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Hat Jesus gelacht? - Grundlagen-Bestimmung (2/3)

Aktualisiert: 1. Nov. 2022



Wie lässt sich das Markus-Evangelium verstehen? Eine erste Antwort widmete sich seiner Rezeptionsgeschichte (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wozu-dient-dieser-blog). Weiteren Aufschluss soll der nun folgende Beitrag geben. Die These diesmal: Ein Großteil des von Mk pointiert formulierten Witzes ging in der Überlieferungs-Tradition verloren; deshalb wird der Witz weder von der akademischen, noch von der kirchlichen Theologie als solcher wahrgenommen.


Hat Jesus über seine Zeitgenossen gelacht, sich womöglich lustig gemacht über sie? – Seit alters haben Christen sich gefragt, ob er überhaupt gelacht habe. Aus dem Neuen Testament waren direkte Auskünfte dazu nicht zu gewinnen. Im Lauf der Spätantike setzte sich die Erkenntnis durch, dass Jesus während seines irdischen Daseins niemals gelacht habe. In der Folge wurde im Mönchtum das Lachen abgelehnt, auch in der Regel des Heiligen Benedikt. Das führte zum Lachverbot in mittelalterlichen Klöstern; Hildegard von Bingen lehnte es auch aus medizinischen Gründen ab.


So lag die Frage nahe, ob Lachen gottgefällig und daher gut sein könne. In Umberto Ecos Bestseller Der Name der Rose (Il nome della rosa, 1980) wird sie in scholastischer Weise diskutiert. Der Romanheld Jorge von Burgos befürchtet die aufklärerische Kraft des Witzes: Wenn die Menschheit über alles lache, werde sie den Glauben an Gott verlieren.


Heute wird Lachen nicht mehr als sündhaft qualifiziert. Umgekehrt wird Jesus kaum noch als Gott gesehen, eher als ein besonderer Mensch, der wertschätzend auf andere zuging, sie wunderbar geheilt und mit ihnen fröhlich gefeiert habe. Wer mit einem Wandlungs-Wunder Unmengen von Wein produzieren kann (Joh 2), wird kaum als Spaßbremse zu gelten haben. Jedes Jesusbild eignet sich auch als Projektionsfläche eigener Ideale.


Über die spaßgesellschaftliche Assimilation hinaus lag die kirchliche Rehabilitierung des Lachens auch an einem Abgrenzungsbedürfnis. Das westlich-säkulare Christentum wollte sich absetzen vom religiösen Fundamentalismus, den es in Glaubensfragen als humorlos erlebt. Immer wieder hat die Geschichte der Kirche gezeigt: Wenn es um die Wahrheit geht, hört der Spaß auf. Das bedingt die umgekehrte Vermutung, nur ein säkularisierter Glaube könne über alles lachen. Die Befürchtungen des Jorge von Burgos hatten ihre guten Gründe.


Einer davon liegt im fundamentalen Anspruch von Religion. Denn das befreiende Lachen wirkt wie eine Distanz-Erklärung, ermöglicht Abstand, bis hin zu Respektlosigkeit oder Gleichgültigkeit. Lachen kann tatsächlich nur, wer sich gleichsam auf die Zuschauer-Tribüne begibt.


Das aber scheint mit dem Wesen von Religion unvereinbar zu sein. In Glaubensfragen wird Einsicht erwartet, Identifikation, nicht die womöglich oberflächliche Draufsicht von außen. Lachen benötigt und ermöglicht eine Außenperspektive, die dem christlichen Glauben a priori fremd ist.


Was heilig ist, kann nicht zugleich komisch sein. Diese alte Ungleichung wirkt sich auf den Umgang mit der Heiligen Schrift aus. Biblische Texte werden traditionell ernst genommen, selbst dort, wo sie ursprünglich nicht ernst gemeint waren. Das Bild eines spöttisch-witzelnden Jesus erscheint unvorstellbar und nicht nur Fundamentalisten als Blasphemie.


Die Frage, ob man über biblische Aussagen lachen kann und darf, reicht also noch weiter: Darf man sich von ihnen distanzieren? Wer das nicht kann, wer die Heilige Schrift als Wort Gottes absolut setzen möchte, läuft Gefahr, sie nicht in ihrer Zeitbedingtheit wahrzunehmen. Kritische Distanz ist nicht trotz, sondern wegen ihrer Heiligkeit geboten. Unkritische Lektüre mag dem naiven Glauben zuträglich sein; für den nicht hinterfragbaren Fundamentalismus ist sie ein idealer Nährboden.


Jedenfalls gibt es einen erstaunlichen und erstaunlich lange ignorierten Humor in der Bibel, auch im Neuen Testament. Besonders im Text des Mk wird bei genauer Betrachtung deutlich: Wenn es um die Wahrheit geht, fängt der Spaß an. Der Witz gehört zum Text dazu, ohne eine Antwort darauf zu geben, ob Jesus selbst jemals gelacht habe. Wenn Jesus ironisch wird, ist das nicht die Ironie eines historischen Jesus, sondern die des Mk, der sie seinem Jesus in den Mund legt, um ihn gegen mächtige Akteure in Stellung zu bringen. So ist sein Text bewusst ein Zerrspiegel historischer Verhältnisse.


