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Naive Narrative?

Aktualisiert: 5. Apr.



Ein amerikanischer Präsident liebte seine eigenen Behauptungen sehr. Und wiederholte sie umso häufiger, je unzutreffender sie waren. So oft, bis sie allseits geglaubt wurden. Honi soit qui mal y pense. Je dreister aber seine Behauptungen waren, desto mühsamer und letztlich unnötiger erschien alles Ringen um die Wahrheit.


Donald Trumps gewissenlose Aussagen sind mit wissenschaftlichen nicht zu vergleichen. Dennoch gibt es Parallelen zwischen dem Gernegroß der Weltgeschichte und einigen Granden der NT-Forschung, die es allein durch Behauptungen schaffen, Fakten zu schaffen. NB: Das Kürzel NT steht für non testatum, es umfasst Fake News, auch Alternative Fakten.


Unterschiede dürften daran liegen, dass Donald Trump selbst kaum realisiert, was er alles von sich gibt. Hauptsache, er hört sich reden und sieht die Reaktionen. Ernst zu nehmende Reflexionen sind in einem derart narzisstisch geprägten Weltbild nicht vorgesehen. Der Denkweg ist ausgeschlossen.


Das Tertium Comparationis liegt also in der Wechselwirkung zwischen der wiederholten Behauptung und ihrer Glaubwürdigkeit. In der kirchlichen Praxis ist es normal, Grundsätze so oft zu wiederholen, bis sie allseits nachgebetet werden. Auch in der akademischen Praxis ist es normal. Fatal ist es, wenn Unsinn nur deshalb glaubwürdig wirkt, weil er oft zu hören ist.


Zu den neueren Narrativen zählt die Behauptung, das Markus-Evangelium müsse, wenn es denn zu Ende gelesen sei, wieder von vorn gelesen werden. So sei der eigentümliche Rückverweis auf Galiläa zu erklären (16,7). Jesus selbst habe gesagt, dass er dort zu sehen sei. Echt jetzt? Alles von vorn, zurück zum Anfang im Wunderland - oder zum Start in der Wüste?


Große Literatur kann mehrfach, ja beliebig oft gelesen werden, keine Frage. Der Gedanke aber, dass einem Schriftstück eingeschrieben und auf ewig mitgegeben sei, die Leserschaft in einem Kreislauf immerwährender Lektüre zu halten, ist ähnlich skurril wie das, was Mk als allwissender Autor im Nachklapp seiner Passionsgeschichte erzählt.


NB: So ist auch das ein beliebter, bis hin zur totalen Glaubwürdigkeit wiederholter Topos: Dass der Text des Mk eine Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung sei. Das ignoriert die grotesken Anspielungen am Ende, das manche gar nicht für das Ende halten können.


Anstatt den Akteuren zuzugestehen, dass ihre Unternehmungen zum Scheitern verurteilt sind, und auf der narrativen Ebene zu überlegen, warum das so sein muss, schicken allwissende Expert:innen ihre von Mk irritierte Leserschaft auf hermeneutischen Irrwegen in die Wüste zurück. Der Denkweg ist ausgeschlossen.


Dieses forschungsgeschichtliche Paradoxon lässt sich wohl nur mit einer simplen Verschwörungstheorie erklären. Am Anfang stand eine Wette: Wie lange braucht eine Behauptung, bis sie wissenschaftlich aufbereitet allseits geglaubt wird? Ein Schelm, der Böses dabei denkt.


Apropos Irrweg: die skurrilsten Behauptungen der Jesusforschung sind wohl dort zu finden, wo es um die Ausbildung und den Beruf des Gottessohns geht. Dazu einige Beispiele ihres Ringens um die historische Wahrheit.


Obwohl Jesus beim Querbeter Johannes d.T. gelernt habe, sei er zunächst Zimmermann gewesen. Der Grund dafür liegt auf der Hand, musste er doch im Handwerks-Betrieb des Vaters mitarbeiten. Das wirft Fragen auf. Ging Jesus auf die Walz? War er auch als Handwerksgeselle in der Lage zu predigen?


