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Ceterum Censeo: Jesus-Biographien und die heilige Familie? (2/7)

Aktualisiert: 14. Sept.


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Aus Gründen, die noch zu benennen sein werden, halte ich es für falsch, wenn in der akademischen Theologie…


…Aussagen des Mk über Jesus und seine Familie unkritisch als historische Realität erklärt werden.


Mk erzählt von einigen Personen, die geschichtlich zweifelsfrei belegt sind. Zu ihnen zählen neben Jesus und Johannes d. T. vor allem die Namen von Führungspersonen: Herodes Antipas und Herodias, Philippos, Pontius Pilatus, aber auch Petros, Jakobos oder Johannes. Sieht man von ihnen ab, so lassen die Akteure des Mk sich nicht als historisch nachweisen, auch diejenigen nicht, die mit Namen genannt werden. Wichtige Akteure bleiben namenlos, während umgekehrt bedeutungsvolle Namen zwar eine Interpretation der Akteure erlauben, nicht aber die Behauptung ihrer historischen Existenz.


Im Erzählablauf der Biographie Jesu fällt auf, dass sein Umfeld zunächst vor allem aus Schülern besteht, nicht aus seiner Familie. Die bleibt im Dunkeln und lässt sich, anders als in den Geburtserzählungen des Matthäus und des Lukas, aus dem Text des Mk nicht erhellen.


Die Antwort auf eine einfache Frage mag in Kurzform skizzieren, was in einem weiteren Blog-Beitrag ausführlich zu beantworten sein wird: Hatte Jesus Geschwister? (Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-b-bruder-brüder).


Wer mit den Augen eines Historikers die Geschichte der Vaterstadt liest (6,1ff), könnte auf die Idee kommen, dass Jesus eine Mutter namens Maria und mindestens vier Brüder hatte, außerdem noch eine unbestimmte Anzahl nicht namentlich genannter Schwestern (6,3).


Bei diesen Angaben handelt es sich narrativ nur um Fragen, situativ um bloße Mutmaßungen, die von einer nicht an Jesus glaubenden und ihrerseits wenig glaubwürdigen Hörerschaft in der Synagoge geäußert werden. Angesichts der nur auf den Menschen Jesus fokussierten Fragen und des Kontextes kommt den Angaben eine wichtige narrative Funktion zu; historisch plausibel sind sie nicht.


Zuvor ist von seiner Mutter und seinen Brüdern die Rede, im Vorfeld der ersten großen Rede Jesu (3,31). Auch hier geht es nicht um seine Herkunft aus einer Familie, geschweige denn um deren Bedeutung für seine Abstammung oder für sein Wirken. Das Wort für Familie verwendet Mk ohnehin nicht.


Der Jesus des Mk distanziert sich von ihnen, indem er fragt, wer seine Mutter und seine Brüder seien (3,33). So grenzt er sich von ihnen ab, die zu unterscheiden sind von denjenigen, die Gottes Willen tun. Hinter den Brüdern ist in übertragener Bedeutung das Gremium der Zwölf zu erkennen. Mit der Mutter wird auf ihre jüdische Abstammung angespielt, die traditionell matrilinear definiert ist.


Dieser Hieb auf die Brüder, auf die Schüler also, die draußen stehen, ist für die erste der beiden großen Reden Jesu so wichtig (4,11) wie für die Apostasie des Petros am Ende (14,68). Er ist außerdem deshalb so pikant, weil er zuvor erkennbar ist in denjenigen, die Jesus mit der Begründung in den Griff bekommen wollen, er sei außer sich (3,21).


Diese mehrdeutige Unterstellung kommt gleich nach der Einsetzung der Zwölf zur Sprache. Deshalb ist es abwegig, die nicht näher bezeichnete Gruppe (wörtlich heißen sie nur: die von ihm) als Familienangehörige Jesu zu deuten, wie das in Übersetzungen und Auslegungen üblich ist. Dem Kontext zufolge können "die von ihm" nur die Zwölf sein. Sie sind es, die nicht einmal Brot essen (3,20) und nicht ahnen, dass Jesus im Brot gleichsam außer sich sein wird.


Das alles wird im Einzelnen noch zu zeigen sein. Doch schon jetzt dürfte klar geworden sein: Jesus hat bei Mk keine leibliche Familie. Undenkbar wäre etwa ein Vater (vgl. den Joseph der anderen Evangelien), wie immer man sich seine Vaterschaft vorzustellen hätte.


Der Text des Mk kann daher nicht herangezogen werden, wenn es darum geht, historische Familienverhältnisse Jesu, womöglich sogar mit davidischer Abstammung, darzustellen. Da Matthäus und Lukas die Vorgaben des Mk im Wesentlichen übernehmen und umdeuten, dürften auch ihre Angaben zur Abstammung und seinen Familienverhältnissen historisch wenig plausibel sein.


Sicherlich geht Mk noch nicht (wie Johannes später) von einer Prä-Existenz Jesu aus. Aber der Mensch hinter dem Gottessohn ist bedeutungslos; er kann keine Machttaten vollbringen (vgl. 6,5).


Angesichts seiner unklaren Abstammung werden auch Ortsnamen zu hinterfragen sein. Soviel sei schon jetzt verraten: Als Geburtsort scheidet Bethlehem ebenso aus wie Nazareth, das eine literarische Erfindung des Mk ist…


Vorschau auf Ceterum Censeo 3/7:

Aus Gründen, die noch zu benennen sein werden, halte ich es für falsch, wenn in der akademischen Theologie…


…die von Mk genannten Orte des Auftretens Jesu unkritisch mit historischen Wirkungsstätten gleichgesetzt werden.

 
 
 

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