Als ein häufiges Mittel sprachlicher Darstellung wird der Witz in vielen Varianten eingesetzt, von der subtilen Anspielung bis zur ironischen Spitze, vom künstlichen Wortwitz bis zur drastischen Übertreibung. Solche Formen des kunstvoll inszenierten literarischen Humors suchen nicht das laute Gelächter; noch dienen sie der bloßen Auflockerung oder gar als Selbstzweck. Als zentrale Elemente im Dienst der Jesus-Erkenntnis lösen sie allenfalls Schmunzeln aus über die rätselhaft verhüllte und zugleich entlarvende Bloßstellung derer, die Jesus nicht angemessen, falsch oder gar nicht erkennen - und sich doch über ihn äußern.


Wer in diesem Sinn das Personal um Jesus herum kritisch und ohne den Nimbus späterer Heiligkeit in den Blick nimmt, wird auch den Witz bemerken, der wie im politischen Kabarett als ein Witz von unten nach oben funktioniert. Wer so auf den gesamten Text sich einlässt, wird die macht- und kirchenkritischen Dimensionen erkennen und idealerweise auch die vielen Pointen bemerken können.


Dazu sind freilich ausreichende Sprachkenntnisse nötig oder zumindest Übersetzungen, die dem Witz in seiner Vielfalt gerecht werden, sofern das überhaupt möglich ist. Denn die meisten Pointen sind spätestens in deutschen Übersetzungen beseitigt, sei es, weil sie bei der Übersetzung nicht als solche bemerkt wurden, sei es, weil sie mit der Heiligkeit des Textes oder seiner Akteure nicht vereinbar schienen. Manchmal sind sie einfach deshalb unkenntlich, weil sie im Deutschen nicht adäquat wiedergegeben werden können.


Zudem ist ein Wechsel der Perspektive erforderlich. Der Witz betrifft zwar auch Jesus, dem durchaus geistreiche Antworten in den Mund gelegt werden. Im Wesentlichen aber zielt er auf die Akteure um Jesus herum, auf die Augenzeugen, zu denen die Unreinen Geister und die Dämonen ebenso selbstverständlich dazugehören wie die vielen, scheinbar bedeutungslosen Nebenfiguren.


Es widerspricht der Deutungstradition der Kirche ebenso wie der historisch ausgerichteten Leben-Jesu-Forschung, den auf Jesus fokussierten Blick von ihm abzuwenden. Wer den Text des Mk nur als Biographie deutet, wird von seinem satirischen Witz nichts wissen wollen, geschweige denn verstehen können.


Da die gezielten Pointen des Mk das Erkenntnis-Problem aller Akteure entlarven, gilt das für die Gruppen der Gegner ebenso wie für die der Nachfolger, die ohnehin kaum zu trennen sind. Zu den unfähigen Nachfolgern Jesu zählen seine lernunwilligen Schüler, seine wichtigsten Gegner sind die Zwölf. Daher sind sie es, die immer wieder von ironischen Spitzen getroffen werden, sei es in Jesusworten oder in Erzählerkommentaren.


Besonders scharf zielt er gegen die sog. drei Säulen, das Machtzentrum der Judäochristen (vgl. Gal 2,9), denen es um irdische Werte (Petros) oder um ihren endzeitlichen Vorteil (Jakobos und Johannes) geht. Dieses Triumvirat nimmt Mk auch dort in den Blick bzw. auf den Arm, wo auf der Handlungsebene von den Dreien keine Rede ist. Erkennbar ist das z.B. an der betont eingesetzten Dreizahl, die als Textsignal sogar bei der Kreuzigung eingespielt wird, um anzudeuten, sie hätten Jesus zur dritten Stunde ein zweites Mal gekreuzigt (15,25 vgl. 15,24).


Sogar die Heilungsgeschichten nehmen voller Spott den Petros aufs Korn, den Ersten der Zwölf, der stellvertretend für sie spricht, obwohl er unheilbar blind ist für Jesus und taub für sein Wort – und damit der von Jesaja angeprangerten Beziehungsstörung Israels gegenüber Gott entspricht (z.B. Jes 6,9). Die in ihrer Vergeblichkeit satirischen Heilungsgeschichten des Mk sind absichtsvoll gestörte Erfüllungsgeschichten prophetischer Verheißungen (vgl. Jes 35,5).


Im nächsten Beitrag wird es um eine allseits unterschätzte und bisher nicht als solche erkannte Satire gehen, um die ironisch gebrochene Biographie des Apostel Paulus, einem Musterbeispiel verschiedenster Witz-Formen (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-sog-besessenen-von-gerasa-mk-5 ).

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