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Übersetzungsfehler in der Bibel: Mk 8,22ff

Aktualisiert: 24. Jan.

Jesus heilt einen Blinden?



Eine andere Frage zuerst: Wer ist Jesus eigentlich? Die Antwort stellt Mk ins Zentrum seines Textes. Jesus ist der Sohn Gottes (9,7).


Ist er damit auch, wie Petros kurz zuvor behauptet, der Christus (8,29)? Kann Jesus ein König sein - wie andere gesalbte Könige Israels vor ihm, ein Provinzherrscher mit einem Königtum am Rand des römischen Kaiserreichs? Wie blind muss Petros sein für den Sohn Gottes, wenn er ihn als Christus bezeichnet?


Die Antwort erzählt Mk mit der Scheinheilung eines namenlosen Blinden. Sie entspricht in vielen Details der vorangehenden Scheinheilung jenes namenlosen Tauben, dessen Ohren anstelle des von Jesus angesprochenen Himmels geöffnet werden, bzw. jenes mühsam Redenden, dem die Fessel seiner Zunge gelöst wird (7,32ff).


Das hat zur Folge, dass die Menge derjenigen, die ihn zu Jesus gebracht haben, damit er ihm die Hand auflege, das Verkündigungsverbot ignoriert und umso mehr über Jesus redet, als er ihr das verbietet.


Unklar ist, ob wenigstens er auf Jesus hören kann oder ob auch er für sein Wort taub bleibt. Unklar ist auch, ob sie überhaupt Jesus meinen, wenn sie abschließend sagen: Er hat alles prima geschaffen; und die Tauben macht er hören und reden (7,37, sic!). Das einzige, was der Jesus des Mk geschaffen hat, sind die Zwölf. Na prima...


Schon in frühen Handschriften - und dann auch in allen Übersetzungen - wurde die Satzstruktur zugunsten einer parallelen Aussage geändert, indem als Objekt die Sprachlosen eingefügt wurde. Er macht die Tauben hören und die Sprachlosen reden. Doch der Taube war zunächst nicht sprachlos, er konnte durchaus reden, wenn auch nur mühsam (7,32).


Die ursprüngliche Pointe ging mit dieser Einfügung verloren. Denn hier sind diejenigen taub, die nicht auf Jesus hören, wenn sie trotz seines Verbotes reden. Der Satz lässt sich als Lob auf den scheinbar Geheilten interpretieren, als ein satirisches Lob auf Petros. Ihn können diejenigen hören, die Jesus gegenüber taub sind. Dieser sog. Chorschluss ist ein Witz.


Der Bezug auf Petros ist freilich nur in Anspielungen erkennbar; am deutlichsten im etwas künstlichen Bild des Lösens der Fessel – einem Hinweis auf die Lösegewalt, die Petros innehatte (vgl. Mt 16,19).


Die Verachtung, die Jesus ihm dabei entgegenbringt, wird mit dem Bild des Spuckens angedeutet, das hier sicherlich nicht die therapeutische Funktion einer Heilbehandlung hat.


Jesus spuckt auch in die Augen des Blinden, was in Übersetzungen oft verharmlost wird. Der Blinde wird ebenfalls gebracht von ihnen , diesmal mit der Forderung, dass Jesus ihn berühre. Als hätte er selbst von seiner Verblendung nichts bemerkt, wollen wenigstens sie, dass Jesus ihn behandle. Der Blinde bleibt demgegenüber völlig sprachlos.


Bei seiner Scheinheilung sind es wiederum die später vorgenommenen Änderungen, die im Lauf der Text-Überlieferung den Bezug zu Petros verwischt haben. So etwa bei der typischen Dreizahl in der Feststellung des Heilerfolgs: Und er blickte durch und wurde wieder hergestellt und blickte fernleuchtend alles an (8,25).


Wie begrenzt der Heilerfolg ist, zeigt sich an der Ironie des unpassend poetischen Ausdrucks fernleuchtend: Mit seinem Blick in die Ferne bleibt er unfähig, Jesus als das nahe Licht zu erkennen, trotz seines zurückgewonnenen Sehvermögens. Später wird Petros, der Jesus von ferne nachfolgt, sich am Licht wärmen (14,54).


Der letzte Satz der Geschichte wurde vielfach geändert und entsprechend unterschiedlich überliefert. Aus dem Kontakt-Verbot (8,26: Aber geh nicht ins Dorf hinein), wird in den Übersetzungen der Vulgata-Tradition ein Verkündigungs-Verbot: Wenn Du ins Dorf hineingehst, sage es niemandem (vgl. im Bildausschnitt aus der Gutenberg-Bibel den Text am unteren Bildrand: si in vicum introieris, nemini dixeris).


Dabei hatte Jesus dem Simon (Petros) und seinen Gefolgsleuten zunächst tatsächlich zugestanden, in die benachbarten Ortschaften zu gehen, gemeinsam mit ihm (damit ich auch dort verkündige; 1,38). Das damit nur angedeutete Verkündigungsverbot wird also zum radikalen Kontaktverbot verschärft.


In der Exposition wird schon mit dem Ortsnamen Bethsaida auf den Menschenfischer Petros angespielt. Der hebräische Ortsname, der zur Zeit des Mk längst in Julias umbenannt war, lässt sich als Haus des Fangs übersetzen.


