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Aus dem kleinen ABC zum Markusevangelium: R – Rätsel

Aktualisiert: 9. Nov. 2023


In der akademischen Theologie ist es verpönt, die Gleichnisse des Mk als das zu benennen und auszulegen, was sie bei ihm in Wahrheit sind, als Rätsel. Aus einem einfachen Grund: Die Theologie beansprucht als Wissenschaft die historisch belegte oder philologisch überprüfbare Eindeutigkeit. Die aber ist dem rätselhaften Text des Mk wesensfremd.


Der Anspruch verhindert, was er zu klären vorgibt. Er versperrt den Zugang zum Text, der in uneindeutigen Bildern der je entschlüsselnden Deutung bedarf. Bei Mk ist die uneigentliche Sprache wesentlicher Ausdruck seiner Erzähl-Kunst, auch und gerade in der Verwendung der vielen kryptischen Bildworte.


Was seitens der Wissenschaft weitgehend ignoriert wurde, macht einen Großteil seiner Pointen aus. Wer die oszillierende Sprache des Mk nicht als solche wahrnimmt, wird den Witz seiner Rätsel nicht verstehen, wird auch die Lust an deren Auflösung nicht nachvollziehen, geschweige denn selbst entwickeln können.


Die Rätsel sind kein Stilmittel, das auf Jesus-Worte beschränkt wäre. Sie sind häufige Kunstgriffe des Mk, um an den Zwölfen, besonders an Petros rätselhaft versteckt und voller Ironie Kritik zu üben. Die Deutung aber bleibt bewusst offen und den Leser:innen überlassen.


Das gilt schon für die erste Rätsel-Rede, in der Jesus sich von dem Vorwurf distanziert, er habe (sc. mit Petros als dem Anführer der Zwölf) den Beelzebul und treibe mit dem Herrscher der Dämonen die Dämonen aus (3,23).


Jesus lehrt zunächst nur in Rätseln (4,34), doch nach der Christus-Behauptung des Petros sagt er das Wort in Offenheit (8,32), redet also Klartext mit ihm, den er als Satan anspricht, als den Herrscher der Dämonen (8,33).


Der Jesus des Mk lehrt also nicht in Gleichnissen, sondern in Rätseln, deren verschlüsselter Witz nur durch je passende Auflösungen zu erschließen ist. Das gilt auf verschiedenen Ebenen: textintern für die Schüler Jesu sowie die Hörerschaft seiner Lehre, textextern für die Leser:innen bzw. die Hörerschaft seiner Erzählung.


Freilich öffnen subjektiv-beliebige Auslegungen der hermeneutischen Willkür Tür und Tor. Das suchte die neutestamentliche, zumal die historisch ausgerichtete Gleichnis-Forschung dadurch zu verhindern, dass sie im Text des Mk echte Gleichnisse Jesu von den nachösterlich entstandenen Allegorien unterscheiden wollte.


Damit führte sie ein qualitatives Gefälle ein zwischen den vergleichenden Bildworten Jesu und den Deutungen ihrer hypothetisch vorausgesetzten Tradenten. Mit dem literarkritischen Seziermesser wurden angeblich echte Jesusworte von vermeintlich späteren allegorischen Deutungen abgesetzt. So wurde die Allegorie zum Problem.


Das eigentliche Problem aber ist die wissenschaftliche Methodik samt ihrer Begrifflichkeit, hier der Begriffe von Gleichnis und Allegorie. Denn im Text legt Mk selbst seinem Jesus eine allegorische Musterdeutung in den Mund (4,13ff); außerdem stellt er ihn als Nachhilfe-Lehrer dar, der das Erfordernis einer deutenden Auflösung betont (4,34).


Zu den Dogmen neutestamentlicher Forschung zählt das Axiom, der historische Jesus habe seine Lehre mithilfe von Gleichnissen veranschaulicht, in denen seine Botschaft überliefert und noch heute nachweisbar sei. Insbesondere die sog. Wachstumsgleichnisse gelten als authentisch, als Zentrum seiner Lehre, als Veranschaulichung seiner Reich-Gottes-Verkündigung.


Dem ist entschieden zu widersprechen. Was Mk seinem Jesus in den Mund legt, will gerade nicht das Reich Gottes in anschaulichen Bildern darstellen. Es deutet die Probleme seiner Schüler an - sowie einige der gravierenden Gründe dafür, dass sie die Outsider sind, die in das Königtum Gottes nicht hineinkommen können.


Schon das erste große Gleichnis aller Synoptiker, das sog. Sämannsgleichnis, ist bei Mk ein Rätsel (4,3ff). Seine Pointe besteht nicht etwa im Erfolg der Basileia Gottes, sondern in den Hindernissen des Sämanns, die es zu enträtseln aufgibt. Und die modellhafte Rätsel-Auflösung ist nicht etwa eine nachgeschobene Allegorie, sondern ein weiteres, komplementäres Rätsel des Mk (4,13ff).


