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Judas - ein Verräter?

Aktualisiert: 22. Okt.


Judas soll, den späteren Evangelien zufolge, Jesus mit einem Kuss verraten haben. Auch der Judas des Mk gilt noch immer als ein Überläufer, sein Kuss, hier im Bild-Ausschnitt eines Gemäldes von Caravaggio, als das verlogene Zeichen seines Verrats.


Das ist sogar in solchen Bibel-Editionen der Fall, die das Wort verraten für Judas nicht mehr verwenden (vgl. die Überschriften EÜ 2016, ELB). Mit den alten Deutungsmustern von Untreue, Habgier und Heimtücke bleiben die alten antijüdischen Stereotype wirksam.


Plausibel ist das nach der Erzählung des Mk nicht. Die Themen, die er mit seinem Judas bei geringstem Erzählaufwand einspielt, sind theologischer Natur. Sie beantworten die Frage, wie Jesus aus der Hand Gottes in die Hände der Sünder übergeben wurde. Weshalb er erst den Oberpriestern und schließlich in den Tod am Kreuz ausgeliefert werden musste.

Von einem Verrat rund um das letzte Mahl Jesu kann schon deshalb keine Rede sein, weil Judas – der Name deutet es an – ein narratives Konstrukt des Mk ist. Auch Paulus weiß nichts von einem Verrat oder einem vergleichbaren Vorfall, geschweige denn von einem Verräter; den Namen Judas erwähnt er nicht.


Stattdessen legt Paulus Gewicht auf den Begriff des Überlieferns und der Überlieferung. Er überliefert die Abendmahlsworte so, wie er sie selbst empfangen hatte (1 Kor 11,23). Im selben Satz spricht er auch von der Nacht, in der Jesus überliefert wurde. Was er damit meint, erklärt er nicht.


Diesen Überlieferungs-Begriff übernimmt auch Mk aus der jüdischen Pessach-Tradition, wobei er das entsprechende Verbum (paradidōmi, übergeben, ausliefern) in je unterschiedlichen Bedeutungen verwendet und kunstvoll mit der Erzählfigur des Judas verknüpft.

In den Evangelien gibt es keinen Hinweis darauf, dass Jesus überhaupt verraten werden konnte. Bei Mk gilt er als eine überregional bekannte Persönlichkeit, nicht erst seit seinem Aufenthalt in Jerusalem. So heißt es schon zuvor, dass Menschen aus Jerusalem zu Jesus gekommen seien (3,8).

Frei erfunden und ohne Anhalt am Text ist die Erklärung, Judas habe den Ort seines Aufenthalts verraten. Nichts spricht dafür, dass Gethsemani (hebr. für Ölpresse) als Versteck gedient haben könnte. Dieser wichtige Ort der Passionsgeschichte, an dem Mk eine seiner Schlüsselszenen lokalisiert (14,32ff), wurde später zur bloßen Kulisse von Verrat und Verhaftung.

Der Begriff des Verrats ist bezeichnend für die späteren Evangelien und die ihnen folgende Auslegungstradition. Sie war bemüht, den Text des Mk umzudeuten, um seine schwer belastende Darstellung der Zwölf, insbesondere die des Petros, unschädlich zu machen. Beschädigt wurde dafür zunehmend die Erzählfigur des Judas.

Bei Mt wird dessen Habgier und die zu späte Reue betont (Mt 26,15; 27,4), bei Lk wird er offen als Verräter bezeichnet (Lk 6,16), in den der Satan gefahren sei (Lk 22,3 vgl. Joh 13,27), und bei Joh wird er außerdem zum Dieb, der die gemeinsame Kasse veruntreut habe (Joh 12,6). Ganz zu schweigen von den Auswüchsen späterer Interpreten, die diese antijüdische Linie fortsetzen.


Die entscheidende Tat des Judas ist ein Übergeben oder Ausliefern, ein Weitergeben, durch das er schon bei der ersten Nennung seines Namens in der Liste der Zwölf gekennzeichnet ist (3,19). Für ein Verraten hätte Mk wohl ein stärkeres Kompositum verwendet (prodidōmi statt paradidōmi, vgl. der Verräter, προδότης, in Lk 6,16).


Das Überliefern ist ein wichtiger Hinweis auf den sog. Gottesknecht des Jesaja, der zu einem stellvertretenden Leiden überliefert wird (Jes 53,12).


Bei Mk ist Judas aber nicht der Einzige, der Jesus ausliefert (der ihn auch auslieferte, 3,18; vgl. Vulgata: qui et tradidit illum). Neben Judas gibt es also eine Kette weiterer Auslieferer, zu denen an letzter und entscheidender Stelle Pilatus zählt. Im selben Maß, wie die spätere Auslegungstradition Judas verurteilte, wurde der römische Präfekt entlastet.

