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Die Geschichte der Einsetzung der Zwölf (Mk 3,13-19)

Aktualisiert: 15. Apr.



Mit ihren satirischen Elementen ist diese Geschichte eher eine Anti-Berufungsgeschichte. Um das zu zeigen, werden vorab einige andere Berufungsgeschichten des Mk zu betrachten sein.

Mit dem Auftreten Jesu sind besondere Berufungen verbunden. Er ruft Männer in die Nachfolge, auch solche, die nicht als seine Schüler dargestellt werden (z.B. 2,14; 10,21), vielmehr in Opposition zu ihnen. Seine Nachfolger sollen - anders als Petros - ihr Kreuz tragen, d.h., zu Selbstverleugnung und Martyrium bereit sein (8,34f) und bis zum Ende durchhalten (13,13). Auch Frauen folgen ihm nach, ohne aber eigens berufen zu sein (vgl. 15,40f).


Mit der Einführung des Begriffs der Schüler zeigt sich, dass es viele sind, die ihm nachfolgen (2,15). Das Anwachsen der Menschenmengen (vgl. 2,7; 4,1) kann als Erfolg der Menschenfischer gelten, derjenigen also, die Jesus nach seinem ersten Auftrag (Denkt um! 1,15) zuerst sieht und anspricht (1,16f; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-1-16-die-netze-des-simon-und-seines-bruders). Zunehmende Probleme stellen diesen Erfolg gleichwohl in Frage (3,9; 6,31; 8,1).


Es ist fraglich, ob diese erste Begegnung mit Simon (Petros) und Andreas überhaupt als Berufung bezeichnet werden kann. Jesus erteilt ihnen einen scharfen Befehl, nicht etwa zur Nachfolge, sondern zur Position hinter ihm (1,17). Und auch das Menschenfischer-Wort lässt sich bei Mk kaum als Auftrag deuten.


Bezeichnend für diese Anti-Berufung ist, dass sie nur ihre Netze verlassen. Das ist eine ironische Anspielung auf den Besitz des Petros, der mehrfach in den Blick kommt, von ihm aber vehement bestritten wird (10,28).

Direkt danach wird parallel dazu die Berufung des Brüderpaars Jakobos und Johannes erzählt (1,19f). Im Unterschied zu den ersten beiden Brüdern sind sie durch den Namen ihres Vaters (Zebedaios) als leibliche Brüder erkennbar.

Bei ihnen heißt es ausdrücklich, dass Jesus sie ruft, ohne sie explizit in seinen Dienst oder in die Nachfolge zu berufen, dann, dass sie fortgehen, ihm nach (1,20). So werden sie mit minimalem Erzähl-Aufwand als Märtyrer eingeführt.


Das hat endzeitliche Lohnfragen zur Folge und eine Sonderstellung, die sie zu ihrem Vorteil ausnutzen wollen (10,35f), die Jesus ihnen aber nicht zugesteht: Anderen ist es bereitet. (sic!, 10,40; vgl: https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-1).


Das Idealbild eines Rufs in die Nachfolge zeigt sich bei Levi, im Kontrast zu diesen beiden ironisch gebrochenen (Anti-)Berufungs-Geschichten (2,14f). Schon sein Name zeigt, dass er der ideale Nachfolger ist. Das wird durch seinen kommentarlosen Gehorsam bestätigt. (Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-der-levi-des-mk).


Wer den Willen Gottes tut, braucht nicht eigens berufen zu werden; er gehört von vorneherein zur neuen Familie Jesu dazu (3,35). Von ihnen unterschieden sind diejenigen, die zeichenhaft draußen stehen, nämlich seine Mutter und seine Brüder, die ihn suchen (3,31; vgl. 1,37). Mit der Gegenfrage nach seiner Mutter und den Brüdern (sic!) distanziert er sich von letzteren (3,33).

Die Zwölf werden, anders als beim individuellen Ruf in die Nachfolge, kollektiv von Jesus gerufen (die er wollte, 3,13). Unkommentiert und ohne Begründung werden sie von ihm als die Zwölf eingesetzt (er machte die Zwölf, 3,14) und damit als eine feste Größe geschaffen, nicht aber als vollmächtige Führungsriege, geschweige denn als Sinnbild für ein neues Israel.


Derartige Deutungen liegen Mk fern. Es scheint vielmehr, als wolle er diese theologisch so bedeutsame Rolle ausdrücklich in Frage stellen, etwa mit vielen kleinen Andeutungen, deren Ironie oft kaum zu erkennen ist.

Auf einem Berg, dem symbolisch aufgeladenen Ort von Gesetz und Offenbarung, ruft Jesus herbei, wen er wollte, und sie gingen fort, zu ihm (sic! 3,13, vgl. 1,20). Die Zwölf werden also von vorne herein als Fortgehende eingeführt.

Die so geschaffenen Zwölf werden bezeichnenderweise auch nicht als Apostel eingesetzt. Sie sollen zunächst nur mit ihm und nur insofern für spätere apostolische Aufträge verfügbar sein (dass sie mit ihm seien, und dass er sie aussende zu verkünden, 3,14).


Der Umfang der ersten Bevollmächtigung bleibt begrenzt auf das Auswerfen von Dämonen (3,15). Später wird er weiter eingeschränkt werden (6,7), was die Zwölf aber ignorieren (vgl. 6,12.13.30). Zur Verkündigung oder gar zur Lehre werden sie jedenfalls nicht beauftragt.


Bei ihrer späteren Aussendung spricht Jesus ironisch ihre Befugnis über die Unreinen Geister an, nicht aber deren Auswerfen (6,7). Sie aber werfen unaufgefordert viele Dämonen aus (6,13). So entspricht ihr Verhalten dem der widergöttlichen Mächte; ihr Ungehorsam ist ein Werk des Satans - alias des Petros.


