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Predigt über Mk 8,22-26

Aktualisiert: 18. Jan.


Erstmals wird im Rahmen dieses Blogs anstelle einer satirischen Glosse die schriftliche Fassung einer Predigt veröffentlicht, die dem Bemühen geschuldet ist, einen ironischen Text des Mk im liturgischen Kontext zum Klingen zu bringen. Gehalten habe ich sie am 27. 08. 2023 in der Jakobuskirche Pullach. Eine Interpretation des Textes Mk 8,22-26 ist im Rahmen dieses Blogs zu finden unter https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-mk-8-22ff-jesus-heilt-einen-blinden


...schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

Liebe Gemeinde, so heißt es in der Liedstrophe, die wir heute zu Beginn gesungen haben. Die Textzeile Paul Gerhardts geht von einer doppelten Wirklichkeit aus. Den Himmel schauen: das heißt zunächst, jenen Ort der güldenen Sonne zu sehen, den wir – je nach Wetter – als blau wahrnehmen können.

Blau ist er aus altorientalischer Perspektive einfach wegen des Wassers darüber, wegen der sog. Chaoswasser, deren Schleusen derzeit immer wieder mal geöffnet werden.


Den Himmel zu schauen, das heißt auch, das Ziel unseres Lebens in den Blick zu nehmen, gleichsam den Wohnort Gottes. Das meinen wir, wenn wir Kindern erklären, dass Menschen nach dem Tod in den Himmel und damit zu Gott kommen. Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.


Im Englischen gibt es für Himmel zwei Wörter. Da wird unterschieden zwischen sky, dem Himmel, den wir über uns sehen können, und heaven, jenem Ziel des Lebens, das eben nicht identisch ist mit der Stratosphäre.


Mein Auge schauet, was Gott gebauet. Wir sehen das Universum, zumindest einen winzigen Teil davon, und ahnen doch, dass derart Großes unser Wahrnehmungsvermögen übersteigt. Nie wird es ganz möglich sein, alles zu sehen, geschweige denn, all das zu verstehen, was wir sehen.


Die Wahrnehmung und deren Deutung sind ebenfalls zwei Paar Stiefel. Zum Beispiel halten wir am Nachthimmel, der in diesem August so eindrucksvoll zu sehen war, die Sterne für die Realität, wohl wissend, dass einige von ihnen nicht mehr existieren. Ihr Licht ist erst nach vielen Lichtjahren zu uns gekommen. In der Zwischenzeit – und d.h. eben auch: in Wirklichkeit – sind sie längst erloschen.


Alles, was wir sehen, halten wir aus Erfahrung für real, und können doch nur erkennen, was uns als Realität erscheint. Wir entwerfen oder konstruieren selbst unsere Wirklichkeit.

Das ist bei der Erinnerung, der Rekonstruktion von Wirklichkeit, nicht anders. Was wir in Erinnerung haben, halten wir für real, wohl wissend, dass Erinnerungen sich verschieben oder überlagern können. Was wir für real halten, ist also nur unsere je eigene Realität, nichts anderes als unser je selbstgemachtes und sozial angepasstes Bild von ihr.


Das heißt umgekehrt: Wir sind blind für all das, was wir nicht sehen. Jeder Mensch hat seine blinden Flecken, und damit sind nun nicht jene Punkte im Augeninneren gemeint, die in der Augenheilkunde tatsächlich als blinde Flecken bezeichnet werden.


So ist es auch mit der Erinnerung: Es liegt nahe, dass bittere Erfahrungen im Gedächtnis bleiben. Auch und gerade dann, wenn sie mit persönlicher Schuld verknüpft sind.

Wir alle kennen Momente großen Versagens, die aus der Erinnerung sich nicht löschen lassen. Andererseits neigen wir generell dazu, Schulderfahrungen eben nicht als solche zu erinnern. Für unzählige Verfehlungen wirkt unser Erinnerungsvermögen wie die Reset-Funktion beim Computer, mit dem Ergebnis, dass wir uns quasi wie fabrikneu fühlen können.


Gedächtnisleistungen sorgen also dafür, dass wir erblinden gegenüber eigener Schuld. Man könnte das auch biblisch formulieren: Sünde macht blind. Der Satz ist freilich gefährlich, er kann leicht missverstanden werden. Er könnte den irreführenden Gedanken nahelegen, Blindheit sei eine Strafe Gottes für eigenes Fehlverhalten. Das wäre ein fataler Fehlschluss. Als Strafe Gottes kommt Blindheit nicht in Frage, jedenfalls nicht in unserem Predigttext.


