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Jesus, der Christus genannt wird. - Ein kleiner Überblick

Aktualisiert: vor 4 Tagen

zum Königstitel Jesu im Neuen Testament.



Eine der zentralen Grund-Annahmen dieses Blogs besagt, dass der Text des Mk einer frühen Phase der Christologie entspricht, als im Römischen Reich der Christus-Titel für Jesus noch nicht etabliert und wohl auch nicht vermittelbar war.


Mithilfe narrativer Tricks bestreitet Mk die Tradition, dass Jesus der Christus sei, der Messias der Juden bzw. der Judäochristen, wie die Briefe des Paulus ihn jeweils schon im Präskript bezeugt hatten (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-c-christus).


Mk beschreibt Jesus im Anschluss an Jesaja nicht als einen König, als den Christus Jesus, sondern als einen gehorsamen Sklaven Gottes (vgl. Jes 53), dessen Königtum mit der Einsetzung zum Gottessohn nahegekommen ist (1,15). Was Mk nicht ausdrücklich sagt: Mit der maximal möglichen Erniedrigung des Kreuzestodes wird er paradoxerweise zum Herrn der Welt erhöht.


Jedenfalls ersetzt er in der Überschrift den Christos (mit i geschrieben) durch den Sklavennamen eines Chrēstos (mit langem i gesprochen). In der Text-Überlieferung ging die Umdeutung bald verloren, da in den Handschriften die sog. Nomina Sacra abgekürzt waren (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markus-evangelium-a-anfang).


Indizien für die Richtigkeit dieser noch ungewohnten Konjektur bietet der Text des Mk zuhauf, doch nicht nur der. Schon ein kurzer Blick in die anderen Schriften des Neuen Testaments liefert weitere Anhaltspunkte dafür. Hier dazu nur eine kleine Zusammenschau, auf einige wenige Beobachtungen konzentriert.


Lukas, der ein vergleichsweise besseres Griechisch schreibt als Mk, verwendet in seinem Evangelium die Formel Jesus Christus nicht ein einziges Mal. Erst in seiner Apostelgeschichte verbindet er den Namen Jesu mit dem Titel des Christus und bestätigt damit, was er ausdrücklich thematisiert und auf die Weise bestätigen möchte: Jesus ist der Christus der Juden bzw. Judäochristen.


Insofern ist es bezeichnend, dass Lukas den Christus-Titel nicht schon den beiden Männern bzw. Engeln am Grab Jesu in den Mund legt (Lk 24,4f) oder den beiden Männern in ihren weißen Gewändern bei der sog. Himmelfahrt (Act 1,10f), sondern erst dem Petros in dessen erster Rede nach der Geist-Aussendung (Act 2,31). Der eigens vorangestellte Bezug auf David als bloßem Urvater und Propheten ist genau dafür konstruiert.


Später führt Lukas in der Apostelgeschichte erstmals die Formel Jesus Christus ein, bezeichnenderweise wieder in einer Rede des Petros (Act 3,20), in der dieser zuvor vom verherrlichten Sklaven Jesus gesprochen hatte. Damit bestätigt Lukas einmal mehr seine Tendenz, historische Spannungen auszugleichen – und die subversive Kritik des Mk am Christus-Titel des Petros als unbegründet erscheinen zu lassen.


Während Lukas schon im Proömium seines Evangeliums sich indirekt an eine griechisch gebildete Leserschaft wendet, schreibt Mk, vereinfacht gesagt, für eine vom imperialen Machtanspruch Roms geprägte Welt, die Jesus als jüdäisches Provinz-Ereignis wahrgenommen haben dürfte und sein angebliches Königtum als typisches Merkmal einer renitenten Provinz.


Die insofern plausible Ablehnung des Christus-Titels lässt Mk nicht erst mit der Messias-Behauptung des Petros beginnen (8.29). Sie aber hat für Jesus gravierende Folgen, die er selbst in seiner anschließenden Leidens-Weissagung benennt (8,31). So ist es der zynisch-falsche Titel König der Judäer, der die angebliche Schuld Jesu zum Ausdruck und ihn als Christus ans Kreuz bringt (15,18.26).