Eines, das sowohl zur Entschlüsselung des ersten beiträgt, als auch neue Fragen aufwirft – und aufwerfen soll. Die verbreitete Hypothese, das Sämanns-Gleichnis und seine Auflösung seien deshalb von unterschiedlicher Qualität und Herkunft, wird in einem weiteren Blog-Beitrag am Text selbst kritisch zu überprüfen sein.


Ihr widerspricht sowohl die Konstruktion mit der sog. Parabel-Theorie im Zentrum der beiden Sämanns-Rätsel, als auch die aufwendige Rahmung der ersten großen Rede Jesu. Schon deren Einleitung ist rätselhaft, wenn Jesus wieder am Meer lehrt (4,1, vgl. 1,15), nicht mehr in der Synagoge (1,21). Wenn er die größte Menschenmenge lehrt, nicht nur seine Schüler, und dazu sich im Meer setzt, während die Menschen auf der Erde sind (vgl. 6,47), zum Meer hin.


Warum diese Menschenmenge nach dem ersten Rätsel verschwunden ist (4,10), mag mit dessen Pointe zu erklären sein. Sie bildet die Klientel des Menschenfischers ab, ihr abruptes Verschwinden das Problem des Petros, das mit dem Bild des Felsigen (Bodens) angedeutet wird (4,5). Um im Bild zu bleiben: Sie gehen sofort auf, vertrocknen aber, sobald die Sonne aufgeht, aus Mangel an Wurzeln.


In ihrem Rahmen wird diese Rede ausdrücklich als eine Lehre in Rätseln bezeichnet (4,2) sowie als das Wort, das seine Schüler wohl hören (4,33), aber nicht verstehen können. Deshalb muss Jesus als Nachhilfe-Lehrer ihnen alles auflösen (4,34).


Sie sind es auch, die im Zentrum der beiden symmetrisch angeordneten Sämanns-Rätsel mit einer fragenden Hörerschaft kontrastiert werden. In der sog. Parabel-Theorie stellt Mk den Bezug zum Willen Gottes her mit einem Jesaja-Zitat, durch das er erklärt, warum das Unverständnis der Schüler sein muss: damit Sehende sehen und nicht erkennen und Hörende hören und nicht verstehen (4,12; vgl. Jes 6,9f).


Der Gedanke ist schon bei Jesaja anstößig: dass das Herz seines Volks verstockt (vgl. LXX verfettet) ist, damit sie nicht umkehren, auf dass ich sie heilen werde (Jes 6,10 LXX; vgl. Mk 4,12: und ihnen nicht vergeben werde). An die Stelle Israels setzt Mk die Schüler, die Jesus nicht erkennen und sich dafür ein versteinertes Herz vorwerfen lassen müssen (8,17, vgl. Ez 3,7).


Diesen Vorwurf erhebt Jesus auf dem Meer, wo sie ihn diesmal nicht als sättigendes (und endzeitlich rettendes) Brot erkennen können. Das Problem dieser ganz konkreten Ignoranz zeichnet sich erstmals im Saatfeld ab (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-2-23-jesus-ging-durch-kornfelder.


Die Pointe des Sämanns-Rätsels geht in dieselbe Richtung: Sie, die neben den Weg fallen (d.h. abseits des Willen Gottes), auf das Felsige (d.h. auf Petros) oder unter die Dornen (statt unter die Trauben, vgl. Jes 5,2 LXX), sie sind es, die eben jenes (geistliche) Wachstum verhindern, das zur Brot-Erkenntnis nötig wäre.


Vom Reich oder besser, vom Königtum Gottes ist nur in der sog. Parabel-Theorie die Rede, nicht aber in dem sie einrahmenden Text der beiden Sämanns-Rätsel. Von dem so oft behaupteten Wachstum des Reiches Gottes kann dort keine Rede sein.


Jedenfalls ist die Parabel-Theorie eine in die Sandwich-Konstruktion eingefügte Sonderlehre, die den Sinn der Rätsel ausdrücklich anspricht. (Und als er allein war, fragten ihn die um ihn waren mit den Zwölfen nach den Rätseln, 4,10). Die Frage wird von denen um ihn herum aufgeworfen, also von seiner neuen Familie (vgl. 3,31).


Die Zwölf sind bei den Fragenden zwar dabei, zählen aber nicht zur neuen Familie dazu. Im Gegensatz zu ihr stehen sie draußen (4,11, vgl. 3,31) als die Outsider, die Unverständigen, die nicht wahrnehmen und nicht verstehen, und denen am Ende auch nicht vergeben wird.


Der Grund wird nicht explizit genannt, lässt sich aber aus dem Basileia-Begriff erschließen. Sie halten am Königtum Jesu fest, d.h. am Christus-Titel. Dagegen ist der neuen Familie das Geheimnis des Königtums Gottes gegeben (4,10), im Klartext: ihnen ist das Brot gegeben, in dem Jesus zu erkennen ist.


