ohnehin umstrittenen Spruchquelle Q. Warum sollte Matthäus einen Spruch aus Q derart aufwendig an die Formulierung des Mk angeglichen haben?
Ebenso unnötig und fragwürdig sind diverse andere Theorien: Dass Matthäus einen anderen Mk vor sich gehabt habe, einen Urmarkus etwa oder einen Deuteromarkus, einen Text also, der uns nicht überliefert ist, aber die unzähligen Minor Agreements im Wortlaut des Lukas erklären könnte. Dessen Salzlogion in Lk 14,34.35 erweist sich als eine Kombination der ursprünglichen Mk-Formulierungen mit denen des Matthäus.
Bei Lukas heißt es: Gut ist das Salz. Wenn aber auch das Salz töricht gemacht wird, wodurch wird es gewürzt werden? Weder für die Erde, noch für den Misthaufen ist es tauglich; man wirft es hinaus […]. Καλὸν οὖν τὸ ἅλας· ἐὰν δὲ καὶ τὸ ἅλας μωρανθῇ, ἐν τίνι ἀρτυθήσεται; 35οὔτε εἰς γῆν οὔτε εἰς κοπρίαν εὔθετόν ἐστιν, ἔξω βάλλουσιν αὐτό […].
Die positive Bewertung des Salzes, die bei Mk als Scharnier dient, um die beiden Metaphern aus 9,49 und 9,50 zu verknüpfen, behält Lukas ebenso bei wie dessen rhetorische Frage, nun wieder mit dem Begriff des Würzens. Andererseits wird wie bei Matthäus das unbrauchbar gemachte Salz hinausgeworfen werden, wenn auch mit einer anderen Begründung und mit anderen Folgen.
Von Matthäus übernimmt Lukas das Passiv töricht gemacht für ein Salz, das ebenso als Kollektiv gilt, nun aber als untauglich bezeichnet wird. Damit kann es nicht mehr im Dienst eines friedlichen Miteinanders stehen, obwohl es von Haus aus gut ist. Bei Lukas wird es allerdings nur entsorgt, ohne danach auch noch zertreten zu werden. Die zueinander in Opposition stehenden Begriffe von Erde und Misthaufen sind anschauliche Bilder aus der Missionswelt.
Fazit: Wo Mk ein gewitztes Auftreten, eine gewürzte Verkündigung nach außen fordert, nach innen aber das friedliche Miteinander, droht Matthäus mit den Folgen des töricht gemachten Kollektivs. Das bestätigt einmal mehr die in diesem Blog beobachtete Tendenz des Matthäus, den Witz des Mk abzulehnen, insbesondere in den Äußerungen Jesu. Lukas schwächt wiederum die scharfe Drohung des Matthäus ab, schon dadurch, dass er das Salz grundsätzlich positiv bewertet.
Diese Varianten können als redaktionelle Modifikationen erscheinen. Sie legen eine sukzessive Fortschreibung nahe, die weit entfernt ist von der Theorie, Matthäus und Lukas hätten in ihren jeweiligen Fassungen unabhängig voneinander eine zweite Quelle Q herangezogen. Entgegen der wissenschaftlichen Konvention kann die Zweiquellentheorie in diesen beiden Fällen kaum als Erklärungsmodell dienen.
Das scheint insgesamt ihr größtes Problem zu sein: Wenn ihre mechanische Anwendung dazu beiträgt, textpragmatische Fragen und exegetische Beobachtungen auszublenden und durch ein schematisches Erklärungsmodell zu ersetzen.
Um dadurch entstehende Aporien zu vermeiden, werden zudem komplexe Logien-Überlieferungen angenommen, als seien Jesus-Worte in entsprechend unterschiedlichen Varianten überliefert worden. Das ist beim Salzlogion unwahrscheinlich; es kann insofern für Mk 9,50 ausgeschlossen werden, als der Vers mit dem mutmaßlichen Bezug zum sal Atticum nicht im jüdischen Kulturraum beheimatet sein dürfte.
Damit ist nicht die Existenz einer Logienquelle widerlegt, noch die Möglichkeit, dass es überhaupt Jesus-Worte gab, die unterschiedlich überliefert wurden. Beides ist trotz der axiomatischen Geltung nur eine Theorie, die an anderer Stelle grundsätzlich zu überprüfen wäre.
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