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Aus dem kleinen ABC zum Markus-Evangelium: J - Jünger

Aktualisiert: 10. Feb.



Jünger ist der im Deutschen übliche Begriff für die Schüler, die ihrem Lehrer Jesus nachfolgen. Weil seine Lehre auch an öffentlichen Plätzen angesiedelt ist, am Meer (von Galiläa, 2,13, 4,1ff), in den Dörfern bzw. Synagogen (1,21, 6,2, 6,6) oder im Heiligtum (von Jerusalem, 12,35), ist Schülerschaft von Nachfolge zu unterscheiden. Schülerinnen sind nicht oder nur implizit unter ihnen.


Jesus wird oft als Lehrer angesprochen, auch von Akteuren, die ihm nicht nachfolgen. Dieser Titel ist der häufigste von allen, trifft aber situativ nicht immer zu (vgl. 4,38) Rabbi wird Jesus an unpassenden Stellen nur von Petros und Judas genannt (9,5; 11,21; 14,45), dem Ersten und dem Letzten der sog. Zwölf. Die sind nach heutigem Sprachgebrauch mit den Jüngern identisch.


Schüler folgen Jesus in unbestimmt hoher Zahl nach (2,15), sind aber nicht bereit oder in der Lage, seine Lehre, vor allem seine Forderung der Kreuzesnachfolge, sich zu eigen zu machen (vgl. 8,31ff). Verglichen werden sie mit den Schülern des Johannes und der Pharisäer, die im Unterschied zu ihnen jüdische Fastengebote einhalten (2,18).


Von den Schülern nicht klar zu trennen ist die von Jesus eingesetzte Gruppe der Zwölf (3,14f). Sie steht unausgesprochen für das Neue Israel und repräsentiert damit das Machtzentrum der Judäochristen, die zunehmend in Kontakt kommen mit Nichtjuden, mit Griechen oder Römern. Das wirft Fragen nach der Geltung der Tora auf sowie nach dem Apostelstatus der Schüler. Beides wird von Jesus in Frage gestellt (2,28; 7,19; bzw. 1,38 u.ö.).


Bevor der Begriff der Schüler unauffällig eingeführt wird (2,15, im Bild oben), rückt ein besonderer Nachfolger in den Blick. Dessen Name Levi (von לוה lwh Nif., anschließen) weist ihn als Ideal eines jüdischen Nachfolgers aus. Er sitzt an der Grenz-Station und gehorcht dem Ruf Jesu, indem er nichts weiter tut als aufzustehen und ihm nachzufolgen.


Damit scheint für ihn die Grenze (sc. zwischen Judäo- und Völkerchristen) gegenstandslos zu sein. Da er als Sohn des Alphaios vorgestellt wird, entsteht über das lateinische (!) Alphabet eine Opposition zu den beiden Zebedaios-Söhnen (vgl. 1,19), die an dieser Grenze festzuhalten scheinen.


Der Ruf an Levi bezieht sich auf die Befehle an die ersten beiden Brüderpaare (1,17ff). Wieder geht Jesus (sc. am Meer) entlang, wo er Levi sieht, bevor er ihn zur Nachfolge auffordert (2,14). Was Levi in diesem Moment sieht, ist ebenso ohne Belang wie sein weiteres Ergehen. So ist es ausschließlich Jesus, dessen Sehen jeweils zur Nachfolge führt.


Ideal ist Levi als Nachfolger deshalb, weil er selbstlos auf Jesus hört. Indem Nachfolge das Hören auf Jesus voraussetzt (vgl. 9,7), nicht das Sehen, wird die ehedem von Paulus akzeptierte Protovision des Petros (vgl. 1 Kor 15,5) bedeutungslos (vgl. 9,5f), insbesondere zur Legitimation seines Führungsanspruchs.


Die Grenze des Levi steht hier für jüdische Abgrenzungs-Vorschriften. Daher folgt auf den Ruf ein gemeinsames Zu-Tisch-Liegen mit kultisch reinen und unreinen Juden in seinem Haus (2,15). Noch ist die Frage der Unreinheit ein innerjüdisches Thema, das von den Schreibern der Pharisäer nur benannt, nicht aber beanstandet wird (2,16). Diese Gruppe von Pharisäern und Schreibern ist es, die später den Schülern ihr Essen mit unreinen Händen vorwirft und damit den Bruch mit der jüdischen Tradition (7,5). Zu spät, angesichts ihrer früheren Duldung des gemeinsamen Essens.


