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Die Geschichte der Entsendung der Zwölf (Mk 6,7-13)

Aktualisiert: vor 1 Tag



Diese Geschichte zeigt einmal mehr den ironischen Witz, den Mk seinem Jesus in den Mund legt. Sie ist eine Ätiologie, die den Apostel-Titel der Zwölf begründet – und zugleich eine Satire, mit der Mk sich über eben diesen Titel lustig macht.


Sie bezieht sich auf die vorausgehende Berufung der Zwölf (3,13ff). Mit ihrer Einsetzung sollten sie ausdrücklich mit ihm sein, bereit zu apostolischen Aufträgen (3,14; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-einsetzung-der-zwölf-mk-3-13-19).


Die Zwölf aber gehorchen schon dem ersten Auftrag nicht. Die kurze Einleitung zur Entsendung zeigt, dass sie keineswegs mit ihm waren: Jesus muss sie erneut herbeirufen (6,7; vgl. 3,13).


Dieser einleitende Hinweis, dass Jesus die Zwölf zu ihrer Entsendung eigens zu sich ruft, bedeutet zugleich, dass sie bei seiner vorausgehenden Lehre in den Dörfern nicht dabei waren (6,6). Wenn sie aber seine Lehre nicht hören, können sie auch nicht seine Schüler sein und nichts von seiner Lehre überliefern.


In seiner Vaterstadt konnten sie lernen, dass Jesus nicht nur ein Mensch ist (6,1ff). Dieses reduzierte Jesusbild seiner Zuhörer hatte bei ihnen nur einen Fragenkatalog und Misstrauen zur Folge (6,6) und bei ihm selbst ein ohnmächtiges Scheitern. Seine therapeutischen Maßnahmen bleiben weitgehend ohne Erfolg (6,5).


Mit ihrer Entsendung sehen sie sich selbst nicht mehr als Schüler. Denn sie sind Lehrende, ohne dazu beauftragt zu sein. Was sie lehren, ist nicht zu erfahren. Dadurch wird zwar der Name Jesu bekannt (vgl. 6,14), viel mehr aber auch nicht. Vor und nach ihrer Entsendung hält man ihn für den auferweckten Johannes d.T., für Elia oder für einen der Propheten (6,15, vgl. 8,28).


Und sie selbst halten ihn für einen Christus (vgl. 8,29) – und reduzieren ihn damit auf einen Menschen, einen jüdischen Provinz-König wie Herodes. Dessen opportunistische, von den fragwürdigen Menschen seiner Umgebung abhängige Macht zeigt eines der Probleme des Christus-Titels. Mk stellt es bewusst ins Zentrum der Schüler-Entsendung (6,14ff), in einer sog. Sandwich-Konstruktion.


Das bedeutet: Während die Schüler unterwegs sind und tun, wozu sie nicht beauftragt sind, wird an der makabren Enthauptung des Johannes deutlich, welche Folgen der Königs-Titel hat. Mit dem Begriff für Haupt (gr. kephalē) spielt Mk auf den Ersten der Zwölf an, auf Kefas alias Petros. Ihm wirft Jesus vor, nur das im Sinn zu haben, was Menschen wollen.


Schließlich werden sie, anders als die Schüler des Johannes, die dessen Leiche in ein Grabdenkmal legen (6,29), Jesus nicht begraben.


Und sie werden auch nicht seine Apostel sein. Zwar sendet Jesus sie aus; indem sie aber ihre eigene Agenda verfolgen, gehorchen sie ihm auch in diesem entscheidenden Punkt nicht. So disqualifizieren sie sich selbst.


Ein Apostel hat gehorsam den Willen seines Herrn zu erfüllen, wie auch Jesus den Willen dessen erfüllt, der ihn gesandt hat (vgl. 9,37). Ein Gesandter hat die Botschaft seines Auftraggebers zu überbringen, nicht aber seine eigene.


