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Maria Magdalena, Geliebte Jesu – oder Ehefrau?

Aktualisiert: 20. Dez. 2025



Wer war diese Frau, die in biblischen Erzählungen und späteren Legenden für sehr unterschiedliche Themen steht und nur als Geliebte Jesu in den Blick der Öffentlichkeit geriet? Autoren der belletristischen Literatur (z.B. Dan Brown in The Da Vinci Code, 2003) haben sich ihrer ebenso erfolgreich angenommen wie die feministische Theologie oder der Vatikan, der sie 2016 aufgewertet, d.h. den Aposteln gleichgestellt hat. Wenn nun auch noch Franz Alt behauptet, ihre wahre (Liebes-)Geschichte zu kennen (2021), fällt es mir schwer, auf glossierende Anmerkungen zu verzichten…


Hier soll es nur um die Rolle gehen, die die Magdalenerin im Text des Mk einnimmt. Weil ihr Auftreten beschränkt ist auf drei kurze Erwähnungen, ist Mk für die Beantwortung der Ausgangsfrage wenig ergiebig. Bei der Betrachtung des Gekreuzigten und seiner Grablegung ist sie dabei, sowie bei einem vergeblichen Salbungsversuch, jeweils gemeinsam mit der anderen Maria (15,43, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ist-die-maria-in-der-vaterstadt-auch-die-mutter-jesu); die drei Namen in 16,1 sind ein späterer Einschub, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-auferstehung).


Weil sie erst nach dem Tod Jesu ins Geschehen eingeführt wird, steht eine Rekonstruktion biographischer Details auf sehr dünnem Boden. Fraglich ist außerdem, ob sie als historische Person gelten kann – oder eine literarische Erfindung des Mk ist. Eine Antwort darauf ist überfällig, ein Versuch erfolgt hier.


Maria, die Magdalenerin, tritt bei Mk nicht als Einzelperson in Erscheinung. Sie ist die Erstgenannte zunächst jener Gruppe vieler Frauen, die von ferne betrachten (15,40). Was sie sehen, bleibt offen, ein Objekt wird nicht genannt. Weil es an das Sehen des Zenturio anschließt (15,39), scheinen sie aus einigem Abstand und auf eine andere Weise den Tod Jesu anzuschauen. Ihre Betrachtungen sind das verbindende Thema aller drei Erwähnungen ihres Auftretens.


Danach heißt es über die vielen Frauen in einer kurzen Rückblende, dass sie ihm nachfolgten und ihm dienten, als er in Galiläa war (15,41). Diese beiden Notizen, dürre Informationen für eine Biographie, sind freilich ein wichtiger Hinweis zur Deutung der Frauen und ein Verweis auf zwei andere Geschichten:

  1. auf die direkt anschließende Grablegung sowie rückblickend auf die Salbung zu Beginn der Passionsgeschichte (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-joseph-von-arimathaia).

  2. Die Erwähnung von Galiläa ist für den Sendungsauftrag des namenlosen Burschen im Grabdenkmal von Bedeutung (16,7).


Geschichten über Frauen und deren Salbungsbemühungen bilden den Rahmen um die Erzählung des Todes Jesu, in deren Zentrum die große Christus-Leugnung des Petros steht (14,71); der Christustitel ist ihr durchgängiges Thema. NB: Dieser bewusst symmetrische Aufbau ist nur eines der Argumente gegen einen vormarkinischen Passionsbericht und gegen eine Jesus-Tradition, die Mk schriftlich vorgefunden und in seinem Text verarbeitet habe.


Die Rahmen-Geschichten der Frauen sind auch inhaltlich miteinander verknüpft. Das prophetische Amenwort Jesu in 14,9 zielt nur vordergründig auf das Gedenken an das Tun der namenlosen Frau. Mk gibt damit bereits die Deutung der beiden Marien am Grabdenkmal vor.


Würden sie von der betörend duftenden Salbung, die eine Mahlfeier im Haus eines Simon unterbricht, erfahren haben, so hätten sie auch vom Evangelium erfahren (vgl. 14,9). Und sie hätten keinen Anlass gehabt, eine Leiche, die zum Begräbnis bereits gesalbt ist (vgl. 14,8) nochmal mit Duftkräutern salben zu wollen (sic!, 16,1).


Die irritierend gestörte Geschichte ihres vergeblichen Salbungsversuchs stellt Mk an den Schluss seiner Jesus-Erzählung; sie beantwortet die Frage, wohin die Liebe zu Jesus bei falscher Verkündigung führt.


Die beiden Marien wollen, unsinnig genug, am dritten Tag eine bereits verwesende Leiche salben, sehen aber weder die Leiche, noch den Aufgestandenen. Auf dem Weg betrachten sie den Stein, der hinaufgewälzt ist (sic!), nachdem sie sich gefragt hatten, wer ihnen den von der Tür des Grabdenkmals wegwälzen werde.


Im Klartext bedeutet ihre Frage, wer Petros aus dem Weg räumen kann (vgl. 1,3). Auf Petros weisen drei markante Textsignale hin: der Felsen, in den das Grabdenkmal gehauen war, der allzu große Stein und der im Kontext besonders auffallende und unnötige Begriff der Tür, ein mehrfach wiederkehrendes Bild für Petros als Türhüter.


So können die beiden Frauen anstelle der Männer nicht zu Zeugen Jesu werden, schon gar nicht zu Botschafterinnen des Evangeliums. Sie sind Opfer der grotesken Folgen falscher Verkündigung. Die wird durch den Burschen im Grabdenkmal ausgesprochen und zum Anlass der finalen Flucht, die derjenigen aller (Schüler) entspricht (14,50).