Als Problem der Schüler gilt im Markus-Evangelium ihre Uneinsichtigkeit, das sog. Jünger-Unverständnis. Tatsächlich sind Fortschritte ihres Lernens nicht zu beobachten. Wichtiges muss Jesus ihnen zweimal erklären, und selbst dann bleibt der Lernerfolg fraglich. So zeigt etwa die Einleitung zur zweiten Speisungserzählung (8,4), genauer: zur (geistlichen) Sättigung von 4000 Menschen, dass sie nichts gelernt hatten über Jesus als ihren guten Hirten (vgl. 6,39), geschweige denn über die Bedeutung des Brotes.


Bis zuletzt erkennen sie nicht, wofür das Brot im Markus-Evangelium steht: Für Jesus selbst und damit für seine Sichtbarkeit in der Mahlfeier. Die erste Generation von Juden, die Jesus leibhaftig hören und sehen konnte, hat daher keinen Erkenntnisvorteil gegenüber späteren Generationen, denen der Auferstandene in seinem Wort und in der Mahlfeier begegnet.


Ihre Unfähigkeit, Jesus als Brot zu erkennen, macht er ihnen mit einem alttestamentlich-prophetischen Bild zum Vorwurf: Ihr Herz sei versteinert (nicht nur verstockt oder verhärtet, 8,17; vgl. 6,52). Der Vorwurf greift die Kritik der Propheten an Israel auf (vgl. Jer 3,17 u.ö.) und überbietet sie. Sprachlich verweist sie auf den Tuffstein, der im Römischen Reich als Baumaterial beim Hausbau verwendet wurde. So kann das Tuffstein-Herz der Schüler zwar ein neues Gebäude, einen neuen Tempel begründen (vgl. 13,1), hat zugleich aber zur Folge, dass sie uneinsichtig sind und Jesus nicht erkennen (denn ihr Herz war vertuffsteinert, 6,52).


Dieser Verweis auf das eine versteinerte Herz ist zugleich eine Anspielung auf Petros, der als Simon eingeführt wird. Den bildhaften Stein-Namen lädt Jesus ihm kommentarlos auf (3,16), ohne ihn selbst zu verwenden (vgl. 14,37). Das wohl abwertend konnotierte Wort Petros (für aramäisch Kefa, Stein, Edelstein) bezeichnet einen einzelnen Felsbrocken, der in unbehauener Form für Bauwerke so ungeeignet ist wie ein ungewalkter Lappen für einen Riss in einem alten Mantel (wörtlich: Aufsatz), da er die Spaltung (Schisma) nur vergrößert (2,21).


Petros tritt als Wortführer der Zwölf auf. Allerdings ist der Wahrheitsgehalt seiner insgesamt sieben Redebeiträge überaus fraglich (8,29; 9,5; 10,28; 11,21; 14,29; 14,68; 14,71). Was er sagt, ist aus der Perspektive des Erzählers bestenfalls richtig und falsch zugleich. Damit entspricht er den Unreinen Geistern, die vor der Berufung der Zwölf und im Unterschied zu ihnen Jesus die Ehre erweisen und ihn lautstark als Sohn Gottes bekennen (3,11).


Als Schüler scheint Petros am Ende auszuscheiden; nach seinen Verleugnungen, genauer: nach seiner ultimativen Apostasie (vgl. 14,71) wird er folgerichtig separat von den Schülern genannt (16,7).


Die Zwölf, die Jesus willkürlich herbeiruft (3,13ff), werden als potentielle Apostel eingeführt, wobei Mk diese Bezeichnung für sie bewusst vermeidet Als solche, implizit auch als Führungselite der Judäochristen, werden sie von Mk dadurch in Frage gestellt, dass sie nie genau das tun, wozu Jesus sie jeweils beauftragt (6,7; 9,35).


Mit ihren griechischen Namen (Andreas, Philippos) und einem pseudoägyptischen (Bartholomaios) stehen sie für die Verheißung eines Neues Israel aus Juden und Nichtjuden, aus den Völkern also, die am Zion die Herrlichkeit Gottes sehen werden (vgl. Jes 66,18).


