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Übersetzungsfehler: Ihr sucht Jesus von Nazaret? (Mk 16,6)


In deutschen Übersetzungen werden die Herkunfts-Adjektive nazarenisch bzw. nazoräisch üblicherweise ersetzt durch den Ausdruck Jesus von Nazaret. Das wirft Fragen auf. Sind die beiden Ausdrucksweisen tatsächlich gleichbedeutend und insofern austauschbar? Was bedeutet bei Mk der Ortsname Nazaret? Vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/ceterum-censeo-wo-hat-jesus-gewirkt-7-3).


Es ist wie bei der Frage nach der Henne und dem Ei. Entgegen dem allgemeinen Konsens in Kirche und Wissenschaft ist keineswegs klar, was zuerst da war: der Ortsname Nazaret und damit die Fremd-Bezeichnung Jesu als Nazarener – oder der Text des Mk mit seinen literarischen Anspielungen und Angaben, durch die ex post die entsprechend benannte Wirklichkeit überhaupt erst möglich wurde.


Gab es also zur Zeit des Mk den Ort Nazaret(h) oder sogar die Fremd-Bezeichnung der Christen als nozrim schon? War Jesus selbst in seiner Kindheit ein Bewohner von Nazaret (vgl. Mt 2,23)? War er womöglich dort geboren worden, wie die Historische Jesus-Forschung seit Jahrzehnten glaubhaft machen will?


Im Text des Mk sind die Verhältnisse begrifflich überschaubar. Eingangs wird an prominenter Stelle der Ortsname Nazaret genannt (1,9), danach insgesamt viermal die daraus abgeleitete Fremd-Bezeichnung Jesu als Nazarener, deren Bedeutung umstritten und in diesem Beitrag zu klären ist (Ναζαρηνός, 1,24; 10,47; 14,67; 16,6).


Bei Matthäus und Lukas sieht die Begrifflichkeit etwas komplizierter aus. Da gibt es zahlreiche unterschiedliche Namens-Formen, sowohl für den Ortsnamen (Nazaret(h) oder Nazara, vgl. Mt 4,13; Lk 4,16), wie auch für Jesus selbst.


Während Matthäus zweimal vom Nazoräer Jesus spricht (Mt 2,23; 26,71), verwendet Lukas beide Ethnika ohne erkennbaren Unterschied nebeneinander (Nazarener, Nazoräer). Auffallend oft wird Jesus in der Apostelgeschichte Nazoräer genannt. Einmal gibt Lukas Nazoräer sogar als Namen für ein Kollektiv an, für die Sekte jener Christen, deren Anführer Paulus gewesen sei (Act 24,5).


Das könnte ein Indiz dafür sein, dass sie beide, Matthäus und Lukas, bereits die Fremd-Bezeichnung nozrim kannten, mit der Christen jüdischerseits genannt wurden – und bis heute genannt werden. Matthäus ist bemüht, sie in Verbindung mit dem Ortsnamen Nazaret durch prophetische Verheißungen zu erklären (Mt 2,23).


Auch bei Johannes wird erst der Ortsname zum Thema, mit der Frage nach der Herkunft Jesu (Kann aus Nazaret etwas Gutes sein? Joh 1,46). Zu Beginn der Passionsgeschichte beantwortet Jesus selbst die zweimalige Frage nach dem Nazoräer - jeweils durch seine Selbst-Offenbarung als Gott (Joh 18,5.7; Ich bin). Dessen ungeachtet schreibt Pilatus Nazoraios ans Kreuz (Joh 19,19).


Das Thema ist also für die gesamte Evangelien-Literatur von Bedeutung, nicht aber bei Paulus. Er kennt weder einen Ort dieses Namens, noch die beiden Ethnika, die zum Namen erstarrten Herkunftsadjektive (Nazarener, Nazoräer). Damit ist er nicht allein. In der Literatur vor Mk ist der Ort, sollte es ihn denn überhaupt gegeben haben, kein Thema. Selbst der mit Galiläa bestens vertraute Josephus weiß nichts von einer Ortschaft dieses Namens.


Die Historische Jesusforschung erklärt das damit, dass die mit ihren wenigen Bauernhäusern schlicht zu unbedeutend gewesen sei. Das aber passt nicht zu den biblischen Texten, da Nazaret bei Mk an prominenter Stelle eingeführt (1,9) und bei Lukas mehrfach als Polis bezeichnet wird (Lk 1,26; 2,4.39), in der es eine Synagoge gegeben habe (4,16).


Auch die archäologischen Spuren werden als Argument für die Existenz von Nazaret herangezogen. Doch zu der hier diskutierten Frage können die ausgegrabenen Reste einer jüdischen Besiedlung keine Auskunft geben. Das sogenannte Haus der Maria ist ohnehin eines der unzähligen Produkte frommer Phantasie.


Jedenfalls lässt sich nicht bezweifeln, dass der Ortsname in der Erzähl-Literatur des Neuen Testaments erstmals genannt wird. Nichts spricht dafür, dass es ihn bereits vor Mk gegeben haben muss. Was aber könnte Mk veranlasst haben, das erste Auftreten Jesu so prominent mit der Herkunft vom Nazaret der Galilaia zu verbinden (1,9)?


Noch eines steht außer Frage. Mk richtet den Fokus nicht auf die Ortschaft als solche. Im Unterschied zu anderen, auch fiktiven Orten spielt sie für die Handlung keine Rolle. Geschehnisse in Nazaret erzählt Mk wohl deshalb nicht, weil es ihm nur auf die Erwähnung des Ortsnamens ankommt.


