Wer sind die Herodianer?

Was Mk von ihnen erzählt, ist wenig, qualitativ aber bedeutsam genug, auch für einen Blog-Beitrag über sie. Ihre Bedeutung ist im Rahmen der Erzählung daran zu erkennen, dass sie an zwei wichtigen Stellen in Erscheinung treten (3,6; 12,13) und einmal von Jesus genannt werden (8,15). Mit der Nachkommenschaft aus der Dynastie des Herodes, den sog. Herodiern (Ἡρώδειοι), haben sie nichts zu tun.
Die Frage ist also zunächst, wer die Herodianer (Ἡρῳδιανοί) waren, sofern es sie überhaupt gegeben hat, und was der Name der Gruppierung bedeutet, die nirgends sonst erwähnt wird. Den einzigen Beleg neben Mk liefert Matthäus, der von ihm abhängig ist (vgl. Mt 22,16).
Die andere Frage betrifft ihre literarische Funktion bei Mk. Sie treten nicht selbstständig in Erscheinung, sondern nur in Verbindung mit den Pharisäern, denen bereits ein eigener Blog-Beitrag gewidmet ist (https://www.skandaljuenger.de/post/wer-sind-die-pharisäer-bei-mk).
Auf dem Bild oben (Tizian, 1516) sind keine zwei Gruppen zu sehen. Dargestellt ist nur derjenige (Pharisäer?), der in der sog. Zinsgroschengeschichte den Denar bringt. Vermutlich wird die Szene in der Fassung des Matthäus gezeigt, der sie gegenüber Mk mit dem Fokus auf die heuchlerischen Pharisäer erzählt (Mt 22,15-22).
Wer also sind die Herodianer? Der Name, der sich auf Herodes Antipas bezieht, scheint darauf schließen zu lassen, dass es sich bei ihnen um Verwandte oder Günstlinge jenes jüdischen Tetrarchen handelt, der seinerseits von der Gunst der Römer abhängig war. Von ihm erzählt Mk ausführlich im Zusammenhang mit dem Tod des Johannes d.T. (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-johannes-der-täufer).
Mit den drei Erwähnungen bei Mk lassen die Herodianer keine Rückschlüsse auf die historischen Verhältnisse zu. Anders als bei der Ermordung des Johannes d.T. werden in ihrem Kontext keine Angehörigen der weit verzweigten Familie des Herodes genannt. Dennoch könnte es sich bei ihnen um Gefolgsleute handeln, die ihre Stellung oder ihre Macht ihm zu verdanken hatten. Doch Belege dafür gibt es nicht.
In der römischen Geschichtsschreibung findet sich kein einziger Hinweis auf eine derartige Gruppierung, auch nicht unter den zahlreichen Berichten über Herodes Antipas, nicht einmal bei Josephus, der ihn ausführlich in seinem Geschichtswerk beschreibt (z.B. in den Antiquitates, Ant. 18). Über Herodes Antipas, Sohn des Herodes des Großen, folgt ein separater Blog-Beitrag.
Die Existenz der Herodianer lässt sich also mit außerbiblischen Quellen nicht bestätigen. Das legt die Vermutung nahe, dass Mk sie aus literarischen Gründen in seine Erzählung eingeführt haben dürfte. Jedenfalls sind Hinweise auf ihre narrative Funktion – unabhängig von der historischen Realität – nur aus dem Text selbst zu gewinnen. Deshalb folgt hier ein kurzgefasster Durchgang durch die drei Szenen, in denen die Herodianer genannt werden.
3,6:
Da geht es um ein inkriminiertes Verhalten Jesu und die Reaktionen von Pharisäern und Herodianern. An einem Sabbat demonstriert Jesus die Heilung einer verdorrten Hand, ohne selbst dafür tätig geworden zu sein. Er stellt nur die gewitzte Frage, ob es am Sabbat erlaubt sei, Gutes zu tun oder Böses, Leben zu retten oder zu töten. Letzteres kann niemals erlaubt sein, aber genau das beschließt die Koalition seiner Gegner unmittelbar danach – just am Sabbat.
Jesus macht sich selbst nicht schuldig, soll aber von denen, die sich schuldig machen, vernichtet werden für das Gute, das offenkundig am Sabbat geschehen ist. Das ist hochgradig paradox, und eben diese Widersprüchlichkeit kommt zum Ausdruck auch in der unheiligen Koalition der Gegner, die den Tötungs-Beschluss fassen.