Führend neben Petros sind Jakobos und Johannes, die beiden Söhne des Zebedaios, deren Ruf in den Tod nur angedeutet wird (1,19). Ihnen lädt Jesus den pseudo-aramäischen Beinamen boanerges auf, der als Donnersöhne wiedergegeben wird.


Mit ihrer dreisten Bitte um die Ehrenplätze neben Jesus fordern sie einen endzeitlichen Lohn für ihre Nachfolge (10,37), ignorieren damit aber die Lehre Jesu (9,35) sowie den Namen ihres Vaters Zebedaios (von hebr. זבד sbd, schenken). Schließlich lösen sie auch den Ärger der übrigen Zehn aus (10,41), die zu spät und erst im Nachhinein darauf reagieren.


Jesus lehnt ihren Anspruch ab: Anderen ist es bereitet (sic! 10,40). Als Märtyrer und Nachfolger Jesu in den Tod bleiben sie dennoch ohne den von ihnen geforderten Lohn, zumal Jesus selbst auf dem Ehrenplatz sitzen wird (14,62). Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-1


Einige, die Jesus nicht nachfolgen, können doch Wichtiges von ihm lernen, unter ihnen Joseph von Arimathaia. Sein fiktiver Herkunfts-Ort (ein griechisches Wortspiel, auf Deutsch etwa Joseph von Bestschülau) weist ihn als besten Schüler aus. Er ist der einzige, der Jesus die letzte Ehre einer Bestattung erweist, da alle geflohen bzw. von ihm abgefallen sind (14,29; 14,50) und im Gegensatz zu den Schülern des Johannes ihn nicht bestatten (vgl. 6,29).


Beides macht ihn zum besten Schüler: Dass er, der elegante Ratsherr, auf das Königtum Gottes wartet und dass er um den Leib Jesu bittet (sic! 15,43). Da er aber nur die Leiche geschenkt bekommt (sic!), legt er sie in ein Gedächtnisgrab aus einem behauenen Felsen. Dieser auf Petros anspielende Ort ist freilich der falsche für die Begegnung mit dem Auferstandenen. Das hat selbst der beste Schüler nicht gelernt: Dass nicht Jesus als Lehrer, sondern dessen Leib ihm im Brot der Mahlfeier den Zugang zum Königtum Gottes eröffnet.


Vergleichbar den Schülern sind diejenigen, die Jesus begegnen, von vorne herein aber lernunwillig oder -unfähig sind. Zu Ihnen zählt ein hoffnungslos Besessener, der sich selbst und ohne den Auftrag Jesu zu dessen Apostel macht (5,1ff, eine Satire auf Paulus; vgl.

oder auch der Eine, den Jesus ohne einen eindeutig erkennbaren Grund liebt (10,21).


Ihm entspricht Judas Iskarioth, der Eine der Zwölf, der Jesus liebt (sic! 14,44). Judas folgt damit der Tora wie auch der Lehre Jesu zur Gottes- bzw. Nächstenliebe (12,30f), hat aber Entscheidendes nicht gelernt, wenn er Jesus den Oberpriestern und damit dem Heiligtum überliefern will (14,10). Von Verrat kann jedenfalls keine Rede sein (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/judas-ein-verräter).


Tatsächlich leitet Judas eine Überlieferungskette ein, die Jesus ans Kreuz führt. Dafür wird ihm, dem Knecht der Oberpriester, ein Öhrchen abgeschlagen (14,67), möglicherweise sinnbildlich für seine Unfähigkeit, auf Jesus als den Sohn Gottes zu hören. Für den Menschen Jesus genügt ein Öhrchen.


Die wahren Schüler des Markus-Evangeliums sind nicht unter den Akteuren zu finden, auch nicht unter den Frauen, die nach der Kreuzigung als (zu Tisch) dienende Nachfolgerinnen eingeführt werden (15,40f), aber ebenfalls fliehen (16,8).


Die wahren Schüler sind die Leserinnen und Leser, die bereit sind, den Ruf Jesu zu hören, den Auferstandenen im Mahl zu erkennen und ihm - trotz möglicher Bedrängnisse - selbstlos in den Tod und die Auferstehung nachzufolgen.


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