Ceterum censeo: Hat Jesus den Verstand verloren? (Mk 3,21)

Aus Gründen, die noch zu benennen sein werden, halte ich es für falsch, wenn in der akademischen oder der kirchlichen Theologie behauptet wird,…
…seine Familie habe Jesus für verrückt erklärt.
Er ist von Sinnen. So heißt es in deutschen Bibel-Übersetzungen (3,21). Oder auch: Er hat den Verstand verloren. Während die einen nur die Vermutung äußern: Er muss verrückt geworden sein. steht andernorts fest: Er ist völlig verrückt geworden.
Was wäre das für eine Familie gewesen, die so über Jesus gesprochen hätte? Allerdings ist in 3,21 von keinen Familien-Angehörigen die Rede, die ihn mit der Vermutung, er habe den Verstand verloren, ergreifen wollen. Erst in 3,31ff geht es um namenlose Familien-Mitglieder – und das auch nur wegen deren allegorischer Bedeutung. (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-jesus-biographien-und-die-heilige-familie-7-2).
Die in Frage stehende Diagnose geht auf die Tradition lateinischer Übersetzungen zurück. In der Vulgata heißt es dazu in furorem versus est, was ein weites Spektrum emotionaler Reaktionen umfasst, von der einfachen Wut bis hin zum rasenden Wahnsinn.
Wie steht es also um seinen Geisteszustand? Ist der Jesus des Mk ein Besessener – oder wurde er womöglich von den Zeitgenossen so wahrgenommen?
In älteren lateinischen Handschriften sind unterschiedliche Formulierungen dafür überliefert. Sie alle versuchen mit teils unterschiedlichen Formulierungen das Problem eines Jesus zu beschreiben, der für geisteskrank gehalten wird. Gleichwohl ist in der Überlieferung der griechische Text sehr stabil, der sich auf ein einziges Wort beschränkt: εξεστη, was so viel heißt wie Er ist außer sich.
Dass es seine Familien-Angehörigen sind, die so von Jesus sprechen, beruht auf einer Fehldeutung, die auf das lateinische Wort sui zurückgehen dürfte. Demnach sind es die Seinen, die so über ihn reden. Bei Mk ist das Subjekt hingegen nur die von ihm oder auch die bei ihm, – jedenfalls völlig undefiniert, was zur Verwirrung beigetragen hat.
Umso wichtiger ist, was bei Mk sonst noch über sie zu erfahren ist. Im selben Satz heißt es, dass sie herausgingen, um ihn zu ergreifen. Gemeint kann hier nur sein, dass sie in der genannten Weise aktiv wurden, nachdem sie gehört hatten, wovon im Satz zuvor die Rede war.
Jesus war da mutmaßlich mitsamt den Zwölfen in ein Haus hineingegangen, in dem sich daraufhin eine große Menschenmenge versammelte, mit der Folge, dass sie nicht einmal Brot essen konnten (vgl. 6,31). In deutschen Übersetzungen wird das Brot oft weggelassen, weil es als pars pro toto bei jeder Mahlzeit selbstverständlich war. Doch für die Deutungsebene ist das Brot nötig, als entscheidendes Signalwort ist es für das Verstehen unverzichtbar.
Mit den Menschenmengen kommen wohl auch Nichtjuden oder andere kultisch unreine Menschen zu Jesus. Sie lassen sich als Beifang des Menschfischers (Petros) verstehen und sind nun, aus welchem Grund auch immer, ebenfalls im Haus versammelt. Ihre Anwesenheit dort ist daran zu erkennen, dass hier ausnahmsweise nicht vom jüdisch konnotierten synagontai bzw. synagetai die Rede ist, sondern von synerchetai.
Das Haus (Oikos) ist – wie zuvor schon in 2,1 – ein von Menschenmengen bevölkertes öffentliches oder privates Gebäude (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markusevangelium-h-haus). Es ist also nicht die Hausgemeinschaft gemeint (oikia), in der bei Mk eigentlich das Mahl gefeiert wird, wie zuletzt in 2,15, wo das Dilemma unreiner Mahlteilnehmer erstmals auf den Tisch kam.
Diejenigen, die sich dort so zahlreich versammelt haben, sind der einfache Grund dafür, dass das Brot nicht gegessen, das Mahl nicht gefeiert werden kann. Darüber ist Jesus offenbar außer sich. Auf der Handlungsebene ist er wütend, weil die vielen Anwesenden, auch die unreinen unter ihnen, das Mahl mit ihm nicht feiern können.
Die von ihm aber, die daher aus dem Haus herauskommen, sind die kurz zuvor eingesetzten Zwölf, die seine Wut zum Anlass nehmen, ihn ergreifen zu wollen. Ihr ausdrücklicher Hinweis, dass er außer sich sei, ist eine zweischneidige Ansage – mit einer ironischen Pointe.
Auf der Handlungsebene sagen sie also, er sei wütend, weshalb sie ihn gleichsam aus dem Verkehr ziehen wollen. Auf der Deutungsebene aber sagen sie zugleich, er sei außer sich, und sprechen damit ungewollt eben jene tiefere Wahrheit an, die sie selbst bis zuletzt nicht verstehen: Jesus ist im Brot zu erkennen, das sie hier umständehalber nicht essen können.
Das alles wird mit äußerst wenigen Worten nur angedeutet. Entscheidend ist hier einzig, dass eben nicht die Familien-Angehörigen Jesus für verrückt erklären. Vielmehr sind es die Zwölf, die damit ablehnend auf seine nachvollziehbare Wut reagieren. Dank des Petros hatten sie zwar Erfolg mit der bloßen Anwesenheit der Massen, nicht aber mit der Einsicht, dass Jesus außer sich und daher im Brot zu erkennen ist.
Und so ist es nicht weiter erstaunlich, dass die anschließend auftretenden Schreiber der Meinung sind, Jesus hätte den Beelzebul und würde mit dem Obersten der Dämonen die Dämonen hinauswerfen. Tatsächlich hat Jesus den Petros als Anführer der Zwölf, doch mit ihm, den er später unverblümt Satan nennt (8,33), lassen Dämonen sich nicht hinauswerfen, obwohl das doch zu ihren ursprünglichen Aufgaben gehört (3,13, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-einsetzung-der-zwölf-mk-3-13-19).
In jedem Fall sind damit viele wissenschatliche Spekulationen hinfällig, auch die Gutachten, die aus psychologischer Perspektive seit dem 19. Jahrhundert geschrieben wurden, um Jesus als einen Geisteskranken zu beschreiben. Ob ihnen für die Diagnose die scharfe Androhung von 3,30f gilt, sei dahin gestellt.
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