NB: In der theologischen Literatur wird die sog. Vaterstadt immer wieder mit Nazaret gleichgesetzt (6,1ff), insbesondere in der Historischen Jesus-Forschung. Es ist einer ihrer methodischen Fehler, den ironischen Hintergrund dieses Textes ausgeblendet und dessen fragwürdige Aussagen zur historischen Realität erklärt zu haben. –


Wenn Nazaret in diesem Beitrag als ein literarisches Konstrukt des Mk erklärt wird, so ist damit die andere Frage noch offen, warum das Ethnikon Nazarener an vier, ebenfalls besonderen Stellen zur Sprache kommt - und warum es nicht mit Jesus von Nazaret zu übersetzen ist.


Zunächst aber zum Ortsnamen. Mit der prominenten Nennung des fiktiven Herkunftsorts hält Mk fest, dass Jesus nicht aus Bethlehem kommt. Der Grund dafür ist klar: Mk lehnt dessen Abstammung von David ab, ebenso den damit verbundenen Christus-Titel. Demonstrativ ersetzt er den Namen des Geburtsorts Bethlehem durch einen Herkunftsort, der in anderer Weise die Abstammung problematisiert (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/jesus-christus-ein-kleiner-überblick).


Denn der Ortsname lässt sich als Anspielung auf das hebräische Wort für Sprössling deuten: von hebr. nēer Spross. Es entspricht der Ironie des Mk, Jesus statt aus Bethlehem in Judäa aus Nazaret in Galiläa kommen zu lassen – auf Deutsch etwa: aus Sprötzlingen in Unterschwaben. Für einen Griechen musste diese Herkunft kümmerlich, für einen Juden ein Affront und für Judäochristen wie eine ironische Spitze gegen den Christus-Titel erscheinen.


Das lässt sich auch durch andere Befunde plausibel machen, positiv wie negativ. So fällt auf, dass das Ethnikon Nazarener immer auf den Jesus-Namen bezogen ist – in bewusster Opposition zum Namen Jesus Christus, etwa bei Paulus. Und dass die vier Stellen, an denen Jesus bei Mk so bezeichnet wird, sich jeweils auf die Abstammung beziehen lassen.


Der Unreine Geist eines Synagogenbesuchers zeigt seine Unreinheit schon an dem absurden Widerspruch, dass er Jesus kollektiv erst als Nazarener anspricht (1,24), danach aber individuell behauptet, ihn als den Heiligen Gottes zu kennen. Es ist das typische Paradox Unreiner Geister, Jesus als einen heiligen Menschen ehrfürchtig zu verehren (vgl. 3,11).


Der blinde Bettler Bartimaios schreit ihn als Sohn Davids an, nachdem er hört, dass er der Nazarener sei (10.47; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-bartimaios-mk-10-46ff). Zur Ironie der Stelle gehört, dass das Gefolge Jesu, das über den Christus-Titel schweigen sollte (8,30), den Schreienden umgekehrt zum Schweigen auffordert.


Das Mädchen im Hof des Oberpriesters spricht Petros an: Er sei doch auch mit dem Nazarener, dem Jesus, zusammen gewesen (14,67). Das bietet die ultimative Gelegenheit, Jesus als Christus zu bezeichnen und sich zu ihm zu bekennen. Petros tut beides nicht (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/übersetzungsfehler-in-der-bibel-fehler-der-vulgata-4-2-ultima-verba-petri-mk-14-71).


Der Bursche im Grabdenkmal, der offenbar nichts von einer Erhöhung Jesu oder seiner endzeitlichen Wiederkehr weiß, erklärt den Frauen, dass ihre Suche Jesus gelte, dem Nazarener, dem Gekreuzigten, der nicht hier sei. Da die Frauen die Leiche nun nicht mehr (zum Christus) salben können, die Schüler aber vom Aufgestanenen vorgeladen werden, laufen sie in Panik davon (vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-der-sog-auferstehung).


Negativ ist der Befund beim Stichwort Bethlehem. Dieser Ortsname bleibt nicht nur ungenannt, er wird demonstrativ verschwiegen. Am auffälligsten ist das der Fall, wenn Jesus und sein Gefolge sich erst den Orten Bethanien und Bethphage nähern (11,1), das messianisch konnotierte Reittier dann aber aus dem Dorf gegenüber gebracht werden soll (11,2; vgl. https://www.skandaljuenger.de/post/die-geschichte-des-sog-einzugs-nach-jerusalem-mk-11-1-11).


Das Syntagma Jesus von Nazareth ist heute so fest etabliert, dass es nicht oder nur mit großer Mühe als Folge eines literarischen Konstrukts anzuerkennen sein dürfte. Deutsche Übersetzungen haben seit je dazu beigetragen, indem sie anstelle des hintergründig aufgeladenen Ethnikons Nazarener den Herkunftsnamen Jesus von Nazaret angegeben haben.


In der lateinischen Übersetzungstradition war noch vom Nazarenus Jesus die Rede. Erst Luther hat den Fehler eingeführt, an den betreffenden Stellen konsequent fortgesetzt und damit nahezu alle deutschen Übersetzungen geprägt (vgl. Bild oben: Mk 16,1-6 im sog. Septembertestament, 1522).

 
 
 

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