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Übersetzungsfehler in der Bibel: Fehler der Vulgata 2/2 Ultima Verba Petri (Mk 14,71)

Aktualisiert: 29. Feb.

Um eines gleich klarzustellen: Die Überschrift suggeriert, dass die letzten Worte des Petros in der Vulgata falsch übersetzt seien (vgl. die 2. Zeile auf dem Foto aus der Gutenberg-Bibel). Das sind sie nicht. In den lateinischen Versionen ist der Text des Mk sehr treffend wiedergegeben (14,71). Falsch bzw. apologetisch verzerrt übersetzt sind sie erst in deutschen Versionen.


Alle Übersetzungen münden allerdings in eine bemerkenswerte und auffallend ungeklärte Differenz gegenüber dem Text des Mk (14,72). Das schon in der Vulgata verfälschte Ende der Szene und damit der letzte Auftritt des Petros soll hier vorab in den Blick genommen werden. Deshalb soll es hier zunächst um seine letzte Aktion gehen, dann erst um seine letzten Worte.


Und er begann zu weinen. Mit wenigen Worten endet der letzte Auftritt des Petros, in der Vulgata: et coepit flere (καὶ ἐπιβαλὼν ἔκλαιεν, 14,72d; auf dem Foto etwa in der Bildmitte). Der Grund dieses Weinens wird nicht genannt; nichts weist im Text darauf hin, dass er aus Reue weint. Daher verbieten sich vorschnelle Deutungen.


Dem Weinen steht nur in den Übersetzungen eine Verbform des Beginnens voran. Was so typisch für das Erzählkolorit des Mk scheint, wird von ihm jedoch mit einem anderen Begriff ausgedrückt. Zudem zieht die finite Verbform (er fing an) die Betonung an sich, ursprünglich lag sie auf dem Weinen.


Bei Mk steht hier ein deutungsoffenes Partizip (ἐπιβαλὼν), ein Kompositum des Verbums werfen, das kaum je plausibel gedeutet und wohl auch deshalb geändert wurde. Seine lexikalische Bedeutung ist zunächst die des Hinwerfens oder Aufwerfens, etwa eines Umhangs (Mantels, vgl. 11,7).


Hier kann es aber auch heißen, (den Sinn) auf etwas richten. Also dürfte die Bedeutung auf der Erzähloberfläche darin bestehen, dass Petros daran dachte – und deshalb weinte. Das Problem seines Erinnerungsvermögens ist in einem früheren Blogbeitrag bereits beschrieben: https://www.skandaljuenger.de/post/wie-steht-es-um-petros-und-um-sein-erinnerungsvermögen-mk-14-72.


Mit dem Bild des Werfens weist diese letzte Szene des Petros auf sein erstes Auftreten zurück (1,16). Auch dort wird ein deutungsoffenes Kompositum von werfen verwendet, dessen Sinn vorschnell mit dem Auswerfen der Netze erklärt wird. Doch von Netzen kann keine Rede sein; das Objekt seines Werfens fehlt auch hier. Unklar ist der Sinn dieser Entsprechung, die den ersten und den letzten Auftritt des Petros kennzeichnet.


Zu Beginn können die Leser:innen das Geschehen mit den Augen Jesu mitverfolgen. So sehen sie, dass Petros und Andreas sich [den Umhang] umwerfen. Jesus beobachtet also, wie sie sich mit dem ungenannten Mantel ein Symbol von Macht umhängen. Durch die Ellipse wird die Investitur nur angedeutet, eine Selbst-Ermächtigung, die Jesus sofort reagieren lässt (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-1-16-die-netze-des-simon-und-seines-bruders).


Bei seinem letzten Auftritt denkt Petros offenkundig daran, was Jesus den Zwölfen prophezeit hatte, und damit an den Grund seines Weinens. Denn Jesus hatte ihnen einen kurzen Prozess angekündigt: Ich werde euch vor [Gericht] führen in Galiläa (14,28). Dieses Gerichtswort, das Petros zunächst zu ignorieren scheint (14,29), fällt ihm erst durch den zweiten Weckruf des Hahns ein.


Seine letzten Worte bilden zuvor den dramatischen Höhepunkt der Szene, zugleich den Tiefpunkt seiner Jesus-Beziehung und Schlusspunkt seiner Führungsrolle. Ausgelöst werden sie durch die Aussage einer Gruppe von Dabeistehenden, die nur über Petros spricht und Jesus nicht einmal mehr erwähnt: Wahrhaft, von ihnen bist du, denn auch ein Galiläer bist du (14,70).