Und vor allem: Wer war sein Vater? Was, wenn der nicht Joseph hieß und selbst kein Zimmermann war? Bei Mk, dem Kronzeugen vieler Jesus-Biographien, sind die wenigen Sätze dazu ausgesprochen witzig (6,1ff), pure Ironie über die menschliche Abstammung Jesu, der unter solchen Bedingungen keine Machttaten tun kann.


NB: Bei der fachgerechteren Berufsangabe Bauhandwerker wird gerne übersehen, dass die autoritativen Machttaten Jesu eben nicht Meisterstücke eines Handwerkers sind. Sie sind – terribile dictu – die Folge seines Mundwerks.


Vielleicht habe Jesus sogar in Sepphoris auf dem Bau gejobbt, bevor er seinen erlernten Beruf an einen der Nägel gehängt und sich aus dem Staub gemacht habe. Bevor er sich endgültig dem Wanderleben verschrieben, Anhänger um sich geschart und allseits das Reich Gottes verkündet habe. War der junge Mann, der seit je als ein NF (non factum) gilt, ursprünglich selbst ein Alternatives Faktum?


Wer sich dazu Antwort von Wikipedia erhofft und das Lemma Jesus von Nazareth aufruft, erfährt genau das: Dass Jesus ein jüdischer Wanderprediger gewesen sei. Was das konkret bedeutet, wird andernorts mitgeteilt: Kritische Distanz gegenüber dem Establishment, Bildung einer aufrührerischen Truppe, und, ganz klar, der Opfertod am Ende. Alles, was auch ein Trump-Anhänger für sein Idol reklamieren wird.


NB: Hier noch ein weiteres, gegen das Establishment gerichtetes Narrativ: Dass Jesus diese Truppe aus einfachen galiläischen Fischern berufen habe, mit der Betonung auf einfach.


Dem Text des Mk zufolge war Jesus vor allem Lehrer. Das mag zunächst banal erscheinen. Wer diese Gurkentruppe näher betrachtet, diese hoffnungslos lernunwilligen, womöglich minderbemittelten Schüler, ahnt vielleicht, welchen pädagogischen Aufwand Jesus treiben musste. Sofern man den Mangel an Lernerfolgen nicht ihm selbst anlasten möchte.


Dass Jesus lehrte, steht als historisches Faktum fest, wobei der Inhalt dieser Lehre auffallend oft der seiner jeweiligen Biographen entspricht. So gibt es auch gute literarische Gründe, warum die Schüler Jesus auf seinem Weg mal nachfolgen, mal nicht. Ans Kreuz eher nicht.


Wer Jesus für einen jungen Wandersmann hält, wird auch ermessen können, warum Mk die Reiseroute des Wanderpredigers nicht richtig wiedergeben konnte. Gott sei Dank weiß die Jesusforschung heute vieles besser.


Weil der allseits übliche, inzwischen sogar in Oberammergau etablierte Begriff des Wanderpredigers allzu banal daher kam, wurde ihm in der Forschung die Zusatz-Qualität charismatisch vorangestellt. Gilt Jesus der Fachwelt tatsächlich als ein Charismatischer Wanderprediger. Unbestätigten (NT-)Angaben zufolge gab es einige davon. Echt jetzt?


Wer ihn, diesen schon heute legendären Wanderprediger namens Jesus, im Internet sucht, wird ihm dort über vierzigtausend Mal begegnen. Das ist nicht wirklich viel. Als ein fleißiger Handwerker verkauft er sich noch viel besser, als Zimmermann etwa zehnmal so oft. Ganz zu schweigen von seinem ehrenamtlichen Engagement als Messias – als einem König der Juden.


Man kann schon froh sein, wenn es nach der in Endlosschleife wiederholten Theorie eines Messiasgeheimnisses überhaupt noch Erkenntnisse gibt, die es mit ihr aufnehmen können. Die es wert sind, einen Ehrenplatz in der Hall of Fame der Narrative einzunehmen, neben den großen Wahrheiten der Weltgeschichte.


So bleibt’s denn beim Narrativ, dass Jesus unterwegs war zum Wandern und Wundertun. Ein Schelm, der denkt, Jesus habe selbst als Wanderprediger gelten wollen. Und ein Narr, der das weiterhin behauptet: Dass Jesus posthum mit diesem originellen (NT-)Titel zu würdigen sei.

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