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Ceterum censeo: War das letzte Abendmahl ein Passah-Mahl?

Aktualisiert: vor 6 Stunden


Aus Gründen, die noch zu benennen sein werden, halte ich es für falsch, wenn in der akademischen oder der kirchlichen Theologie…

 

…das letzte Abendmahl Jesu bei Mk als ein Passah-Mahl bezeichnet wird.

 

Es versteht sich von selbst: In diesem Rahmen können weder die historischen Gegebenheiten der bedeutungsvollen letzten Mahlfeier diskutiert werden, noch deren ekklesiologischen Auswirkungen. Der folgende Antwortversuch bleibt daher auf einige Beobachtungen an der Erzählung des Mk beschränkt.


In der theologischen Literatur heißt es einhellig, Mk habe, ebenso wie Matthäus und insbesondere Lukas, das letzte Abendmahl als ein Passah-Mahl beschrieben. Dafür werden vor allem die folgenden Gründe angegeben:


1.    Die Vorbereitungen, die von den Schülern explizit für das Passah getroffen werden.

2.    Einige konkrete Angaben im Verlauf der Feier (Schüssel, Berakha, Lobgesang).

3.    Die Chronologie des Mk – im Unterschied zu der des Johannes.


Tatsächlich lässt Mk mit seiner Beschreibung der Mahlfeier keinen eindeutigen Schluss zu. Offensichtliche Hinweise auf das Passah-Fest fehlen. Daneben sind zu den drei genannten Punkten auch gegenteilige Aspekte zu berücksichtigen.


Zu 1.

Zu den mit einiger Ironie erzählten Vorbereitungen gehört vor allem die Auffindung des Raums, die der ebenso ironisch erzählten Auffindung des Reittiers entspricht (11,1ff; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-sog-einzugs-nach-jerusalem-mk-11-1-11). Steht dort mit dem Motiv des Esels die Königsinvestitur Jesu zur Disposition (vgl. Sach 9,9), so ist es hier das christologische Motiv des Passah-Lamms.


Die für Mk typische Ironie lässt sich an einer Vielzahl kleiner Andeutungen beobachten. Die Initiative zu den Passah-Vorbereitungen geht von den Schülern aus. Sie fragen nicht etwa, wo sie mit Jesus das Passahfest feiern werden. Vielmehr zielt ihre Frage darauf, dass sie, wie Judas zuvor (14,10), weggehen, um das Passah dort zu bereiten, wo Jesus es essen werde (sc. allein, ohne sie; 14,12).


Daraufhin entsendet Jesus zwei seiner Schüler (14,13), die im Auftrag des Lehrers jenen Ort aufsuchen sollen, an dem er ausdrücklich mit den Schülern das Passah isst. Vom Brot scheint zunächst keine Rede zu sein.


Doch stellt Mk bereits in der Exposition der Passionsgeschichte die Ungesäuerten (Brote) neben das Passah (14,1). Noch deutlicher geschieht das bei der nächsten Zeitangabe (14,12: Am ersten Tag der Ungesäuerten, als sie das Passah opferten […] ). Im Unterschied zu den beiden Sättigungsgeschichten spricht Jesus zuvor das Brot nicht an, durch das er sich selbst den Zwölfen zu erkennen gibt (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-e-essen).


Seine Antwort auf die Initiative der Schüler stellt indes klar, wo sie das Passah bereiten sollen: Nicht etwa in dem eigentlich angefragten ebenerdigen Ausspann einer Herberge (κατάλυμα, 14,14), der dazu dient, das Joch abzulegen, sondern in einem bequem zum Liegen ausgestatteten Dachgeschoss-Raum, den ihnen der Hausherr zeigt.


Als kryptisches Signal dafür dient ein Mensch, dem sie (sc. anstelle von Jesus) folgen sollen, und der nur einen Krug mit Wasser trägt, nicht aber einen Schlauch oder eine Amphore mit dem für ein Festmahl obligatorischen Wein.


Dieses Signal nimmt eine fragwürdige Lohnverheißung Jesu auf. Sie gilt all denjenigen, denen nur ein Becher Wasser als Lohn bleibt, einfach deshalb, weil sie des Christus sind (9,41). Ihrem Becher Wasser steht beim letzten und auch beim endzeitlichen Mahl mit Jesus der Becher mit dem Ertrag des Weinstocks gegenüber (14,25).


