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Übersetzungsfehler? Gibt Jesus ein Zeichen oder nicht? (8,12)

vor 20 Stunden
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 19 Minuten


Im Blog-Beitrag über die Amen-Worte ist die Klärung einer Übersetzungsfrage angekündigt, die sich beim zweiten Amen-Wort stellt (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/anmerkungen-zu-den-amen-worten). Es zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.


Zum einen gibt es ein scheinbar randständiges textkritisches Problem in der Einleitungsformel (Amen, ich sage euch), zum andern wird in deutschen Übersetzungen die anschließende Aussage Jesu verneint und damit der Text des Mk in sein Gegenteil verkehrt.


Die Begründung für die Verneinung lautet: Der Konditional-Satz bleibe nach der Einleitungsformel unvollständig, da Mk auf eine alte hebräische Schwurformel zurückgreife. Anstelle einer Aposiopese Wenn dieser Generation ein Zeichen gegeben wird…! heißt es schon 1522 bei Luther apodiktisch: […] Es wirtt disem geschlecht keyn zeychen geben.


Im Hintergrund des Amen-Wortes stehen die Untersuchungen der Pharisäer, die von Jesus ein Zeichen vom Himmel fordern (8,11), obwohl gerade erst 4000 Menschen satt geworden waren. Nach seiner ablehnenden Antwort lässt Jesus sie einfach stehen, steigt wieder in das Boot ein und fährt zum jenseitigen Ufer. Insofern liegt es nahe, dass er sie mit einer Negation abkanzelt.


Sämtliche deutschen Übersetzungen übernehmen die Verneinung - an je unterschiedlichen Stellen des Satzes. In der Einheitsübersetzung heißt es: Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben werden – , und in der Elberfelder entsprechend: Nimmermehr wird diesem Geschlecht ein Zeichen gegeben werden, wobei eine Fußnote darauf hinweist, wie der Satz wörtlich übersetzt lautet.


In der Vulgata war er ursprünglich ohne Verneinung formuliert. Amen dico vobis, si dabitur generationi isti signum. Insgesamt gesehen ist die Tradition der lateinischen wie auch der griechischen Handschriften geteilt; der weitaus gewichtigere Teil kommt ohne Negation aus.


Das Problem als solches ist einfach, seine Lösung ist es erst auf den zweiten Blick. Tatsächlich könnte die Verneinung falsch sein, da sie außer mit dem Hebraismus einer alttestamentlichen Schwurformel mit dem Text des Matthäus zu begründen ist. In Mt 16,4 heißt es: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht verlangt ein Zeichen, aber ein Zeichen wird ihm nicht gegeben werden – außer dem Zeichen Jonas'. Was Matthäus damit sagen will, ist an dieser Stelle irrelevant.


Für ihn dürfte das Wissen um eine hebräische Schwurformel tatsächlich eine Rolle gespielt haben, doch mit der Überlieferung des Mk-Textes hat das nichts zu tun. Denn die war zunächst stabil, durchweg ohne eine Verneinung, bis sie durch die Dominanz der Matthäus-Rezeption zunehmend auch in die Handschriften des Mk-Textes eingedrungen ist.


Neuzeitliche Editionen verweisen sämtlich auf die hebräische Schwurformel, die schon in der Überlieferung der jüdischen Schriften für ähnliche Schwankungen gesorgt hatte. So wird etwa das scheinbar konditionale εἰ (wenn) am Ende von Psalm 95 (LXX 94,11) in manchen lateinischen Übersetzungen durch ein non ersetzt. Dementsprechend wird auch im deutschen Psalter der Satz verneint: Sie sollen nicht eingehen in meine Ruhe (s.u.).


Doch bei Mk ist die Begründung für die Schwurformel bzw. der Negation nicht stichhaltig. Der Satz ist keineswegs unvollständig, wenn er etwa so verstanden wird: Amen, ich sage euch, wenn dieser Generation ein Zeichen gegeben wird. So ist das Amen-Wort in den meisten Handschriften zu lesen.


Allerdings gibt es ausgerechnet im Codex Vaticanus, der zu den wichtigsten Zeugen des Mk zählt, eine textkritisch relevante Besonderheit, die oben im Bild in der 5. Zeile zu erkennen und auch in anderen Handschriften des sog. alexandrinischen Typs anzutreffen ist.


