Aus dem kleinen ABC zum Markus-Evangelium: K – Kinder
Aktualisiert: vor 4 Tagen

In der kirchlichen Theologie wird die besondere Bedeutung von Kindern für Jesus immer wieder hervorgehoben. Sie wird in einer Linie gesehen mit seinem Einsatz für die Schwachen und Vernachlässigten der Gesellschaft, zu denen auch Witwen oder durch Scheidung verlassene Frauen zählen. Der Text des Mk ist für derartige sozialromantische Interpretationen allerdings nicht in Anrechnung zu bringen.
Mit zwei verschiedenen Begriffen für Kind unterscheidet Mk die beiden christlichen Ethnien jüdischer und nichtjüdischer Herkunft, die hier als Judäochristen und Völkerchristen bezeichnet werden. Er beschreibt also nicht unterschiedliche Erscheinungsformen von Kindheit oder Altersgruppen, geschweige denn psychologische Aspekte von Vater- bzw. Mutter-Kind-Beziehungen.
In deutschen Übersetzungen ist diese konsequent durchgeführte Differenzierung nicht erkennbar; mit dem einen Wort für Kind ist sie im Deutschen auch nicht oder nur über Umwege darstellbar.
Die Differenzierung des Mk und die ihr hier folgende Terminologie von Judäochristen und Völkerchristen sind mit dem Entstehungs-Anlass der Erzählung verknüpft, mit jenem Konflikt in der Frühgeschichte des Christentums, der als Antiochenischer Zwischenfall bezeichnet wird (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wann-wurde-der-text-des-mk-geschrieben).
Der in einer Biographie Jesu scheinbar anachronistische Ausdruck der Judäochristen beschreibt hier diejenigen Juden, die sich der Jesus-Bewegung angeschlossen hatten, ohne die Traditionen der Tora und des Jerusalemer Tempels aufzugeben. Sie trägt Mk rückwirkend in die Lebensgeschichte Jesu ein, um sie gezielt ins Visier nehmen zu können.
Mit der Differenzierung hängen die Kind-Geschichten des Mk mehr oder minder direkt zusammen. So geht es auch bei Söhnen und Töchtern um entsprechende Identitätsfragen und damit um Abgrenzungsprobleme der beiden Ethnien. In diesem Kontext ist auch die Frage der Gotteskindschaft zu sehen, die an anderer Stelle des Blogs Thema sein wird.
In beiden Formen hat der Begriff für Kind, ähnlich dem der Schüler, durchweg kollektive Bedeutung. Das Wort teknon steht im Anschluss an die Töchter Zion (z.B. Jes 62,11) für Judäochristen (vgl. 7,27), das diminutive Wort paidion (Kindchen) wird mit im Anschluss an den Gottesknecht für Nichtjuden bzw. Völkerchristen verwendet (z.B. 9,37, vgl. Jes 53,2) - und dies bezeichnenderweise 12 mal.
Wenn Jesus als Freund kleiner Kinder dargestellt wird, beruht das meist auf einem Missverständnis, auf einer Fehldeutung des sog. Kinderevangeliums (10,13-16). Da kommt Jesus auf Kinder (paidia) zu sprechen, die zu ihm kommen sollen, im Anschluss an seine Lehre über die Ehescheidung (10,14, https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-wird-der-mann-seiner-frau-anhaften-mk-10-7).
Im übertragenen Sinn sind damit also Nichtjuden gemeint, die von sich aus zu ihm kommen können, die weder durch seine judäochristlichen Schüler gebracht, noch von ihnen daran gehindert werden sollen.
Es ärgert Jesus, dass sie genau das tun (10,14). Sein Ärger erklärt sich durch ihren bemerkenswerten Ungehorsam. Jesus hatte bereits ein (nichtjüdisches!) Kind in ihre Mitte gestellt und demonstrativ in die Arme genommen.
Diese Liebe zu den Völkerchristen hatte er mit einer Erklärung aus dem Gesandtenrecht unmissverständlich kommentiert: Wer immer eines von solchen Kindern aufnimmt in meinem Namen, nimmt mich auf (9,36; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-was-heißt-in-meinem-namen-mk-9-38).
Die Botschaft des Mk - und damit die Lehre Jesu gegenüber seinen Schülern - ist klar: Nichtjuden aus den Völkern können in die bislang jüdische Jesus-Sekte aufgenommen werden, trotz aller Abgrenzungsfragen und Konflikte. Mit ihnen wird Jesus aufgenommen und damit der Vater, der ihn gesandt hat (9,37).
Wer dagegen nicht bereit ist, sie zum Königtum Gottes zuzulassen, der wird selbst nicht ins Königtum zugelassen (10,15). Demonstrativ nimmt Jesus diese nichtjüdischen Neuzugänge in die Arme, legt ihnen die Hände auf und segnet sie (10,16).
So gesehen besteht die Lern-Aufgabe seiner judäochristlichen Schüler in der Bereitschaft, Menschen aus den Völkern bei sich aufzunehmen, nicht in Abgrenzung von ihnen, noch in der Sendung zu ihnen hin. Wie so oft, ändert Matthäus auch diese Vorgabe des Mk, hier durch sein Konzept der apostolischen Mission (vgl. Mt 28,19).
