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Ceterum censeo: Die sieben häufigsten Fehler in der Fachliteratur über das Markus-Evangelium

Aktualisiert: 20. Okt. 2023



Aus Gründen, die noch zu benennen sein werden, halte ich es für falsch, wenn in der akademischen oder in der kirchlichen Theologie…


…Aussagen über einen Verfasser namens Markus gemacht werden.

Der Erzähler ist unbekannt. Die tendenziös-apologetische Behauptung der sog. Papiasnotiz, Markus sei ein Dolmetscher des Petros gewesen, ist historisch unzuverlässig. Sie belegt allenfalls den Erfolg der Bemühungen, die subversive Kritik des Mk an Petros vergessen zu machen (vgl. 1 Petr 5,13). Für eine Gleichsetzung mit Johannes Markus (Apg 12,12.25; 15,37), einem Mitarbeiter des Paulus, gibt es ebenfalls keine stichhaltigen Anhaltspunkte.


Angesichts ihrer ironisch-satirischen Tendenzen erscheint es plausibel, dass die Erzählung nicht anders als anonym entstanden sein kann und erst im Nachhinein mit „Nach Markos“ überschrieben wurde. Der Einfachheit halber wird der Name Markus in diesem Blog beibehalten, abgekürzt als Mk.


…davon ausgegangen wird, Markus habe als Redaktor mündliche oder auch schriftliche Jesus-Traditionen gesammelt, geordnet und aufbereitet bzw. verschriftlicht. Zu seinen schriftlichen Quellen habe etwa ein Passionsbericht gehört, eine Apokalypse, Sammlungen von Streitgesprächen oder dergleichen.

Was Mk tatsächlich über Jesus wusste oder was er als Erzähler frei hinzu erfand, ist nicht zu belegen. Aussagen über mögliche Informanten oder ihm vorliegende Quellen sind hochgradig spekulativ. In der künstlichen Unterscheidung von Tradition und Redaktion eröffnet sich ein weites Betätigungsfeld für (pseudo)-wissenschaftliche Spekulationen, deren kritische Prüfung längst überfällig ist. Vgl. dazu:


…behauptet wird, der Verfasser habe über keine Ortskenntnis verfügt; daher müsse der Text außerhalb Palästinas entstanden sein.

Auch für die im Grunde irrelevante Angabe, wo das Markus-Evangelium geschrieben wurde, gibt es keinen Hinweis. Ortsnamen werden nicht aus lokal-historischen Gründen, sondern wegen ihrer symbolischen Bedeutung verwendet. So sind vermeintlich unsinnige Ortsangaben (z.B. das Gebiet der Gerasener am Meer, 5,1) oder umständliche Reiserouten (z.B. 7,31) wichtige Text-Signale, die für das Verständnis und die Deutung jeweils unverzichtbare Informationen vorgeben.


…der Text für zweifelhafte historische Behauptungen missbraucht wird.

Das Markus-Evangelium dient seit je der Leben-Jesu-Forschung als eines ihrer wichtigsten Quellendokumente. Beides ist jedoch konzeptionell unvereinbar. Das Markus-Evangelium geht von Jesus als dem Sohn Gottes aus, der als Mensch von allen Zeitgenossen missverstanden wird, insbesondere von Petros (8,33).


Der Forschungszweig, der Jesus als historische Person beschreiben möchte, läuft Gefahr, nicht nur diesen theologischen Fokus, sondern auch den narrativen Charakter der Erzählung zu ignorieren. Ihr geht es gerade nicht um eine schon zur Abfassungszeit historische Jesus-Figur, sondern um deren Bedeutung für die Generationen danach.


Dass Jesus mit seinen Geschwistern in einer Familie in Nazareth aufgewachsen, in einem Handwerks-Beruf ausgebildet, dann aber Wanderprediger geworden sei, zählt zu den typischen Fehlschlüssen solcher Forschung. Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/naive-narrative.


…falsche Gleichsetzungen vorgenommen und falsche Begriffe verwendet werden.

Zu den falschen Gleichsetzungen gehören etwa die Identifizierungen der Vaterstadt (6,1) mit Nazareth, der Mutter mit Maria (3,31 vgl. 6,3), oder auch - und besonders befremdend - die Gleichsetzung von Dämonen mit Unreinen Geistern.


Mit unangemessenen Begriffen ist der Text ohnehin nicht zu verstehen oder verständlich zu machen, mögen sie auch noch so vertraut sein. Das gilt schon für den Begriff Evangelium, der ursprünglich nur die mündliche Botschaft Jesu, nicht die Literaturgattung bezeichnet hatte, sowie ganz besonders für die moderne Kategorie des Wunders, die für den Text nahezu bedeutungslos ist (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-was-heißt-hier-wunder-5-7). Heute übliche Begriffe wie Gleichnis, Messiasbekenntnis, Passionsbericht, Verrat oder Osterevangelium führen ebenfalls in die Irre.


…die Theorie eines Messiasgeheimnisses übernommen und aufrecht erhalten wird.

Die besonders mit dem Namen William Wrede verbundene Theorie besagt, stark vereinfacht, dass die wahre messianische Würde Jesu zunächst geheim gewesen und deren Verkündigung erst nach Ostern möglich oder gewollt gewesen sei.

Diese Theorie ist nicht zu halten. Im Markus-Evangelium soll nichts vorläufig geheim bleiben (vgl. 4,22). Vielmehr sollen die Person Jesus und seine Worte nicht durch falsche Verkündigung bekannt gemacht werden. Die Begründung des Messiasgeheimnisses basiert auf Fehldeutungen (z.B. 9,9) und ignoriert die Intention des Verfassers, den Christus-Titel als eines der Probleme des Petros in Misskredit zu bringen. (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/worum-geht-s-eigentlich-grundlagen-bestimmung-3-3).


…irreführende Übersetzungen des Textes falsche Deutungen zur Folge haben.

Tatsächlich gibt es eine erstaunliche Vielzahl von etablierten Übersetzungsfehlern, die auch in den Revisionen der vergangenen Jahre nicht korrigiert wurden. Sie basieren manchmal auf falschen textkritischen Entscheidungen (z.B. 1,41), meist aber auf der legitimen Absicht, scheinbar Unverständliches verständlich oder Widersprüchliches plausibel zu machen. Besonders ins Gewicht fallen die vielen Übersetzungs-Fehler im Zusammenhang mit Petros. Dazu mehr in verschiedenen Blog-Beiträgen.

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