top of page

Aus dem kleinen ABC zum Markus-Evangelium: B - Bruder / Brüder

Aktualisiert: vor 1 Tag



Ein heißes Eisen der gegenwärtigen Theologie ist die Frage, ob in Bibel-Texten, in denen von Brüdern die Rede ist, die Schwestern mitgedacht sind. Das ist ein besonderes Anliegen der Verfechter:innen einer geschlechtergerechten Ausdrucksweise. Denn nur dann können die mitgedachten Schwestern in Bibel-Übersetzungen problemlos ergänzt werden.


Eine andere Frage kommt in diesem Zusammenhang nicht oder nur am Rande zur Sprache: Ob die Begriffe der Brüder und Schwestern in weiter Bedeutung auch Cousins und Cousinen umfassen. Das ist das besondere Anliegen einer katholischen Theologie, die andernfalls das Dogma der unbefleckten Jungfräulichkeit Mariens gefährdet sieht (vgl. 6,3).


Als dritte Beobachtung sei außerdem ein Phänomen der kirchlichen Liturgie genannt, wo Jesus, etwa in Gebets-Formulierungen, zunehmend als unser Bruder angesprochen wird, in offenkundiger Analogie zu Gott als unserem Vater.


Dadurch wird eine geschwisterliche Beziehung zu ihm angesprochen, anstelle der Gemeinde von Brüdern und Schwestern im Herrn. Das ist aufschlussreich. Offenbar soll Jesus damit aus der Sphäre des Göttlich-Unnahbaren in die anschaulichere Nähe menschlicher Beziehungen geholt werden.


In diesem Beitrag geht es um den von Mk sehr bewusst verwendeten Begriff des Bruders bzw. der Brüder, nicht aber um derlei fragwürdige Verbrüderungs-Theologien, geschweige denn um die uralte Diskussion, ob und inwiefern Jesus überhaupt ein Mensch war. Die Position des Mk hierzu wird eigens zu klären sein.


Wer also sind die Brüder Jesu? Das ist eine Frage, die Mk seinem Jesus selbst in den Mund legt (3,33, etwa in der Bildmitte). Dabei ist einiges bemerkenswert:


1. Sie ist eine Rückfrage, eine Reaktion darauf, dass seine Mutter und seine Brüder zu ihm entsenden und ihn rufen. Diese Aussendung spielt auf den Apostelstatus der Zwölf an; ihr Ruf verkehrt deren Berufung in die Gegenrichtung (vgl. 3,13).


2. Aus dem Text geht nicht hervor, dass hier von leiblichen Verwandten die Rede ist. Im Gegenteil: Indem sie blass und formelhaft genannt werden, ohne die Nennung von Namen, sind sie plausibel nur in einem übertragenen Sinn zu deuten und wegen der genannten Anspielungen auf die Zwölf zu beziehen.


3. Wenn die anwesende Menschenmenge auf den Ruf eingeht, indem sie behauptet, dass seine Mutter und seine Brüder ihn suchen, ist auch das eigentümlich, da die Leute um Petros behauptet hatten, dass alle ihn suchen (1,37). Offenbar gibt es eine Menge, die ihn längst gefunden hatte, die nun bei ihn ist und von ihm lernt, im Unterschied zu seiner Mutter und den Brüdern.


4. In die Behauptung der Menschenmenge wurde schon früh die Wendung und deine Schwestern eingefügt (3,32; nicht im Cod. Sin., vgl. Bild). So ging die Pointe in 3,35 verloren, wo Jesus mit einem abschließenden Grundsatz dafür sorgt, dass die Schwestern überhaupt in den Blick kommen, neben seinen wahren Brüdern (Wer auch immer den Willen Gottes tut, dieser ist mein Bruder und Schwester und Mutter).


5. Die erste Antwort Jesu, seine Rückfrage Wer ist meine Mutter und meine Brüder? ist Ausdruck dafür, dass Jesus sich klar distanziert von ihnen, die er als seine Mutter und seine Brüder in Frage stellt. Im abschließenden Grundsatz nennt er schließlich die Mutter nach den Schwestern am Ende der Reihe.


Erklären lassen sich diese Verwandten nicht etwa als leibliche Familie Jesu, die er mit der um ihn herum sitzenden Schülerschaft kontrastiert. Vielmehr ist seine Mutter eine Allegorie für seine jüdische Herkunft, und die Brüder stellen im Rückgriff auf 1,16ff die judäochristlichen Brüder der Zwölf dar.