Das hat Petros mit ihnen gemeinsam, mit der Gruppe derer, die dabei (d.h. bei Jesus) stehen: Sie sagen nicht im Prozess als Zeugen für Jesus aus; stattdessen treten sie mit dem Wort Wahrlich (vgl. das Amen in 14,30) als Ankläger des Petros auf. Ihr Verweis auf Galiläa mag ihn daran erinnern, dass ihm dort die Vorladung droht (14,28).


Umgekehrt tritt Petros vor ihnen nicht als Zeuge für Jesus auf (vgl. 13,10). Obwohl er zeichenhaft ohnehin schon draußen ist (14,68), spricht er ein Anathema aus, eine Verdammung, deren Objekt fehlt (14,71). So verflucht er nicht etwa sich selbst, der Kontext ist eindeutig. Petrus vollzieht den Bann über Jesus, über den Menschen, den er nicht kennt.


Das ist weit mehr als die bloße Bestreitung einer Gruppen-Zugehörigkeit oder ein situativ nachvollziehbares Versagen. Es ist ein eindeutiger Fall von Apostasie. Petrus sagt unter Eid sich definitiv von Jesus los. Das ist in den späteren Evangelien nicht mehr zu erkennen, schon gar nicht in deutschen Übersetzungen, in denen er sich selbst verflucht.


Den Grund der Apostasie hatte Jesus ihm zuvor benannt: Dass er auf das sinne, was der Menschen ist (8,33). Wer Jesus nur als Menschen sieht, kann ihn nicht als Sohn Gottes, als Retter bekennen. Und wer ihn wie Petros als Christus anerkennt, kann ihn nicht als den Sklaven Gottes erkennen (vgl. Jes 53), der sich stellvertretend für die Sünde seines Volks hingibt bzw. hingeben muss. Sein Weg entspricht paradigmatisch dem, was Gottes ist (vgl. 8,31f).


Vom Christus Jesus sagt Petros am Ende kein Wort mehr. Da Jesus wegen des Titels vor Gericht steht und gekreuzigt wird, schweigt Petros sich darüber aus (vgl. 14,71). Doch sein Schweigen ist beredt; in einer Lücke wird es erkennbar, wieder bedingt durch eine Ellipse: Nicht kenne ich diesen Menschen, den ihr nennt […]! Die Klammer zeigt, wie Petros sich am Ende gleichsam auf die Zunge beißt, wenn er am Satzende den Christus-Titel verschluckt (14,71; Vulgata: nescio istum hominem, quem dicitis [...]. vgl. Foto).


Das entspricht inhaltlich und wortgleich dem Versuch des Pilatus, seinen falschen Königs-Titel der Menschenmenge in die Schuhe zu schieben (vgl. 15,12). Diese Parallele von Petros und Pilatus ist auch in Übersetzungen noch zu erkennen an der analogen Formulierung (ὃν λέγετε...; den ihr nennt König der Judäer).


Gleichwohl lässt sich im Deutschen diese Pointe des Verschluckens am Satzende nicht angemessen wiedergeben; in der Vulgata ist sie beibehalten (s.o.). Doch auch dort ist die bezeichnende Parallele von Petros und Pilatus beseitigt, nämlich dadurch, dass in der Rede des Pilatus die Wendung quem dicitis (etc.) weggelassen wurde (15,12; übrigens auch schon in einigen griechischen Handschriften).


Bezeichnend ist außerdem, was Matthäus daraus macht. Er legt seinem Pilatus Worte in den Mund, die ihn zu einem weiteren Zeugen für den Christus Jesus umdeuten: Was also soll ich tun mit Jesus, der Christus genannt wird? (Mt 27,22).


Schließlich noch eine Bemerkung zu der Frage, wie die letzten Worte des Petros sich im Deutschen wiedergeben lassen, wie sein Verschlucken des Christus-Titels deutlich werden könnte. Zur unüblichen und in Bibel-Editionen unvorstellbaren Option, den fehlenden Titel durch Pünktchen wiederzugeben (den ihr nennt...), scheint es wohl keine geeignete Alternative zu geben.


Vergleichbare Fragen stellen sich bei Mk mehrfach, bei anderen Ellipsen etwa (z.B. 1,16), bei abreißenden Gedankengängen (z.B. 11,32) oder bei absichtlich gestörten Satzkonstruktionen (z.B. 2,10). Das betrifft die Übersetzbarkeit des Textes generell – und zeigt dabei dreierlei: 1. Wie szenisch der Text ursprünglich gedacht ist, 2., wie sehr er zur persönlichen Lektüre geeignet ist, nicht aber zum liturgischen Vortrag, und 3., wie begrenzt die Möglichkeiten der Übersetzer:innen sind, derart raffinierter Inszenierungskunst im Deutschen gerecht zu werden.

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