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Ceterum Censeo: War Jesus ein Heiler? (6/7)

Aktualisiert: 6. Jan.


Die methodisch größten Schwächen der Historischen Jesus-Forschung liegen im Kapitel Jesus als Heiler.


Das methodische Problem: Die Heilungs-Erfolge Jesu werden mit dem unpassenden, bei Mk auch anachronistischen Begriff des Wunders verknüpft. Die Absicht besteht wohl darin, die entsprechenden Erzählungen über Jesus als Wundertäter mit anderen antiken Heilungsberichten vergleichen zu können.


Das wirft die Frage auf, ob ein solches Vorgehen den Aussagen der jeweiligen Texte, konkret: den je unterschiedlichen therapeutischen Maßnahmen Jesu gerecht wird. Die können sehr verschiedene Bedeutungen haben, je nach Patient, Anlass oder Befund. So darf bezweifelt werden, dass es überhaupt ein typisches Heilungs-Szenario gibt, das einen direkten Vergleich erlaubt.


Der schematische Wunderbegriff aber ist nicht das einzige Problem. Die angeblichen Therapie-Wunder Jesu werden darüber hinaus mit den Austreibungs-Geschichten in einen Topf geworfen. So ist auch die kunstvolle narrative Differenzierung, die Mk zwischen Dämonen und Unreinen Geistern vornimmt, hinfällig, wenn Jesus pauschal zum Exorzisten erklärt wird.


Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen. Das funktioniert bei Mk schon deshalb gut, weil sein Text begrifflich klar ist und in sich stimmig, im Unterschied zu den parallelen Texten des Matthäus und des Lukas. Deren Absicht besteht unter anderem auch darin, die satirische Schärfe des Mk vergessen zu machen, vielleicht im guten Bemühen, Jesus als Heiler nicht in Misskredit zu bringen.


Nicht nur die Historische Jesus-Forschung, auch die kirchliche Theologie wird den meisten Heilungs-Geschichten des Mk nicht gerecht. Das liegt nicht allein an den unzureichenden Übersetzungen.


Wer kritiklos ein menschenfreundliches Jesusbild vertreten möchte, wird bei Mk zwar zahlreiche Impulse für die Seelsorge fruchtbar machen können, jedoch kaum die Ironie bemerken, die bei vielen Aussagen Jesu und bei Erzählerkommentaren in homöopathischer Dosierung verabreicht wird.


Kirchlicherseits ist der Glaube an einen liebenden und daher bedingungslos heilenden Jesus so ausgeprägt, dass er den Blick auf zahlreiche Texte versperrt, nicht nur auf die ironischen Kommentare, sondern besonders auch auf jene Aussagen des Mk, die ein anderes Jesusbild erkennen lassen.


Wenn es in einem sog. Summarium erst heißt, dass man alle zu Jesus brachte, denen es schlecht ging oder die besessen waren (genauer: dämonisiert, 1,32), dann aber, dass er viele behandelte, denen es durch mancherlei Krankheiten schlecht ging, und viele Dämonen hinauswarf (1,34), dann gibt es einen bemerkenswerten Rest unbehandelter Patienten. Einer wird andeutungsweise im Zentrum genannt: mit dem Bild der Tür spielt Mk auf Petros an (1,33).


Wenn es später, vor der Aussendung der Zwölf, heißt, dass Jesus in seiner Vaterstadt keine Machttaten tun konnte, außer dass er wenigen Schwachen die Hände auflegte und sie behandelte (6,5), zeigt das ebenfalls sehr deutliche Grenzen seiner Heilungs-Möglichkeiten. Die lassen sich dort nicht nur mit dem Misstrauen erklären, über das Jesus sich zu wundern hat (6,6).


Wie immer diese Aussagen genau zu bewerten sind, die medizinischen Probleme werden jedenfalls nicht vollends beseitigt. Zumal Mk in beiden Fällen nicht etwa den Begriff des Heilens verwendet, sondern nur den des Behandelns. Von einem Heilerfolg ist keine Rede.