Kind-Geschichten sind meist komplizierte Heilungs- bzw. Rettungsgeschichten, zunächst im jüdischen bzw. judäochristlichen Kontext. Einen Gelähmten, dem Jesus die Sünden nur deshalb erlässt, weil er den Glauben seiner Träger sieht, spricht er barsch als (jüdisches) Kind an (teknon, 2,5; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-mk-1-40ff-jesus-heilt-einen-aussätzigen-dann-einen-gelähmten).
Das Töchterchen des Jairos ist das Thema einer Auferstehungs-Geschichte, in deren Zentrum die Rettung einer anderen Tochter, der sog. blutflüssigen Frau, erzählt wird (5,22ff). Dass die beiden Geschichten nicht nur aufeinander, sondern auch auf die Zwölf bezogen sind, steht angesichts der betonten Zwölfzahl außer Frage (5,25.42). Das wird ebenfalls in einem eigenen Blogbeitrag zur Sprache kommen.
Hier ist sie vor allem deshalb erwähnenswert, weil dieses jüdische Töchterchen des betont als Synagogenvorsteher bezeichneten Jairos von Jesus wie ein völkerchristliches Kind bezeichnet wird (paidion, 5,39). Die Deutung liegt nahe, nämlich die Antwort auf die Frage, warum die konfliktreiche Unterscheidung durch Jesus aufgehoben wird.
Denn auch Kinder von dezidiert jüdischen Vätern wie Jairos können zu Jesus gehören, sofern die mit ihm weggehen (5,24) und ihm vertrauen (5,36). Christliche Identität wird also nicht über die Mutter definiert, noch über die Taufe, sondern über das Vertrauen zu Jesus bzw. zu seinem Vater.
Die für den Jesus des Mk wesentliche Bewegung von den Juden zu den Heiden wird in der Geschichte der Fernheilung einer Tochter problematisiert (7,24ff). Auf Seiten der Völker ist es eine Mutter, eine in jüdischen Augen verrufene Syrophönizierin, die sich an Jesus wegen des Dämons ihrer Tochter wendet, freilich ohne deren Unreinen Geist zu bemerken (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/was-zeichnet-die-griechin-aus-syrophönizien-aus-mk-7-24-30).
Ebenfalls auf völkerchristlicher Seite und parallel zur Tochter des Jairos lässt Jesus einen Sohn sterben (9,17ff), der laut der Diagnose des Vaters seit seiner (völkerchristlichen) Kindheit unter einem sprachlosen Geist leidet (9,21). Tatsächlich begreift der Vater weder den eigentlichen Grund, noch das Ausmaß der Krankheit, geschweige denn die Autorität Jesu (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-vom-vater-und-seinem-besessenen-sohn-mk-9-14-29).
Einige Nebenfiguren weisen mit ihren rätselhaften Angaben auf spezielle Vater-Beziehungen hin. So ist Levi (2,14) ebenso ein Sohn des Alphaios wie der sog. kleine Jakobos (3,18; https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-der-levi-des-mk).
Bartimaios, der Sohn eines (griechischen) Timaios, steht in ähnlich spannungsvoller Beziehung zum Sohn Davids (10,46; https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-bartimaios-mk-10-46ff), wie Barabbas, der Sohn des Vaters, zu Jesus, dem Sohn des Menschen (15,7ff; ein Beitrag dazu folgt).
Eine randständige und doch wichtige Vaterfigur ist Simon, ein Kyrenaier, der dritte Simon der Passionsgeschichte (15,21). Dieser vom Acker kommende, leidensbereite Vater muss sein Kreuz tragen und folgt damit, im Gegensatz zu Petros, der zentralen Lehre Jesu (8,34). So kann er allegorisch zum Vater der griechischen und der römischen Völker werden durch seine beiden Söhne (Alexander und Rufus; 15,21; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-bartimaios-mk-10-46ff).
Wen liebt Jesus mehr: Judäochristen oder Völkerchristen? Mk gibt eine Antwort im Anschluss an das sog. Kinderevangelium. Da geht es um den Einen, der ohne jüdische Abstammung und ohne Jesus-Nachfolge die Frage nach dem Ewigen Leben stellt (10,17); vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-einen-mk-10-17ff).
Ihn allein liebt Jesus (10,21), doch wohl nicht deshalb, weil er seit seiner Jugend diese eigentümliche Auswahl an Geboten befolgt, die Jesus ihm gegenüber aufzählt. Jesus liebt ihn, weil er kein Kind ist, weil er sich selbst außerhalb des Konflikts von judäochristlicher und völkerchristlicher Identität positioniert.
Das zeigt er mit seinem Wort für Jugend (neotēs). Er ist also weder Jude noch Grieche (vgl. Gal 3,28; Röm 10,12) – und scheitert doch mit seiner Absicht, Ewiges Leben zu erben, weil er zum Verzicht nicht bereit ist.
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