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Fragwürdige Theorien in der Forschung (2/2): Mk 13,2 - zu Deutung und Datierung

Aktualisiert: 22. Aug. 2023



Zur Märchenliteratur zählte Ernst Käsemann einst die wissenschaftliche Gattung der Einleitungen ins Neue Testament. Wer detailliertere Aussagen über die Entstehungszeit und -umstände der Evangelien treffen möchte, braucht dafür wohl einiges an Phantasie. Im Hinblick auf Mk kommt noch dazu, dass sein rätselhafter Text oft vereinfachend ausgelegt wurde, damit er zu den Erkenntnissen der Einleitungs-Wissenschaft passt.


Im Grunde ist die Frage einfach. Gibt es bei Mk einen eindeutigen Hinweis auf den Jüdischen Krieg, auf die Eroberung Jerusalems oder die Zerstörung des Tempels? Der war nicht nur das Herz des jüdischen Volkes, er war des einzigen Gottes einzige Wohnung.


Damit wäre ein Indiz, im günstigsten Fall ein zeitlicher Rahmen gegeben zur historischen Einordnung des Mk. Dieser Krieg, der die anhaltenden jüdischen Aufstände beenden sollte, begann 66 n.Chr.; er endete mit der Katastrophe des Tempelbrands im Spätsommer 70.


Die Antwort ist ebenso einfach. Nein, eindeutige Hinweise darauf gibt es bei Mk nicht, anders als die in Stein gemeißelten triumphalen Erinnerungen daran auf dem römischen Forum. Aber es gibt eine Vielzahl von Text-Stellen, die auf die ungewöhnlich grausamen Ereignisse bezogen werden können und immer wieder entsprechend ausgelegt wurden.


Allein schon deren Vielzahl ist beachtlich. Auch deswegen gehen die meisten Forschenden heute davon aus, dass Mk seinen Text um 70 n. Chr. geschrieben habe. Dafür haben sie gute Gründe. Doch kommt jede noch so gut begründete Datierungstheorie an ihre Grenzen, wenn sie nicht zum Text passt. Textexterne Hinweise auf die Entstehungszeit gibt es nicht.


Als Locus classicus, geradezu als eine Weissagung der Tempelzerstörung, gilt seit je 13,1f. Die separate Einheit der beiden Verse, die der anschließenden Endzeitrede voranstehen, werden etwa folgendermaßen wiedergegeben und sinngemäß interpretiert:

Und als Jesus das Tempel-Areal verließ, sagte einer seiner Schüler zu ihm: Lehrer, sieh, was für Steine und was für Gebäude. Und Jesus sprach zu ihm: Siehst du diese großen Gebäude? Hier wird kein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerstört wird.


Wäre der Text so zu übersetzen, dann wäre die Sachlage relativ klar; dann wäre damit die Tempelzerstörung prophezeit worden. Zu klären wäre dann noch, ob die als echte Weissagung oder als Prophezeiung ex eventu zu verstehen wäre. Tatsächlich ist die Forschung sich darin uneins; erstaunlich einig ist sie sich in der Deutung von 13,2 als einem sog. "Tempelwort“.


Plausibel wäre das insofern, als die anschließende Endzeitrede (13,5ff) den Zusammenhang zum apokalyptisch gezeichneten Weltuntergang herstellt. Somit wäre der zerstörte Tempel ein sichtbares Anzeichen für das Ende der Welt und damit für den nahen Anbruch der Heilszeit.


Die Interpretation von 13,2 als Tempelwort steht hier in Frage. Auf der Erzähl-Ebene mag sie wohl eine Option sein; auf der Deutungs-Ebene geht es Mk um andere Fragen. Hier eine etwas genauere Übersetzung der beiden Verse, deren ursprünglicher Sinn schon in der Vulgata nicht mehr erkennbar ist. Wichtige Hinweise dazu verdanke ich Prof. Dr. Edzard Visser.


13,1 Und als er aus dem Heiligtum auszieht,

sagt ihm einer seiner Schüler:

Lehrer, sieh,

was für Steine und was für Auferbauungen!


13,2 Und Jesus sprach zu ihm:

Du siehst diese großen Auferbauungen…?

Gewiss nicht wird ein Stein auf einen Stein so losgelassen werden,

dass er nicht vernichtet wird.


Daraus ergeben sich mindestens drei wesentliche Konsequenzen.


1. Hier geht es nicht oder nicht nur um den Tempel von Jerusalem.

Der bewundernde Kommentar des ungenannten Schülers scheint neben den beeindruckend großen Steinen der Tempel-Gebäude noch andere Bauwerke in Jerusalem anzusprechen. Insofern liegt in 13,2 der Gedanke an die Zerstörung von Tempel und Stadt nahe.