Die Pointe der vermeintlichen Blindenheilung wird durch eine Aussage in ihrem Zentrum angedeutet. Auf die direkt an ihn gerichtete, skeptisch anmutende Frage Ob du etwas erblickst…?, (nicht: ob er etwas erblicke, vgl. Vulgata: si quid videret) antwortet der Blinde: Ich erblicke die Menschen, weil ich sie wie Bäume herumgehen sehe (8,24).


Dieser an sich unsinnige Satz ist in seinem Kontext ein abgründiger Witz, der in den Übersetzungen je unterschiedlich entschärft wurde. In der Vulgata hieß er verkürzt: Ich sehe Menschen wie Bäume herumgehen (vgl. etwa in der Bildmitte: Video homines velut arbores ambulantes). Dagegen übersetzte Luther schon 1522: ich sehe die leutt da her gehen, als ob ich bewme sehe.


Die Pointe aber liegt nicht einfach nur im absurden Vergleich von Menschen mit herumgehenden Bäumen. Entscheidend ist hier, wie die unsinnige Antwort die Frage Jesu aufgreift: Ich erblicke die Menschen […].


Der Blinde, der nun angeblich Menschen sehen kann, unter ihnen auch Jesus, der ihm die Hände auflegt, ohne auch nur ein rettendes Wort zu sagen, entspricht dem Petros. Im Klartext besagt die Geschichte: Der blinde Petros des Mk kann weder die Menschen richtig erkennen, noch den Sohn Gottes.


Also hält er auch Jesus nur für einen Menschen. Deshalb wird er später ausdrücklich Satan genannt, mit dem scheinbar harmlosen Vorwurf, er sinne auf das, was der Menschen, nicht was Gottes ist (8,33). So kann er umgekehrt den österlich Erhöhten - trotz der Vorwürfe - ebenfalls nicht als solchen erkennen (9,5; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-verklärung).


Schließlich wird er Jesus als einen leidenden Menschen nicht sehen können (14,37). Der Grund ist diesmal nicht nur der Schlaf des Führungstrios, sondern ein weiteres Augenleiden: Denn ihre Augen waren belastet (14,40).


Petros sieht, aber er erkennt nicht (4,12 vgl. Jer 5,21). Er sieht Jesus, aber erkennt ihn nicht, wenn er ihn für einen jüdischen König hält. Das ändert sich nicht einmal durch das erste und einzige Gebot Gottes, ihn, den geliebten Sohn, zu hören (9,7). Petros hört, entsprechend seinem hebräischen Namen Simon (er hört), aber versteht nicht. Das griechische Wort simos heißt bei Hesych bezeichnenderweise auch blind.


Im Deutschen lässt sich die Ironie der verschiedenen Komposita für Sehen (bzw. Erblicken) nicht adäquat wiedergeben. Ironie steckt auch im Wort für Herumgehen – einem Ausdruck für den Lebenswandel bzw. die zweifelhafte Gesetzestreue der Schüler (vgl. 7,5) – gegenüber dem dazu konträren Bild standfester Bäume.


Ironisch ist zuletzt der kuriose Sendungsauftrag, der als Kontakt-Verbot ihm nur erlaubt, in sein Haus zu gehen, d.h., als Apostel nicht auch andere Häuser, andere Orte liturgischen Feierns aufzusuchen. Aus diesem Grund hatte Jesus ihn aus dem Dorf gebracht: um ihn der Öffentlichkeit zu entziehen (8,23).


Eine komplementäre Blindenheilung ist die des Bartimaios, der mit dem Schrei nach dem Sohn Davids ebenfalls seine Verblendung zum Ausdruck bringt (10,47). Weder diese Variante des Christus-Titels, noch der andere rätselhafte Titel Rabbuni bedingen bei ihm endlich die Zusage rettenden Vertrauens. Ausschlaggebend hierfür ist das Wegwerfen des Mantels (Umhangs).


Im Unterschied zu Petros verzichtet Bartimaios auf Besitz und Macht und folgt Jesus nach auf dem Weg, d.h. ans Kreuz und in die Auferstehung. Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-bartimaios-mk-10-46ff.


Spätestens mit den Übersetzungen gingen die satirischen Züge der beiden Scheinheilungen des Tauben und des Blinden verloren. Bezeichnend, dass weder Matthäus noch Lukas sie übernehmen wollten. Offenbar wussten sie, wer mit dem scheinbar Geheilten gemeint war, den Mk so betont ins Zentrum seines Textes rückt.


Die spätere Übersetzungs- und Auslegungstradition richtete den Blick ohnehin nur noch glaubensvoll auf Jesus; an der von Mk so kunstvoll erzählten Ironie bestand offenbar kein Interesse mehr.


Hier noch eine Übersetzung von Mk 8,22-26:

Und sie kommen nach Bethsaida.

Und sie bringen ihm einen Blinden.

Und sie fordern ihn auf, dass er ihn berühre.

Und aufnehmend die Hand des Blinden

brachte er ihn heraus aus dem Dorf.

Und spuckend in seine Augen,

auflegend ihm die Hände, fragte er ihn:

Ob du etwas erblickst…?

Und hinaufblickend sagte er:

Ich erblicke die Menschen,

weil ich sie wie Bäume herumgehen sehe.

Daraufhin legte er ihm wieder die Hände auf seine Augen auf.

Und er blickte durch und wurde wieder hergestellt

und blickte fernleuchtend alles an.

Und er sandte ihn in sein Haus, sagend:

Keinesfalls gehe in das Dorf hinein.


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