Zwei Kreisen wird diese fragliche Verwandtschaft kontrastierend gegenübergestellt, erst dem Kreis derjenigen, die um ihn herum sitzen, also von ihm lernen, und die er nun als seine Mutter und seine Brüder definiert (3,34). Zum anderen dem Kreis der nicht notwendigerweise anwesenden wahren Familie Jesu. Die braucht nichts zu lernen, weil sie ohnehin den Willen Gottes tut und ihn, Gottes geliebten Sohn, hört (vgl. 9,7).


Wichtig ist die Angabe des betonten Draußen-Stehens zur Deutung derer, denen alles in Rätseln geschieht, eben weil sie draußen sind (4,11). Im Kontext dort werden sie erneut abgesetzt von denen um ihn herum, denen das Geheimnis des Königtums Gottes gegeben sei. Im Klartext: Den Zwölfen, die nichts lernen, ist das Geheimnis (sc. des Brotes zur Erkenntnis Jesu) nicht gegeben.


Mit dieser Kontrastierung kommt neben der Erkenntnisfrage (vgl. 4,12) eine vergleichbare Unterscheidung des Mk in den Blick, der zentrale Vorwurf nämlich, den Jesus gegenüber dem Petros erhebt. Jesus bezeichnet ihn als Satan, weil er an das denke, was der Menschen sei, nicht an das von Gott (8,33). Im Hintergrund des Vorwurfs steht der Christustitel (8,29).


Diese Begründung Jesu, diese Differenzierung zwischen dem Willen Gottes und dem der Menschen, erscheint auf den ersten Blick harmlos angesichts der Schärfe des Satan-Vorwurfs. Für uns als Leser:innen ist doch nichts dabei, wenn Petros etwa in seinem Jesus-Bild vom Menschen ausgeht. Das ist ohnehin leichter vermittelbar als die paradoxe Theologie eines zu Gott erhöhten, macht- und ehrlosen Sklaven, die Mk dagegen stellt.


Meist wird die Schärfe des Vorwurfs mit der Erkenntnis-Schwäche des Petros entschuldigt, die gleichwohl eine vorläufige sei. Das aber widerspricht der Tendenz des Mk, seinem Petros generell keinerlei Erkenntnis zuzugestehen und damit auch keinen Erkenntnis-Vorsprung.


Die drei Säulen (Petros, Jakobos, Johannes, vgl. Gal 2,9) erkennen Jesus als den österlich Erhöhten nicht, wie die Geschichte der sog. Verklärung zeigt (9,5 bzw. dazu https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-verklärung). Und sie erkennen auch den Menschen Jesus nicht. Das wird in Gethsemani deutlich, wo sie die menschlich anrührende Angst Jesu, seine Gebete und die Ankündigung der Übergabe verschlafen (14,32ff).


Was Mk damit sagen will, ist im Grunde sehr einfach: Diesem Gremium der Zwölf, die Jesus nicht erkennen können, und insbesondere diesem Petros, der ihn für einen Christus hält, kommt keine Deutungshoheit zu.


So sind die Zwölf nicht einmal in einem übertragenen Sinn Brüder Jesu. Mk stellt zwar die drei Säulen bewusst als Brüder vor, dies aber nur, um sie danach umso wirkungsvoller durch Jesus selbst als seine Brüder zu delegitimieren (3,33f).


Wenn Petros zu Beginn betont als Bruder eingeführt wird (1,16), nicht aber als Sohn, etwa des Jona (vgl. Mt 16,17), wird damit erstmals angedeutet, dass ihm die entsprechenden jüdischen Wurzeln fehlen. Das wird noch verstärkt durch die gräzisierte Namensform Simon (vs. Simeon), die auf seine Hör-Unfähigkeit anspielt, sowie durch den griechischen Namen seines Bruders (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-1-16-die-netze-des-simon-und-seines-bruders).


Dieser Andreas ist von vorne herein sein narratives Gegenstück, eine Kontrastfigur zum Juden Simon. Schon vom Namen her steht er für mannhafte Tapferkeit und damit in Opposition zur opportunistischen Feigheit des Petros (vgl. 14,68ff). Obwohl als Bruder eingeführt, wird er in der Zwölferliste an die vierte Stelle verschoben (3,18), zugunsten der drei Säulen zuvor (ebenso auch in 13,3).


In offenkundiger Entsprechung zum ersten fiktiven Brüderduo werden Jakobos und Johannes als Brüderpaar eingeführt (1,19). Sie sind nun tatsächlich Söhne eines Juden (Zebedaios) und werden überdies sogar zu Märtyrern (10,39f). Doch ihr besonderer Status bringt ihnen keinen Lohn, jedenfalls nicht den von ihnen so dreist geforderten (vgl. 10,35; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-1).


