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Übersetzungsfehler in der Bibel: Mk 1,16 – Die Netze des Simon (Petros)?

Aktualisiert: 22. Okt. 2023


LUT 1,16 Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer.

EÜ 1,16 Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihre Netze auswarfen; sie waren nämlich Fischer.

Übersetzungs-Vorschlag 1,16: Und entlanggehend am Meer von Galiläa sah er Simon und Andreas, den Bruder Simons, herumwerfen im Meer, denn sie waren Fischer.


Mit den Augen Jesu wird Simon (Petros) in die Handlung eingeführt. Der Name eines Vaters wird nicht genannt, dafür etwas umständlich der eines Bruders des Simon, Andreas. Die für die Protovision des Petros (vgl. 1 Kor 15,5) wichtige Frage, wer von beiden Jesus zuerst sieht, ist unerheblich. Ausschlaggebend ist einzig, wen bzw. was Jesus sieht. Das geschieht auffallend beiläufig und unmittelbar nach der kurzen programmtischen Ansage (Denkt um! Und vertraut kraft der guten Botschaft! 1,15).


Danach zeigt der Satzanfang mit Und (sic! 1,16) den Anschluss an diese beiden Aufträge, die mit dem nahen Königtum Gottes begründet werden (sic!, nicht nur: Reich Gottes, 1,15). Das kann als Einspruch gegen das messianische Konzept eines Königtums verstanden werden, wie Petros es später mit dem Christus-Titel behauptet (8,29).


Der Anschluss geht bei den hier wiedergegebenen Übersetzungen (LUT, EÜ, s.o.) verloren: durch das Einziehen einer Überschrift vor 1,16 sowie durch den Versuch, den Vers sprachlich vom vorhergehenden abzusetzen (durch den Neueinsatz oder die Konjunktion aber, vgl. Vulgata: autem).


Die Überschrift (vgl. LUT) ist auch inhaltlich fragwürdig: Wird Petros in die Nachfolge berufen? Der scharfe Befehl Hierher, hinter mich (sic! 1,17, vgl. 8,33) wirkt vielmehr wie der Befehl zur Kurs-Korrektur des Petros, wegen dessen Position abseits von Jesus. Wie ein Ruf in die Nachfolge idealerweise aussieht, wird später an Levi gezeigt (2,14).


So wird die erste eigenständige Aktion des Petros nicht als ein Nachfolgen erzählt, sondern als ein Verfolgen, ein Nachjagen – in die von seiner Truppe ignorierte Einsamkeit Jesu (nicht: sie jagten ihm nach, sondern: er jagt ihm nach und die mit ihm, 1,36).


Ein Schlüssel zur Deutung wird nicht genannt; die Pointe zur ersten Anti-Berufungs-Geschichte des Petros ist eine Ellipse. Was Jesus zuerst sieht, ist nicht etwa eine für Fischer typische Aktion des Netze-Auswerfens, die ohnehin in Spannung steht zum Netze-Herrichten des anderen Brüderpaars (1,19). Jesus sieht einzig ihr Herumwerfen. Auffallend nachgeschoben ist die Begründung, die Angabe ihres Berufs als Fischer (wörtlich Salzer).


Von Netzen kann und darf hier keine Rede sein. Doch schon Matthäus fügt sie ein (vgl. Mt 4,18) und die Übersetzungstradition der Vulgata übernimmt sie in den lateinischen Mk-Text. Dass sie zugleich auch die römische Deutungs-Tradition der Petros-Darstellung übernimmt und damit deren verharmlosende Interpretation, kann kaum bezweifelt werden.


Jesus sieht etwas, was die Leser:innen nicht sehen können: das Herumwerfen des Mantels, des Umhangs. Einer modernen Redewendung entsprechend könnte man sagen: Jesus sieht, wie Petros sich den Hut aufsetzt. Der Hut, den Petros aufhat, bzw. der (ungenannte) Mantel, den er und sein Bruder sich umwerfen, steht hier und auch sonst bei Mk für ein Macht-Symbol, das in einem späteren Beitrag noch zu beschreiben sein wird.


NB: Das pallium, die lateinische Form für Mantel (gr. ἱμάτιον, himátion), ist noch heute ein wichtiges Symbol päpstlicher Autorität.


Wer die elliptische Formulierung zuvor bei den Kamelhaaren des Johannes im Sinn hat (1,6), kann im Herumwerfen des Mantels eine Investitur, eine Selbst-Ermächtigung erkennen. Mit anderen Worten: Jesus sieht, wie Petros sich selbst Macht verleiht. Daher sein scharfer Ruf an Petros (1,17) und sein erstes Gebot an alle, auch an die Leser:innen: Denkt um! (sic, 1,15. vgl. 12,28).


Beim ersten Auftritt des Petros ist auch Andreas beteiligt, der durch seinen griechischen Namen (der Tapfere) sich vom jüdischen Kontext abhebt und für jene Spannung, für jene Teilung von Juden und Nichtjuden steht, die zu Konflikten zwischen Judäochristen und Völkerchristen geführt haben. Das ist eines der Themen, die Mk mehrfach aufs Korn nimmt (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/glosse-vorsicht-witz).


In Entsprechung zum anfänglichen Herumwerfen kommt beim letzten Auftritt des Petros wieder ein Kompositum von werfen zur Sprache. Da wirft Petros (den Mantel) hin. Ebenfalls elliptisch heißt es: Und hinwerfend weinte er. (14,72, nicht: Und er begann zu weinen). Wieder übernehmen die deutschen Übersetzungen die korrupte römische Tradition der Vulgata (et coepit flere).


Typisch für Mk ist es, Kritik an Petros in rätselhafter und oft ironischer Form nur anzudeuten. Nachgezogene Begründungen holen sie in den Erzähl-Kontext zurück. Wer die Netze, die in 1,18 erst im Nachhinein genannt werden, zugunsten der Pointe in 10,28, stillschweigend ergänzt, zerstört die Spannung, die nach und nach zwischen Jesus und Petros aufgebaut wird.


Zugleich wird die Ironie Jesu unkenntlich. Denn seine erste wichtige Ansage an Petros ist alles andere als ein ehrenvoller Auftrag: Und ich werde machen, dass ihr Fischer von Menschen werdet (sic! 1,17). Das ist keine Berufung in ein leitendes Amt, keine apostolische Beauftragung. Die negativ konnotierte Wendung, Menschen zu fangen (vgl. Jer 16.16) heißt wörtlich, sie einzusalzen - und sie damit zu konservieren.


Der Satz kann auch als ironische Frage verstanden und entsprechend übersetzt werden: Und ich soll machen, dass ihr Fischer von Menschen werdet? Simon versteht diese erste Ansage falsch, wenn er sie als Beauftragung hört, als einen Auftrag, Menschen in großen Massen bei Jesus zu versammeln. Denn es werden die Massen sein, die für Jesus zum Problem werden; mehr dazu später.

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