Da wird ein Blinder von Jesus geheilt. So weit, so gut, so einfach und so normal für unser Bild vom Heiland. Doch halt, vielleicht geht das schon zu schnell. Ganz so einfach ist es nicht, wenn Jesus einen Blinden heilt. Das legt zumindest die Frage nahe, ob die Heilung aus medizinischer Sicht möglich ist. Oder ob es sich dabei um ein Heilungswunder handelt. Sehkraft lässt sich nicht einfach mal so wiederherstellen. Augenlicht hat keinen Lichtschalter.


Kann Jesus mir gegen meine zunehmende Altersweitsichtigkeit helfen? Katholischerseits gab es (und gibt’s auch noch heute) Heilige, die man bei Augenleiden aller Art anrufen kann. Sankt Ottilien etwa gehört zu ihnen. Oder auch die Heilige Lucia, die in Schweden durch ein besonderes Brauchtum gefeiert wird, durch das Lichterfest am 13. Dezember.


Nochmal die Frage: Können wir ernsthaft glauben, dass Jesus mit oder ohne die Fürsprache von Heiligen das Augenlicht zurückgibt? Können wir selbst darauf hoffen – auch für unser je eigenes Sehvermögen?


Jesus heilt Blinde. So zumindest war die Prophezeiung stets verstanden worden, dass dereinst Blinde sehen und Taube hören werden. Dementsprechend werden in den Evangelien Blindenheilungen erzählt. Unser Predigttext handelt von einem namenlosen Blinden, dessen Sehfähigkeit von Jesus zurechtgebracht, wiederhergestellt wird.


Die besondere Heilmethode ist es, die mich aufhorchen lässt: Jesus heilt mit Spucke. War das nicht vorhin schon im Evangelium der Trick, bei der sog. Heilung eines Taubstummen? Mit Spucke! – Können wir das ernsthaft glauben?


Beim besten Willen: Mir geht‘s dabei nicht darum, ob das medizinisch möglich sein könnte. Mich graust’s schon, wenn ich mir das konkret vorstelle. In der älteren Lutherbibel hieß es, Jesus tat Speichel auf seine Augen. Das war eine vornehme Umschreibung für die Therapie. Luther übersetzte: Jesus spützte. Und so heißt es heute: Er spuckte ihm in die Augen.


Es versteht sich, dass Heilungen unangenehm oder schmerzhaft sein können, so wie eine Medizin eben auch mal bitter schmeckt. Speichel galt als Heilmittel, ja. Doch Speichel galt, wie alle Körperflüssigkeiten, dem Judentum als unrein. Zudem ist Spucken, damals wie heute, ein Zeichen von Verachtung. Warum also spuckt Jesus dem Blinden in die Augen?


Obwohl ich es doch gerade erst gesagt habe – und es vielfach noch immer behauptet wird: Jesus heilt den Mann nicht mit seinem Speichel. Dieser Eindruck trügt. Jesus heilt ihn, wenn überhaupt, durch das Auflegen seiner Hand. Durch das Spucken zeigt er vielmehr, dass er die Sünde verachtet, die zur Blindheit geführt hat.


Das heißt auch: Der Mann ist blind nicht in einem physischen Sinn. Er ist blind für die Erkenntnis seiner Sünde. Und für den, der einzig sie vergeben kann.


So bekommt die Geschichte eine merkwürdige Pointe. Der Blinde wird nicht einfach sehend. Die Heilung klappt nicht auf Anhieb. Na gut, das kommt auch immer wieder mal vor. Jeder Arzt kann mal einen schlechten Tag haben, manche Methode wirkt auch erst bei wiederholter Anwendung. Aber was soll eine Wunderheilung in Etappen?


Dazwischen, nach dem ersten Handauflegen, wird erzählt, dass Jesus ihn fragt, was er sehe. Der Blinde bestätigt den Heilerfolg mit einer etwas zweifelhaften Antwort. Er sehe Menschen. Damit sagt er zugleich auch, wen oder was er nicht sieht: nämlich Ihn, der ihn auf wunderbare Weise heilt. Er erkennt - trotz der unmittelbaren Nähe - Jesus nicht, der ihn berührt.


