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Aus dem kleinen ABC zum Markus-Evangelium: K – Kinder

Aktualisiert: 27. Mai



In der kirchlichen Theologie wird die besondere Bedeutung von Kindern für Jesus immer wieder hervorgehoben. Sie wird in einer Linie gesehen mit seinem Einsatz für die Schwachen und Vernachlässigten der Gesellschaft, zu denen auch Witwen oder durch Scheidung verlassene Frauen zählen. Der Text des Mk ist für eine sozialromantische Interpretation allerdings nicht in Anrechnung zu bringen.


Mit zwei verschiedenen Begriffen für Kind unterscheidet Mk die beiden christlichen Ethnien jüdischer und nichtjüdischer Herkunft, die hier als Judäochristen und Völkerchristen bezeichnet werden. Er beschreibt also nicht unterschiedliche Erscheinungsformen von Kindern oder deren Altersgruppen, geschweige denn psychologische Aspekte von Vater- bzw. Mutter-Kind-Beziehungen.


In deutschen Übersetzungen ist seine konsequent durchgeführte Differenzierung nicht erkennbar; mit dem einen Wort für Kind ist sie im Deutschen auch nicht oder nur über Umwege darstellbar.


Die Differenzierung des Mk und die ihr hier folgende Terminologie sind mit dem Entstehungs-Anlass der Erzählung verknüpft, mit jenem Konflikt in der Frühgeschichte des Christentums, der als Antiochenischer Zwischenfall bezeichnet wird (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wann-wurde-der-text-des-mk-geschrieben).


Der in einer Biographie Jesu scheinbar anachronistische Ausdruck der Judäochristen beschreibt hier diejenigen Juden, die sich der Jesus-Bewegung angeschlossen hatten, ohne die Traditionen der Tora und des Jerusalemer Tempels aufzugeben. Sie trägt Mk rückwirkend in das Leben Jesu ein, um sie gezielt ins Visier nehmen zu können.


Mit seiner Differenzierung hängen viele Geschichten des Mk mehr oder minder direkt zusammen. So geht es auch bei Söhnen und Töchtern um entsprechende Identitätsfragen und damit um Abgrenzungsprobleme der beiden Ethnien.


In beiden Formen hat der Begriff für Kind, ähnlich dem der Schüler, durchweg kollektive Bedeutung. Das Wort teknon steht im Anschluss an die Töchter Zion (z.B. Jes 62,11) für Judäochristen (vgl. 7,27), das Wort paidion (diminutiv, d.h. Kindchen) wird mit dem Bezug auf den Gottesknecht (vgl. Jes 53,2) für Nichtjuden bzw. Völkerchristen verwendet (z.B. 9,37).


Wenn Jesus als Freund kleiner Kinder dargestellt wird, beruht das also auf einem Missverständnis, auf einer Fehldeutung des sog. Kinderevangeliums (10,13-16). Da kommt Jesus auf Kinder (paidia) zu sprechen, die zu ihm kommen sollen, im Anschluss an seine Lehre über die Ehescheidung (10,14, https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-wird-der-mann-seiner-frau-anhaften-mk-10-7).


Im übertragenen Sinn sind damit alle Nichtjuden gemeint, die von sich aus zu ihm kommen können, die also durch seine judäochristlichen Schüler weder gebracht, noch daran gehindert, d.h. von ihm ferngehalten werden sollen.


Es ärgert Jesus, dass sie genau das tun (10,14). Sein Ärger erklärt sich durch ihren bemerkenswerten Ungehorsam. Jesus hatte bereits ein (nichtjüdisches) Kind in ihre Mitte gestellt und in die Arme genommen.


Diese Liebe zu den Völkerchristen hatte er mit einer Erklärung aus dem Gesandtenrecht unmissverständlich kommentiert: Wer immer eines von solchen Kindern aufnimmt in meinem Namen, nimmt mich auf (9,36; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-was-heißt-in-meinem-namen-mk-9-38).


Die Botschaft des Mk - und damit die Lehre Jesu gegenüber seinen Schülern - ist klar: Nichtjuden aus den Völkern sollen in die bislang jüdische Jesus-Sekte aufgenommen werden, trotz aller Abgrenzungsfragen und Konflikte. In ihnen wird Jesus aufgenommen und damit der Vater, der ihn gesandt hat (9,37).


Wer nicht bereit ist, sie zum Königtum Gottes zuzulassen, der wird selbst nicht ins Königtum zugelassen (10,15). Demonstrativ nimmt Jesus solche nichtjüdischen Neuzugänge in die Arme, legt ihnen die Hände auf und segnet sie (10,16).


So gesehen besteht die Lern-Aufgabe seiner judäochristlichen Schüler in der Bereitschaft, Menschen aus den Völkern zu sich aufzunehmen, nicht aber in Abgrenzung von ihnen, noch in der Sendung zu ihnen hin. Wie so oft, ändert Matthäus diese Ablehnung der apostolischen Mission ausdrücklich (vgl. Mt 28,19).