Hinter den ersten beiden Brüderpaaren ist das Thema eines Generationen-Konflikts erkennbar. Die erste Generation hätte eigentlich Jesus erkennen und damit über die Tradition verfügen können. Doch ihre Erkenntnis- und Lernunfähigkeit sowie ihre Flucht belegen, dass sie als Apostel und Träger der Überlieferung sich selbst disqualifiziert haben.


Entgegen diesen Brüderpaaren wird der Jude Levi nicht als einer der Zwölf eingeführt, sondern in deutlichem Kontrast zu ihnen. Seinem hebräischen Namen zufolge ist er der einzig wahre Nachfolger und Sohn eines Alphaios, der sich seinerseits vom Namen her als der einzig wahre Schreiber und damit als Träger der schriftlichen Überlieferung deuten lässt (2,14, vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-war-der-levi-des-mk).


Die in 6,2 namentlich genannten Brüder haben eine äußerst wichtige narrative Funktion (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-jesus-biographien-und-die-heilige-familie-7-2). Dass im Unterschied zu ihnen die Schwestern in der Synagoge nicht namentlich genannt werden, entspricht der Ironie des Mk angesichts der patriarchalen Verhältnisse in der sog. Vaterstadt bzw. der o.g. Pointe in 3,35.


Die Differenzierung zwischen dem, was bei Gott möglich, bei Menschen aber unmöglich ist, löst eine offensichtlich unzutreffende Behauptung des Petros aus: Sie hätten alles verlassen und seien ihm nachgefolgt (10,27ff). Er selbst hatte freilich weder sein Haus oder seine Frau verlassen (vgl. 1,29), noch war er auch nur ein einziges Mal als Nachfolger positiv aufgefallen.


Auf das, was er alles verlassen könnte, bezieht sich ein rätselhaftes Amenwort, in dem Jesus die Brüder an zweiter Stelle, nach dem Haus, aufzählt. Es wird meist kontextunabhängig als historischer Beleg für die Radikalität der Jesus-Nachfolge interpretiert.


Das Amenwort sagt indes nichts aus über die Zwölf, die als Zeugen für Jesus ohnehin nicht in Frage kommen, noch über andere Akteure des Mk. Um es mit einfachen Worten zu paraphrasieren: Wer zugunsten der Nachfolge alles verlässt, wird über die hundertfache Menge verfügen. Weil das aber ohne Gott, ohne den einen himmlischen Vater, geschieht (vgl. 10,30), ist es wertlos in Zeiten von Verfolgungen, und im kommenden Äon erst recht.


Mit dieser ironischen Aufzählung bildet Mk keineswegs die historischen Verhältnisse einer Gruppe von radikalen Jesusgläubigen ab. Sie mag allerdings die wahren Zeugen Jesu dazu ermutigt haben, in der Situation der Verfolgung alles aufzugeben zugunsten des ewigen Lebens. Damit wäre auch die Ausgangsfrage beantwortet (vgl. 10,17).


Überdies weist die unzutreffende Behauptung des Petros, alles verlassen zu haben, erkennbar voraus auf diejenigen, die (alle) aus dem Becher trinken (14,23) und trotz des damit geschlossenen Bundes Jesus verlassen, indem sie (alle) fliehen - vor ihm (14,50).


Nur Petros wird Jesus nicht durch die Flucht, sonden durch seine Apostasie Jesus verlassen (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wie-steht-es-um-petros-und-um-sein-erinnerungsvermögen-mk-14-72).


Immer wieder verknüpft Mk den Begriff der Brüder mit dem Leitungsgremium der Zwölf. Doch lässt auch die Siebenzahl jener Brüder, die in der kuriosen Geschichte der sog. Sadduzäerfrage von Bedeutung sind, eine entsprechende Deutung zu (12,18ff).


Hinter diesen Brüdern, die mit derselben Frau verheiratet waren, aber keinen Samen zurückließen, steht möglicherweise das Leitungsgremium der sog. Sieben Diakone (vgl. Apg 6,1ff), wie in einem weiteren Beitrag zu zeigen sein wird.


Im Zusammenhang seiner sog. Endzeitrede kommt Jesus ein letztes Mal auf (einen) Bruder zu sprechen, der einen Bruder zum Tod übergibt (13,12). Was im Kontext nach zerrütteten Familienbeziehungen aussehen mag, soll wohl eine Parallele zur Passion Jesu herstellen: Die Leidenserfahrungen der Zeugen Jesu werden denen des Gekreuzigten entsprechen.

17 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
bottom of page