Das Sehen Jesu ist das falsche Ziel des Sendungsauftrags, den der Bursche den Frauen erteilt, mit der Zusage, dass sie ihn in Galiläa sehen werden, wie er gesagt hat (16,7, vgl. 14,28). Jesus selbst hatte nur verheißen, dass er (erst) als endzeitlich wiederkehrender Menschensohn zu sehen sein werde (13,26; 14,62).


Seinen Schülern und Petros kündigt er dagegen einen kurzen Prozess an, wenn er sie, wie es verkürzt heißt, in Galiläa vorführt (16,7, vgl. 14,28), d.h., vorlädt zum Gericht Gottes. Von der Verheißung einer erneuten Nachfolge in Galiläa kann nach diesem satirisch überzeichneten Ende keine Rede sein, angesichts der Reaktion der Frauen von Flucht, Panik und Sprachlosigkeit.


Das Motiv ihrer Furcht ist nicht neu, es ist vorbereitet durch die Reaktion derer, die Jesus nach Jerusalem, d.h. in den Tod nachfolgen (10,32). Auch ihr Außer-sich-sein, ihr Entsetzen hat einen frühen Anknüpfungspunkt. Nach der Berufung der Zwölf ist Jesus außer sich (3,21 vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-jesus-biographien-und-die-heilige-familie-7-2).


Für eine Deutung der beiden Marien ist die Information richtungweisend, dass sie Jesus nachfolgten und ihm dienten, als er in Galiläa war, (15,41). Denn er selbst ist [als Sohn Gottes] gekommen, nicht um bedient zu werden, sondern um [als Sklave] zu dienen (10,45). Zur Nachfolge Jesu gehört der Tischdienst (vgl. 1,13; 1,31), in übertragenem Sinn: der Dienst an der geistlichen Sättigung von Menschen.


Wer seitens der feministischen Theologie das Dienen der Frauen als bloßen Hinweis auf ein patriarchales Frauenbild interpretiert, läuft Gefahr, auch die Sklavenrolle Jesu und seinen sühnenden Opfertod zu unterschätzen.


Neben der anderen Maria hat die Magdalenerin eine wichtige narrative Funktion, die nur über ihren Namen zu erschließen ist. Bei Mk wird sie, wie gesagt, als erste der Frauen eingeführt, als Maria die Magdalēnē, bevor eine weitere Maria und eine Salōmē (15,40) genannt werden, alle drei jeweils ohne Angabe eines Vaters oder eines Ehemanns.


An dessen Stelle stehen jeweils andere Informationen. Zuerst der Verweis auf den galiläischen Ort Magdala, der mehr ist als eine Herkunfts-Angabe, da er symbolisch auf ihre Beziehung zu Männern verweist. Dieser Ortsname, hebräisch Migdal, bedeutet Turm – und kann als Symbol für Keuschheit gelten.


Die Liebe der beiden Marien zu Jesus wird von Mk dadurch angedeutet, dass sie vor ihrem Salbungsversuch Duftkräuter kaufen anstelle von Salböl (16,1). Das Wort für Duftkräuter (arōmata) ist die Voraussetzung für eine bisher unbemerkte Pointe, eine Anspielung auf das Hohelied und somit ein besonderes Bekenntnis zu Jesus: Der Duft deiner Mäntel geht über alle Duftkräuter (Cant 4,10 LXX).


In Entsprechung dazu steht das Bekenntnis jener namenlosen Frau, die Jesus zuvor mit (dem Öl) kostbarer, vertrauenswürdiger Narde gesalbt hatte; auch das eine Anspielung auf das Hohelied: Solange der König zu Tisch lag, verströmte mein Nardenöl seinen Duft. (Cant 1,12, vgl. 4,14).


Ihre Salbung, die Jesus gegen den Vorwurf der Verschwendung verteidigt, führt zwar zum Gedenken an ihr Tun und damit auch zum Christustitel, zugleich aber in das Grabdenkmal, den Ort der Verwesung.


Insofern, als bei den Anspielungen auf das Hohelied jeweils der besondere Duft betont wird, könnte die Anspielung auf den Duft der Mäntel eine drastische Pointe zum Ausdruck bringen: Die Leiche des Christus stinkt so sehr, dass weder das Nardenöl, noch die Duftkräuter der beiden Marien etwas dagegen ausrichten können.


Wer also war Maria, die Magdalenerin? Bei Mk ist sie die erste von drei namentlich genannten Frauen:

  1. Die mit vielen anderen Jesus nachgefolgt waren und ihm gedient hatten.

  2. Die zusammen mit ihnen seinen Tod, dann zusammen mit einer anderen Maria das Grabdenkmal und schließlich einen Stein betrachtet, weil sie Jesus salben, d.h. ihn als König bekennen will.

  3. Die am Ende vom Grab flieht, zitternd vor der Botschaft des Burschen, und außer sich - vom Gestank des Christustitels.


Maria Magdalena tritt bei Mk nicht einzeln in Erscheinung, weshalb ihr keine besondere Bedeutung für eine Biographie zuerkannt werden kann. Als Geliebte oder Ehefrau scheidet sie ebenso aus wie als historische Person – wegen der konstruierten Symbolik ihres Namens und der konrtuierten narrativen Funktion.


Mit anderen Worten: Maria, die Magdalenerin ist ein für Mk typisches literarisches Konstrukt, das erst im Nachhinein immer neue Deutungen an sich zog.


Ihre narrative Funktion wird noch einmal in den Blick kommen bei einem weiteren Beitrag, bei dem es um die andere Maria und deren Lebens-Verhältnisse geht: https://www.skandaljuenger.de/post/ist-die-maria-in-der-vaterstadt-auch-die-mutter-jesu


 
 
 

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