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Der Petros des Mk: Wie steht es um sein Erinnerungsvermögen? (Mk 14,72)

Aktualisiert: 21. März 2023

Bevor zweimal ein Hahn ruft, dreimal wirst du mich ablehnen (14,30).

Zu den Besonderheiten des Markus-Evangeliums zählt die artikellose Erwähnung eines Hahns, der zweimal rufen werde, laut der Prophezeiung, die Jesus an Petros richtet (14,30). Tatsächlich erzählt Mk später nur von einem einzigen zweiten Rufen (14,72); ein erster Weckruf fehlt.


Dieser Widerspruch ist ein für Mk typischer Kunstgriff, der in den anderen Evangelien sowie in den meisten Handschriften durch je unterschiedliche Maßnahmen beseitigt wurde. Das sollte wohl seine Absicht unkenntlich machen, das Erinnerungsvermögen des Petros in Frage zu stellen.


Hier einige der Maßnahmen, durch die der ursprüngliche Widerspruch beseitigt wurde:

1. In zahlreichen Handschriften wurde das zweimal weggelassen (14,30.72). Damit wurde die Formulierung an die der anderen Evangelien angeglichen, in denen von vorne herein nur von einem Hahnenschrei die Rede war.


2. Ein erstes Krähen wurde zwischendurch in den Text des Mk eingefügt (14,68). Wie unsinnig diese Einfügung ist, zeigt sich u.a. daran, dass sie nicht auf das Abstreiten des Petros reagiert, sondern auf sein Hinausgehen in den Vorhof.


3. In der lateinischen Überlieferung von 14,30 und 14,72 wurde die weitgehende Entsprechung der beiden Formulierungen aufgegeben. Damit ist die hintergründige Pointe des Mk nicht mehr zu erkennen.


4. In den meisten deutschen Übersetzungen ist umgekehrt die Erinnerung des Petros wortgleich mit der Prophezeiung Jesu, als gebe es da keine Unterschiede.


Mk lehnt sich bei der Prophezeiung zitierend an jüdische Rätselsprüche an. Sie entspricht den Zahlenrätseln, wie sie im Buch der Sprüche zu finden sind. Unter ihnen wird einmal ausdrücklich auch ein Hahn genannt, der bei den Weib[li]chen mutig stolziert (Spr 30,31, LXX).


Diese versteckte Anspielung hat mehrere Funktionen. Zum einen stellt sie das rätselhafte Jesus-Wort in die Tradition der jüdischen Weisheitsliteratur und rückt Petros ironisch in die Nähe eines schneidigen Frauenhelden sowie eines danach ebenfalls genannten Königs. Zum anderen erlaubt die gestaffelte Formulierung des Zahlenrätsels eine Deutung, die über die Ankündigung einer dreifachen Ablehnung weit hinausgeht.


Mk nennt bei der Prophezeiung die beiden Zahlwörter zweimal bzw. dreimal getrennt voneinander. Auch der unmittelbare Kontext ist bemerkenswert: Das dreizehnte Amen-Wort Jesu ist das einzige, das nicht an eine Gruppe gerichtet ist, sondern an eine Einzelperson. Auffällig ist überdies die verdoppelte Zeitangabe heute, in dieser Nacht.


Petros aber behält die Formulierung anders im Gedächtnis. Seiner Erinnerung nach hatte Jesus den Zahlenspruch folgendermaßen gesagt: Bevor ein Hahn ruft zweimal, dreimal, du wirst mich ablehnen. So lassen die beiden Zahlwörter sich unverbindlich auf den Weckruf des Hahns beziehen.


Das heißt: Petros hat die Worte Jesu falsch im Gedächtnis. Er dreht sie sich in seiner Erinnerung so hin, wie er sie zu seiner Entlastung braucht. Die ausführliche Rede-Einleitung macht die Fallhöhe deutlich: Und Petros erinnerte sich an den Spruch, wie Jesus ihm gesagt hatte (14,72a). Das grammatikalisch störende wie weist auf das Wie der genauen Formulierung hin.


Außerdem ignoriert Petros den Kontext, das vollmächtige Amen-Wort, dessen Geltung er umgehend bestritten hatte (14,31), sowie die betonte Zeitangabe. Seine erste Ablehnung erfolgt just in diesem Moment, da er sich gegen die Vollmacht Jesu stellt - mit der überschwänglichen Beteuerung seines Mitsterbens.