Tatsächlich aber zeigt das Verhalten der Zwölf bei der Aussendung eine groteske Ignoranz. Sie führen nicht aus, wozu sie von Jesus bevollmächtigt sind, sie tun, was sie wollen. Ebenso grotesk ist, dass diese Pointe des Mk bisher weitgehend ignoriert wird. Wer den Witz des Mk nicht wahrnimmt, wird auch seinen Jesus nicht verstehen können.


Bei ihrer Einsetzung hatte Jesus ihnen noch die Vollmacht über die Dämonen zugedacht (3,15). Die aber hatte zur Folge, dass die jüdischen Schreiber ihm unterstellen, er wolle mit dem Ersten der Dämonen (alias Petros als dem Satan, vgl. 8,33) die Dämonen auswerfen (3,22).


Der Erste der Zwölf ist das Problem und der Anlass, die geplante Befugnis zu reduzieren. Bei ihrer Aussendung erteilt Jesus ihnen nur die fragwürdige Vollmacht der Unreinen Geister (6,7). Die sind in den Aposteln offensichtlich weiterhin wirksam in den unsauberen Jesus-Bilder, die trotz ihrer Entsendung in Umlauf bleiben.


Das erklärt die Ironie, die in der Geschichte der Entsendung mitschwingt. Dazu folgt noch ein kleines Florilegium, eine Auswahl der kaustischen Aufträge Jesu an sie, die er jüdischem Zeugenrecht entsprechend paarweise entsendet.


Sie werden keine Zeugen für ihn sein, wenn es darauf ankommt. Das geht schon daraus hervor, dass sie nur dort ein Zeichen setzen sollen, wo man sie nicht hört, und zwar ein Zeichen des Todes. Dort sollen sie lediglich den Staub von ihren Füßen abschütteln (6,11).


Wo man sie aber aufnimmt, sollen sie bleiben, bis sie wieder herausgehen (6,10). - In seinem sarkastischem Spott zeigt Mk mit der Ellipse, was sie im Haus, am Ort der christlichen Lehre, zu tun haben. Wären sie dazu befugt, könnten sie eine Botschaft verkünden, ein Zeichen für Jesus setzen, das Mahl feiern. Das alles lässt Jesus nicht zu; sie sollen nichts tun - und schon gar nichts über ihn sagen.


Voller Ironie sind auch die vorangestellten, vergleichsweise ausführlichen Angaben zu ihrer Ausrüstung. Da redet Jesus sich gleichsam selbst in Fahrt dadurch, dass Mk ihn von der dritten Person zum direkten Befehl wechseln lässt (6,8ff). Das vergrößert das Gefälle zu den belanglosen Aufträgen danach.


Sie sollen nichts tragen als nur einen Stock, das heißt, sie brauchen ihr Kreuz nicht zu tragen (vgl. 8,34; 15,21). Der Stock lässt sich hier nicht einfach nur als ein vergleichsweise leichteres Trainingsgerät deuten, er ist auch ein königliches Machtsymbol, ein Szepter.


Ferner sollen sie nicht über das Lebensmittel der geistlichen Sättigung verfügen und von vorneherein kein Brot mitnehmen. Das Mahl werden sie nach ihrer Rückkehr ohnehin nicht feiern können, weil sie viel zu sehr beschäftigt sind (6,31). Woher sie aber in der Wüste über fünf Brote verfügen, bleibt offen (6,38).


Ironisch gebrochen wirkt auch das Ideal der Armut, das Jesus mit seinen Anweisungen vorzugeben scheint. Sie sollen ausdrücklich kein Kleingeld, kein Kupfer im Gürtel mitnehmen (6,8); über ihren Reichtum, ihr Silbergeld etwa, spricht er nicht (vgl. 10,23ff).


Die Vollzugsmeldung der Entsendungen zeigt schließlich, wie ungehorsam die Zwölf sind, die nun doch Dämonen auswerfen, dazu viele Schwache mit Öl behandeln und sie auf die Weise zu Gesalbten machen, zu Christussen (6,13, vgl. 13,22). Ihre Heilungs-Bemühungen dürften so erfolglos sein wie die therapeutischen Maßnahmen Jesu zuvor (6,5).