Im Übrigen sendet Jesus die zwei Schüler ausdrücklich nur in die Stadt. Der Tempel in Jerusalem, der für das Passah maßgebliche Ort, an dem die Lämmer geschlachtet wurden (vgl. Dtn 16,5), wird nicht genannt.


Die Vorbereitungen zeigen also dasselbe Prinzip wie sonst auch: In der ironisierenden Darstellung des Mk versuchen die Schüler, Jesus in ihre judäochristlichen Überlieferungen zu übernehmen, hier konkret in ihre Passah-Tradition. Das Ergebnis ist bekannt: Jesus wird in den Opfertod dadurch geführt, dass Judas, der Eine der Zwölf, ihn den Oberpriestern tradiert - wie ein Opferlamm.


Zu 2.

Wie zuvor schon die beiden Sättigungs-Geschichten zeigen, sind die Mahlfeiern als solche bei Mk nicht mit dem Passah verbunden (6,35ff; 8,1ff). Segens- oder Dankgebete lassen sich also nicht zwingend in diese Richtung hin interpretieren; im Kontext antiker Mahlfeiern sind sie ohnehin eine Selbstverständlichkeit.


Die Schüssel kann, anders als der unmittelbare Kontext es nahelegt, nicht der Identifizierung des Judas dienen. Mit den kryptischen Ansagen des Essens und des gemeinsamen Eintauchens könnte ein Hinweis auf die Nähe zu Jesus bzw. auf einen gemeinsamen Tod verbunden sein (vgl. 10,38). Der Bezug zum Passah ist Spekulation, zumal die Schüssel ein gewöhnliches Utensil jeder Mahlfeier ist.


Der das Mahl abschließende Hymnus muss ebenfalls nicht auf ein Passah-Mahl hindeuten. Ob die Zwölf tatsächlich das Hallel gesungen haben, wie es immer wieder behauptet wird, geht aus dem Text des Mk nicht hervor.


NB: Die wichtigste Angabe scheint in der Erzählung des Mk zu fehlen: Das Passah-Lamm, das mit demselben Wort angegeben wird wie das Fest als Ganzes. Auf der Deutungsebene liegt der Gedanke nahe, dass Jesus selbst das Passah ist, das von ihnen geopfert wird (14,12: Am ersten Tag der Ungesäuerten, als sie das Pascha opferten, sagen ihm seine Schüler…; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-sie-kreuzigen-ihn-doppelt-mk-15-24f).


Zu 3.

Die Frage, an welchem Tag Jesus gestorben ist, lässt sich in den Evangelien anhand zweier unterschiedlicher Berechnungen beantworten. Nach Johannes wurde Jesus als das Lamm Gottes am sog. Rüsttag gekreuzigt, an dem Tag also, an dem die Lämmer im Tempel geschlachtet wurden (nach jüdischem Kalender am 14. Nisan). Dagegen ist Jesus nach der synoptischen Tradition am Passahfest gestorben (am 15. Nisan).


Beide Angaben sind theologisch begründet und erlauben insofern beide keine historische Chronologie. Auch der bei Mk offensichtliche Passah-Bezug war ihm sicher nicht mit einer Abendmahls-Liturgie vorgegeben. Vielmehr dürfte er ihn aus theologischen Gründen in die Passionsgeschichte eingeführt haben, um Jesus an die jüdische Passah-Tradition zu binden.


Auch in anderen Details bezieht Mk sich auf jüdische Traditionen (z.B. 14,24), wohl mit dem Ziel, das Geschehen nicht der Deutungshoheit der judäochristlichen Zwölf zu überlassen. So dürfte die Absicht des Mk darin bestanden haben, die letzte Mahlfeier als jenes Ereignis darzustellen, an dem Jesus mit den Zwölfen einen fragwürdigen Bund geschlossen habe.


Das Zustandekommen und das Scheitern dieses neuen Bundes wird in einem eigenen Beitrag zum Abendmahl zu belegen sein.

 
 
 

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