Übersetzungsfehler: Falsche Fragen...?!
- martinzoebeley
- 14. Sept. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen

Falsche Fragen stellen ein in der Wissenschaft kaum beachtetes Problem der Textüberlieferung dar. Der Text des Mk war ursprünglich lückenlos hintereinander aufgeschrieben, ohne Spatien und ohne alle Satzzeichen (vgl. die Abbildung mit dem ursprünglichen Schluss von Mk 16 aus dem Codex Sinaiticus auf der Startseite).
Fragezeichen wurden erst ab dem Mittelalter nach und nach eingefügt, zunächst in die lateinische Übersetzung der Vulgata, von dort aus auch in deutsche Bibel-Übersetzungen. Doch bereits bei Matthäus und Lukas setzt die Tendenz ein, vorwurfsvolle Aussagen Jesu durch Frageformen abzufedern. So konnte die Ironie des Mk beseitigt und seine Kritik an den Schülern entschärft werden.
Nicht immer sind Fragen an den entsprechenden Rede-Einleitungen erkennbar. Meist werden sie einfach durch Fragewörter zum Ausdruck gebracht, so auch in der berühmtesten Frage Jesu, die nicht als Frage, sondern als Schrei eingeleitet wird. Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen? (15,34, vgl. Ps 22,2).
Die Einfügung von Fragezeichen bei Aussage-Sätzen war nicht die einzige Möglichkeit zu nachträglicher Textkosmetik. Aber gerade sie zeigt deutlich, dass ein unheilig wirkender Jesus und seine ironische Kritik an den Schülern abgewehrt werden musste. Sie passte nicht ins Bild, zumal nicht in das durch das durch die Tradition verklärte (Heiligen-)Bild der Zwölf.
Die exegetische Entscheidung darüber, welche Aussage Jesu als Frage zu verstehen ist und welche nicht, ist nicht immer eindeutig zu treffen. Der für Mk typische Deutungs-Spielraum lässt oft beide Möglichkeiten offen. Dies ist im Blick zu behalten, wenn hier von falschen Fragen die Rede ist.
Freilich gibt es auch die umgekehrte Beobachtung: Fragen Jesu werden als Aussagesätze wiedergegeben. Als Beispiel sei hier die Kette der Fragen genannt, die Jesus ironisch an das Triumvirat der Zwölf richtet, an Petros, Jakobos und Johannes:
Er aber sagte ihnen: Elia kommt wirklich zuerst und stellt alles wieder her?
Und wie ist über den Sohn des Menschen geschrieben?
Dass er vieles leiden und verachtet werden soll? (9,12)
Noch ein Beispiel: Die Antwort, die Jesus gibt auf die Frage des Pilatus, ob er der König der Judäer sei, ist kein zustimmendes "Du sagst es!" (15,2), sonst würden sich die weiteren Anklagen erübrigen (15,3). Vielmehr handelt es sich dabei um eine das Du des Pilatus aufgreidende Rückfrage: "Du sagst [es von dir aus]?"oder um die erstaunte Abwehr des Titels "[Das] sagst Du?".
Hier folgt ein Florilegium falscher Fragen. Es soll nur einen kleinen Eindruck davon vermitteln, wie anders der Text des Mk verstanden werden kann – im Vergleich zu den üblichen Deutungs- und Übersetzungs-Traditionen. Daher ist es weder vollständig, noch wird es im Einzelnen durch begründende Kommentare erläutert.
Mk 2,16 καὶ οἱ γραμματεῖς τῶν Φαρισαίων ἰδόντες ὅτι ἐσθίει μετὰ τῶν ἁμαρτωλῶν καὶ τελωνῶν ἔλεγον τοῖς μαθηταῖς αὐτοῦ, Ὅτι μετὰ τῶν τελωνῶν καὶ ἁμαρτωλῶν ἐσθίει;
Mit den Zöllnern und Sündern isst er!