Wenn Mk seinen Jesus schon in der Rätselrede vom Felsigen sprechen lässt (4,5), beschreibt er nicht einfach ein landwirtschaftliches Bild und damit ein Wachstum des Gottesreichs, sondern das Scheitern der Verkündigung auf der Basis des Petros, um damit das Königtum Gottes von dessen Christus Jesus abzugrenzen.


Mk ist indes weder der Erste, noch der Einzige, der den Christus-Titel durch den Chrestus-Namen ersetzt. Dass er dabei eine spezielle römische Chrestos-Tradition aufgreift, legen nicht nur römische Geschichtsschreiber wie Tacitus oder Sueton nahe. Darauf deutet auch der Begriff der sog. Chrestologie hin, den Paulus am Ende seines Römerbriefs gebraucht hatte (16,18; in einem evtl. erst später hinzugefügten Anhang an den Röm).


Ein Befund jedenfalls steht außer Frage: Während Paulus den Christus-Titel noch ganz selbstverständlich in der Formel Christos Jesus – oder auch nachgestellt als Jesus Christos – verwendet, setzt mit der Ablehnung durch Mk eine Zurückhaltung gegenüber dem Titel ein, die für die Evangelien sowie die Apostelgeschichte insgesamt kennzeichnend ist.


Gleichwohl hat die nichts damit zu tun, ob Jesus sich selbst als Messias gesehen hat oder nicht. Diese Frage der historischen Jesus-Forschung nahm im theologischen Diskurs weiten Raum ein, und noch heute wird diskutiert, wann, wie und wodurch das Interpretament der Messianität Jesu entstanden sei.


In seinem Römerbrief hatte Paulus die Formel Jesus Christus häufig verwendet (Jesus Christos 16 mal, Christos Jesus 13 mal), häufiger noch als in allen anderen seiner Briefe. Bezeichnenderweise begründet er ihn dort schon im Präskript mit dem Wirken des Geistes (1,4).


Die für Mk bezeichnende Ablehnung des Titels wird von Matthäus korrigiert (1,1; 1,18), der mehrfach vom Christus spricht und in der Passionsgeschichte ausdrücklich von Jesus erzählt, der Christus genannt wird (Mt 27,17.22).


Damit greift Matthäus die letzten Worte des Petros bei Mk auf: Nicht kenne ich diesen Menschen, den ihr nennt […]! (14,71). Dieser Satz bleibt unvollständig; Petros bekennt sich nicht einmal zu dem von ihm behaupteten Christus-Titel (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-2-ultima-verba-petri-mk-14-71).


Die Formel Jesus Christus kommt aber bei Matthäus auch nur zu Beginn vor (1,1; 1,18, jeweils im Genetiv). Seine Überschrift ist nicht nur eine Korrektur der des Mk, sie hat auch dazu geführt, dass dessen Überschrift ihrerseits korrigiert und nachträglich durch den Zusatz Sohnes eines Gottes erweitert wurde (vgl. die bezeichnende Sohn-Davids-Angabe in Mt 1,1).


Die Belege für den Christustitel – und damit für die angebliche Messianität Jesu – konzentrieren sich bei Matthäus und besonders auch bei Lukas auf den Eingangs- und den Schlussteil. Die jeweiligen Geburtserzählungen mit Bethlehem als angeblichem Geburtsort und den Genealogien Jesu sowie die Passionsgeschichten zeigen einen Jesus, der mit einem hohen Aufwand an narrativen Mitteln wieder zum Christus gemacht wurde.


In den späteren biblischen Büchern wird erkennbar, dass der Titel Jesus Christus längst zum Namen erstarrt war, wobei die Paulus-Rezeption und die entsprechende Pseudepigraphie für die auffallende Bevorzugung der Formel Christus Jesus der Grund gewesen sein dürfte (z.B. im 2 Tim: 10mal).

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