Dem Christus-Titel des Petros (8,29) stellt Mk also das Königtum Gottes antithetisch gegenüber (vgl. 1,15f), dem auflösbaren Rätsel das unergründliche Geheimnis, und den Zwölfen die neue Familie seiner Brüder, zu der er bezeichnenderweise auch seine Schwestern zählt (3,34). Sie sind es, die den Willen Gottes nicht nur hören, sondern tun (3,35).


In alter jüdischer Tradition besteht der Wille Gottes nicht nur darin, auf ihn zu hören (vgl. 9,7). Daran knüpft Mk an mit dem auf den Namen Simon (er hört) anspielenden Imperativ Hört!, dem Leitmotiv der ersten Rede, dem das Seht! in der zweiten entspricht. Das Hören könnte zur Erkenntnis des Wortes führen (Seht, was ihr hört!, 4,24), wären da nicht die vielen Hindernisse, die das Sämanns-Rätsel andeutet (Wenn der Sämann das Wort sät, 4,14).


Erst in der Rätsel-Auflösung ist Jesus der Sämann - und zugleich das von ihm ausgestreute Saatgut. Das entspricht der Theologie der Mahlfeier. Jesus ist der Geber des Brotes - und zugleich das von ihm ausgeteilte Brot.


Die Perspektive des Brotes wirft ein Licht auch auf das letzte Rätsel der Rede, das sog. Senfkorn-Gleichnis (4,31ff). Eine Senf-Staude mag noch so hoch wachsen und den Vögeln des Himmels Unterschlupf bieten (vgl. Ez 31,6), für die Erzeugung des Brotes oder die Erkenntnis Jesu bleibt eine solche Pflanze, die höher wächst als alle Küchenkräuter, wertlos.


Nicht das Wachstum als solches ist hier die eigentliche Pointe. Der Kontrast liegt also nicht in der anfänglichen Kleinheit gegenüber dem wertlosen Ergebnis, sondern im Kontrast der Senfstaude zum Weizen im Rätsel davor (4,28).


Hinter dem Bild des Senfkorns steht möglicherweise eine abgründige Reichtums-Kritik, indem es ein für die Pflanze spezielles Wort verwendet (Korn, 4,31), nicht aber einen der üblichen Begriffe für Samen. Das Korn steht in anderen Kontexten für die kostbare Farbe des Purpurs; so könnte das Senfkorn ein Signal sein für den Reichtum (von Purpurträgern, vgl. Klgl 4,5).


Nach der Rede wird in einer Schlussnotiz des Mk die Schülerschaft Jesu noch einmal der Hörerschaft gegenübergestellt (4,34). Sie wird bald danach wieder nicht in der Lage sein, seine nächste rätselhafte Anweisung als solche zu verstehen und ihm durch das Meer zu folgen (4,35; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-sog-sturmstillung-mk-4-35-5-1.


Weitere Rätsel der kunstvoll gebauten Rede werden zu einem späteren Zeitpunkt zu entschlüsseln sein. Hier nur ein kleiner Überblick über die drei weiteren Stellen des Wortes Rätsel bei Mk:


1. Wenn die Schüler belehrt werden über das, was den Menschen gemein (d.h. unrein) macht, fragen sie nach dem Rätsel, doch nicht etwa sofort, am Ort seiner Lehre, sondern im Haus, dem Ort der liturgischen Feier (7,17). Die Pointe: Die dort unpassende, aber für sie bezeichnende Frage läuft ins Leere; seine Aussage über die Unreinheit war sehr eindeutig und alles andere als rätselhaft.


2. Im Rahmen der großen Streit-Reden in Jerusalem heißt es, dass sie erkannten, dass er das Rätsel auf sie hin gesagt hatte, mit der Folge, dass sie ihn verlassen und weggehen (12,12). Die Frage ist hier, welches der beiden als Rätsel angekündigten Bildworte sie auf sich beziehen (vgl. 12,1). Fraglich ist damit vor allem, wer sie überhaupt sind. Näheres dazu in einem eigenen Blog-Beitrag.


3. In seiner zweiten langen Rede, einer endzeitlichen Sonderbelehrung der ersten beiden Brüderpaare, fordert Jesus sie ironisch auf, ein Rätsel zu lernen (!): Wenn sein Zweig schon zart wird und die Blätter herauswachsen, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist (13,28). Das anschauliche und keineswegs rätselhafte Bild dürften sie problemlos verstehen können.

Offen bleibt, ob sie auch das Kontrast-Bild danach verstehen können: So auch ihr, wenn ihr dies geschehen seht, erkennt, dass er nahe bei den Türen ist 13,29). Da die Tür auf Petros anspielt, dient es als rätselhafte Gerichtsandrohung ihnen gegenüber (vgl. 14,28). Bevor für Andere die Heilszeit beginnt, erfolgt die Trennung von Spreu und Weizen (vgl. 4,29).

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