Da lautet die einleitende Formel nicht Amen, ich sage euch. Weil erstaunlicherweise das Dativ-Objekt fehlt, wurde die reduzierte Wendung Amen, ich sage als Auslassung eines Kopisten, als Schreiberversehen beiseite geschoben.


Nun ist es aber sehr wohl denkbar, dass diese Reduktion kein Fehler ist, sondern als lectio difficilior der ursprünglichen Formulierung des Mk entspricht, insbesondere dann, wenn sie im Licht der zuerst beschriebenen Verneinungsfrage gesehen wird. Der Satz könnte daher so zu verstehen sein: Amen, ich sage, ob dieser Generation ein Zeichen gegeben wird.

So gelesen, könnte er an dieser Stelle auch noch eine andere Bedeutung haben: Amen, ich spreche, wenn dieser Generation ein Zeichen gegeben wird.


Das wäre wohl die einfachste Lösung der beiden scheinbar unabhängigen Probleme. Auf die Forderung der Pharisäer reagiert Jesus mit einem Satz, der ihre Zeichenforderung nicht etwa ablehnt, sondern sie beantwortet, im Sinne von: Das Zeichen, das ihr vom Himmel haben wollt, ist nicht zu sehen. Es ist zu hören, wenn ich rede. Oder in Kurzform: Mein Wort ist das Zeichen!


Das Dativ-Objekt fehlt jedenfalls aus demselben Grund wie die anschließende Reaktion Jesu, der die Pharisäer einfach stehen lässt. Beides zeigt, dass er sich mit ihnen nicht weiter auf das Gespräch einlässt. Mit dem einen Satz ist alles gesagt, was Gott ihnen zu sagen hat.



PS: Kaum war dieser Beitrag geschrieben, kamen mir Zweifel an der Richtigkeit der hier gebotenen Interpretation. Ausgelöst wurden sie durch den vorbereitenden Satz (8,10), konkret durch die dort genannte Ortsangabe, da die Gegenden ("Teile") von Dalmanutha sich als Fiktion des Mk erklären lassen (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-n-namen).


Dalmanutha könnte sich herleiten von den hebräischen Wörtern für geringe Ruhe (dal menucha). Dann wäre der Ortsname als Anspielung auf die Ruhe in Ps 95 und die kurze Episode insgesamt als Allusion auf die Gottesrede in diesem Psalm zu lesen.


Gestützt wird die Deutung dadurch, dass Gott im Psalm vor der Verhärtung der Herzen warnt (LXX 94,8). Mit dem Vorwurf versteinerter Herzen wendet Jesus sich nach der Zeichenforderung der Pharisäer gegen seine Schüler (8,17).


Neben der Subjunktion εἰ hat die Episode 8,10-13 noch weitere Motive mit dem Psalm gemeinsam: das Motiv der Versuchung, des auf die Probe Stellens (Ps 94,8 LXX) sowie den bei Mk negativ konnotierten Begriff der Generation (Ps 94,10) für die von ihm kritisierten Judäochristen.


Diese offensichtlichen Anspielungen stützen die Begründung einer Schwurformel. Also wäre der letzte Satz doch mit einer scharfen Verneinung zu übersetzen. Hier ein Vorschlag dazu für die ganze Episode 8,10-13:

10 Und sofort, nachdem er mit seinen Schülern ins Boot eingestiegen war, kam er in die Teile von Dalmanutha.

11 Und es kamen die Pharisäer heraus und begannen mit ihm zu recherchieren, indem sie von ihm ein Zeichen vom Himmel verlangten und ihn auf die Probe stellten.

12 Und er stöhnte auf in seinem Geist und sagt: Was verlangt diese Generation ein Zeichen? Amen, ich sage, dieser Generation wird kein Zeichen gegeben.

13 Und er ließ sie, stieg wieder ein und ging weg zum Gegenüber.


PPS: Hier zur Illustration noch der besagte Vers 8,12 im zweisprachigen Codex Bezae,

auf Griechisch, fol 311v:


und auf Lateinisch, 312r


 
 
 

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