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Übersetzungsfehler in der Bibel: Sie kreuzigen ihn – doppelt! (Mk 15,24f)

Aktualisiert: 7. Juli


Mit nur wenigen Worten wird die Kreuzigung Jesu skizziert. Angesichts dieser so lakonischen Prägnanz fallen Störungen im Erzählablauf umso mehr auf. Die sind für eine leicht lesbare Bibel-Übersetzung ebenso hinderlich wie für eine Liturgie, in der die Passion Jesu vorgetragen und nachvollzogen werden soll.

 

Von bemerkenswerter Prägnanz ist der Vers 15,25: Es war aber die dritte Stunde. Und sie kreuzigten ihn. Er besteht aus zwei unabhängigen Hälften, aus zwei je eigenständigen Sätzen. Die sind durch die Konjunktion (und) miteinander verbunden, stehen parataktisch nebeneinander, was jedoch in deutschen Übersetzungen durch eine hypotaktische Nachordnung verloren geht.

 

In den meisten deutschen Bibel-Ausgaben wird die Betonung verschoben, indem das brutum factum der Kreuzigung ersetzt wird durch die Akzentuierung ihres Zeitpunkts (als sie ihn kreuzigten). Durch diesen Unsinn wird der holprige Erzählablauf geschmeidiger.

 

Im lateinischen Text der Vulgata Gutenbergs bleibt die Eigenständigkeit der beiden Sätze beibehalten: Erat autem hora tercia (!) : et crucifixerunt eum (vgl. Bildmitte).

 

Wenn für Mk die Zeitangabe wichtig ist, warum ist sie dann mit einer zweiten und insofern entbehrlichen Kreuzigungs-Aussage verknüpft? Schon im Vers zuvor heißt es: Und sie kreuzigen ihn – im Präsens, woraufhin noch einmal die Mäntel Jesu in den Blick kommen, die entsprechend Ps 22,19 verteilt werden (Ps 21,19 LXX; vgl. 15,20).

 

Im Kontext der Kreuzigung fällt die ungewöhnliche Dichte präsentischer Verbformen besonders auf. In der Vulgata aber wird das finite Verb dieser zuerst genannten, ebenfalls selbständigen Kreuzigungs-Aussage als Partizip wiedergegeben.

 

Statt wörtlich crucifigunt eum heißt es crucifigentes eum diviserunt (vgl. Bild, Ende der 2. Zeile). Dadurch wird das brutum factum der Kreuzigung der Mantel-Teilung untergeordnet. Im Präsens steht denn auch eine dritte Kreuzigungs-Aussage, die die beiden Schächer in den Blick nimmt. (Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/wer-sind-die-mit-jesus-gekreuzigten-schächer-mk-15-27).

 

Wer im griechischen Text die Verse in ihrem Kontext hintereinander liest, wird die störende Doppelung bemerken, die auf die dritte Nennung der Kreuzigung in 15,27 zielt.


24 καὶ σταυροῦσιν αὐτὸν

καὶ διαμερίζονται τὰ ἱμάτια αὐτοῦ

βάλλοντες κλῆρον ἐπ’ αὐτὰ

τίς τί ἄρῃ

25 ἦν δὲ ὥρα τρίτη

καὶ ἐσταύρωσαν αὐτόν


24 Und sie kreuzigen ihn.

Und sie teilen seine Mäntel,

werfend das Los über sie,

wer was trüge.

25  Es war aber die dritte Stunde.

Und sie kreuzigten ihn.

 

In 15,25 wird die Kreuzigung also zum zweiten Mal erzählt, diesmal im Aorist. Auffallend ist daher nicht nur die verdoppelte Aussage, sondern auch deren Zeitstufe, eingerahmt von zwei Imperfekt-Formen der Kopula. Der Aorist kann hier ingressiv als Beginn von etwas Neuem gedeutet werden.

 

Seit je hat es gestört, dass der so wichtige Moment der Passionsgeschichte doppelt erzählt wird. In den anderen Evangelien werden an den Parallelstellen je unterschiedliche Lösungen geboten. Matthäus lässt die alles entscheidende Aussage weg und nennt sie nur ex post in einem Partizip (Mt 27,35).

 

Außerdem belegen die Varianten in den Handschriften zahlreiche Versuche, die Härte der zweimaligen Kreuzigung des Mk zu vermeiden oder sie durch abweichende Formulierungen abzumildern.

 

Doch wird gerade in dieser Härte der Sinn der wiederholten Kreuzigungs-Aussagen und die Absicht dahinter erkennbar. Die wiederholte Kreuzigung ist die Folge des Christus-Titels. Diejenigen, die Jesus für einen König halten, bringen ihn damit erneut ans Kreuz.

 

Wer diejenigen sind, die Jesus kreuzigen, lässt der Text offen. Doch die auffällige, vom Kontext adversativ abgesetzte Zeitangabe der dritten Stunde gibt einen Hinweis. Verantwortlich für die neuerliche Kreuzigung ist Petros. Auf ihn spielt das Dreierschema der Stundenangabe an, mit ihm ist die Zahl drei in signifikanter Weise verknüpft.

 

Auch der an 15,25 anschließende Satz belegt den Rückbezug auf den Königs-Titel des Petros – freilich in der falschen Formulierung des Pilatus: Und es war die Aufschrift seiner Schuld aufgeschrieben: Der König der Judäer (15,26 vgl. 15,2).

 

Ein krasser Fall der für Mk typischen Ironie: dass unmittelbar nach der Kreuzigung Jesu der falsche Königs-Titel als Schuld seines Todes angegeben wird. Welch eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet dieser falsche Titel als Akronym über den Darstellungen des Gekreuzigten geschrieben steht (INRI, vgl. Joh 19,19).

 

Auch die nachfolgenden Reaktionen der Oberpriester untereinander mit den Schreibern beziehen sich noch auf den Königs-Titel (15,31f). Sie fordern mit dem richtigen Titel das Falsche, nämlich das Herabsteigen des Christus, des Königs Israels, damit sie sehen und [ihm] vertrauen.


Wobei in der Übersetzung auch eine andere, in ihrem Spott noch stärkere Gliederung denkbar ist: Andere rettete er, sich selbst vermag er nicht zu retten, dieser Christus, dieser König Israels. Er steige jetzt herab vom Kreuz.


Grotesker kann das Missverstehen kaum sein, sowohl das von Mk erzählte gegenüber Jesus, als auch das der Rezipienten gegenüber dem von Mk so raffiniert erzählten Text. Anstatt die bedeutsame Wiederholung des Kreuzigens beizubehalten und als Pointe zu interpretieren, wurde sie versteckt, als sei der Text dadurch zu verbessern gewesen.


PS: Bei der Gelegenheit noch eine Anmerkung zum ursprünglichen Wortlaut in 15,24.

Die letzten drei Wörtchen (wer was trüge) sind textkritisch umstritten. Dabei hängen sie in der Verbform mit der von 15,21 zusammen, wo im Vorlauf zur Kreuzigung ein Simon (!) gezwungen wird, dass er sein Kreuz trüge.


Die Pointe hier: Nachdem Jesus gekreuzigt ist, tragen sie eben nicht ihr Kreuz (vgl. 8,34), sondern losen darum, wer welchen Mantel, d.h., wer welches Machtsymbol tragen werde.(Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/aus-dem-kleinen-abc-zum-markusevangelium-m-mantel).

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