Der Mann sieht Menschen, die herumgehen. Na, immerhin. So war die Therapie wenigstens nicht umsonst. Doch die eigentliche Pointe ist völlig absurd. Er erklärt, er sehe die Menschen herumgehen wie Bäume. Menschen gehen nicht wie Bäume herum. Auch in der Antike gab es keine herumgehenden Bäume. Im Klartext heißt das: Nach der ersten Etappe kann der Patient weder Menschen richtig erkennen, noch Jesus.


An dieser Stelle lese ich Ihnen endlich den Predigttext vor. Er steht im 8. Kapitel des Evangeliums nach Markus [Eigene Übs.]:

Und sie kommen nach Bethsaida. Und sie bringen ihm einen Blinden.

Und sie fordern ihn auf, dass er ihn berühre.

Und aufnehmend die Hand des Blinden führte er ihn heraus aus dem Dorf.

Und spuckend in seine Augen, auflegend ihm die Hände, fragte er ihn:

Ob du etwas erblickst…?

Und hinaufblickend sagte er: Ich erblicke die Menschen,

weil ich sie wie Bäume herumgehen sehe.

Daraufhin legte er ihm wieder die Hände auf seine Augen.

Und er blickte durch und wurde wieder hergestellt und blickte fernleuchtend alles an.

Und er sandte ihn in sein Haus, sagend: Keinesfalls gehe in das Dorf hinein.


Liebe Gemeinde, den Auslöser des Problems kennen wir bereits: blind sind oder werden wir durch die Sünde. Der Teufelskreis beginnt, wenn wir nur sehen können, was wir sehen wollen. Das kennen wir alle. Jesus zeigt einen einfachen Weg zur Heilung. Geheilt wird, wer die eigene Sünde erkennt. Und wer ihn, Jesus, als Heilmittel bekennt.


Geheilt werden – das heißt in unserem Text wörtlich Zurechtgebracht werden. Eine solche Wiederherstellung ist mehr als ein verbessertes Sehvermögen. Mehr als ein Reset am Computer. Das Thema dieser eigenartigen Heilungs-Geschichte ist also weniger das Sehen; es ist das fatale Nicht-Sehen-Können und damit die Nicht-Erkenntnis Jesu.


Viele meinen, sie könnten Gott in der Natur erfahren. Tatsächlich ist es großartig, seine Schöpfungswerke sehen und bewundern zu können. Gerade jetzt im Sommer, wenn wir in den Gärten und Wäldern, Bergen und Tälern sehen, wie schön diese Welt ist, in der wir leben. Wie begnadet wir, trotz aller Umweltsünden, sind, dass wir über diese Welt staunen dürfen. Zumal unser Sehvermögen ein Teil der Schöpfung ist. Ein Geschenk, das nicht allen so selbstverständlich zur Verfügung steht.


Was heißt das nun für die Erkenntnis Gottes? Manche denken dabei an die Weitsicht, etwa auf einem einsamen Berggipfel oder am Meer. Oder eben an den Blick in den Nachthimmel. An Orte also, an denen wir die unvorstellbare Größe unseres Schöpfers ahnen, oder umgekehrt, demütig unsere eigene Winzigkeit spüren können.


Zur Erkenntnis Jesu braucht es mehr. Etwas Anderes auch als ein kleines Marterl am Wegesrand oder ein großes Gipfelkreuz. Es braucht das Wort des Evangeliums. So paradox es ist: Erst im Hören auf das Wort ist Jesus zu erkennen.


Liebe Gemeinde, wir alle können das Licht selbst nicht sehen. Wir können nur sehen, was vom Lichtschein getroffen und so zum Leuchten gebracht wird. Ähnlich ist es auch mit Jesus.

Leibhaftig können wir ihn nicht sehen. Noch nicht. Wir sehen, was er zum Leuchten bringt. Unsere Stärken, aber auch das, wovon er uns heilen kann: Unsere Blindheiten, Lähmungen, unsere inneren Widerstände. All das, was wir nicht oder nur ungern einsehen.


Ausgegangen waren wir von Paul Gerhardts Lied über die güldene Sonne, voll Freud und Wonne, die am Himmel zu sehen ist. Singen wir jetzt ein anderes Lied des Dichters – und loben damit Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und seinen Sohn Jesus Christus, das Licht der Welt. Da heißt es in der 6. Strophe:


Er ist das Licht der Blinden,

Erleuchtet ihr Gesicht,

Und die sich schwach befinden,

Die stellt Er aufgericht.

Er liebet alle Frommen,

und die Ihm günstig seind,

die finden, wenn sie kommen,

an Ihm den besten Freund.

Amen.


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