Jedenfalls bleibt das Einsetzungs-Geschehen auf dem Berg äußerst kümmerlich. Ohne die Spur eines Initiationsritus, einer Theophanie oder einer Offenbarung gibt Mk der Szene so wenig Bedeutung wie irgend möglich.

So bleibt auch jede unmittelbare Reaktion der Zwölf aus. Schon mit ihrem Auftreten waren keinerlei Huldigungen oder Anrufungen Jesu verbunden, wie sie zuvor erzählt werden, sowohl von den Menschenmengen, die bei ihm hinfielen (3,10), als auch von den Unreinen Geistern, die vor ihm niederfielen (3,12).

Im Unterschied zu ihnen wissen die Zwölf anscheinend nicht, wer dieser Jesus ist, den sie später nur für ihren Lehrer halten (4,38). Sie werden es an entscheidender Stelle noch immer nicht wissen, wenn sie trotz ihrer unbefugten Lehre den verbreiteten Unsinn über ihn referieren (8,27ff vgl. 6,14.15).

Die von Mk teilweise erfundene Zwölferliste wird angeführt von den beiden genannten Brüderpaaren, wobei dem von Paulus als die Säulen bezeichneten Führungstrio (Petros, Jakobos, Johannes vgl. Gal 2,9) die ersten Plätz zukommen, weshalb Andreas an die vierte Stelle gerückt wird. Die Namensliste als solche wird im Rahmen dieses Blogs ein eigenes Thema sein.

Ein satirisches Moment entsteht von vorne herein durch den Anschluss. Wenn Mk diejenigen, die Jesus ruft, nicht klar von den Unreinen Geistern absetzt, hält er in der Schwebe, ob die Zwölf womöglich zu ihnen gehören. Darauf bezieht sich umgekehrt der Vorwurf, er habe einen Unreinen Geist (3,30). Tatsächlich hat er die Zwölf.

Ein weiteres satirisches Moment im direkten Vorfeld der Zwölferliste besteht darin, dass sie an die Nennung der Dämonen anschließt (3,16). So bleibt nicht nur in der Schwebe, ob Mk womöglich die Namen von Unreinen Geistern aufzählt; die Frage ist auch, wie ihr Anführer zu den Dämonen steht.


Diese unmittelbare Nähe des erstgenannten Petros zu den Dämonen wurde in wichtigen Handschriften durch einen unsinnigen Einschub zunichte gemacht, durch die wiederholte Angabe Er machte die Zwölf (3,15).


Ebenso unsinnig ist ein erster Einschub zuvor, der den Zwölfen von vorne herein und gegen Mk offiziell den Apostel-Status zuerkennen möchte (die er auch Apostel nannte, 3,14). Eben diesen Status stellt Mk mit allen Mitteln satirischer Erzähl-Kunst in Frage (vgl. 6,7ff).

Der kontextuell mögliche Eindruck, Mk zähle zwölf Namen Unreiner Geister auf, bestimmt jedenfalls das weitere Geschehen. Die Schreiber beziehen sich indirekt auf Petros mit ihrem verschärfenden Vorwurf, Jesus werfe mit dem Herrscher der Dämonen die Dämonen aus (3,22).

Im Klartext: Petros gilt nicht nur als Anführer von Unreinen Geistern; als Oberster der Dämonen wäre er der Widersacher Gottes schlechthin, der Satan (vgl. 8,33). So gesehen kann er den Satan auch nicht auswerfen, wie Jesus ihnen in einem Rätsel erklärt (3,23).

Satirisch ist möglicherweise auch der vorangestellte Vorwurf, Jesus habe (mit Petros) den Beelzebul. Sie macht ihn zum Adressaten alttestamentlicher Polemik, allerdings in bewusst falscher Schreibweise (vgl. Baal-zebub, vgl. 2 Kön 1,2ff). Soll heißen: Die Schreiber beherrschen ihr Handwerk nicht.

Der Bezug auf Petros ist schon in denjenigen Sätzen erkennbar, die unmittelbar auf die Zwölferliste folgen. Zum einen sind jene Menschenmengen, die durch den Einsatz der Menschenfischer zu Jesus kommen, der groteske Grund, warum er nicht einmal Brot essen – sprich, das Mahl feiern kann (3,20).

Zum andern wäre an dieser Stelle mit einem grundsätzlichen Missverständnis aufzuräumen. Mit der Angabe die bei ihm (3,20) sind keineswegs reale oder allegorische Familienmitglieder Jesu gemeint, die ihn für verrückt erklären, tatsächlich aber erst ab 3,31 auftreten. Diese Angabe bezieht sich auf die Zwölf, die eben nur noch bei ihm und nicht mehr mit ihm sind, wie eigentlich geplant (3,14).

Vielmehr sind sie als diejenigen zu identifizieren, die herausgehen, um ihn zu ergreifen (3,21). Die Begründung dafür ist ein hintergründiger Witz: Denn sie sagen, er ist außer sich. In ihrer Ahnungslosigkeit gegenüber Jesus haben sie insofern Recht, als er im Brot der Mahlfeier tatsächlich außer sich sein wird. Das Partizip am Satzanfang (Hörend) spielt wieder auf Petros an, auf die Bedeutung seines hebräischen Namens Simon (er hört).

Um das komplexe Bild auf einen einfachen Nenner zu bringen: Mit der Einsetzung der Zwölf beginnt ein Problem nach dem anderen. So wird Jesus bald danach in einer Rede, die mit dem Ruf Hört! beginnt, Stellung gegen Petros beziehen, mit einem Rätsel nach dem anderen (z.B. 4,5.16; Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markusevangelium-r-rätsel).


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