Die besteht, wie gesagt, aus den Pharisäern mit den Herodianern. Eine Zusammenarbeit mit dem Rom-treuen Gefolge des Herodes konnte für die toratreuen Pharisäer eigentlich nicht in Betracht kommen, da schon der Kontakt mit ihnen bedeuten konnte, sich unrein zu machen.
Zwar beschließen die Pharisäer mit den Herodianern die Vernichtung Jesu, aber das war‘s dann auch schon. Sie unternehmen nichts weiter; also bleibt es bei leeren Worten – sowie einem Signal an die Leser:innen, die eine Vorahnung auf den endgültigen Tötungsbeschluss bekommen.
Daran macht eine Koalition von Oberpriestern mit den Schreibern sich schuldig – ausgerechnet im Heiligtum (11,18), das Jesus unmittelbar zuvor als Räuberhöhle bezeichnet und zeichenhaft gereinigt hatte (11,17, vgl. Jer 7,11).
12,13:
Sie sind es dann auch, nun im Dreierbund mit den Ältesten, die die Koalition von Pharisäern und Herodianern zu Jesus schicken, bezeichnenderweise in der Absicht, ihn im Wort zu fangen. Was zunächst nur paradox erschien, wird nun zur tödlichen Falle – reziprok zu jenen beiden Brüdern, die Menschen anstelle von Fischen gefangen hatten (vgl. 1,16ff).
Indem die unheilige Koalition diesmal eine Fangfrage stellt, wird Jesus sich schuldig machen müssen. Gibt er zu, dass dem Kaiser die Steuer zu entrichten sei, so wird er nach dem jüdischen Gesetz schuldig, lehnt er es ab, so ist es das römische Gesetz, das ihm zum Verhängnis wird.
Damit stehen die beiden unvereinbaren Gruppierungen für die beiden unvereinbaren Rechtskulturen. Wie die Koalition der Pharisäer und Herodianer sich bei dieser Gelegenheit schuldig macht, wird in einem eigenen Beitrag zu zeigen sein.
8,15
Vor der entscheidenden Wende in der Buchmitte hatte Jesus nacheinander den Sauerteig der Pharisäer und den der Herodianer angesprochen, um vor dessen jeweils verunreinigenden Folgen zu warnen.
Auslöser dafür ist die Forderung der Pharisäer, Jesus solle ein Zeichen vom Himmel geben. Er beantwortet sie mit einem Amen-Wort, das Thema des letzten Beitrags im Blog war (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-gibt-jesus-ein-zeichen-oder-nicht-8-12).
Das Bild des Sauerteigs dient dazu, motivisch an das Brot anzuknüpfen, das zuvor für die Sättigung von 4000 Menschen von Bedeutung war, auch als ein Zeichen vom Himmel. Die Schüler Jesu sollen sich jedenfalls hüten vor dem Sauerteig, implizit vor der für ihn typischen Verunreinigung. Sie aber verstehen die (ironische?) Warnung falsch, wenn sie daraufhin der Meinung sind, kein Brot an Bord zu haben (8.14).
Das ist insofern bemerkenswert, als sie das bei der Sättigung übrig gebliebene Brot zwar eingesammelt (8,8), offenbar aber nicht mitgenommen hatten. Was aus den Resten der Fischlein wurde, bleibt ebenfalls offen; vielleicht hatten sie sie einfach für sich behalten.
Ihre Reaktion übersieht vor allem, dass sie mit Jesus doch ein Brot an Bord haben. Sie verstehen also weder seine Warnung, noch die Möglichkeit, ihn als das eine Brot zu erkennen, das für ihre Rettung nötig ist. Ihre geistliche Blindheit wertet Jesus mit Anspielungen auf die Propheten als Folge ihrer versteinerten Herzen (8,16ff, vgl. Jer 5,21; Jesaja 6,9f; Ez 12,2).
Seine doppelte Warnung vor dem Sauerteig wird symbolisch noch von Bedeutung sein, wenn mit dem Hinweis auf die Tage des Pascha und der ungesäuerten Brote die Passion Jesu beginnt (14,1).
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