Mk unterscheidet zwei Begriffe sehr konsequent: den des bloßen Behandelns (ϑεραπεύειν) und den des Rettens (σῴζειν). Von dem bei Lukas üblichen medizinischen Begriff des Heilens macht Mk nur in einem bezeichnenden Fall Gebrauch (̓ιᾶσθαι; vgl. Lk 5,17), nämlich bei der Genesung der sog. Blutflüssigen Frau (5,29; vgl. ὑγιὴς in 5,34).


Entscheidend ist bei ihm nicht die physische Gesundheit, die für seine Leser:innen angesichts eines möglichen Martyriums ohnehin bedeutungslos wäre (vgl. 13,13). Entscheidend ist allein die endzeitlich konnotierte Rettung – durch Jesus als Heiland.


Die übliche Fokussierung auf Jesus als Wundertäter verzerrt die Textwahrnehmung am meisten dort, wo die Akteure nicht zu retten sind, unheilbar unverständig oder ungehorsam. Das betrifft vor allem die Zwölf, denen Mk keine endzeitliche Bedeutung zugesteht, die aber nach ihm ihrerseits zu Wundertätern erklärt wurden.


Diese Umdeutung erfolgte schon innerbiblisch. Wenn Petros laut der Apostelgeschichte in der Lage war, eine Frau namens Tabitha vom Tod aufzuwecken (Apg 9,36ff), ist das ein literarischer Reflex auf das angeblich tote Mädchen, das durch den Befehl Jesu aufgeweckt wird (Talitha kum, 5,41). Die Aussage ist klar: Was Jesus konnte, kann ein Petros auch.


Das aber bedeutet nichts anderes als die literarische Rehabilitation dessen, den Mk für besonders unheilbar erklärt, weil er nicht nur taub ist und stammelt, sondern auch blind für Jesus, trotz aller Heilungsbemühungen (7,31ff; 8,22ff, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-mk-8-22ff-jesus-heilt-einen-blinden).


Die Ironie der beiden einander entsprechenden Heilungsgeschichten bereitet die zentrale Aussage des Petros vor, die den zuvor referierten Unsinn der Schüler noch einmal übertrifft: Du bist der Christos (8,29). Auch diese Aussage ist klar: Den Christus-Titel kann nur behaupten, wer unheilbar taub und blind ist für Jesus.


Die körperlichen Leiden der Akteure sind nicht von medizin-historischer Bedeutung, sondern von literarischer, sie entsprechen nicht physiologischen, sondern theologischen Problemen. Mk erzählt keine einzige Heilungsgeschichte, in der es allein auf das Ergebnis ankäme, auf die Bestätigung eines physischen Heilungs-Erfolgs.


Dabei sind die Geschichten erkennbar auf die jüdischen Schriften, vor allem auf die prophetischen Verheißungen des Jesaja bezogen. Als Erfüllungsgeschichten bestätigen sie in kunstvoll-literarischer Weise etwa die Feststellung, dass die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden (Jes 35,5).


Das aber heißt auch, dass die Prophezeiungen des Jesaja im Fall des Petros nur mit Einschränkungen erfüllt sind. Die Heilungs-Bemühungen führen bei ihm nicht zum Erfolg, nicht zum Vertrauen auf Jesus als den endzeitlichen Retter, zur Nachfolge ans Kreuz. Darin entspricht er dem Einen, der zwar das ewige Leben erben, nicht aber das dafür Nötige tun will (10,17ff).


Fazit: Die oft widerborstigen Heilungsgeschichten des Mk sind nicht als Wundergeschichten zu interpretieren. Denn sie sind nicht mit den Begriffen des Wunders verknüpft, sondern mit denen des Aufrichtens sowie den endzeitlich konnotierten Aktionen des Aufstehens. Insofern werfen sie ganz andere Fragen auf, als die von der Historischen Jesusforschung behaupteten.


In den nachstehend genannten Beiträgen sind weitere Angaben zum Thema zu finden:





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