Beim bedeutungsvollen Verlassen des Heiligtums ist der Blick nun nicht mehr auf das Heiligtum gerichtet, doch der Auszug zum Ölberg lässt sich als Anspielung auf Ezechiel und damit auch auf die Zerstörung des Tempels verstehen (vgl. Ez 10,18ff).


Mit dem Heiligtum ist gerade nicht das Jerusalemer Tempel-Areal gemeint, denn Mk vermeidet das Wort für das Tempel-Gebäude geradezu systematisch. Noch vor dem Einzug in die Stadt, die er bedeutungsvoll Hierosolyma nennt, spricht er vom Heiligen (bzw. Priester, pars pro toto, 1,44) oder vom Haus Gottes (2,26). In Jerusalem selbst folgt immer nur die Angabe des Heiligen bzw. des Heiligtums, des Ortes also, an dem Jesus lehrt (14,49).


Bei der Aussage der Lügen-Zeugen im Prozess ist erstmals vom Tempel-Gebäude die Rede (14,58: ἐγὼ καταλύσω τὸν ναὸν τοῦτον), woran sich ihr besonderes Unverständnis zeigt. Hätte Mk die Zerstörung der Bauwerke schon vorher ansprechen wollen, so wäre in 13,1 eine gute Möglichkeit dazu gewesen.

2. Den Begriff für die Gebäude verwendet Paulus oft in übertragener Bedeutung, als Erbauung (οἰκοδομή, Röm 14,19; 15,2 u.ö.), freilich ohne den pietistischen Unterton. Es ist bedenkenswert, dass die auffällige Rückfrage Jesu auf diese Differenz unterschiedlicher Erbauungen abhebt. Jesus geht zwar auf den Schüler-Kommentar ein, weitet ihn aber allegorisch auf die Gemeindegründungen der Apostel aus.


Das löst die Assoziation mit Petros aus: Er ist derjenige, der zu unpassender Zeit drei Hütten bauen will (9,5); vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-verklärung). Und er ist es auch, der (in Rom?) erstaunlicherweise zum Hauptstein geworden ist (12,10; εἰς κεφαλὴν γωνίας, vgl. Ps 118,22; Jes 28,16), obwohl die Bauleute ihn, den Felsbrocken, doch verworfen hatten.


Auch die Steine sind in ihrer Bedeutung oszillierend. Bei Mk sind sie ein mehrfach wiederkehrendes Bild für Petros bzw. die Zwölf, die wegen ihrer versteinerten Herzen nichts verstehen (vgl. 8, 17). Demzufolge sagt Jesus auf der Deutungs-Ebene mit seinem Vatizinium ihr Ende voraus (vgl. 13,28ff).


Ein weiteres Indiz dafür ist das erste Wort (du siehst). Sehen können sie wohl, doch ohne seine Hilfe verstehen sie nichts. Das defizitäre Sehen ist insbesondere das Problem des Petros (vgl. 8,22ff), auf den einige zentrale Aussagen der Endzeitrede bezogen sind (z.B. 13,21f).


3. Dass kein Stein auf dem anderen bleibe, entspricht der verharmlosenden Deutung der Vulgata. Die Vernichtung (wörtlich Auflösung) der Steine folgt aus dem Geschehen, das sich als Anspielung auf effektive römische Kriegstechniken deuten lässt. (Stein-)Geschosse werden mit dem Katapult so auf die Steine der Stadt losgelassen, dass nichts von ihnen übrig bleibt.


Auch an dieser endzeitlichen Prophezeiung ist es wichtig, den allegorischen Doppelsinn mitzuhören. Die Schüler werden so auf die Stadt losgelassen, dass nichts von ihnen bleiben wird.


Noch ist offen, welchen übertragenen Sinn das Heilige (bzw. Heiligtum) bei Mk haben kann. Erst die Aussage der Lügen-Zeugen macht die von ihnen ungewollt geäußerte Wahrheit deutlich: Jesus selbst ist jenes Heiligtum, das nicht mit Händen gemacht ist (vgl. 14,58).


Andere Anspielungen und versteckte Hinweise des Mk auf die für die Judenheit traumatische Erfahrung der Tempel-Zerstörung werden zu gegebener Zeit folgen. Anhand dessen wird sich auch herausstellen, dass Mk kein Jude war, dem der Tempel am Herzen lag.

Hier bleibt zunächst nur festzuhalten, dass anhand von 13,1f zur Frage der Entstehungszeit nichts festzuhalten ist.

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