Erstaunlich ist zu Beginn ihrer Verkündigung deren Ziel (damit sie umdenken, 6,12), das an die Verkündigung von Johannes d.T. und Jesus anschließt (vgl. 1,4.15). So geben die Zwölf gleichsam in einer apostolischen Sukzession eine Lehre wieder, die sie selbst nicht befolgen, indem sie am Christus-Titel festhalten. Sie haben noch immer nicht umgedacht.


Bemerkenswert ist auch, dass Mk die Zwölf erst nach ihrer Rückkehr und nur dieses eine Mal als Apostel bezeichnet, als Gesandte (6,30). Da berichten sie stolz, wieviel sie getan und wieviel sie gelehrt haben, sprechen also offen über ihren eigenmächtigen Aktionismus, wobei der Begriff für ihr Berichten andeutet, was sie versäumt haben: Sie haben nicht das Evangelium verkündet (apangellein; 6,30; vgl. parangellein in 6,8).



Hier folgt abschließend die Geschichte der Entsendung der Zwölf im Wortlaut des Mk samt Übersetzung (6,7-13; 6,30).


7 Καὶ προσκαλεῖται τοὺς δώδεκα

Und er ruft herbei die Zwölf.


καὶ ἤρξατο αὐτοὺς ἀποστέλλειν δύο δύο

Und er begann, sie zu entsenden, zwei um zwei.


καὶ ἐδίδου αὐτοῖς ἐξουσίαν τῶν πνευμάτων τῶν ἀκαθάρτων,

Und er gab ihnen Vollmacht der (sic!) unreinen Geister.


8 καὶ παρήγγειλεν αὐτοῖς ἵνα μηδὲν αἴρωσιν εἰς ὁδὸν εἰ μὴ ῥάβδον μόνον,

Und er befahl ihnen, dass sie nichts tragen sollten auf dem Weg, außer einen Stock nur.


μὴ ἄρτον, μ πήραν, μὴ εἰς τὴν ζώνην χαλκόν,

Kein Brot, keine Tasche, kein Kupfer [-geld] im Gürtel!


9 ἀλλ’ ὑποδεδεμένους σανδάλια, καὶ μὴ ἐνδύσησθε δύο χιτῶνας.

Aber untergebundene Sandalen! Und zieht keine zwei Untergewänder an!


10 καὶ ἔλεγεν αὐτοῖς·

Und er sprach zu ihnen:


που ἐὰν εἰσέλθητε εἰς οἰκίαν, ἐκεῖ μένετε ἕως ἂν ἐξέλθητε ἐκεῖθεν.

Wo immer ihr hineingeht in ein Haus: dort bleibt, bis ihr hinausgeht von dort.


11 καὶ ὃς ἂν τόπος μὴ δέξηται ὑμᾶς μηδὲ ἀκούσωσιν ὑμῶν,

Und welche Stelle auch immer euch nicht aufnimmt und sie euch nicht hören,


ἐκπορευόμενοι ἐκεῖθεν ἐκτινάξατε τὸν χοῦν τὸν ὑποκάτω τῶν ποδῶν ὑμῶν

heraustretend von dort, schüttelt den Staub unter euren Füßen ab,


εἰς μαρτύριον αὐτοῖς.

ihnen zum Zeugnis.


12 Καὶ ἐξελθόντες ἐκήρυξαν ἵνα μετανοῶσιν,

Und hinausgehend verkündeten sie, damit man umdenke.


13 καὶ δαιμόνια πολλὰ ἐξέβαλλον,

Und sie warfen viele Dämonen hinaus.


καὶ ἤλειφον ἐλαίῳ πολλοὺς ἀρρώστους

Und sie salbten mit Öl viele Schwache


καὶ ἐθεράπευον.

und behandelten sie (6,7-13).


[...]

30 Καὶ συνάγονται οἱ ἀπόστολοι πρὸς τὸν Ἰησοῦν

Und es versammeln sich die Gesandten bei Jesus

καὶ ἀπήγγειλαν αὐτῷ πάντα

und sie berichteten ihm alles:

ὅσα ἐποίησαν καὶ ὅσα ἐδίδαξαν.

wieviel sie machten und wieviel sie lehrten.


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