Mk 2,25f οὐδέποτε ἀνέγνωτε τί ἐποίησεν Δαυὶδ ὅτε χρείαν ἔσχεν καὶ ἐπείνασεν αὐτὸς καὶ οἱ μετ’ αὐτοῦ,
πῶς εἰσῆλθεν εἰς τὸν οἶκον τοῦ θεοῦ ἐπὶ Ἀβιαθὰρ ἀρχιερέως καὶ τοὺς ἄρτους τῆς προθέσεως ἔφαγεν, οὓς οὐκ ἔξεστιν φαγεῖν εἰ μὴ τοὺς ἱερεῖς, καὶ ἔδωκεν καὶ τοῖς σὺν αὐτῷ οὖσιν;
Niemals habt ihr gelesen, was David tat, als er Mangel hatte und die, die bei ihm waren, hungerte, wie er in das Haus Gottes hineinging unter Abjathar, dem Oberpriester, und die Brote der Ausstellung aß, [...]
Mk 4,40 καὶ εἶπεν αὐτοῖς, Τί δειλοί ἐστε; οὔπω ἔχετε πίστιν;
Was seid ihr feige? Ihr habt noch kein Vertrauen!
Mk 6,37 ὁ δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν αὐτοῖς, Δότε αὐτοῖς ὑμεῖς φαγεῖν. καὶ λέγουσιν αὐτῷ,
Ἀπελθόντες ἀγοράσωμεν δηναρίων διακοσίων ἄρτους καὶ δώσομεν αὐτοῖς φαγεῖν;
Weggehend werden wir für zweihundert Denare Brote kaufen und ihnen zu essen geben...!
Mk 7,18 καὶ λέγει αὐτοῖς, Οὕτως καὶ ὑμεῖς ἀσύνετοί ἐστε;
So seid auch ihr Uneinsichtige!
Mk 8,17 καὶ γνοὺς λέγει αὐτοῖς, Τί διαλογίζεσθε ὅτι ἄρτους οὐκ ἔχετε;
οὔπω νοεῖτε οὐδὲ συνίετε; πεπωρωμένην ἔχετε τὴν καρδίαν ὑμῶν;
18ὀφθαλμοὺς ἔχοντες οὐ βλέπετε καὶ ὦτα ἔχοντες οὐκ ἀκούετε; καὶ οὐ μνημονεύετε, […]
8,21καὶ ἔλεγεν αὐτοῖς, Οὔπω συνίετε;
Was überlegt ihr, dass ihr keine Brote habt?
Noch begreift ihr nicht und versteht nicht?
Versteinert habt ihr euer Herz!
Augen habend seht ihr nicht und Ohren habend hört ihr nicht!
Und erinnert ihr euch nicht? […]
Und er sagte ihnen: Ihr versteht noch nicht! (8,17-19.21).
Mk 12,24 ἔφη αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς,
Οὐ διὰ τοῦτο πλανᾶσθε μὴ εἰδότες τὰς γραφὰς μηδὲ τὴν δύναμιν τοῦ θεοῦ;
Jesus sagte ihnen:
Nicht deshalb irrt ihr, die ihr die Schriften nicht kennt, noch die Macht Gottes!
Mk 14,37 καὶ ἔρχεται καὶ εὑρίσκει αὐτοὺς καθεύδοντας, καὶ λέγει τῷ Πέτρῳ,
Σίμων, καθεύδεις; οὐκ ἴσχυσας μίαν ὥραν γρηγορῆσαι;
Und er kommt und findet sie schlafend und sagt zu Petrus:
Simon, du schläfst! Du bist nicht fähig, eine [einzige] Stunde zu wachen!
Mk 14,41 Καὶ ἔρχεται τὸ τρίτον καὶ λέγει αὐτοῖς· καθεύδετε τὸ λοιπὸν καὶ ἀναπαύεσθε· ἀπέχει·
Verschlaft den Rest und ruht euch aus! Er ist weg.
Mk 14,48 καὶ ἀποκριθεὶς ὁ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτοῖς,
Ὡς ἐπὶ λῃστὴν ἐξήλθατε μετὰ μαχαιρῶν καὶ ξύλων συλλαβεῖν με;
Wie gegen einen Räuber kamt ihr heraus, mich mit Schwertern und Hölzern zu verhaften.
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