Da Pilatus aber derjenige ist, der Jesus schließlich zur Geißelung und in den Tod ausliefert (15,15), könnte ihm das kryptische Wehewort Jesu gelten, eine prophetische Form der Totenklage (14,21). Das legt nicht nur der unmittelbare Kontext nahe. Auch die wörtliche Übersetzung zeigt den entsprechenden Abstand: Es wäre für ihn (Jesus?) gut, wenn nicht geboren (gezeugt) wäre jener Mensch.


Bemerkenswert an der Überlieferungskette ist, dass nicht Judas sie auslöst, sondern Gott. Diese Deutung gibt Jesus selbst vor mit seiner prophetischen Lehre, dass der Menschensohn in die Hände der Menschen überliefert werde (9,31).


Das bedeutet: Gott übergibt seinen Sohn in den Machtbereich von Menschen, konkret in die Hände jener Judäochristen, für die Mk typologisch den Namen Judas setzt. In symbolischer Lesart ist das auch auf die Teilnahme an der Mahlfeier bezogen, bei der das Brot (sc. Jesus) in die Hände der Menschen gegeben wird. Die Bedeutung des Judas für das Abendmahlsgeschehen wird in einem eigenen Blog-Beitrag zu klären sein.


In der Zwölfer-Liste ist Judas als letzter genannt und ebenso wie zuvor Simon (der Kananäer) durch einen auffallenden Beinamen markiert (Iskarioth, 3,19; 14,10; hebr. Mann von Qerijot). Wie so oft bei den Ortsangaben des Mk ist auch die hier von tieferer Bedeutung. Judas ist der Mann von Begegnungen.

Dazu passt der Hinweis in der Zwölfer-Liste, dass Judas ihn auch auslieferte. Das knüpft rätselhaft an die Auslieferung des Johannes an (1,14) und lässt die besondere Bedeutung des Judas erahnen, ohne sie konkret zu benennen.

Erst in der Passionsgeschichte tritt Judas als Akteur in Erscheinung. Sein Auftritt wird nicht als Verrat inszeniert, er ist vielmehr eine Demonstration falscher Liebe. Deswegen wird er nach der Salbung durch jene namenlose Frau in die Handlung eingeführt, die damit ein Zeichen falsch verstandener Liebe zum Christus Jesus setzt (14,8; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-c-christus).


Als der Eine der Zwölf (sic! 14,10) gibt Judas demonstrativ ein Zeichen brüderlicher Liebe (vgl. Lev 19,18). So ist er umgekehrt auf den Einen bezogen, den Jesus liebt, wenn auch aus unklaren Motiven (10,21); näheres dazu in einem separaten Blog-Beitrag.


Seine Liebe bringt Judas selbst in einer Rückblende zum Ausdruck: Wen auch immer ich lieben soll, der ist (14,44: ὃν ἂν φιλήσω αὐτός ἐστιν). Damit greift er auf das sog. Doppel-Gebot der Liebe zurück (12,28ff), lässt aber offen, wen er denn lieben werde, den Gott oder den Menschen, und zitiert seine Version des Liebesgebots mit einer falschen Vokabel (φιλήσω).


Die richtige Vokabel des Doppel-Gebots ist gleich danach in einem Wortspiel zu erkennen. Da verlangt Judas von den Oberpriestern, Jesus sicher wegzuführen, anstatt von ihnen das Liebesgebot einzufordern (statt agapate heißt es apagete, 14,44). So kommt Judas mit bewaffnete Milizen, die Hand an ihn legen und ihn ergreifen (14,46).


Den Oberpriestern jedenfalls bietet er Jesus als Gott an, entsprechend dessen Selbst-Offenbarung (der ist! vgl. Ich bin! 6,50; 14,62). In Gethsemani spricht er ihn dagegen als Menschen an, unmittelbar vor seinem Kuss und situativ unpassend, als einen Rabbi (14,45). Judas schwankt in der Frage, wie er Jesus lieben soll, als Gott oder als Menschen.


Der jüdische Rabbi-Titel ist für Jesus angesichts seiner weltweit geltenden Lehre ebenso unzureichend wie der jüdische Christus-Titel des Petros für sein weltweites Königtum. Wer Jesus nur als Menschen liebt, läuft Gefahr, seinen ersten Auftrag zu missachten (12,28).


So ist der Judas des Mk alles andere als ein Verräter. Er steht als der Letzte der Zwölf für eine (falsche) Überlieferung, die Jesus aus (falsch verstandener) Liebe in den Tod führt und nach Maßgabe des göttlichen Willens führen muss.


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