Bezeichnend, dass Matthäus von Mk das wie nicht übernimmt, auch dass die parallelen Erzählungen das Verbum compositum des Erinnerns ersetzen durch das Verbum simplex des Gedenkens (Mt 26,75; Lk 22,61) oder ganz weglassen (Joh 18,27). Gegen Mk wird Petros schon innerbiblisch entlastet; er wird zum Vorbild eines reuigen Sünders (Mt, Lk) und sogar rehabilitiert (Joh).


Die abschließende Notiz des Weinens zählt zu den besonders falsch übersetzten und fehlgedeuteten Sätzen des Mk; dazu mehr in einem separaten Blog-Beitrag (https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-2-ultima-verba-petri-mk-14-71). Hier nur soviel: Sie sagt über Petros eben nicht das reuevolle Et coepit flere aus, das aus der Tradition der römisch-lateinischen Handschriften in die meisten deutschen Bibel-Ausgaben übernommen wurde (Und er begann zu weinen, 14,72c). NB: Die im Bild oben notierte Version entspricht der des Lukas (Petrus weinte bitterlich, Lk 22,62).


Schon vor den so kunstvoll komponierten und bis zur Apostasie gesteigerten Ablehnungen des Petros erscheint sein Erinnerungsvermögen fragwürdig - wegen einer Geschichte, die fälschlich Verfluchung des Feigenbaums genannt wird (11,13).


Nach der zeichenhaften, irreführend als Tempelreinigung bezeichneten Aktion Jesu sehen die Schüler einen Feigenbaum, vertrocknet aus [den] Wurzeln (11,20). Petros erinnert sich und behauptet: Rabbi, sieh, der Feigenbaum, den du verfluchtest, ist vertrocknet (11,21). Seine Erinnerung bezieht sich auf das Geschehen vom Vortag.


Entweder hatte Petros nicht genau zugehört, was Jesus gesagt hatte, obwohl das Hören eigens betont wird (Und seine Schüler hörten es, 11,14). Oder aber – und das ist deshalb das Wahrscheinlichere: Seine Erinnerung ist falsch. Von einer Verfluchung des Feigenbaums kann jedenfalls keine Rede sein.


Jesus hatte in seinem (geistlichen) Hunger an dem Feigenbaum nichts als Blätter gefunden und dann antwortend (!) zu ihm gesagt: Nie mehr in Ewigkeit soll von dir einer eine Frucht essen (11,14). Das ist keine Ansage an den Baum, geschweige denn dessen Verfluchung. Es ist die rätselhafte Weissagung einer für immer verhinderten Nutzung.


Bis heute gibt die falsche Behauptung einer Verfluchung der in Sandwichform konstruierten Erzählung ihren Namen. Dass sie in der Forschung sogar als Strafwunder bezeichnet wird, entspricht ebenfalls der langen Geschichte ihrer Fehldeutung.


Petros macht Jesus indirekt einen massiven Vorwurf. Mit der Unterstellung einer Verfluchung schiebt er Jesus die Schuld am Vertrocknen des Baums in die Schuhe.


Der Vorwurf lässt sich kontextuell auf die Schuld am Vertrocknen der judäochristlichen Kirche beziehen. Denn mit dem Heiligtum ist nur auf der Erzähl-Oberfläche der Jerusalemer Tempel angesprochen (11,15ff). Auf der Deutungsebene steht es für die Kirche des Petros, die mit ihrem Reichtum und dem Verkauf von Tauben (sc. des Heiligen Geistes) zu einer Räuberhöhle gemacht wurde, auch durch Jakobos und Johannes, die beiden Räuber rechts und links von Jesus (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-1).


Bleibt abschließend die Frage, warum Mk einen ersten Weckruf des Hahns unerwähnt lässt. Aufmerksame Leser:innen können sie beantworten, wenn sie über den beabsichtigten Widerspruch stolpern und so auf die naheliegende Antwort stoßen: Weil Petros ihn verschläft, zusammen mit Jakobos und Johannes (14,32ff).


Dieser dreifache Schlaf in Gethsemani, mit dem die Drei die dreifach wiederholte Aufforderung Jesu zum Wachen missachten (13,33.35.37), deutet die zweite Ablehnung des Petros an. Nun müsste der Hahn krähen - doch niemand hört den Weckruf. (Der Beitrag dazu folgt).

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