Kind-Geschichten sind meist komplizierte Heilungs- bzw. Rettungsgeschichten, zunächst nur auf judäochristlicher Seite. Einen Gelähmten, dem Jesus die Sünden nur deshalb erlässt, weil er den Glauben seiner Träger sieht, spricht er barsch als (jüdisches) Kind an (teknon, 2,5; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-mk-1-40ff-jesus-heilt-einen-aussätzigen-dann-einen-gelähmten).


Das Töchterchen des Jairos ist das Thema einer Auferstehungs-Geschichte, in deren Zentrum die Rettung einer anderen Tochter, der sog. blutflüssigen Frau, erzählt wird (5,22ff). Dass die beiden Geschichten nicht nur aufeinander, sondern nach außen auch auf die Zwölf bezogen sind, steht angesichts der betonten Zwölfzahl außer Frage (5,25.42). Das wird in einem eigenen Blogbeitrag zur Sprache kommen.


Hier ist sie vor allem deshalb erwähnenswert, weil dieses jüdische Töchterchen des betont als Synagogenvorsteher bezeichneten Jairos von Jesus wie ein völkerchristliches Kind bezeichnet wird (paidion, 5,39). Die Deutung liegt nahe, die Antwort auf die Frage, warum die konfliktreiche Unterscheidung mit Jesus aufgehoben wird.


Kinder von jüdischen Vätern wie Jairos können zu Jesus gehören, sofern die mit ihm weggehen (5,24) und ihm vertrauen (5,36). Christliche Identität wird also nicht über die Mutter definiert, noch über die Taufe, sondern über das Vertrauen zu Jesus.


Die für den Jesus des Mk wesentliche Bewegung von den Juden zu den Heiden wird in der Geschichte der Fernheilung einer Tochter problematisiert (7,24ff). Auf Seiten der Völker ist es eine Mutter, eine in jüdischen Augen verrufene Syrophönizierin, die sich an Jesus wegen des Dämons ihrer Tochter wendet, freilich ohne deren Unreinen Geist zu bemerken (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/was-zeichnet-die-griechin-aus-syrophönizien-aus-mk-7-24-30).


Ebenfalls auf völkerchristlicher Seite und parallel zur Tochter des Jairos lässt Jesus einen Sohn sterben (9,17ff), der laut der Diagnose des Vaters seit seiner (völkerchristlichen) Kindheit unter einem sprachlosen Geist leidet (9,21). Tatsächlich begreift der Vater weder den Grund, noch das Ausmaß der Krankheit, geschweige denn die Autorität Jesu (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-vom-vater-und-seinem-besessenen-sohn-mk-9-14-29).


Einige Nebenfiguren weisen mit ihren rätselhaften Angaben auf spezielle Vater-Beziehungen hin. So ist Levi (2,14) ebenso ein Sohn des Alphaios wie der sog. kleine Jakobos (3,18; https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-der-levi-des-mk).


Bartimaios, der Sohn eines (griechischen) Timaios, steht in ähnlich spannungsvoller Beziehung zum Sohn Davids (10,46; https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-bartimaios-mk-10-46ff), wie Barabbas, der Sohn des Vaters, zu Jesus, dem Sohn des Menschen (15,7ff; ein Beitrag dazu folgt).


Eine randständige und doch wichtige Vaterfigur ist Simon, ein Kyrenaier, der dritte Simon der Passionsgeschichte (15,21). Dieser vom Acker kommende, leidensbereite Vater muss sein Kreuz tragen und folgt damit, im Gegensatz zu Petros, der zentralen Lehre Jesu (8,34). So kann er zum Vater der griechischen und der römischen Völker werden durch seine beiden Söhne (Alexander und Rufus; 15,21; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-bartimaios-mk-10-46ff).


Wen liebt Jesus mehr: Judäochristen oder Völkerchristen? Mk gibt eine Antwort im Anschluss an das sog. Kinderevangelium. Da geht es um den Einen, der ohne jüdische Abstammung und ohne Jesus-Nachfolge die Frage nach dem Ewigen Leben stellt (10,17); vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-einen-mk-10-17ff).


Ihn allein liebt Jesus (10,21), doch wohl nicht deshalb, weil er seit seiner Jugend die eigentümliche Auswahl an Geboten befolgt, die Jesus ihm gegenüber aufzählt. Jesus liebt ihn, weil er kein Kind ist. Weil er sich selbst abseits des Konflikts von judäochristlicher und völkerchristlicher Identität positioniert.


Das zeigt er mit seinem Wort für Jugend (neotēs). Er ist also weder Jude noch Grieche (vgl. Gal 3,28; Röm 10,12) – und scheitert doch mit seiner Absicht, Ewiges Leben zu erben, weil er nur auf Besitz aus und zum Verzicht nicht bereit ist.

 
 
 

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